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Leseprobe aus
Band 9: Der grausige Jahrmarkt
von Lemony Snicket
Aus dem Amerikanischen von Klaus Weimann
Kapitel 1
Wenn mein Arbeitstag vorüber ist und ich mein Notizbuch zugeschlagen, meinen Kugelschreiber versteckt und in das gemietete Kanu Löcher gesägt habe, damit es nicht gefunden wird, verbringe ich den Abend gern mit den wenigen Freunden, die überlebt haben. Manchmal sprechen wir über Literatur. Manchmal sprechen wir über die Leute, die uns zu vernichten trachten, und darüber, ob irgendwelche Hoffnung besteht, ihnen zu entkommen. Und manchmal sprechen wir über furchtbare und lästige Tiere, die sich in unserer Nähe aufhalten könnten, und dieses Thema führt immer zu großen Meinungsverschiedenheiten über die Frage, welcher Teil eines furchtbaren und lästigen Tieres am furchtbarsten und lästigsten ist.
Einige vertreten die Meinung, das seien die Zähne des Untiers, denn Zähne dienen dazu, Kinder zu fressen und oft auch ihre Eltern und dann ihre Knochen abzunagen. Andere behaupten dagegen, es seien die Klauen des Untiers, denn Klauen dienen dazu, Dinge in Fetzen zu reißen. Wieder andere sagen, es seien die Haare des Untiers, denn Haar kann Personen mit Allergien zum Niesen bringen.
Ich jedoch bestehe immer darauf, dass der furchtbarste Teil eines Untiers sein Rachen ist, aus dem einfachen Grund, dass, wenn du schon den Rachen eines Untiers siehst, du die Zähne des Untiers bereits gesehen hast und vermutlich auch seine Klauen und sogar seine Haare, und jetzt bist du gefangen, und es besteht wahrscheinlich keine Hoffnung mehr für dich. Deshalb ist die Wendung "im Rachen des Untiers" ein Ausdruck geworden, der bedeutet: "an einem schrecklichen Ort mit wenig Hoffnung auf ein unversehrtes Entkommen", und das ist kein Ausdruck, auf dessen Verwendung man sich freuen sollte.
Ich muss dir nun leider sagen, dass dieses Buch den Ausdruck "im Rachen des Untiers" drei Mal verwenden wird, bevor es zu Ende ist, ohne dass ich dabei die unzähligen Male mitzähle, die ich "im Rachen des Untiers" bereits benutzt habe, um dich vor all den Verwendungen von "im Rachen des Untiers" zu warnen, die noch vorkommen werden. Drei Mal im Verlaufe dieser Geschichte werden sich Personen an einem schrecklichen Ort befinden, mit geringen Chancen, von dort unversehrt zu entkommen, und aus diesem Grund würde ich dieses Buch wieder hinlegen und selber unversehrt zu entkommen versuchen, denn diese elende Geschichte ist so finster und jammervoll und feucht, dass dir seine Lektüre das Gefühl vermitteln würde, selbst im Rachen des Untiers zu sein - und diese Verwendung des Ausdrucks zählt ebenfalls noch nicht.
Die Baudelaire-Waisen waren im Rachen des Untiers, das heißt, sie befanden sich im dunklen und beengten Kofferraum einer langen schwarzen Limousine. Falls du nicht gerade ein kleiner, tragbarer Gegenstand bist, sitzt du wahrscheinlich lieber auf einem Sitz, wenn du in einem Auto fährst, damit du dich in die Polster lehnen und durch die Fenster auf die vorbeifliegende Landschaft blicken kannst und dich mit einem niedrig und stramm befestigten Sicherheitsgurt sicher und geborgen fühlst. Aber die Baudelaires konnten sich nicht zurücklehnen, und der ganze Körper tat ihnen weh, nachdem sie sich schon mehrere Stunden lang aneinander gequetscht hatten. Es gab auch kein Fenster, aus dem sie blicken konnten, sondern nur ein paar Kugellöcher, die bei einem gewalttätigen Zusammentreffen entstanden waren, das zu recherchieren ich nicht den Mut gefunden habe. Und sie fühlten sich alles andere als sicher und geborgen, wenn sie an die anderen Passagiere der Limousine dachten und sich vorzustellen versuchten, wohin die Reise ging.
Der Fahrer der Limousine war jemand namens Graf Olaf, ein Bösewicht mit nur einer statt zwei Augenbrauen, der habgierig nach Geld verlangte, statt andere Menschen zu respektieren. Die Baudelaires waren zum ersten Mal mit Graf Olaf zusammengetroffen, nachdem sie die Nachricht erhalten hatten, ihre Eltern wären in einem schrecklichen Feuer ums Leben gekommen; und sie hatten bald entdeckt, dass Olaf nur an dem riesigen Vermögen interessiert war, das ihre Mutter und ihr Vater hinterlassen hatten. Mit unbeirrbarer Entschlossenheit - ein Ausdruck, der hier bedeutet: "Egal, wo die Kinder hingingen" - hatte Graf Olaf sie verfolgt und eine heimtückische Methode nach der anderen ausprobiert, um ihr Vermögen in die Hände zu bekommen.
Bislang war er damit erfolglos geblieben, obwohl er eine Menge Unterstützung erhalten hatte - von seiner Freundin Esmé Elend, einer ähnlich bösartigen, wenn auch modebewussteren Person, die nun neben ihm auf dem Vordersitz der Limousine saß, und von einer Ansammlung von Spießgesellen einschließlich eines Kahlkopfes mit einer gewaltigen Nase, zweier Frauen, die ihr Gesicht gern mit einer Schicht schlohweißen Puders bedeckten, und eines garstigen Mannes, der statt Hände Haken hatte. All diese Leute saßen nun in der Limousine und redeten gelegentlich. Und trotz des röhrenden Motors und der Straßengeräusche konnten sie die Kinder manchmal sogar verstehen.
Angesichts einer so elenden Mannschaft von Reisegefährten sollte man meinen, dass die Baudelaire-Geschwister eine andere Form des Reisens hätten finden können, als sich in den Kofferraum zu stehlen; aber die drei Kinder hatten vor Umständen die Flucht ergriffen, die noch Schrecken erregender und gefährlicher waren als Olaf und seine Helfer, und sie hatten keine Zeit gehabt, wählerisch zu sein. Während der Fahrt jedoch machten sich Violet, Klaus und Sunny immer mehr Sorgen über ihre Situation. Das Tageslicht, das durch die Kugellöcher hereindrang, verdämmerte, als der Abend nahte, die Straße unter ihnen wurde schlecht und holprig; und die Baudelaire-Waisen versuchten sich vorzustellen, wo sie hingelangen und was sie erleben würden, wenn sie dort ankamen.
"Sind wir bald da?" Die Stimme des hakenhändigen Mannes brach ein längeres Schweigen.
"Ich habe euch schon gesagt, ihr sollt mich danach nicht mehr fragen", antwortete Olaf knurrend. "Wir sind da, wenn wir da sind, das ist alles."
"Könnten wir vielleicht einen kurzen Halt einlegen?", fragte eine von den weißgesichtigen Frauen. "Ich habe einen Hinweis auf einen Rastplatz in ein paar Meilen gesehen."
"Wir haben keine Zeit, irgendwo anzuhalten", erwiderte Olaf scharf. "Aufs Klo hättest du gehen sollen, bevor wir losgefahren sind."
"Aber das Hospital stand doch in Flammen",jammerte die Frau.
"Ja, lasst uns anhalten", sagte der Kahlköpfige. "Wir haben seit dem Mittagessen nichts mehr zu beißen gehabt, und mir knurrt schon der Magen."
"Wir können nicht anhalten", sagte Esmé. "Hier im Hinterland gibt es keine Restaurants, die in sind."
Violet, die Älteste der Baudelaires, streckte sich, um eine Hand auf die steife Schulter von Klaus zu legen, und hielt ihr kleines Schwesterchen Sunny noch fester, als wolle sie mit ihren Geschwistern, ohne zu sprechen, kommunizieren. Esmé Elend redete dauernd davon, ob Sachen in waren oder nicht - ein Wort, das sie für "in Mode" benutzte, aber die Kinder waren eher daran interessiert, zu hören, wohin die Limousine sie brachte.
Das Hinterland dehnte sich endlos, eine leere Gegend, die sehr weit entfernt von den äußersten Außenbezirken der Stadt lag und in der es auf hunderte von Meilen nicht einmal das kleinste Dorf gab. Vor langer Zeit hatten die Baudelaire-Eltern versprochen, sie würden ihre Kinder eines Tages dorthin mitnehmen, um mit ihnen die berühmten Hinterland-Sonnenuntergänge zu beobachten.
Klaus, der ein Bücherwurm war, hatte Beschreibungen dieser Sonnenuntergänge gelesen und die ganze Familie zu einem solchen Ausflug angestachelt, und Violet, die eine große Begabung besaß, Dinge zu erfinden, hatte sogar damit begonnen, einen Solarofen zu bauen, damit die Familie gegrillte Käsebrote genießen könnte, wenn sie zusahen, wie sich das dunkelblaue Licht gespenstisch über die Kakteen des Hinterlands ergoss, während die Sonne hinter den entfernten und eisigen Mortmainbergen versank. Nie hatten sich die drei Geschwister vorgestellt, dass sie allein das Hinterland besuchen würden, eingepfercht in den Kofferraum der Limousine eines Bösewichts.
"Boss, bist du dir sicher, dass es für uns ungefährlich ist, hier so weit draußen zu sein?", fragte der Mann mit den Hakenhänden. "Wenn die Polizei uns suchen kommt, können wir uns nirgends verstecken."
"Wir könnten uns immer noch wieder verkleiden", meinte der kahlköpfige Mann. "Alles, was wir dafür nötig haben, liegt im Kofferraum."
"Wir brauchen uns nicht zu verstecken", erwiderte Olaf, "und wir müssen uns auch nicht verkleiden. Wegen dieser dämlichen Reporterin des Tagespedanten glaubt alle Welt, ich bin tot, erinnert ihr euch?"
"Du bist tot", sagte Esmé mit einem widerlichen Kichern, "und die drei Baudelaire-Gören sind Mörder. Wir müssen uns nicht verstecken - wir müssen feiern!"
"Wir können noch nicht feiern", entgegnete Olaf.
"Da sind noch zwei Dinge für uns zu erledigen. Zuerst müssen wir das letzte Beweisstück vernichten, das uns ins Gefängnis bringen könnte."
"Die Snicket-Akte", sagte Esmé, und die Baudelaires schauderte es im Kofferraum. Die drei Kinder hatten eine Seite dieser Akte gefunden, die Klaus nun sicher in der Tasche aufbewahrte. Von nur einer Seite war es zwar schwer zu entscheiden, aber die Snicket-Akte schien Informationen über einen Überlebenden des Feuers zu enthalten, und die Baudelaires wollten die übrigen Seiten unbedingt vor Graf Olaf finden.
"Ja, natürlich", stimmte der hakenhändige Mann zu. "Wir müssen die Snicket-Akte finden. Aber was ist die zweite Sache?"
"Wir müssen die Baudelaires finden, du Idiot", knurrte Olaf. "Wenn wir sie nicht finden, dann können wir nicht ihr Vermögen stehlen, und alle meine Pläne waren umsonst."
"Ich finde nicht, dass deine Pläne umsonst waren", sagte eine der schlohweiß gepuderten Frauen. "Ich habe unsere Versuche sehr genossen, obwohl wir das Vermögen nicht bekommen haben."
"Glaubst du, diese verzogenen Waisen sind alle drei lebendig aus dem Hospital herausgekommen?", fragte der Kahlkopf.
"Diese Kinder haben anscheinend alles Glück der Welt", meinte Graf Olaf, "daher sind sie wahrscheinlich allesamt am Leben und gesund, aber es würde die Angelegenheit mit Sicherheit leichter machen, wenn eins oder zwei von ihnen zu Asche verbrannt wären. Wir brauchen nur eins von ihnen lebendig, um an das Vermögen zu kommen."
"Ich hoffe, das ist Sunny", sagte der Mann mit den Hakenhänden. "Es hat Spaß gemacht, sie in einen Käfig zu stecken, und ich freue mich darauf, es noch einmal zu tun."
"Ich für meine Person hoffe, es ist Violet", sagte Olaf. "Sie ist die Hübscheste."
"Mir ist es egal, wer es ist", meinte Esmé. "Ich will nur wissen, wo sie sind."
"Nun, Madame Lulu wird das wissen", sagte Olaf. "Mit ihrer Kristallkugel wird sie in der Lage sein, uns zu sagen, wo die Waisen sind, wo die Akte ist, und alles andere, was wir sonst noch wissen wollen."
"Ich habe nie an solche Dinge wie Kristallkugeln geglaubt", meinte eine der Frauen mit schlohweißem Gesicht, "aber als diese Madame Lulu damit anfing, dir zu sagen, wie du die Baudelaires, jedes Mal wenn sie entkommen waren, finden könntest, da ist mir klar geworden, dass die Wahrsagerei funktioniert."
"Haltet euch nur an mich", sagte Olaf, "und ihr werdet viele neue Dinge lernen. Oh, hier ist die Abzweigung zur Selten Befahrenen Straße. Wir sind fast da."
Das Auto schwankte nach links, und die Baudelaires schwankten mit ihm und rollten auf die linke Seite des Kofferraums zusammen mit den zahlreichen Gegenständen, die Olaf in seiner Limousine mitführte, damit sie ihm bei seinen hinterhältigen Plänen nützlich sein konnten. Violet bemühte sich, nicht zu husten, als ein Haar aus Olafs falschen Bärten sie im Hals kitzelte. Klaus hielt die Hand vors Gesicht, damit ein rutschender Werkzeugkasten ihm nicht die Brille zerbrach. Und Sunny schloss fest den Mund, damit sich nicht eins von Olafs dreckigen Unterhemden zwischen ihren scharfen Zähnen verhedderte. Die Selten Befahrene Straße war noch holpriger als die Landstraße, auf der sie bislang gefahren waren, und das Auto machte so viel Lärm, dass die Kinder nichts mehr von dem Gespräch hören konnten, bis Olaf die Limousine quietschend zum Halten brachte.
"Sind wir schon da?", fragte der Hakenhändige.
"Natürlich sind wir da, du Dummkopf", sagte Olaf.
"Schau doch, das Schild - CALIGARI JAHRMARKT."
"Wo ist Madame Lulu?", fragte der Kahlköpfige.
"Wo glaubst du wohl?", fragte Esmé, und alle lachten.
Die Türen der Limousine wurden mit einem knirschenden Geräusch geöffnet, und das Auto schwankte wieder, als alle ausstiegen.
"Soll ich den Wein aus dem Kofferraum holen, Boss?", fragte der Kahle.
Die Baudelaires erstarrten.
"Nein", antwortete Graf Olaf. "Madame Lulu wird jede Menge Erfrischungen für uns haben."
Die drei Kinder lagen ganz still und horchten, als Olaf und seine Truppe von der Limousine wegstapften. Ihre Schritte wurden immer leiser, bis die Geschwister außer der Abendbrise, die durch die Kugellöcher pfiff, nichts mehr hören konnten, und endlich schien es den Baudelaires sicher, miteinander zu reden.
"Was sollen wir tun?", flüsterte Violet und schob den Bart von sich weg.
"Merrill", sagte Sunny. Wie viele Kinder ihres Alters verwendete die Jüngste der Baudelaires manchmal eine Sprache, die für einige Leute schwer zu verstehen war, aber ihre Geschwister wussten sofort, dass sie etwas meinte wie: "Wir sollten aus dem Kofferraum steigen."
"So bald wie möglich", stimmte Klaus zu. "Wir wissen nicht, wie schnell Olaf und seine Truppe zurückkommen.
Violet, glaubst du, du kannst etwas erfinden, um uns hier herauszubringen?"
"Das sollte nicht allzu schwierig sein", meinte Violet, "mit all den Sachen im Kofferraum." Sie streckte die Hand aus und tastete herum, bis sie den Mechanismus gefunden hatte, der den Kofferraum geschlossen hielt. "Ich habe diese Art Verriegelung schon früher untersucht", sagte sie. "Um sie zu bewegen, brauche ich nur eine Schlinge aus fester Schnur. Fühlt doch mal herum und schaut, ob ihr so etwas finden könnt."
"Da ist etwas um meinen linken Arm gewickelt", sagte Klaus und wand sich herum. "Es fühlt sich an, als wäre es ein Stück des Turbans, den Olaf getragen hat, als er sich als Trainer Dschingis verkleidet hat."
"Das ist zu dick", entschied Violet. "Es muss zwischen zwei Teile des Schlosses rutschen können."
"Semja!", sagte Sunny.
"Das ist mein Schnürsenkel, Sunny", protestierte Klaus.
"Das heben wir uns für den Notfall auf", meinte Violet. "Es geht nicht, dass du durch die Gegend stolperst, wenn wir entkommen wollen. Halt, ich glaube, ich habe etwas unter dem Reserverad gefunden."
"Was ist das?"
"Ich weiß nicht", sagte Violet. "Es fühlt sich wie eine dünne Kordel an mit etwas Rundem und Flachem an einem Ende."
"Ich wette, das ist ein Monokel",sagte Klaus."Du weißt doch, dieses komische Okular, das Olaf getragen hat, als er vorspiegelte, Gunther, der Auktionator, zu sein."
"Ich glaube, du hast Recht", meinte Violet. "Nun, dieses Monokel hat Olaf bei seinem Plan geholfen, und nun wird es bei unserem hilfreich sein. Sunny, versuch, etwas rüberzurutschen, damit ich sehen kann, ob das hier funktioniert."
Sunny drückte sich so weit wie möglich auf die Seite, und Violet langte um ihre Geschwister herum und legte die Schnur von Olafs Monokel um das Schloss des Kofferraums. Die drei Kinder horchten hin, als Violet ihre Erfindung um den Riegel herumdröselte, und schon nach wenigen Sekunden hörten sie ein leises Klicken, und der Deckel des Kofferraums schwang mit einem langen, trägen Quietschen auf.
Als die kühle Luft hereinströmte, hielten die Baudelaires erst vollkommen still für den Fall, dass das Geräusch des Kofferraums Olafs Aufmerksamkeit erregt hatte, aber anscheinend waren er und seine Helfer zu weit entfernt, um etwas hören zu können, und nach ein paar Sekunden konnten die Kinder nichts außer dem Zirpen der Abendgrillen und dem schwachen Bellen eines Hundes vernehmen.
Die Baudelaires blickten sich an, blinzelten in dem dämmrigen Licht, und ohne ein weiteres Wort kletterten Violet und Klaus aus dem Kofferraum und hoben dann ihr Schwesterchen heraus in die Nacht. Der berühmte Hinterland-Sonnenuntergang ging gerade zu Ende, und alles, was die Kinder sahen, war in dunkles Blau getaucht, als hätte Graf Olaf sie in die Tiefen des Ozeans gefahren.
Auf einem großen Holzschild standen in altmodischen Schriftzeichen die Worte CALIGARI JAHRMARKT, zusammen mit dem verblassten Bild eines Löwen, der einem verängstigten kleinen Jungen hinterherjagte. Hinter dem Schild befand sich eine kleine Bude, in der Eintrittskarten zum Verkauf angeboten wurden, und eine Telefonzelle, die in der blauen Beleuchtung funkelte. Dahinter war eine riesige Achterbahn, ein Ausdruck, der hier bedeutet: "eine Reihe kleiner Wagen, in denen Leute sitzen und ohne erkennbaren Grund auf Schienen steile und schreckliche Berge hinab- und hinaufrasen können", aber offenbar war diese Achterbahn eine ganze Zeit lang nicht mehr benutzt worden, denn Efeu und andere Kletterpflanzen überwucherten Schienen und Wagen, wodurch diese Jahrmarktsattraktion aussah, als ob sie gleich in der Erde versinken würde.
Hinter der Achterbahn lag eine Reihe riesiger Zelte, die wie Quallen in der Abendbrise zitterten, und neben jedem Zelt stand ein Wohnwagen, was ein Wagen auf Rädern ist, wie ihn Menschen als Zuhause benutzen, die viel unterwegs sind. Auf die Seiten aller Wohnwagen und Zelte waren verschiedene Bilder gemalt, und die Baudelaires wussten sofort, welcher Wohnwagen Madame Lulu gehörte, denn er war mit einem riesigen Auge dekoriert. Dieses Auge glich dem, das auf Graf Olafs linken Knöchel tätowiert war, das die Baudelaires viele Male in ihrem Leben gesehen hatten, und sie schauderten bei dem Gedanken, dass sie ihm nicht einmal im Hinterland entkommen sollten.
"Jetzt, da wir aus dem Kofferraum heraus sind", sagte Klaus, "lasst uns von hier verschwinden. Olaf und seine Truppe könnten jeden Augenblick zurückkommen."
"Aber wo sollen wir hin?", fragte Violet. "Wir sind im Hinterland. Olafs Kumpan hat gesagt, es gibt hier keinen Ort, wo man sich verstecken könnte."
"Nun, wir werden einen finden müssen", meinte Klaus. "Wir sind auf keinen Fall in Sicherheit, wenn wir irgendwo bleiben, wo Graf Olaf willkommen ist."
"Auge!", stimmte Sunny zu und deutete auf Madame Lulus Wohnwagen.
"Aber wir können nicht wieder durch die Landschaft marschieren", wandte Violet ein. "Als wir das das letzte Mal getan haben, sind wir nur in noch größere Schwierigkeiten gekommen."
"Vielleicht könnten wir die Polizei von dieser Telefonzelle aus anrufen", schlug Klaus vor.
"Rasterfahndung!", entgegnete Sunny; das bedeutete: "Aber die Polizei denkt, wir seien Mörder!"
"Ich finde, wir könnten versuchen, Mr. Poe zu erreichen", sagte Violet. "Er hat zwar das Telegramm nicht beantwortet, mit dem wir ihn um Hilfe gebeten haben, aber vielleicht haben wir ja am Telefon mehr Glück."
Die drei Geschwister blickten sich ohne viel Hoffnung an. Mr. Poe war der Vizepräsident für Waisenangelegenheiten bei der Vereinigten Vermögensverwaltung, einer großen Bank in der Stadt, und ein Teil seiner Aufgaben bestand darin, sich um die Angelegenheiten der Baudelaires nach dem Feuer zu kümmern. Mr. Poe war zwar kein boshafter Mensch, aber er hatte sie irrtümlich in die Gesellschaft von so viel Boshaftigkeit gebracht, dass er dadurch fast so boshaft wie ein wirklich boshafter Mensch gewesen war, und die Kinder legten keinen besonderen Wert darauf, mit ihm wieder in Kontakt zu treten, selbst wenn ihnen jetzt nichts anderes einfiel.
"Es besteht wahrscheinlich nur eine vage Möglichkeit, dass er irgendwie hilfreich sein könnte", gab Violet zu, "aber was haben wir schon zu verlieren?"
"Lasst uns darüber nicht nachdenken", erwiderte Klaus und ging zur Telefonzelle hinüber. "Vielleicht wird uns Mr. Poe wenigstens erlauben, unsere Lage zu erklären."
"Veriz", meinte Sunny, was ungefähr bedeutete: "Wir brauchen Geld für ein Telefongespräch."
"Ich habe keins", sagte Klaus, als er in die Tasche langte. "Hast du irgendwelches Geld, Violet?"
Sie schüttelte den Kopf. "Lasst uns die Vermittlung anrufen und sehen, ob es eine Möglichkeit gibt, einen Anruf zu machen, ohne dafür zu bezahlen."
Klaus nickte und öffnete die Tür der Zelle, so dass er und seine Schwestern sich hineindrängen konnten. Violet hob den Hörer ab und wählte V für Vermittlung, während Klaus Sunny hochhob, damit alle drei Geschwister das Gespräch hören konnten.
"Vermittlung", sagte die Vermittlung.
"Guten Abend",sagte Violet."Meine Geschwister und ich hätten gern eine Verbindung."
"Werfen Sie bitte den entsprechenden Betrag ein", sagte die Vermittlung.
"Wir haben den entsprechenden Betrag nicht", erklärte Violet. "Wir haben überhaupt kein Geld. Aber es ist ein Notfall."
Es gab ein schwaches keuchendes Geräusch, und die Baudelaires erkannten, dass die Vermittlung seufzte. "Worin genau besteht Ihr Notfall?"
Violet blickte auf ihre Geschwister hinab und sah, wie das letzte blaue Licht des Sonnenuntergangs von Klaus' Brille und Sunnys Zähnen zurückgeworfen wurde. Während die Dunkelheit sie einzuhüllen begann, erschien ihr Notfall so enorm, dass sie den Rest der Nacht brauchen würde, um ihn der Vermittlung zu erklären, und die älteste Baudelaire überlegte, wie sie ihn zusammenfassen könnte, ein Wort, das hier bedeutet: "die Geschichte so erzählen, dass sie die Vermittlung überzeugte und diese sie mit Mr. Poe sprechen ließ".
"Nun", fing sie an, "ich heiße Violet Baudelaire, und ich bin hier mit meinem Bruder Klaus und meiner Schwester Sunny. Unsere Namen klingen Ihnen vielleicht ein wenig vertraut, denn der Tagespedant hat kürzlich einen Artikel veröffentlicht, in dem steht, dass wir Veronica, Klyde und Susie Baudelaire und Mörder sind, die Graf Omar getötet haben. Aber Graf Omar ist in Wirklichkeit Graf Olaf, und er ist nicht wirklich tot. Er hat seinen Tod vorgetäuscht, indem er eine andere Person mit der gleichen Tätowierung umgebracht und uns den Mord in die Schuhe geschoben hat. Gerade hat er bei dem Versuch, uns zu fangen, ein Hospital zerstört, aber es ist uns gelungen, uns im Kofferraum seiner Limousine zu verstecken, als er mit seinen Kumpanen weggefahren ist. Nun sind wir aus dem Kofferraum heraus, und wir versuchen Mr. Poe zu erreichen, damit er uns helfen kann, die Snicket-Akte in die Hand zu bekommen, die unserer Meinung nach erklären könnte, wofür die Initialen F.F. stehen und ob doch einer unserer Eltern das Feuer überlebt hat. Ich weiß, es ist eine sehr verwickelte Geschichte, und sie erscheint Ihnen vielleicht unglaubwürdig, aber wir sind ganz allein im Hinterland und wissen nicht, was wir sonst tun sollen."
Die Geschichte war so schrecklich, dass Violet ein bisschen geweint hatte, während sie sie erzählte, und sie wischte sich eine Träne aus dem Auge, als sie auf eine Antwort der Vermittlung wartete. Aber aus dem Telefon kam keine Stimme. Die drei Baudelaires horchten angestrengt, aber alles, was sie hören konnten, war der leere und ferne Klang einer Telefonleitung.
"Hallo?", fragte Violet schließlich.
Das Telefon sagte nichts.
"Hallo?", wiederholte Violet. "Hallo? Hallo?" Das Telefon antwortete nicht.
"Hallo?", schrie Violet, so laut sie konnte.
"Ich denke, wir hängen besser auf", meinte Klaus liebevoll.
"Aber warum antwortet niemand?", rief Violet.
"Ich weiß es nicht", erwiderte Klaus, "aber ich glaube nicht, dass uns die Vermittlung helfen wird."
Violet hängte den Hörer auf und öffnete die Tür der Telefonzelle. Nachdem inzwischen die Sonne untergegangen war, kühlte sich die Luft ab, und Violet schauderte in der Abendbrise. "Wer wird uns helfen?", fragte sie. "Wer wird sich um uns kümmern?"
"Wir müssen uns selber um uns kümmern", antwortete Klaus.
"Efrai", sagte Sunny. Das bedeutete: "Aber wir sind jetzt wirklich in Schwierigkeiten."
"Das sind wir mit Sicherheit", stimmte Violet zu. "Wir sind mitten im Nirgendwo, ohne einen Ort, wo wir uns verstecken könnten, und die ganze Welt denkt, wir wären Verbrecher. Wie kümmern Verbrecher sich um sich selbst im Hinterland?"
Wie als Antwort darauf hörten die Baudelaires ein Gelächter. Das Gelächter war ziemlich leise, aber in der abendlichen Stille ließ es die Kinder zusammenzucken. Sunny zeigte auf etwas, und die Kinder konnten in einem der Fenster in Madame Lulus Wohnwagen ein Licht sehen. Mehrere Schatten bewegten sich hinter dem Fenster, und die Kinder erkannten, dass Graf Olaf und seine Truppe dort drinnen waren, sich unterhielten und lachten, während die Baudelaire-Waisen draußen in der Dämmerung zitterten.
"Lasst uns nachschauen", sagte Klaus, "und herausfinden, wie sich Verbrecher um sich selbst kümmern."
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