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A Series of Unfortunate Events

Leseprobe aus

Band 6: Die dunkle Allee
von Lemony Snicket


Aus dem Amerikanischen von Birgitt Kollmann

 



Kapitel 1

Das Buch, das du gerade in beiden Händen hältst -vorausgesetzt, du hältst es tatsächlich und hast nicht mehr als zwei Hände -, ist eines von nur zwei Büchern auf der Welt, die dir den Unterschied zwischen nervös und aufgeregt erklären. Das andere Buch ist selbstverständlich das Lexikon, und wenn ich du wäre, würde ich lieber das Lexikon lesen. Das Lexikon sagt dir, wie dieses Buch hier auch, dass jemand, der nervös ist, irgendetwas fürchtet. Zum Beispiel bist du nervös, wenn du weißt, dass es zum Nachtisch Pflaumeneis gibt, und du dir Sorgen machst, dass es vielleicht ganz grässlich schmeckt. Aufgeregt dagegen bist du, wenn du nicht einschätzen kannst, was auf dich zukommt. Das könnte passieren, wenn du erfährst, dass zum Nachtisch ein lebendiges Krokodil serviert wird, und du die Ungewissheit kaum aushalten kannst, ob du dich gleich über dein Dessert hermachst oder das Dessert sich über dich.
Aber anders als in dem Buch, das du jetzt aufgeschlagen hast, erklärt dir das Lexikon auch Wörter, über die man viel lieber nachdenkt. Seifenblase steht drin oder Kolibri oder Ferien. Du findest auch die Wörter die, Hinrichtung, des, Autors, wurde, ausgesetzt - zusammengesetzt ergeben sie einen Satz, den man immer gern hört. Wenn du also beschließt, das Lexikon zu lesen und nicht dieses Buch, dann überspring doch einfach nervös und aufgeregt und lies stattdessen solche Sachen, bei denen du dir garantiert nicht die Haare raufst und vor lauter Schluchzen nicht schlafen kannst.
Aber leider ist dieses Buch kein Lexikon, und wenn du hier alle Abschnitte auslassen wolltest, in denen die Wörter nervös oder aufgeregt vorkommen, dann würden dir die angenehmsten Teile des Buches entgehen. Im ganzen Buch wirst du kein einziges Mal die Wörter Seifenblase, Kolibri oder Ferien finden, und, zu meinem Leidwesen, auch nichts über eine ausgesetzte Hinrichtung. Stattdessen begegnen dir Wörter wie Kummer, Verzweiflung, verabscheuungswürdig, Ausdrücke wie finsterer Gang, Graf Olaf in einer Verkleidung oder auch die Baudelaires saßen in der Falle, und außerdem noch ein ganzes Sortiment so fürchterlicher Wörter, dass ich es nicht über mich bringen kann, sie niederzuschreiben. Kurz, wenn du ein Lexikon liest, wirst du vielleicht nervös, weil du dir Sorgen machst, dass dir langweilig wird, aber wenn du dieses Buch liest, bist du vermutlich sehr aufgeregt, weil du es kaum ertragen kannst, in welcher Ungewissheit die Baudelaires leben. Wenn ich du wäre, dann würde ich dieses Buch jetzt sofort aus meinen zwei oder mehr Händen fallen lassen und es mir mit einem Lexikon gemütlich machen, und zwar wegen all der fürchterlichen Wörter, die ich verwenden muss, um die schaurigen Erlebnisse zu beschreiben, die sich jetzt gleich vor deinen Augen abspielen werden.
»Ihr seid sicher ziemlich nervös«, meinte Mr. Poe. Mr. Poe war ein Bankangestellter, der seit dem Brand, bei dem die Eltern der Baudelaires ums Leben kamen, damit betraut war, sich um die Kinder zu kümmern. Leider hatte er sich dabei bisher nicht sonderlich geschickt angestellt, und das Einzige, worauf die Waisen sich absolut verlassen konnten, soviel wussten sie inzwischen, war sein ständiger Husten. Und richtig, kaum hatte er diesen Satz beendet, nahm er sein weißes Taschentuch und hustete hinein. Außer dem Aufblitzen des weißen Tuchs sahen die Baudelaire-Waisen so gut wie nichts. Violet, Klaus und Sunny standen mit Mr. Poe vor einem riesigen Apartmenthaus in der Dunklen Allee, einer Straße in einem der elegantesten Viertel der Stadt. Obwohl die Dunkle Allee nur wenige Blocks von der ehemaligen Villa der Baudelaires entfernt war, waren die drei doch nie in dieser Straße gewesen. Sie hatten angenommen, die Dunkle Allee hieß einfach so, ebenso wie der George-Washington-Boulevard nicht etwa deswegen so heißt, weil George Washington dort lebt.
Doch an diesem Nachmittag war den Kindern auf einmal klar, dass Dunkle Allee mehr war als nur ein Name. Es war eine treffende Beschreibung. An Stelle von Straßenlaternen standen auf dem Bürgersteig in regelmäßigen Abständen riesige Bäume, wie die Kinder sie nie zuvor gesehen hatten und wie sie sie eigentlich auch jetzt nicht sehen konnten. Von hoch oben an den breiten, stachligen Stämmen neigten sich die Äste hinunter, und es sah gerade so aus, als hätte jemand Wäsche zum Trocknen rausgehängt. In alle Richtungen breiteten sich die großen Blätter wie ein niedriges Dach über den Köpfen der Baudelaires aus. Dieses Dach ließ absolut kein Licht hindurch, und so kam es, dass es am helllichten Nachmittag in der Straße so dunkel war wie am Abend - wenn auch vielleicht ein bisschen grüner. Für drei Waisen auf dem Weg in ihr neues Zuhause war das wohl kaum der freundlichste Empfang.
»Ihr habt aber überhaupt keinen Grund, nervös zu sein«, sagte Mr. Poe und steckte sein Taschentuch wieder ein. »Ich weiß, dass eure bisherigen gesetzlichen Vertreter nicht ganz unproblematisch waren, aber bei Mr. und Mrs. Elend werdet ihr nun ein gutes Heim finden.«
»Wir sind nicht nervös«, antwortete Violet. »Wir sind viel zu aufgeregt, um nervös zu sein.«
»Das ist doch dasselbe, aufgeregt oder nervös«, sagte Mr. Poe. »Aber davon abgesehen: Weswegen solltet ihr aufgeregt sein?«
»Wegen Graf Olaf natürlich«, antwortete Violet. Violet war mit ihren vierzehn Jahren das älteste der Baudelaire-Kinder und folglich auch dasjenige, das am ehesten einmal einem Erwachsenen widersprach. Sie war eine große Erfinderin, und wäre sie nicht so aufgeregt gewesen, dann hätte sie sich ganz bestimmt das Haar im Nacken zusammengebunden, damit es ihr nicht in die Augen fiel, während sie über eine Erfindung nachdachte, die diese düstere Umgebung erhellt hätte.
»Graf Olaf?«, wiederholte Mr. Poe abfällig. »Da macht euch mal keine Sorgen. Hier findet er euch nie.«
Die drei Kinder sahen einander an und seufzten. Graf Olaf war der erste Vormund gewesen, den Mr. Poe für sie ausgesucht hatte, und dieser Mensch war mindestens ebenso finster wie die Dunkle Allee. Er hatte nur eine einzige, dafür aber auffällig lange Augenbraue, ein tätowiertes Auge am Knöchel und zwei schmierige Hände, in die er unbedingt das Vermögen der Baudelaires bekommen wollte. Das Vermögen sollte an die Waisen gehen, sobald Violet volljährig würde. Zwar war es den Kindern gelungen, Mr. Poe davon zu überzeugen, sie Graf Olaf wegzunehmen, doch seitdem verfolgte der Graf sie mit grimmiger Entschlossenheit. Wo sie auch hinkamen, überall tauchte Graf Olaf auf mit immer neuen hinterhältigen Plänen und in immer neuen Verkleidungen, mit denen er die Kinder zu täuschen suchte.
»Es ist schwer, sich wegen Graf Olaf keine Sorgen zu machen«, sagte Klaus und nahm seine Brille ab, weil er dachte, vielleicht könnte er in dieser Dunkelheit ohne sie besser sehen. »Schließlich hält er unsere Gefährten in seinen Klauen.« Klaus, das mittlere der drei Kinder, war erst zwölf, hatte aber bereits so viele Bücher gelesen, dass er sich oft sehr gewählt ausdrückte. Mit den Gefährten meinte er die Quagmeir-Drillinge, mit denen sich die Baudelaires angefreundet hatten, als sie im Internat waren. Duncan Quagmeir war ein Reporter und schrieb ständig irgendwelche nützlichen Hinweise in sein Notizbuch. Isidora Quagmeir war Dichterin und benutzte ihr Notizbuch, um Gedichte aufzuschreiben. Der dritte Drilling, Quigley, war ums Leben gekommen, bevor die Baudelaire-Waisen Gelegenheit hatten, ihn kennen zu lernen. Wie die Baudelaires waren die Quagmeirs Waisen, denn auch ihre Eltern waren bei dem Brand umgekommen, bei dem schon ihr Bruder gestorben war. Und wie die Baudelaires waren sie die Erben eines gewaltigen Vermögens, das in ihrem Fall aus den berühmten Quagmeir-Saphiren bestand, sehr seltenen und äußerst wertvollen Juwelen.
Anders als die Baudelaires jedoch hatten sie es nicht geschafft, Graf Olafs Klauen zu entwischen. Die Quagmeirs waren nämlich hinter ein furchtbares Geheimnis gekommen, das Graf Olaf betraf, waren aber gleich darauf von ihm verschleppt worden. Seit diesem Tag machten sich die Baudelaires solche Sorgen, dass sie kaum noch geschlafen hatten. Sobald sie die Augen schlössen, sahen sie das lange, schwarze Auto vor sich, das mit den Quagmeirs davongebraust war, und in ihren Ohren hallte noch immer der Schrei, mit dem ihre Freunde ihnen das schreckliche Geheimnis mitteilen wollten, hinter das sie gekommen waren. »F.F.!«, hatte Duncan noch gebrüllt, bevor das Auto davonschoss. Und so warfen sich die Baudelaires nachts in ihren Betten hin und her, machten sich Sorgen um ihre Freunde und fragten sich, was in aller Welt die Abkürzung F.F. wohl bedeuten mochte.
»Um die Quagmeirs braucht ihr euch auch keine Sorgen zu machen«, sagte Mr. Poe zuversichtlich. »Zumindest nicht mehr lange. Ich weiß nicht, ob ihr zufällig das neueste Rundschreiben der Vereinigten Vermögensverwaltung gelesen habt. Jedenfalls habe ich ausgesprochen gute Nachrichten für euch, was eure Freunde angeht.«
»Gavu?«, fragte Sunny. Sunny war nicht nur die jüngste der Waisen, sondern auch die kleinste. Sie war kaum größer als eine Salami, was ja auch ganz normal war für ein Kleinkind ihres Alters, doch ihre vier Zähne waren größer und schärfer als die aller anderen Kleinkinder, die mir je begegnet sind. Aber auch wenn ihr Zahnwachstum so weit fortgeschritten war, so sprach sie trotzdem auf eine Weise, die die meisten Menschen kaum verstanden. »Gavu?« sollte vermutlich so etwas heißen wie: »Sind die Quagmeirs gefunden und befreit worden?« Violet übersetzte schnell, damit Mr. Poe die Frage verstand.
»Viel besser«, sagte Mr. Poe. »Ich bin befördert worden. Ich bin jetzt Vizepräsident meiner Bank und zuständig für Waisenangelegenheiten. Das heißt, ab jetzt bin ich nicht nur für euch zuständig, sondern auch für die Quagmeirs. Und ich verspreche euch, dass ich einen großen Teil meiner Kraft darauf verwenden werde, die Quagmeirs zu finden und dafür zu sorgen, dass sie wieder in Sicherheit sind, so wahr ich -« An dieser Stelle musste Mr. Poe wieder in sein Taschentuch husten und die Baudelaires warteten geduldig auf das Ende des Satzes. »- Poe heiße. Hört zu: Sobald ich euch hier abgesetzt habe, beginne ich einen dreiwöchigen Helikopterrundflug um einen Berggipfel, auf dem die Quagmeirs möglicherweise gesichtet wurden. In der Zeit werde ich schwer zu erreichen sein, da der Hubschrauber kein Telefon hat. Aber sobald ich mit euren kleinen Freunden zurück bin, rufe ich euch an. Also, kann einer von euch sehen, welche Hausnummer dieses Gebäude hat? Ich weiß gar nicht, ob wir hier richtig sind.«
»Ich glaube, 667«, sagte Klaus und kniff die Augen zusammen, um in dem dunkelgrünen Dämmerlicht etwas erkennen zu können.
»Das ist gut«, sagte Mr. Poe. »Mr. und Mrs. Elend leben nämlich im Penthaus des Hauses Dunkle Allee 667. Das hier dürfte der Eingang sein.«
»Nein, hier geht's rein«, ertönte eine hohe, kratzige Stimme aus der Dunkelheit. Die Baudelaires fuhren leicht zusammen. Als sie sich umdrehten, sahen sie einen Mann mit einem breitkrempigen Hut und einem viel zu großen Mantel. Die Ärmel waren so lang, dass sie über die Hände reichten, und der Hut verdeckte sein Gesicht fast vollständig. Es war kein Wunder, dass die Kinder ihn nicht schon früher entdeckt hatten, denn er war ganz schlecht zu sehen. »Die meisten Besucher haben Mühe, die Tür zu finden«, sagte der Mann. »Deswegen hat man jetzt einen Türsteher eingestellt.«
»Wie gut«, antwortete Mr. Poe. »Mein Name ist Poe. Ich bin mit Mr. und Mrs. Elend verabredet, ich bring ihre neuen Kinder vorbei.«
»Ah ja«, sagte der Portier. »Man hat mir gesagt, dass Sie kommen. Treten Sie ein.«
Der Mann öffnete die Tür. Sie gelangten in einen Raum, in dem es nicht weniger dunkel war als auf der Straße. Anstelle von Lampen gab es nur ein paar Kerzen, die auf dem Boden standen. Die Kinder konnten nicht einmal sagen, ob der Raum, in dem sie standen, groß oder klein war.
»Liebe Güte, ist das finster hier«, sagte Mr. Poe. »Warum bitten Sie Ihre Arbeitgeber nicht, hier eine richtig starke Halogenlampe anzubringen?«
»Das geht nicht«, antwortete der Portier. »Dunkel ist gerade in.«
»In?«, fragte Violet. »Worin?«
»Einfach in«, erklärte der Portier. »In unserer Gegend beschließen die Leute, ob etwas in ist, also in Mode, oder out, das heißt, aus der Mode. Das ändert sich aber ständig. Vor ein paar Wochen war dunkel out und hell in, das hätten Sie mal sehen sollen. Die ganze Zeit musste man eine Sonnenbrille tragen, sonst taten einem höllisch die Augen weh.«
»Aha, dunkel ist also in? Das muss ich meiner Frau erzählen«, sagte Mr. Poe. »Wenn Sie uns jetzt erst einmal zeigen würden, wo der Aufzug ist? Mr. und Mrs. Elend wohnen im Penthaus und bis unters Dach möchte ich nun doch nicht laufen.«
»Ich fürchte, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig«, meinte der Portier. »Da drüben sind zwar die automatischen Schiebetüren von einem Fahrstuhl, aber die nützen Ihnen nichts.«
»Ist der Aufzug außer Betrieb?«, fragte Violet. »Ich kenn mich gut aus mit technischen Dingen, ich schau ihn mir gern mal an.«
»Das ist sehr freundlich von dir, mein Fräulein, und ganz erstaunlich«, antwortete der Portier, »aber der Aufzug ist nicht kaputt. Er ist einfach out. Die Anwohner haben beschlossen, dass Fahrstühle out sind, deswegen wurde unserer stillgelegt. Aber Treppen sind in, das heißt, ihr gelangt trotzdem ins Penthaus. Kommt, ich zeig euch den Weg.«
Der Portier ging ihnen voran durch die Halle, und als sie die Köpfe reckten, erspähten die Baudelaire-Waisen eine lange, gewundene Holztreppe mit einem metallenen Geländer. In regelmäßigen Abständen hatte jemand Kerzen auf die Stufen gestellt, so dass die Treppe wie eine Aneinanderreihung flackernder Lichter schien, die nach oben hin immer schwächer wurden, bis man gar nichts mehr sehen konnte.
»So etwas habe ich noch nie gesehen«, sagte Klaus. »Es sieht eher wie eine Höhle aus als wie ein Treppenhaus«, sagte Violet.
»Pins!«, sagte Sunny, was so etwas hieß wie: »Oder wie der Weltraum!«
»Für mich sieht es bloß aus wie ein weiter Weg«, sagte Mr. Poe mit gerunzelter Stirn. Er wandte sich an den Portier: »Wie viele Stockwerke hat das Haus?«
Unter seinem viel zu großen Mantel zuckte der Mann mit den Schultern. »Ich kann mich nicht mehr erinnern«, sagte er. »Ich glaube, achtundvierzig, es können aber auch vierundachtzig sein.«
»Ich wusste gar nicht, dass Häuser so hoch sein können«, staunte Klaus.
»Also, ob achtundvierzig oder vierundachtzig«, sagte Mr. Poe, »auf jeden Fall hab ich keine Zeit, euch nach oben zu begleiten. Sonst verpass ich noch meinen Hubschrauber. Ihr müsst also allein hochgehen. Sagt Mr. und Mrs. Elend einen schönen Gruß von mir.«
»Wir sollen ganz allein hochgehen?«, fragte Violet nach.
»Ihr könnt von Glück reden, dass ihr eure Sachen nicht dabei habt«, sagte Mr. Poe. »Mrs. Elend meinte, es sei absolut unnötig, dass ihr eure alten Kleider mitbringt. Ich vermute, sie hat es deswegen gesagt, damit ihr nicht eure Koffer die ganzen Treppen hochschleppen müsst.«
»Sie kommen also nicht mit?«, fragte Klaus.
»Ich habe einfach nicht die Zeit dazu«, antwortete Mr. Poe, »das ist alles.«
Die Baudelaires sahen einander an. Die Kinder wussten, wie du wahrscheinlich auch, dass man normalerweise im Dunkeln keine Angst haben muss, aber manchmal mag man an etwas eben doch nicht so richtig dran, auch wenn man nicht regelrecht Angst davor hat. Die Waisen wurden leicht nervös bei dem Gedanken, den ganzen Weg bis ins Penthaus allein hochzustiefeln, ohne einen Erwachsenen neben sich.
»Wenn ihr Angst habt im Dunkeln«, meinte Mr. Poe, »dann könnte ich meine Suche nach den Quagmeirs wohl noch verschieben und euch zu eurem neuen Vormund bringen.«
»Nein, nein«, sagte Klaus schnell, »wir haben keine Angst im Dunkeln, und es ist viel wichtiger, dass die Quagmeirs gefunden werden.«
»Obog«, sagte Sunny zögerlich.
»Versuch zu krabbeln, so lange es geht«, sagte Violet zu ihrer Schwester, »danach tragen Klaus und ich dich abwechselnd. Auf Wiedersehen, Mr. Poe.«
»Auf Wiedersehen, Kinder«, sagte Mr. Poe. »Und denkt dran: Wenn es irgendein Problem gibt, könnt ihr mich oder einen meiner Kollegen bei der Vereinten Vermögensverwaltung jederzeit anrufen - mich natürlich erst, wenn ich wieder aus dem Helikopter gestiegen bin.«
»Ein Gutes hat diese Treppe immerhin«, witzelte der Portier, als er Mr. Poe zum Ausgang begleitete: »Von hier ab geht es nur noch aufwärts.«
Die Baudelaires hörten ihn noch kichern, während die beiden Männer im Dunkeln verschwanden und sie selbst sich daran machten, die ersten Stufen hochzusteigen. Wie du sicher weißt, hat der Ausdruck »es geht aufwärts« überhaupt nichts mit Treppen zu tun, sondern bedeutet nur, dass die Dinge besser werden. Die Kinder hatten den Witz zwar begriffen, waren aber viel zu aufgeregt, um lachen zu können. Aufgeregt waren sie wegen Graf Olaf, der sie jederzeit finden könnte. Aufgeregt waren sie wegen der Quagmeir-Drillinge, die sie vielleicht nie mehr wiedersehen würden. Und während sie anfingen, im Kerzenschein die Treppe hinaufzusteigen, waren sie auch aufgeregt wegen ihrer neuen gesetzlichen Vertreter. Sie versuchten sich vorzustellen, was das für Menschen sein mochten, die in so einer dunklen Straße wohnten, in einem so dunklen Haus, am Ende von achtundvierzig oder auch vierundachtzig stockdunklen Treppenfluchten. Es fiel ihnen schwer zu glauben, dass die Dinge gerade jetzt besser werden würden, wo sie in einer so finsteren, schlecht beleuchteten Umgebung gelandet waren. Obwohl ein langer Aufstieg vor ihnen lag, waren die Baudelaires, als sie jetzt ihren Weg in die Dunkelheit begannen, viel zu aufgeregt, um zu glauben, dass es von nun an nur noch aufwärts gehen würde.

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