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A Series of Unfortunate Events

Leseprobe aus

Band 11: Die grimmige Grotte
von Lemony Snicket


Aus dem Amerikanischen von Klaus Weimann

 



Kapitel 1

Nachdem die Wissenschaftler der ganzen Welt mit großem Zeitaufwand Ozeane erforscht, Regengüsse untersucht und verschiedene Trinkbrunnen intensiv angestarrt hatten, haben sie eine Theorie dazu entwickelt, wie sich Wasser auf unserem Planeten verteilt; diese Theorie haben sie den "Wasserkreislauf" genannt. Der Wasserkreislauf besteht aus drei zentralen Erscheinungen - Verdunstung, Niederschlag und Abfluss -, und alle drei sind gleich langweilig.
   Natürlich ist es langweilig, von langweiligen Dingen zu lesen, aber es ist immer noch besser, etwas zu lesen, was dich vor Langeweile zum Gähnen bringt, als etwas, wovon du hemmungslos weinen, mit den Fäusten auf den Boden hämmern und Tränenflecken überall auf deinem Kopfkissen, den Bettlaken und deiner Bumerangsammlung verteilen musst. Wie der Wasserkreislauf besteht auch die Geschichte der Baudelaire-Kinder aus drei zentralen Erscheinungen, aber statt ihre traurige Geschichte zu lesen, wäre es doch besser für dich, etwas über den Wasserkreislauf zu erfahren.
   Violet, die älteste Erscheinung, war fast fünfzehn Jahre alt und beinahe die beste Erfinderin, die die Welt je gekannt hatte. Soweit ich das beurteilen kann, war sie mit Sicherheit die beste Erfinderin, die sich jemals in den grauen Wassern des Blutigen Baches befunden und sich verzweifelt an einen Schlitten geklammert hat, während sie vom Finsteren Felsenmeer weggetragen wurde, und ich an deiner Stelle würde mich lieber auf die langweilige Erscheinung der Verdunstung konzentrieren - den Vorgang, durch den sich Wasser in Dampf verwandelt und schließlich Wolken bildet -, statt an das Chaos zu denken, das Violet am Fuße der Mortmain-Berge erwartete.
   Klaus war der zweitälteste der Baudelaire-Geschwister, aber es wäre deiner Gesundheit zuträglicher, wenn du dich auf die langweilige Erscheinung des Niederschlags konzentrieren würdest - den Vorgang, durch den Wasserdampf wieder zu Wasser wird und als Regen herabfällt -, als auch nur einen Augenblick darauf zu verwenden, an die Erscheinung der hervorragenden Fähigkeiten von Klaus als Forscher zu denken sowie an die umfangreichen Probleme und die Notlage, in die diese Fähigkeiten ihn bringen würden, sobald er und seine Geschwister mit Graf Olaf zusammenträfen, dem berüchtigten Bösewicht, der pausenlos hinter den Kindern her gewesen war, seit ihre Eltern in einem schrecklichen Feuer ihr Leben verloren hatten.
   Und sogar Sunny Baudelaire, erst kürzlich dem Kleinkindalter entwachsen, war eine Erscheinung ganz für sich - nicht nur wegen ihrer sehr scharfen Zähne, die den Baudelaires schon in zahlreichen unerfreulichen Umständen von Nutzen gewesen waren, sondern auch wegen ihrer kürzlich entdeckten Fähigkeiten als Köchin, die den Geschwistern in vielen unerfreulichen Umständen zu Essen verholfen hatten. Die Erscheinung des Abflusses - des Vorgangs, bei dem der gefallene Regen an einem Ort zusammenfließt, wo er wieder verdunsten und so der ganze langweilige Vorgang von vorn beginnen kann - ist zwar wahrscheinlich die langweiligste Erscheinung im ganzen Wasserkreislauf, trotzdem wäre es viel besser für dich, aufzustehen, sofort zur nächsten Bibliothek zu laufen und dort mehrere langweilige Tage damit zu verbringen, über jeden einzelnen langweiligen Aspekt, den du zum Abfluss finden kannst, nachzulesen; denn was Sunny Baudelaire auf den folgenden Seiten passiert, ist die schrecklichste Erscheinung, die ich mir überhaupt vorstellen kann - und ich kann mir sehr viel vorstellen. Der Wasserkreislauf mag eine Abfolge langweiliger Erscheinungen sein, doch die Geschichte der Baudelaires ist etwas ganz anderes, und dies dürfte ein erstklassiger Anlass sein, lieber etwas Langweiliges zu lesen, als zu erfahren, was mit den Baudelaire-Kindern passierte, als die brausenden Wasser des Blutigen Baches sie aus dem Gebirge wegtrugen.
   "Was wird mit uns passieren?", fragte Violet laut, um das Rauschen des Wassers zu übertönen. "Ich glaube nicht, dass ich etwas erfinden kann, was diesen Schlitten zum Stillstand bringt."
   "Ich denke, du solltest das auch gar nicht versuchen", rief Klaus seiner Schwester als Antwort zu. "Die Ankunft des Falschen Frühlings hat den gefrorenen Bach zwar zum Schmelzen gebracht, aber das Wasser ist noch sehr kalt. Wenn einer von uns da hineinfiele, bin ich nicht sicher, wie lange er das überleben könnte."
   "Quigley", jammerte Sunny. Die jüngste der Baudelaire-Kinder redete oft auf eine Art, dass sie schwer zu verstehen war, aber seit kurzem hatte sich ihre Sprache fast so schnell entwickelt wie ihre Fertigkeiten als Köchin, und Sunnys Geschwister wussten, dass sie sich auf Quigley Quagmeir bezog, mit dem sie neuerdings Freundschaft geschlossen hatten. Quigley hatte Violet und Klaus geholfen, auf den Gipfel des Mount Crux zu gelangen, um das F.-F.-Hauptquartier zu finden und Sunny aus den Klauen von Graf Olaf zu befreien, aber ein anderer Seitenarm des Blutigen Baches hatte ihn in die entgegengesetzte Richtung davongetragen, und der Kartograph - ein Wort, das hier "jemand, der gut mit Landkarten umgehen kann und den Violet Baudelaire besonders gern hatte" bedeutet - hatte noch nicht einmal einen Schlitten, der ihn vor dem eisigen Wasser bewahren konnte.
   "Ich bin überzeugt, Quigley ist aus dem Wasser herausgekommen", sagte Violet schnell, obwohl sie davon natürlich keineswegs überzeugt war. "Ich wünschte nur, wir wüssten, wo er dann hin ist. Er hat uns aufgefordert, ihn irgendwo zu treffen, aber der Wasserfall hat ihn weggetragen, bevor er sagen konnte, wo."
   Der Schlitten schaukelte im Wasser, als Klaus in seine Tasche langte und ein dunkelblaues Notizbuch herausholte. Das war ein Geschenk von Quigley, und Klaus benutzte es als Almanach, ein Ausdruck, der hier "als Notizbuch, in dem er alle interessanten oder nützlichen Informationen notierte" bedeutet. "Wir haben diese Botschaft entschlüsselt, die uns über ein wichtiges F.-F.-Treffen informiert", sagte er, "und dank Sunny wissen wir auch, dass dieses Treffen im Hotel Denouement stattfindet. Vielleicht will Quigley uns dort treffen - in der letzten sicheren Zuflucht."
   "Aber wir wissen nicht, wo das ist", entgegnete Violet. "Wie können wir jemanden an einem unbekannten Ort treffen?"
   Die drei Baudelaire-Geschwister seufzten, hockten ein paar Augenblicke lang schweigend auf dem Schlitten und hörten dem Gurgeln des Baches zu. Es gibt Leute, denen es Spaß macht, einem Bach stundenlang zuzuschauen, auf das glitzernde Wasser zu starren und über die Geheimnisse der Welt nachzudenken. Aber das Wasser des Blutigen Baches war zu schmutzig, um zu glitzern, und jedes Geheimnis, das die Baudelaire-Kinder zu lösen versuchten, barg anscheinend nur noch weitere Geheimnisse, so dass sie, wenn sie über diese Geheimnisse nachgrübelten, eher überwältigt als nachdenklich waren. Sie wussten, dass F.F. eine geheime Organisation war, aber sie konnten offenbar nicht viel darüber herausbekommen, was diese Organisation machte oder warum sie sie etwas angehen sollte. Sie wussten, dass Graf Olaf ganz scharf darauf war, eine bestimmte Zuckerdose in seine dreckigen Finger zu bekommen, aber sie hatten keinen Schimmer, warum diese Zuckerdose so wichtig war oder wo in aller Welt sie sich befand. Sie wussten, dass es Menschen auf der Welt gab, die ihnen helfen konnten, aber so viele von ihnen - Vormünder, Freunde, Bankangestellte - hatten sich als ganz und gar nicht hilfreiche Menschen erwiesen oder waren genau in dem Augenblick aus ihrem Leben verschwunden, als sie sie am meisten brauchten. Und sie wussten, dass es Menschen auf der Welt gab, die nicht bereit waren, ihnen zu helfen - bösartige Menschen, und ihre Zahl nahm anscheinend zu, während ihre Heimtücke und Bösartigkeit sich über die ganze Erde ergossen wie ein Wasserkreislauf von Jammer und Verzweiflung. Das größte Geheimnis schien jetzt jedoch die Frage zu sein, was die Baudelaire-Kinder als Nächstes tun sollten, und als sie zusammen auf dem dahinschwimmenden Schlitten kauerten, fiel ihnen dazu überhaupt nichts ein.
   "Wenn wir auf dem Schlitten bleiben", fragte Violet schließlich, "wohin, glaubt ihr, kommen wir dann?"
   "Aus dem Gebirge heraus", antwortete Klaus. "Wasser fließt bergab. Der Blutige Bach trägt seines wahrscheinlich ins Vorland der Mortmain-Berge und am Ende einem größeren Gewässer zu - einem See oder einem Ozean. Dort wird das Wasser zu Wolken verdampfen und als Regen oder Schnee wieder herabfallen und so weiter."
   "Langweilig", meinte Sunny.
   "Der Wasserkreislauf ist tatsächlich ziemlich langweilig", gab Klaus ihr Recht, "aber er könnte doch die einfachste Möglichkeit sein, um uns von Graf Olaf wegzubringen."
   "Das stimmt", sagte Violet. "Olaf hat gesagt, er würde uns gleich einholen."
   "Esmelita", meinte Sunny; das bedeutete so etwas wie: "Zusammen mit Esmé Elend und Carmelita Späts", und die Baudelaire-Kinder runzelten die Stirn, als sie an Graf Olafs Freundin dachten, die sich an seinen Machenschaften beteiligte, weil sie glaubte, dass Heimtücke und Betrug sehr in Mode oder "in" waren, und an ihre ehemalige Mitschülerin, die sich vor kurzem aus ihren eigenen selbstsüchtigen Motiven heraus Graf Olaf angeschlossen hatte.
   "Also bleiben wir einfach auf diesem Schlitten sitzen", fragte Violet, "und sehen, wohin er uns trägt?"
   "Das ist zwar kein großartiger Plan", gab Klaus zu, "aber ein besserer fällt mir nicht ein."
   "Passiv", meinte Sunny, und ihre Geschwister nickten grimmig. "Passiv" ist ein ungewöhnliches Wort aus dem Munde eines Kleinkindes, und genau genommen ist es ein ungewöhnliches Wort aus dem Munde eines Baudelaire-Kindes oder von jemand anderem, der ein interessantes Leben führt. Es bedeutet einfach, "hinzunehmen, was passiert, ohne selbst etwas dazu zu tun", und sicherlich hat jeder Mensch von Zeit zu Zeit solche Augenblicke von Passivität. Vielleicht hast du einen Augenblick der Passivität im Schuhgeschäft erlebt, wenn du auf einem Stuhl hocktest und der Verkaufsmensch deine Füße in diverse hässliche und unbequeme Schuhe zwängte, während du die ganze Zeit ein hellrotes Paar mit ausgefallenen Schnallen haben wolltest, das dir kein Mensch auf der Welt kaufen würde. Die Baudelaire-Geschwister hatten einen Augenblick der Passivität an der Kahlen Küste, wo sie die schreckliche Nachricht über ihre Eltern erhielten und, ganz betäubt davon, durch Mr. Poe in ihr neues unglückliches Leben versetzt wurden. Ich selber habe vor kurzem einen Augenblick der Passivität erlebt, während ich auf einem Stuhl saß und ein Schuhverkaufsmensch meine Füße in diverse hässliche und unbequeme Stellungen zwängte, obwohl ich die ganze Zeit ein hellrotes Paar Schuhe mit ausgefallenen Schnallen haben wollte, die mir kein Mensch auf der Welt kaufen würde. Aber ein Augenblick der Passivität in der Mitte eines dahinschießenden Baches, wenn Bösewichter dir dicht auf den Fersen sind, ist eine schwer zu ertragende Angelegenheit; deshalb zappelten die Baudelaire-Kinder unruhig auf dem Schlitten herum, während der Blutige Bach sie immer weiter stromabwärts trieb, genauso wie ich herumzappelte, während ich meine Flucht aus jenem finsteren Schuhpalast plante.
   Violet dachte zappelnd an Quigley und hoffte, dass es ihm gelungen sei, aus dem kalten Wasser zu entkommen und sich in Sicherheit zu bringen. Klaus dachte zappelnd an F.F. und hoffte, noch mehr über diese Organisation in Erfahrung bringen zu können, obwohl ihr Hauptquartier zerstört war. Und Sunny dachte zappelnd an die Fische im Blutigen Bach, die gelegentlich ihre Köpfe aus dem Wasser voller Asche streckten und husteten. Sie fragte sich, ob die Fische wegen der Asche, die kürzlich durch eine Feuersbrunst in den Bergen ins Wasser gelangt war und ihnen das Atmen schwer machte, überhaupt nicht gut schmecken würden, selbst wenn man ein Rezept mit viel Butter und Zitrone benutzte.
   Sie waren alle drei so damit beschäftigt zu zappeln und zu überlegen, dass sie, als der Schlitten eine der merkwürdig eckigen Flanken der Berge umrundete, einen Moment benötigten, ehe sie die Aussicht überhaupt wahrnahmen, die sich ihnen flussabwärts darbot. Erst als ihnen ein paar Zeitungsschnipsel ins Gesicht geweht wurden, blickten sie in die Ebene hinunter und schnappten bei dem Anblick überrascht nach Luft.
   "Was ist das?", fragte Violet.
   "Ich weiß nicht", erwiderte Klaus. "Es ist schwer zu erkennen aus dieser Höhe."
   "Subjavik", meinte Sunny, und das traf es durchaus. Die Baudelaire-Kinder hatten erwartet, von dieser Seite der Mortmain-Berge das Vorland zu sehen, eine sich weithin dehnende, flache Landschaft, wo sie sich eine ganze Weile aufgehalten hatten. Stattdessen schien sich die Welt in ein tiefdunkles Meer verwandelt zu haben. So weit das Auge reichte, wogten Grau und Schwarz durcheinander und bewegten sich wie sonderbare Aale in finsterem Wasser. Ab und zu entließ einer der Strudel einen kleinen zerbrechlichen Gegenstand, der wie eine Feder zu ihnen hochschwebte. Einige von diesen Gegenständen waren Zeitungsschnipsel, andere anscheinend kleine Stofffetzen. Und wieder andere waren unidentifizierbar schwarz, ein Ausdruck, den Sunny lieber mit "subjavik" wiedergab.
   Klaus blinzelte durch seine Brille nach unten, als er sich dann zu seinen Schwestern umdrehte, stand ihm Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. "Ich weiß, was das ist", sagte er ruhig. "Das sind die Überreste einer Feuersbrunst."
   Die Baudelaire-Kinder sahen noch einmal hin und mussten feststellen, dass Klaus Recht hatte. Aus solcher Höhe hatten sie einen Augenblick gebraucht, um zu erkennen, dass ein gewaltiges Feuer durch das Vorland gerast war und nur Aschereste zurückgelassen hatte.
   "Ja, natürlich", meinte Violet. "Komisch, dass wir das nicht gleich erkannt haben. Aber wer sollte denn das Vorland in Brand stecken?"
   "Wir", erklärte Klaus.
   "Caligari", sagte Sunny und erinnerte Violet an den grausigen Jahrmarkt, auf dem sie eine gewisse Zeit in Verkleidung verbracht hatten. Bedauerlicherweise war es als Teil ihrer Verstellung unvermeidlich gewesen, Graf Olaf beim Niederbrennen des Jahrmarkts zu helfen, und nun konnten sie die Früchte ihrer Mühen betrachten, eine Wendung, die hier bedeutet: "die Folgen ihrer schrecklichen Tat", obwohl sie die keineswegs beabsichtigt hatten.
   "An der Feuersbrunst sind wir nicht schuld", sagte Violet. "Nicht ganz jedenfalls. Wir mussten Graf Olaf helfen, sonst hätte er unsere Verkleidungen durchschaut."
   "Unsere Verkleidungen hat er sowieso durchschaut", erklärte Klaus.
   "Kainschult", widersprach Sunny, was so etwas wie "trotzdem ist es nicht unsere Schuld" bedeutete.
   "Sunny hat Recht", sagte Violet. "Wir haben diesen Plan nicht gefasst - das war Olaf."
   "Wir haben ihn aber auch nicht daran gehindert", meinte Klaus. "Und viele Leute denken, wir sind voll verantwortlich dafür. Diese Zeitungsfetzen sind wahrscheinlich aus dem Tagespedant, der uns schon alle möglichen schrecklichen Verbrechen in die Schuhe geschoben hat."
   "Da hast du Recht", stimmte Violet seufzend zu, obwohl ich inzwischen herausbekommen habe, dass Klaus Unrecht hatte und dass die Papierfetzen, die an den Baudelaire-Kindern vorbeiflogen, von einer anderen Veröffentlichung stammten, die ihnen eine gewaltige Hilfe gewesen wäre, hätten sie sich die Mühe gemacht, die Schnipsel einzusammeln. "Vielleicht sollten wir eine Weile passiv sein. Aktiv zu sein hat uns nicht viel geholfen."
   "Auf jeden Fall sollten wir auf dem Schlitten bleiben", meinte Klaus. "Feuer kann uns nichts anhaben, solange wir auf dem Bach treiben."
   "Es sieht nicht so aus, als ob wir eine Alternative hätten", warf Violet ein. "Schaut."
   Die Kinder schauten und sahen, dass sich der Schlitten auf eine Art Kreuzung zubewegte, wo sich ein Nebenarm des Blutigen Baches mit dem ihrigen vereinte. Der Bach wurde dadurch viel breiter und das Wasser noch rauer, so dass sie sich gut festhalten mussten, um nicht in das tiefer werdende Wasser geschleudert zu werden.
   "Wir müssen uns einem größeren Gewässer nähern", sagte Klaus. "Wir sind im Wasserkreislauf schon weiter gekommen, als ich dachte."
   "Glaubst du, das ist der Nebenarm, der Quigley fortgetragen hat?", fragte Violet und reckte den Hals, um nach ihrem vermissten Freund Ausschau zu halten.
   "Selbskümmer!", rief Sunny, und das bedeutete: "Wir dürfen jetzt nicht an Quigley denken - wir müssen an uns selber denken", und damit hatte die jüngste der Baudelaire-Geschwister Recht. Mit einem gewaltigen Wusch! rauschte der Bach um eine weitere Biegung, und innerhalb von Augenblicken wirbelten die Wasser des Baches so heftig, dass es sich anfühlte, als ob sie eher auf einem wilden Pferd als auf einem kaputten Schlitten ritten.
   "Kannst du den Schlitten ans Ufer steuern?", überschrie Klaus den Lärm des Baches.
   "Nein!", rief Violet. "Die Steuerung ist beim Runterrutschen auf dem gefrorenen Wasserfall kaputtgegangen, und der Bach ist jetzt zu breit, als dass wir an den Rand paddeln könnten!"
   Violet fand ein Band in ihrer Tasche und nahm sich die Zeit, ihr Haar hochzubinden, um besser nachdenken zu können. Sie blickte auf den Schlitten und versuchte sich an verschiedene Blaupausen zu erinnern, die sie in der Kindheit studiert hatte, als ihre Eltern noch lebten und ihr Interesse an Mechanik und Ingenieurskunst förderten. "Die Steuerkufen des Schlittens", sagte sie, und dann wiederholte sie ihre Worte laut, um sich über dem Rauschen des Wassers Gehör zu verschaffen. "Die Steuerkufen des Schlittens! Sie dienen dazu, den Schlitten auf Schnee zu manövrieren, aber vielleicht können sie uns auch helfen, im Wasser zu steuern!"
   "Wo sind diese Kufen?", fragte Klaus und blickte sich um.
   "Am Unterteil des Schlittens!", rief Violet.
   "Unmögmach?", fragte Sunny, was so viel bedeutete wie: "Wie kommen wir an das Unterteil des Schlittens heran?"
   "Ich weiß es nicht", gab Violet zu und durchsuchte verzweifelt ihre Taschen nach irgendwelchem Erfindermaterial. Sie hatte ein langes Brotmesser dabeigehabt, aber das war jetzt weg - wahrscheinlich zusammen mit Quigley vom Bach weggespült, als sie es zum letzten Mal benutzt hatte. Sie schaute geradeaus auf den schaumigen Wasserwirbel, der sie gleich zu verschlingen drohte. Sie blickte auf die Ufer, die sich immer weiter entfernten, je breiter der Bach wurde. Und sie sah ihre Geschwister an, die darauf warteten, durch Violets Erfinderfähigkeiten gerettet zu werden. Sie erwiderten ihre Blicke, und einen Augenblick lang sahen sich die drei Baudelaire-Kinder an und blinzelten dunkles Wasser aus den Augen, während sie versuchten sich etwas einfallen zu lassen, was sie tun könnten.
   Im selben Augenblick tauchte jedoch noch ein weiteres Auge auf, das ebenfalls dunkles Wasser wegblinzelte, während es sich unmittelbar vor ihnen aus dem Bach erhob. Zuerst schien es das Auge irgendeines schrecklichen Meeresungeheuers zu sein, wie man es nur in mythologischen Büchern und in den Schwimmbecken bestimmter Ferienorte antrifft. Aber als der Schlitten sie näher herantrug, konnten die Kinder erkennen, dass das Auge aus Metall war und an der Spitze einer langen, oben gekrümmten Metallstange saß, damit es sie besser sehen konnte. Es ist höchst ungewöhnlich, ein Metallauge aus den wirbelnden Wassern eines Baches auftauchen zu sehen, und dennoch war dieses Auge etwas, was die Baudelaire-Geschwister seit ihrem ersten Zusammentreffen mit einer Augentätowierung auf Graf Olafs linkem Fußknöchel schon viele Male gesehen hatten. Das Auge war ein Logo, und wenn man es auf eine bestimmte Weise betrachtete, sah es auch wie zwei geheimnisvolle Buchstaben aus.
   "F.F.!", rief Sunny, als der Schlitten dem Auge noch näher kam.
   "Was ist das?", fragte Klaus.
   "Das ist ein Periskop!", erklärte Violet. "Unterseeboote benutzen die, um Dinge über Wasser zu beobachten!"
   "Bedeutet das", rief Klaus, "dass da ein Unterseeboot unter uns ist?"
   Violet musste darauf nicht mehr antworten, denn das Auge erhob sich weiter aus dem Wasser, und die Kinder konnten sehen, dass die Stange an einem großen flachen Stück Metall befestigt war, das sich größtenteils unter Wasser befand. Der Schlitten näherte sich dem Periskop bis auf Reichweite und hielt dann an, wie ein Floß anhält, wenn es gegen einen großen Felsen stößt.
   "Schaut!", rief Violet, als der Bach um sie herumströmte. Sie deutete auf eine Luke direkt am Fuß des Periskops. "Wir wollen anklopfen - vielleicht hören sie uns ja!"
   "Aber wir haben keine Ahnung, wer da drin ist", gab Klaus zu bedenken.
   "Schangsergreyf!", kreischte Sunny, was so viel bedeutete wie: "Es ist unsere einzige Chance, sicher durch dieses Gewässer zu kommen", und sie beugte sich zu der Luke hinab und kratzte daran mit den Zähnen. Ihre Geschwister unterstützten ihr Bemühen, zogen es aber vor, ihre Fäuste zu benutzen, um damit auf die Metallluke zu klopfen.
   "Hallo!", rief Violet.
   "Hallo!", schrie Klaus.
   "Shalom!", kreischte Sunny.
   Über dem Getöse des schnell fließenden Baches hörten die Baudelaire-Kinder ein schwaches Geräusch, das hinter der Luke ertönte. Das Geräusch war eine menschliche Stimme, sehr tief und nachhallend, als käme sie vom Grund eines Brunnens. "Freund oder Feind?", fragte sie.
   Die Geschwister sahen sich an. Sie wussten, wie auch du sicherlich weißt, dass "Freund oder Feind?" eine traditionelle Begrüßung gegenüber Besuchern ist, die sich einem wichtigen Ort nähern - wie einem königlichen Palast oder einem streng bewachten Schuhgeschäft - und die sich gegenüber den Leuten drinnen als Freunde oder Feinde zu erkennen geben müssen. Aber sie wussten nicht, ob sie Freunde oder Feinde waren, aus dem einfachen Grund, dass sie keine Ahnung hatten, wer da redete.

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