Leseprobe aus Sandra Brown: Crush [Gier]

Sandra Brown - Crush - Gier

7

Wick trat an den Tisch, an dem Lozada beim Frühstück saß. "Hey, Arschloch, deine Glatze blendet mich."

Lozadas Gabel erstarrte auf halbem Weg zwischen Teller und Mund. Dann sah er langsam und mit unterdrücktem Zorn auf. Falls er überrascht war, Wick zu sehen, gab er das nicht zu erkennen. Stattdessen musterte er ihn von Kopf bis Fuß. "Na so was. Wer ist denn da wieder aufgetaucht?"

"Etwa seit einer Woche", erwiderte Wick fröhlich.

"Ist das Fort Worth Police Department so unterbesetzt, dass sie sogar dich in ihren ausgedünnten Reihen wieder willkommen heißen?"

"Aber nein. Ich bin immer noch im Urlaub."

Wick zog einen freien Stuhl unter dem Ecktisch hervor, drehte die Lehne nach vorn und nahm rittlings darauf Platz. Die übrigen Gäste im Frühstücksraum des Hotels würden ihn wahrscheinlich für einen ungehobelten Flegel halten, doch das war ihm egal. Er wollte Lozada auf die Nerven gehen. Wenn das Zucken in der Wange seines Gegenübers etwas zu bedeuten hatte, dann war er bereits auf dem besten Wege dahin.

"Sag mal, die Pfannkuchen sehen aber gut aus." Er tunkte einen Finger in den Ahornsirupteich auf Lozadas Teller und schleckte ihn ab. "O Mann. Echt lecker."

"Wer hat dir verraten, dass ich hier bin?"

"Ich hab einfach den Kopf zum Fenster rausgestreckt und bin dem Gestank gefolgt."

In Wahrheit war dem Department längst bekannt, dass der Berufskiller gern in diesem Hotelcafe frühstückte. Der Hurensohn hatte nie versucht, unauffällig zu bleiben. Im Gegenteil, er verhöhnte seine Verfolger vom Fahrersitz seines schicken Cabrios oder von den Panoramafenstern seines Penthouses aus, ein Luxus, der den Bullen noch mehr Anlass gab, ihn zu hassen.

"Was hätten Sie gern, Sir?"

Wick wandte sich der jungen Bedienung zu, die an ihren Tisch getreten war. "Spaß, Schätzchen", antwortete er, setzte seinen Cowboyhut ab und drückte ihn an seine Brust. "Ich möchte nur ein wenig mit meinem alten Freund Ricky Roy plaudern."

Lozada hasste seine beiden Vornamen und hasste es noch mehr, damit angesprochen zu werden, darum posaunte sie Wick so oft wie nur möglich heraus. "Kennen Sie sich schon?" Er las den Namen der Bedienung von dem Plastikschild an ihrer Bluse ab. "Shelley - hübscher Name -, das ist Ricky Roy. Ricky Roy, Shelley."

Sie errötete bis unter die Haarwurzeln. "Er kommt oft hierher. Ich kenne ihn schon."

Wick fragte im Bühnenflüsterton: "Gibt er ein gutes Trinkgeld?"

"Ja, Sir. Sehr gutes sogar."

"Also, das freut mich zu hören. Auch wenn es mich ein bisschen überrascht. Wissen Sie, eigentlich hat unser Ricky Roy hier nur wenige gute Eigenschaften." Er wiegte nachdenklich den Kopf. "Wenn ich es recht überlege, ist, dass er ein gutes Trinkgeld gibt, wahrscheinlich überhaupt seine einzige gute Eigenschaft."

Der Blick der Bedienung flackerte ängstlich zwischen Lozada und ihm hin und her, bis er schließlich auf Wick ruhen blieb. "Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?"

"Nein danke, Shelley, aber nett, dass Sie fragen. Ich melde mich, falls ich irgendwas brauche." Er zwinkerte ihr freundlich zu. Sie errötete noch mal und eilte davon, während er sich erneut Lozada zuwandte und fragte: "Also, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, dass wir uns so lange nicht gesehen haben. Zu schade, dass ich deine Verhandlung verpasst habe. Ich habe gehört, du hast mit deinem Anwalt eine Supershow hingelegt."

"Die Verhandlung war reine Zeitverschwendung."

"Da gebe ich dir Recht. Uneingeschränkt. Ich weiß gar nicht, warum für so einen Scheißhaufen wie dich überhaupt eine Verhandlung angesetzt wird. Wenn es nach mir ginge, könnten sie sich den ganzen Zinnober sparen und dich gleich auf den elektrischen Stuhl setzen."

"Dann kann ich mich ja glücklich schätzen, dass es nicht nach dir geht."

"Man kann nie wissen, Ricky Roy. Eines Tages ist es vielleicht so weit." Wick grinste breit, und die beiden Feinde fixierten sich mit Blicken. Schließlich meinte Wick: "Hübscher Anzug."

"Danke." Lozada musterte Wicks abgetragene Jeans, die Cowboystiefel und den Hut auf dem Tisch. "Ich kann dir die Adresse von meinem Schneider geben."

Wick lachte. "Den kann ich mir nicht leisten. Die Sachen sehen echt teuer aus. Offenbar gehen die Geschäfte gut." Er beugte sich vor und senkte die Stimme. "Hast du seit diesem Banker jemand Interessanten umgelegt? Ich würde zu gern wissen, wer dir damals den Auftrag gegeben hat. Sein Schwiegervater vielleicht? Die beiden konnten sich nicht riechen, nach allem, was man so hört. Womit hast du überhaupt gearbeitet? Einer Klaviersaite? Oder war's eine Gitarrensaite? Eine Angelschnur? Warum hast du nicht deinen guten alten Messertrick angewandt?"

"Mein Frühstück wird kalt."

"Ach, entschuldige. Ich wollte dich nicht aufhalten. Nein, ich wollte nur kurz Bescheid sagen, dass ich wieder in der Stadt bin." Wick stand auf und nahm seinen Hut. Er drehte den Stuhl herum und schob ihn wieder unter den Tisch. Dann beugte er sich so weit wie möglich über den Tisch und flüsterte Lozada ins Ohr: "Und dir versprechen, dass ich den Namen meines Bruders in deinen Arsch ritzen werde, und wenn es das letzte ist, was ich tue."

 

"Ich weiß nicht, ob das wirklich schlau war, Wick."

"Es hat einfach gut getan."

"Ich bin mir sogar sicher, dass es saublöd war." Wick hatte sich verrechnet. Oren fand die Schilderung seiner Begegnung mit Lozada überhaupt nicht komisch. Ganz und gar nicht. "Wieso denn?"

"Weil er jetzt weiß, dass wir ihn im Auge haben."

"O Mann, was für ein Schock", kommentierte Wick sarkastisch. "Als wüsste er das nicht schon längst." Er war sowieso gereizt, und Orens Tadel trug nicht dazu bei, seine Laune zu bessern. Verärgert schoss er aus seinem Stuhl hoch und marschierte auf und ab. Das Gummiband schnalzte rhythmisch gegen sein Handgelenk.

"Diesem glatzköpfigen Drecksack ist es doch egal, ob wir ihn rund um die Uhr von einer ganzen Division beschatten lassen oder nicht. Schon seit er im Geschäft ist, verarscht er die gesamte Polizei und die Staatsanwaltschaft dazu. Ich wollte ihm nur zeigen, dass ich ihn nicht vergessen habe und dass ich immer noch hinter ihm her bin."

"Ich weiß, wie du dich fühlst, Wick."

"Das glaube ich kaum."

Jetzt wurde Oren allmählich sauer, verkniff sich jedoch eine scharfe Erwiderung und blieb scheinbar ruhig. "Du solltest dich bei dieser Ermittlung nicht von persönlichen Gefühlen leiten lassen, Wick. Weder Rennie Newton noch Lozada sollen merken, dass wir sie überwachen. Wenn die beiden was mit Howells Tod zu tun haben -"

"Er vielleicht. Sie ganz bestimmt nicht."

"Ach ja? Und woher weißt du das so genau?"

Wick blieb stehen und zeigte mit dem Arm auf ihr Haus zwei Grundstücke weiter. "Wir beobachten sie jetzt seit einer ganzen beschissenen Woche. Ihr Leben besteht nur aus Arbeiten und Schlafen. Sie geht nicht aus. Sie bekommt keinen Besuch. Sie redet ausschließlich mit ihren Kollegen und Kolleginnen im Krankenhaus und mit ihren Patienten. Sie ist ein Roboter. Man braucht sie nur aufzuziehen, und sie erledigt ihren Job. Wenn ihr der Saft ausgeht, fährt sie heim und legt sich ins Bett, um die Batterien wieder aufzuladen."

Das Obergeschoss des leerstehenden Hauses war ungemütlich warm. Sie hatten den Strom angeschaltet, damit die Hausklimaanlage arbeiten konnte, doch das überalterte System war der brutalen Nachmittagshitze nicht im mindesten gewachsen.

Wick meinte zu spüren, wie der Raum um ihn herum enger wurde, und ihr zeitlicher Rahmen war mindestens so eng wie der Raum. Seine klaustrophobischen Anwandlungen zusammen mit Orens eigensinnigem Beharren auf korrektem Vorgehen, trieben ihn noch in den Wahnsinn. Die Ermittlungen traten auf der Stelle. Die Arbeit war nicht nur ermüdend, sondern vor allem langweilig.

"Dass wir sie nie zusammen gesehen haben, bedeutet nicht, dass sie nicht miteinander in Verbindung stehen können", sagte Oren. "Beide sind zu schlau, um sich gemeinsam zu zeigen. Und selbst wenn sie seit dem Mord an Howell nicht miteinander gesprochen haben, könnten sie sich trotzdem deswegen zusammengetan haben."

Erschöpft und resigniert ließ sich Wick auf seinen Stuhl fallen. Verdammt, Oren hatte Recht. Natürlich hätte Dr. Newton den Auftrag, ihren Kollegen auszuschalten, erteilt, ehe die Polizei Verdacht geschöpft hatte und sie beschatten ließ. Dazu hätte sie nur einmal telefonieren müssen. "Habt ihr schon ihren Verbindungsnachweis überprüft?"

"Darauf waren nur Telefonnummern, die sie sonst auch regelmäßig anruft. Andererseits würde sie wohl kaum ihr eigenes Telefon benutzen, um einen Mord in Auftrag zu geben." Oren setzte sich ihm gegenüber. "Okay, hören wir auf, um den heißen Brei herumzureden. Raus mit der Sprache. Was macht dir so zu schaffen?"

Wick schüttelte die Haare zurück, hielt sie ein paar Sekunden mit der Hand aus der Stirn und ließ dann wieder die Hände in den Schoß fallen. "Keine Ahnung. Eigentlich überhaupt nichts."

Oren bedachte ihn mit einem väterlichen Mir-kannst-du-nichts-erzählen-Blick. "Ich komme mir vor wie ein gottverdammter Voyeur."

"Du hast noch nie Skrupel gehabt, jemanden zu observieren. Wieso diesmal?"

"Ich bin außer Übung."

"Möglich. Und sonst? Fehlt dir der Strand? Das Salz in der Luft?"

"Wahrscheinlich."

"Vergiss es. Das ist mehr als nur Heimweh nach deinem schicken Strandbungalow unten in Galveston. Du siehst aus, als würdest du dir gleich die Haut von den Wangen kratzen. Du bist zappelig, du bist nervös. Was ist los mit dir? Ist es, weil wir es mit Lozada zu tun haben?"

"Reicht das denn nicht?"

"Sag du es mir."

Wick kaute auf der Innenseite seiner Wange herum und antwortete nach einigen Sekunden: "Es ist Thigpen. Dieser perverse Sack."

Oren lachte. "Und er hält so große Stücke auf dich."

"Na klar."

"Stimmt. Er hält dich für einen Vollidioten."

"Wenigstens stinke ich nicht. Das ganze Haus stinkt nach diesen Drecks-Zwiebelsandwiches, die er von daheim mitbringt. Der Gestank schlägt dir entgegen, sobald du unten die Tür aufmachst. Außerdem schwitzt er in der Arschritze."

Oren prustete los. "Was?"

"Ganz recht. Sind dir noch nie die Schweißflecken auf seiner Hose aufgefallen? Ekelhaft. Genau wie die hier." Wieder flog er aus seinem Stuhl wie ein aus der Kanone geschossener Zirkusartist. Mit drei Schritten hatte er den Raum durchquert und riss die Fotos von Thigpens "Galerie" herunter.

Bild für Bild wurde zusammengeknüllt und landete auf dem Boden. "Wie pubertär kann ein Mann eigentlich sein? Er führt sich auf wie ein verklemmter Teenager. Er ist gemein und behämmert und..." Oren beobachtete ihn, die Stirn nachdenklich gerunzelt. "Scheiße", endete er abrupt und kehrte auf seinen Stuhl zurück.

Wick versank in mürrisches Schweigen und starrte aus dem Fenster auf Rennies Haus. Vorhin war sie Joggen gegangen. Sobald sie auf dem Bürgersteig losgelaufen war, war Oren nach unten geflitzt und ihr mit dem Auto in diskretem Abstand gefolgt.

Nach einer halben Stunde war sie schwer atmend und verschwitzt zurückgekehrt. Oren zufolge hatte sie nichts getan außer Laufen. "Die Lady ist fit", hatte er festgestellt.

Seitdem war sie nicht mehr aus dem Haus gegangen. Weil sich die Sonne in den Fensterscheiben spiegelte, konnten sie nur ab und zu eine schattenhafte Bewegung im Haus ausmachen. Und kurz nach Einbruch der Dunkelheit hatte sie alle Jalousien heruntergelassen.

Wick seufzte. "Na schön, vielleicht hätte ich Lozada tatsächlich in Ruhe lassen sollen. Aber das ist wohl kaum eine Katastrophe. Er hat gewusst, dass ich ihm eines Tages auf die Pelle rücken würde. Schließlich habe ich es ihm geschworen."

Oren sinnierte wieder mehrere Sekunden lang und sagte dann: "Ich glaube, er hat Howell getötet."

"Ich auch."

Sobald der Bericht fertig gewesen war, hatte er ihn gelesen. Die Spurensicherung hatte alles abgegrast, doch der Tatort war steril wie der Operationssaal des Ermordeten gewesen. Sie hatten keinen einzigen Hinweis gefunden, der es gerechtfertigt hätte, Lozadas Wohnung oder Auto zu durchsuchen, und selbst wenn, hätten sie auch dort nichts gefunden, was ihn mit dem Verbrechen in Verbindung brachte. Das wussten sie aus Erfahrung.

"Er ist ein beschissenes Phantom", sagte Wick. "Er hinterlässt nicht eine einzige Spur. Gar nichts. Er bewegt sich, ohne dass man auch nur einen Luftzug spüren würde."

"Wir werden ihn kriegen, Wick."

Er nickte knapp.

"Aber streng nach Vorschrift."

Wick sah Oren an. "Na los, sag's schon."

"Was denn?"

"Das weißt du selbst. Was du gerade denkst."

"Denk du nicht für mich, okay?"

"Du denkst, wenn ich mich damals streng an die Vorschrift gehalten hätte, hättest du ihn schon vor drei Jahren drangekriegt. Für Joe."

Daran war nicht zu rütteln, doch Oren war ein zu guter Freund, um das auszusprechen. Stattdessen lächelte er traurig. "Ich vermisse ihn immer noch."

"Ja." Wick beugte sich vor und setzte die Ellbogen auf die Knie. Dann fuhr er sich mit den Händen übers Gesicht. "Ich auch."

"Weißt du noch - damals, als du gerade von der Academy kamst? Noch feucht hinter den Ohren. Joe und ich waren gerade dabei, den illegalen Spielsalon auf dem Jacksboro Highway zu observieren. Die kälteste Nacht des Jahres, wir haben uns die Eier abgefroren. Du wolltest uns was Gutes tun und uns mit einer Pizza überraschen."

Wick übernahm die Geschichte. "Ich kam im Streifenwagen angefahren, damit ihr auch wirklich auffallt. Joe wusste nicht, ob er mich grün und blau prügeln sollte, weil ich euch habe auffliegen lassen oder ob er lieber die Pizza verputzen sollte, bevor sie kalt wurde." Er schüttelte wehmütig den Kopf. "Das kriege ich heute noch von allen aufs Brot geschmiert."

Joe und Oren waren gemeinsam auf der Police Academy gewesen und kurz nach dem Abschluss Partner geworden. Joe war bei Oren gewesen, als seine beiden Töchter zur Welt gekommen waren. Er hatte mit Oren die bangen Stunden durchgestanden, während die Zyste in Graces Brust untersucht worden war. Er war mit ihm nach Florida gefahren, um seiner Mutter das letzte Geleit zu geben. Oren hatte mit Joe zusammen geweint, als die Frau, die er liebte, die Verlobung gelöst und ihm damit das Herz gebrochen hatte.

Sie hatten einander zutiefst vertraut und sich gegenseitig ihr Leben anvertraut. Das Band der Freundschaft zwischen ihnen war fast so stark wie das Band zwischen den Brüdern Wick und Joe.

Als Joe ermordet wurde, hatte Oren erst die Rolle von Wicks älterem Bruder und später die seines Partners übernommen, doch beiden war klar, dass keiner von beiden je die Lücke füllen konnte, die Joe hinterlassen hatte.

Fast eine volle Minute lang blieb es still im Raum, ehe sich Oren auf die Schenkel klatschte und aufstand. "Wenn es dir nichts ausmacht, mach ich mich vom Acker."

"Schon okay. Sag Grace danke für den Schinken und den Kartoffelsalat. Eine willkommene Abwechslung nach all den miesen Sandwiches. Und umarm die Mädchen von mir."

"Tut mir Leid, dass du deinen Samstagabend in diesem Loch verbringen musst."

"Kein Problem. Ich -" Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er schaute auf die Uhr. "Was für ein Datum haben wir heute?"

"Äh, den Elften, warum?"

"Nur so. Ich bin einfach aus dem Takt gekommen. Und jetzt mach los. Ich möchte nicht, dass Grace sauer auf dich ist."

"Bis morgen dann."

"Yeah, bis dann." Wick ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und verschränkte die Hände auf dem Kopf, um möglichst locker und gelangweilt auszusehen.

Er wartete ab, bis Orens Wagen weggefahren war, dann schnappte er seine Wagenschlüssel und folgte seinem Partner nach draußen. Er kletterte in seinen Pick-up und fuhr an Rennies Haus vorbei. Nichts von ihr zu sehen. Nichts, was darauf hindeutete, was sie heute Abend vorhatte. Und wenn er sich irrte? Falls Lozada sie wieder Erwarten heute Abend besuchte, würde ihn Oren morgen früh teeren und federn und ihn einen Kopf kürzer machen.

Er würde einfach darauf setzen müssen, dass er richtig lag.

Er schaffte es drei Minuten vor der Zeit zur Kirche. Im Laufschritt eilte er vom Parkplatz ins Gotteshaus und plumpste gerade noch in die letzte Bank, ehe die Kirchturmuhr sieben Mal schlug.

Nachdem er seinen Beobachtungsposten verlassen hatte, war er wie ein Irrer ins nächste Einkaufszentrum gerast und dort ins erstbeste Kaufhaus gesprintet, wo er sich einem Herrenausstatter zu Füßen geworfen hatte, der bereits das Ende eines langen Samstagnachmittags herbeisehnte.

"Erst vor einer halben Stunde ist es mir wieder eingefallen", hatte Wick außer Atem erklärt. "Ich sitze ganz friedlich im Stadion, schau den Rangers zu und freu mich an meinem kühlen Bier und meinem Hot-dog mit Chili, als es mich trifft wie ein Schwinger in den Magen." Er klatschte sich mit der flachen Hand vor die Stirn. "Also bin ich sofort los, und wissen Sie was? Ausgerechnet heute lagen die Rangers vorn!"

Bis dahin hatte seine kunstvolle Schilderung dem Herrenausstatter lediglich ein gelangweiltes Schniefen entlocken können. Also musste er weiter ausholen. "Meine Mutter wird es mir nie verzeihen, wenn ich da nicht auftauche. Sie hat sich letzten Donnerstag den Rücken verhoben. Seither wirft sie Schmerztabletten ein und nölt mir die Ohren voll, weil sie nicht hingehen kann. Und mir mit meiner großen Klappe fällt nichts Besseres ein als zu sagen: ,Mach dir keinen Kopf, Mom. Wenn du nicht hin kannst, gehe ich eben.' Und dieses Versprechen möchte ich keinesfalls brechen."

"Wann soll es denn stattfinden?"

Aha! Eine Mom hatte jeder. "In einer Stunde."

"Hmm. Ich weiß nicht recht. Sie sind ziemlich groß. Wir haben nicht viel Auswahl in Übergrößen."

Wick zückte seine Kreditkarte und einen Fünfzigdollarschein dazu. "Ich wette den hier, dass Sie trotzdem was finden."

"Eine Herausforderung", verkündete der Herrenausstatter und steckte den Fünfziger ein. "Aber kein Ding der Unmöglichkeit."

Unterstützt von einem Schneider, der in einer unverständlichen Sprache Verwünschungen ausstieß, während er die benötigten Änderungen absteckte, staffierte er Wick aus, ein hellblaues Hemd mit passender Krawatte eingeschlossen.

"Uni ist wieder in." Offenbar war der Herrenausstatter zu dem gleichen Schluss gekommen wie Lozada - nämlich, dass Wick dringend modische Beratung brauchte.

Während der Saum der Anzughose herausgelassen und das Jackett in der Taille enger gefasst wurde, ging Wick hinaus in die Passage und ließ seine Schuhe putzen. Zum Glück hatte er heute die schwarzen Stiefel aus Straußenleder angezogen. Danach verschwand er in einer Toilette, feuchtete seine Haare an und kämmte sie mit den Fingern zurück. Für einen Friseurbesuch blieb keine Zeit mehr.

Als er jetzt in die Bank rutschte, sah ihm garantiert niemand an, dass er nicht einmal sechzig Minuten gebraucht hatte, um sich dem Anlass entsprechend auszustatten.

Die Zeremonie begann mit dem Einzug der beiden Mütter. Danach folgten die Brautjungfern in apricotfarbenen Kleidern. Und dann erhoben sich alle für den pompösen Einzug der Braut.

Wick nutzte seine stattliche Größe, um so viele Gesichter wie möglich abzusuchen. Er war schon fast überzeugt, dass er ganz umsonst so viel auf sich genommen und ausgegeben hatte, als er sie ein paar Bänke weiter vom entdeckte. Soweit er feststellen konnte, war sie allein gekommen.

Die ganze Zeremonie über starrte er auf ihren Hinterkopf. Als der Gottesdienst vorüber war, behielt er sie im Blick, bis alle Gäste aus der Kirche getreten waren und zu ihren Autos gingen, um zum Country Club zu fahren. Zu seiner Erleichterung reihte sich ihr Jeep in die Prozession ein.

Die Einladung zur Hochzeit hatte in ihrer geöffneten Post gelegen, als er ihr Haus durchkämmt hatte. Er hatte sie gelesen und sich Tag, Zeit und Ort eingeprägt, weil sich solche Informationen als praktisch erweisen konnten. Als Oren erwähnt hatte, dass heute Samstag war, hatte sein Gedächtnis Alarm geschlagen. Er hatte einfach gehofft, dass Rennie zu dieser Hochzeit gehen würde, und spontan beschlossen, sie aus nächster Nähe statt immer nur von weitem und durch ein Fernglas zu beschatten.

Als er im Country Club eintraf, entschied er, seinen Wagen lieber selbst zu parken und die Schlüssel einzustecken, statt den Pick-up an einen der Jungs vom Parkservice zu übergeben. Das ging schneller, und er wollte möglichst vor Rennie im Club sein. Der Herrenausstatter hatte während der Anprobe in der Abteilung für Hochzeitsbedarf angerufen und ihm ein Geschenk einpacken lassen. Das trug er jetzt unter dem Arm und stellte es auf dem mit weißem Leinen gedeckten Tisch ab.

Eine hübsche junge Frau stand neben dem Gästebuch. "Bitte tragen Sie sich noch ein."

"Das hat schon meine Frau erledigt."

"Okay. Viel Spaß dann. Bar und Büffet sind bereits eröffnet."

"Super." Und das meinte er ernst. Er hatte schon befürchtet, es gäbe eine feste Tischordnung, für die er keine Platzkarte hatte, sodass er wieder verschwinden musste.

Allerdings ging er weder in die Bar noch ans Büffet. Stattdessen bezog er Posten an der Wand und versuchte, so harmlos wie möglich zu wirken. Er sah Rennie, sobald sie den Ballsaal betrat, und ließ sie während der nächsten Stunde nicht mehr aus den Augen.

Sie plauderte mit allen, die sie ansprachen, doch meistens blieb sie für sich allein und machte eher den Eindruck, einer stillen Beobachterin als einer Feiernden. Sie tanzte nicht, nahm nur ab und zu eine Kleinigkeit vom Büffet, lehnte das angebotene Stück Hochzeitstorte und den Champagner ab und griff stattdessen lieber zu einem Glas mit einer klaren eisgekühlten Flüssigkeit und einer Zitronenscheibe.

Langsam arbeitete sich Wick an sie heran, wobei er sich stets am Rande der Gästeschar hielt und die wichtigsten Gäste mied, damit keiner davon auf ihn zukommen und ihn fragen konnte, ob er von Braut oder Bräutigam eingeladen worden war.

Als Rennie eine Unterhaltung mit einem Pärchen abschloss und sich unter dem Versprechen eines baldigen gemeinsamen Abendessens von ihnen löste, sah Wick seine Gelegenheit gekommen.

Er trat ihr in den Weg, sie stieß mit ihm zusammen.

Sofort fuhr sie herum und sagte: "Oh, das tut mir aber Leid. Bitte entschuldigen Sie."

 

8

"Ist ja nichts passiert." Wick lächelte und nickte zu ihrer Hand hin. "Nass sind nur Sie geworden. Sie gestatten?"

Er nahm ihr das Glas aus der Hand und winkte einen Ober herbei, der nicht nur ihr Glas wegbrachte, sondern sie auch mit Servietten versorgte, mit denen sie ihre Hände abtrocknen konnte. "Vielen Dank", sagte sie zu Wick, als der Ober wieder verschwunden war.

"Gern geschehen. Kann ich Ihnen ein neues Glas holen?"

"Es geht schon, wirklich."

"Meine Mom wird mich enterben, wenn ich Ihnen nichts zu trinken bringe." Schon wieder Mom. "Außerdem wollte ich mir gerade selbst was holen. Bitte." Er deutete in Richtung Bar.

Sie zögerte und nickte dann bedächtig. "Na schön. Vielen Dank."

Er steuerte die Bar an und sagte, als sie dort angekommen waren, zum Barkeeper: "Zwei Gläser von dem, was die Lady trinkt."

"Eiswasser mit Zitrone bitte", erklärte sie dem jungen Mann. Dann sah sie zu Wick auf, der wehmütig lächelnd an seinem Ohrläppchen zupfte.

"Und ich dachte, sei schlau und lass sie für dich bestellen."

"Sie können die Bestellung noch abändern."

"Nein, nein, Eiswasser ist genau das, was ich wollte. Groß, kühl und erfrischend. Hochzeiten im August machen verflucht durstig." Der Barkeeper schob ihm die beiden Gläser zu. Wick gab eines davon an sie weiter und stieß mit ihr an. "Trinken Sie lieber langsam, sonst steigt es Ihnen zu Kopf."

"Ich passe schon auf. Vielen Dank noch mal."

Sie trat beiseite, damit die anderen Gäste an die Bar konnten. Wick tat so, als hätte er das Wort Abfuhr noch nie gehört und blieb eisern an ihrer Seite. "Ich kann einfach nicht begreifen, warum die Leute nicht im Januar oder Februar heiraten."

Sie sah ihn völlig verständnislos an. Er konnte nicht sagen, ob sie seine Hartnäckigkeit überraschte oder ob die scheinbar zusammenhanglose Frage sie verwirrte.

"Ich meine", beeilte er sich zu sagen, "warum heiraten so viele Paare mitten im Sommer, wo es so verflucht heiß ist?"

"Ich weiß nicht. Tradition?"

"Vielleicht."

"Oder weil es praktisch ist. Es sind die Ferienmonate. Das macht es den Gästen von außerhalb leichter zu kommen."

"So wie Ihnen?"

"Von außerhalb?" Sie zögerte nicht lang, aber doch spürbar. "Nein, ich wohne hier."

Obwohl sie das absolut nicht zu interessieren schien, erzählte er ihr, dass er ebenfalls in Fort Worth lebe. "Sind Sie von der Seite der Braut oder des Bräutigams?"

"Der Vater des Bräutigams ist ein Kollege von mir."

"Meine Mutter ist eine Cousine zweiten Grades der Brautmutter", log er. "Glaube ich wenigstens. Mom konnte nicht selbst kommen, aber sie meinte, jemand aus unserem Zweig der Familie sollte sich blicken lassen... Sie wissen ja, wie das ist."

Wieder versuchte sie ihn abzuwimmeln. "Dann viel Spaß noch. Und noch mal vielen Dank für das Eiswasser."

"Ich heiße Wick Threadgill."

Sie starrte mehrere Sekunden verständnislos auf seine ausgestreckte Rechte, bis er zu fürchten begann, sie würde ihn einfach so stehen lassen. Doch dann ergriff sie seine Hand und drückte sie kraftvoll, wenn auch nur eine Sekunde, bevor sie ihre Finger wieder zurückzog. Ihm blieb gerade Zeit genug, um festzustellen, dass ihre Hand kälter war als seine, wahrscheinlich weil sie das Wasserglas so fest umklammert hielt, seit er es ihr an der Bar überreicht hatte.

Textauszug aus
Sandra Brown: Crush [Gier]

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