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Leseprobe aus
Band 4: Die unheimliche Mühle
von Lemony Snicket
Aus dem Amerikanischen von Birgitt Kollmann
Kapitel 1
Irgendwann in deinem Leben - genauer gesagt, schon sehr bald - wirst du vielleicht ein Buch lesen, und dir wird auffallen, dass man oft gleich beim ersten Satz weiß, worum es in der Geschichte geht. Wenn ein Buch zum Beispiel mit dem Satz beginnt: »Es war einmal eine Familie schlauer kleiner Backenhörnchen, die in einem hohlen Baum lebten«, dann kannst du davon ausgehen, dass in der Geschichte lauter sprechende Tiere vorkommen, die irgendwelchen Unfug anstellen. Ein Buch, das mit dem Satz beginnt: »Emily setzte sich und schaute auf den Stapel Blaubeerpfannkuchen, die ihre Mutter für sie gebacken hatte, doch wegen ihrer Reise ins Ferienlager war sie viel zu aufgeregt, um auch nur einen Bissen hinunterzukriegen«, erzahlt vermutlich von lauter kichernden Madchen, die jede Menge Spaß haben. Ein Buch aber, das mit dem Satz beginnt: »Gary roch an dem Leder seines brandneuen Baseballhandschuhs und wartete ungeduldig darauf, dass sein bester Freund Larry um die Ecke kam«, enthält mit Sicherheit eine Geschichte von lauter verschwitzten Jungen, die irgendeinen Pokal gewinnen. Und wenn dir Unfug, Spaß oder Pokale gefallen, dann weißt du gleich, welches Buch du lesen wirst, und kannst die übrigen wegschmeißen.
Dieses Buch hier beginnt jedoch mit dem Satz: »Die Baudelaire-Waisen schauten aus dem verschmierten Zugfenster, und während sie in den unheimlich schwarzen Finsterwald starrten, fragten sie sich, ob ihr Leben sich wohl je zum Besseren wenden würde.« Vermutlich kannst du dir schon denken, dass die folgende Geschichte nicht zu vergleichen ist mit denen über Gary oder Emily oder die schlauen kleinen Backenhörnchen. Der Grund ist ganz einfach der, dass das Leben von Violet, Klaus und Sunny Baudelaire sich völlig unterscheidet von dem der meisten Menschen, wobei der größte Unterschied darin besteht, dass sie einfach viel mehr Unglück, Schrecken und Verzweiflung erleben. Irgendwelchen Unfug anzustellen, dazu haben die drei Kinder überhaupt keine Zeit, weil ihnen das Elend ständig auf den Fersen ist. Spaß haben sie auch nicht mehr gehabt, seit ihre Eltern bei einem schrecklichen Brand ums Leben kamen, und der einzige Pokal, den sie je gewinnen könnten, wäre so etwas wie der Erste Preis für Pechvögel. Es ist natürlich haarsträubend unfair, dass den Baudelaires so viel Schlimmes passiert, aber so geht diese Geschichte nun einmal. Nachdem ich dir also gesagt habe, wie der erste Satz heißen soll - nämlich: »Die Baudelaire-Waisen schauten aus dem verschmierten Zugfenster, und während sie in den unheimlich schwarzen Finsterwald starrten, fragten sie sich, ob ihr Leben sich wohl je zum Besseren wenden würde« -, kannst du das Buch jetzt noch ganz schnell weglegen, falls du eine so unerfreuliche Geschichte lieber nicht lesen willst.
Die Baudelaire-Waisen schauten aus dem verschmierten Zugfenster, und während sie in den unheimlich schwarzen Finsterwald starrten, fragten sie sich, ob ihr Leben sich wohl je zum Besseren wenden würde. Eine Durchsage über den knackenden Lautsprecher hatte ihnen soeben angekündigt, dass der Zug in wenigen Minuten den Ort Jammerau erreichen würde, wo ihr neuer Vormund lebte, und die Kinder fragten sich unwillkürlich, was das wohl für ein Mensch sein mochte, der sich eine so finstere und gespenstische Gegend aussuchte, um dort zu wohnen. Violet, mit vierzehn die Älteste der Baudelaire-Waisen, betrachtete die Bäume, die sehr hoch und praktisch ohne Äste waren und daher eher an Metallstangen als an Bäume erinnerten. Violet war Erfinderin und entwickelte ständig irgendwelche Apparate und andere praktische Geräte, wobei sie ihre Haare im Nacken zusammenband, um besser denken zu können. Als sie jetzt die Bäume ansah, dachte sie gleich über einen Mechanismus nach, der es einem erlauben würde, in den Wipfel jedes Baumes zu klettern, selbst wenn er keinen einzigen Ast hätte. Klaus, der Zwölfjährige, schaute auf den Waldboden, der mit bräunlichen Moosflecken bedeckt war. Klaus' Lieblingsbeschäftigung war Lesen, und er versuchte sich zu erinnern, was er über die Moose in der Gegend von Jammerau gelesen hatte und ob auch genießbare dabei waren. Sunny, die noch ganz klein war, sah in den schweren grauen Himmel, der über dem Wald hing wie ein feuchter Pullover. Sunny hatte vier scharfe Zähne, und da sie sich sehr für alles interessierte, in das man hineinbeißen konnte, war sie auch jetzt gespannt, was es wohl in dieser Gegend an harten Gegenständen gab. Aber während Violet an ihrer Erfindung arbeitete, Klaus an seine jüngsten Studien dachte und Sunny als Vorübung den Mund immer wieder auf- und zuklappte, waren sie sich angesichts des trostlosen Waldes nicht mehr so sicher, dass sie sich in ihrem neuen Heim wirklich rundum wohl fühlen würden.
»Was für ein wunderbarer Wald«, bemerkte Mr. Poe und hustete in ein weißes Taschentuch. Mr. Poe war Bankangestellter und seit dem Brand dafür verantwortlich, die Angelegenheiten der Baudelaires zu regeln, allerdings, wie ich dir sagen muss, ohne großen Erfolg. Hauptsächlich bestand seine Aufgabe darin, ein gutes Zuhause für die Waisen zu finden und das enorme Vermögen zu verwalten, das die Eltern ihren drei Kindern hinterlassen hatten. Bis jetzt aber hatten alle seine Versuche mit einem totalen Fiasko geendet, womit ich sagen will, dass sich jedes neue Zuhause als eine einzige Katastrophe herausstellte, mit Tragik, Trug und Graf Olaf. Dieser Graf Olaf war ein schrecklicher Mensch, der es auf das Vermögen der Baudelaires abgesehen hatte und einen teuflischen Plan nach dem anderen ausheckte, um es an sich zu reißen. Jedes Mal war er kurz davor gewesen, es zu schaffen, jedes Mal hatten die Baudelaire-Waisen seinen Plan aufgedeckt und jedes Mal war Graf Olaf entkommen - und was tat Mr. Poe? Er hustete. Jetzt begleitete er die Kinder nach Jammerau, und es schmerzt mich, dir sagen zu müssen, dass Graf Olaf auch dieses Mal wieder auftauchen wird mit einem neuen teuflischen Plan und dass Mr. Poe es auch dieses Mal nicht fertig bringen wird, auch nur im Mindesten hilfreich zu sein. »Was für ein wunderbarer Wald«, sagte er noch einmal, als er fertig gehustet hatte. »Ich bin sicher, ihr Kinder werdet hier ein gutes Zuhause finden. Das hoffe ich wenigstens, denn ich bin soeben bei der Vereinigten Vermögensverwaltung befördert worden, und zwar zum Vizepräsidenten für Münzgeld, und ich werde noch mehr zu tun haben als bisher schon. Wenn also dieses Mal irgendetwas schief geht, dann bin ich gezwungen, euch in ein Internat zu geben, bis ich Zeit finde, etwas Neues ausfindig zu machen. Also bitte benehmt euch so gut wie möglich.«
»Selbstverständlich, Mr. Poe«, sagte Violet. Sie fügte nicht hinzu, dass sie und ihre Geschwister immer ihr bestes Benehmen an den Tag gelegt hatten, ohne dass es ihnen irgendwie genutzt hatte.
»Wie heißt unser neuer Vormund eigentlich?«, wollte Klaus wissen. »Sie haben es uns noch nicht gesagt.«
Mr. Poe zog einen Zettel aus der Tasche und kniff die Augen zusammen. »Er heißt Mr. Wuz - oder Mr. Qui. Ich kann diesen Namen nicht aussprechen. Er ist furchtbar lang und kompliziert.«
»Darf ich mal sehen?«, fragte Klaus. »Vielleicht kann ich herausfinden, wie man ihn ausspricht.«
»Nein, nein«, antwortete Mr. Poe und steckte den Zettel wieder weg. »Was für einen Erwachsenen schon kompliziert ist, ist es für ein Kind allemal.«
»Gent!«, quiekte Sunny. Wie viele Kleinkinder benutzte sie meistens solche selbst gemachten Wörter, die schwer zu übersetzen sind. Dieses Mal hatte sie vermutlich so etwas Ähnliches gemeint wie: »Aber Klaus liest oft komplizierte Bücher!«.
»Er wird euch schon sagen, wie ihr ihn nennen sollt«, fuhr Mr. Poe fort, als ob Sunny gar nichts gesagt hätte. »Ihr findet ihn im Büro der Sägemühle Glück & Partner, die angeblich ganz in der Nähe des Bahnhofs ist.«
»Kommen Sie denn nicht mit uns?«, fragte Violet. »Nein«, sagte Mr. Poe und hustete wieder in sein Taschentuch. »Der Zug hält nur einmal am Tag in Jammerau. Wenn ich aussteigen wollte, müsste ich dort übernachten und würde noch einen Arbeitstag verlieren. Ich setze euch einfach hier raus und fahre sofort zurück in die Stadt.«
Besorgt schauten die Baudelaire-Waisen wieder aus dem Fenster. Der Gedanke machte sie nicht gerade glücklich, an einem fremden Ort einfach abgeliefert zu werden wie eine lauwarme Pizza, wo sie doch drei Kinder waren, die mutterseelenallein auf der Welt waren.
»Und wenn Graf Olaf wieder auftaucht?«, fragte Klaus leise. »Er hat geschworen, dass er uns finden wird.«
»Ich habe Mr. Bek - Mr. Duy - also ich habe eurem neuen Vormund eine komplette Beschreibung von Graf Olaf gegeben«, sagte Mr. Poe. »Sollte er also, was mir ziemlich abwegig scheint, allen Ernstes in Jammerau auftauchen, dann wird Mr. Sho - Mr. Gek - jedenfalls wird er die Behörden verständigen.«
»Aber Graf Olaf kommt immer in einer anderen
Verkleidung«, bemerkte Violet. »Er ist oft schwer zu erkennen. Wirklich sicher kann man im Grunde nur sein, wenn man das tätowierte Auge am Knöchel sieht.«
»Die Tätowierung habe ich ebenfalls beschrieben«, sagte Mr. Poe ungeduldig.
»Und was ist mit Graf Olafs Assistenten?«, fragte Klaus. »Einen hat er meistens dabei, der ihm bei seinem Betrug hilft.«
»Ich habe sie diesem Mr. - also jedenfalls dem Besitzer der Sägemühle alle beschrieben«, sagte Mr. Poe und zählte die schrecklichen Kumpane Graf Olafs an den Fingern einer Hand auf: »Den mit den Hakenhänden. Den Glatzkopf mit der langen Nase. Die zwei Frauen mit den weiß gepuderten Gesichtern. Und dann noch diesen etwas Rundlichen, der weder wie ein Mann aussieht noch wie eine Frau. Euer neuer Vormund weiß über alle Bescheid. Sollte es aber irgendein Problem geben, dann wisst ihr ja, dass ihr mich oder jeden meiner Kollegen bei der Vereinigten Vermögensverwaltung jederzeit ansprechen könnt.«
»Kaska«, sagte Sunny düster. Wahrscheinlich wollte sie damit sagen: »Sehr beruhigend ist das nicht«, aber da in diesem Moment der Zug laut pfeifend in den Bahnhof von Jammerau einfuhr, hörte sie niemand.
»Da wären wir«, sagte Mr. Poe, und ehe die Kinder sich versahen, standen sie auf dem Bahnsteig und sahen zu, wie sich der Zug wieder in Bewegung setzte und auf die dunklen Bäume des Finsterwaldes zufuhr. Das Stampfen der Lokomotive wurde immer schwächer, während der Zug in der Ferne entschwand, und schon bald waren die drei Geschwister tatsächlich völlig allein.
»Na gut«, sagte Violet und hob die kleine Tasche hoch, die die wenigen Habseligkeiten der Kinder enthielt. »Dann sollten wir mal die Sägemühle Glück & Partner suchen und unseren neuen Vormund kennen lernen.«
»Oder wenigstens seinen Namen erfahren«, sagte Klaus düster und nahm Sunny bei der Hand. Wenn man eine Ferienreise plant, dann kann es ganz hilfreich sein, einen Reiseführer zu erwerben, also ein Buch, in dem alles aufgeführt wird, was in einer Gegend schön und sehenswert ist, und nützliche Tipps enthält für den Reisenden, der zum ersten Mal an einen bestimmten Ort kommt. Jammerau kommt in keinem Reiseführer vor, und als die Baudelaire-Waisen auf der einzigen Straße des Ortes dahintrotteten, sahen sie auf einen Blick, warum nicht. Auf der einen Straßenseite gab es ein paar Läden, von denen jedoch keiner ein Schaufenster hatte. Es gab auch ein Postamt, aber statt der Flagge, die normalerweise vor so einem Gebäude weht, baumelte hier nur ein alter Schuh an der Fahnenstange. Der Post gegenüber erstreckte sich ein hoher Holzzaun bis ans Ende der Straße. In der Mitte dieses Zauns war ein ebenfalls hölzernes hohes Tor, auf dem in recht krakeligen und irgendwie klebrigen Buchstaben die Worte SAGEMÜHLE GLUCK & PARTNER geschrieben waren. Am Rand des Bürgersteigs, dort, wo man vielleicht eine Baumreihe erwartet hätte, stapelten sich alte Zeitungen. Kurzum, alles, was einen Ort schön oder sehenswert machen könnte, war hier schäbig oder langweilig, und wenn Jammerau doch in einem Reiseführer vorgekommen wäre, so hätte er für zufällig dorthin geratene Reisende nur einen einzigen nützlichen Tipp gehabt: »Reisen Sie sofort wieder ab!« Doch die drei Kinder konnten natürlich nicht abreisen und mit einem Seufzer führte Violet ihre jüngeren Geschwister zum Holztor. Sie wollte gerade anklopfen, als Klaus ihr auf die Schulter tippte und sagte: »Schau mal.«
»Ich weiß«, sagte sie. Violet dachte, er meinte die Buchstaben, mit denen der Name SAGEMÜHLE GLÜCK & PARTNER geschrieben war. Jetzt nämlich, wo die Kinder vor dem Tor standen, konnten sie sehen, wieso die Buchstaben so klebrig und krakelig aussahen: Sie bestanden aus lauter ausgelutschten Kaugummiklumpen, die einfach in Form von Buchstaben auf das Tor gepappt worden waren. Abgesehen von einem Schild, das ich einmal gesehen habe, auf dem das Wort »ACHTUNG« aus lauter toten Affen zusammengesetzt war, war das Firmenschild der Sägemühle Glück & Partner das ekelerregendste Schild auf der ganzen Welt, und Violet nahm an, dass ihr Bruder sie darauf aufmerksam machen wollte. Aber als sie sich umdrehte, um ihm Recht zu geben, merkte sie, dass er gar nicht auf das Schild schaute, sondern auf einen Punkt ganz am Ende der Straße.
»Schau mal«, wiederholte Klaus, aber Violet wusste schon, was Klaus gesehen hatte. Ohne ein Wort zu sagen, standen beide da und starrten auf ein Gebäude am Ende der einzigen Straße von Jammerau. Sunny hatte einige der Zahnabdrücke in den Kaugummis untersucht, aber als ihre Geschwister verstummten, schaute sie auf und entdeckte dasselbe wie sie. Einige Sekunden lang blickten die Baudelaire-Waisen nur starr nach vorn. »Das muss ein Zufall sein«, sagte Violet nach einer langen Pause.
»Klar«, entgegnete Klaus nervös, »reiner Zufall.«
»Warni«, stimmte Sunny ihnen zu, aber überzeugt war sie nicht. Keines der drei Geschwister war es. Erst jetzt, als sie vor der Sägemühle standen, konnten sie nämlich am Ende der Straße noch ein Gebäude sehen. Wie die übrigen Häuser auch hatte es keine Fenster, nur eine runde Tür in der Mitte. Aber dass die Baudelaires es so anstarrten, hatte mit der Form und der Bemalung des Hauses zu tun. Es war halbwegs oval geformt und oben ragten gebogene, dünne Stabe heraus. Der größte Teil des Ovals war bräunlich gestrichen, aber in der Mitte befand sich ein großer weißer Kreis und in diesem wiederum ein kleinerer grüner. Ein paar kurze schwarze Stufen führten zu der runden, schwarz gestrichenen Tür, so dass man den Eindruck hatte, in dem grünen Kreis gäbe es einen noch kleineren schwarzen. Das Haus war so gebaut, dass es wie ein Auge aussah.
Die drei Kinder sahen erst einander an, dann noch einmal das Gebäude und schließlich wieder einander. Sie schüttelten den Kopf. So gern sie es auch wollten, sie konnten einfach nicht an einen Zufall glauben, wenn es in der Stadt, in der sie in Zukunft leben sollten, ein Haus gab, das ganz genauso aussah wie die Tätowierung von Graf Olaf.
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