Leseprobe aus Sandra Brown: Die Zeugin

Sandra Brown - Die Zeugin

Raffe mich nicht hin mit den Gottlosen
und mit den Übeltätern,
die freundlich reden mit ihrem Nächsten
und haben Böses im Herzen.
Psalm 28.3

 

Prolog

Der Säugling nuckelte an der Brust seiner Mutter.

"Er strahlt wirklich Lebensfreude aus", meinte die Schwester. "Irgendwie sieht man es einem Baby einfach an, ob es zufrieden ist oder nicht. Ich meine, das hier ist es."

Kendall konnte sich nur ein schwaches Lächeln abringen. Sie brachte kaum einen zusammenhängenden Gedanken zustande, von einer richtigen Unterhaltung ganz zu schweigen. Immer noch versuchte sie, die Erkenntnis zu verdauen, daß sie und ihr Kind den Unfall überlebt hatten.

Ein dünner gelber Vorhang schirmte im Untersuchungszimmer der Krankenhaus-Notaufnahme die Patienten notdürftig vom Gang ab. Neben den weißen Metallkästen mit den Verbänden, Spritzen und Schienen befand sich ein Edelstahlwaschbecken. Kendall saß auf dem gepolsterten Untersuchungstisch in der Mitte der Kabine und wiegte ihren Sohn in den Armen.

"Wie alt ist er?" fragte die Krankenschwester.

"Drei Monate."

"Erst drei Monate? Das ist aber ein kräftiges Kerlchen!"

"Er macht sich prächtig."

"Wie heißt er noch mal?"

"Kevin."

Die Krankenschwester lächelte die beiden an und schüttelte dann staunend und voller Ehrfurcht den Kopf. "Ein Wunder, dass Ihnen nichts passiert ist. Eine schreckliche Situation, meine Liebe. Sind Sie nicht durchgedreht vor Angst?"

Der Unfall war zu schnell passiert, als daß Kendall dem Geschehen hätte folgen können. Es hatte so gegossen, daß der Wagen praktisch schon aufgeprallt war, ehe man den umgestürzten Baum gesehen hatte. Viel zu spät hatte die Beifahrerin auf dem Vordersitz aufgeschrien, der Fahrer das Steuer herumgerissen und die Bremse durchgetreten.

Sowie die Reifen den Halt auf dem nassen Pflaster verloren, begann sich der Wagen um 180 Grad zu drehen, wurde erst von der Straße und dann über das weiche, schmale Bankett geschleudert, um schließlich die viel zu schwache Leitplanke niederzureißen. Alles nahm seinen unabänderlichen Lauf.

Kendall hörte wieder den Lärm, mit dem der Wagen die überwucherte Böschung hinunterstürzte. Äste kratzten die Lackierung auf, schälten die Gummileisten ab und schlugen die Radkappen weg. Die Fenster barsten. Felsen und Baumstümpfe verbeulten die Karosserie. Merkwürdigerweise gab im Wagen niemand einen Laut von sich. Wahrscheinlich hatte das Entsetzen ihnen die Sprache verschlagen.

Obwohl sie den unvermeidlichen letzten Aufprall lange kommen sah, überraschte es sie, mit welcher Wucht der Wagen bei seinem Absturz auf die massive Fichte prallte.

Dem Gesetz der Schwerkraft folgend, hoben sich die Hinterräder steil an. Als das Fahrzeug endgültig zu Boden krachte, schlug es dumpf und massig wie ein tödlich verwundeter Büffel auf und gab dann einen pfeifenden Todesseufzer von sich.

Kendall hatte mit angelegtem Dreipunktgurt hinten gesessen und überlebt. Obwohl der Wagen obendrein gefährlich schief an dem abschüssigen Hang klemmte, schaffte sie es, mit Kevin in den Armen aus dem Wrack zu klettern.

"Das Gelände da draußen ist ziemlich unwegsam", bemerkte die Krankenschwester. "Wie, um alles in der Welt, sind Sie aus dieser Schlucht rausgekommen?"

Das war nicht leicht gewesen.

Sie hatte gewußt, daß es schwierig werden würde, sich zur Straße hochzuhangeln, aber hatte unterschätzt, wieviel Kraft sie der Aufstieg kosten würde. Kevin in ihren Armen zu halten, hatte das Ganze doppelt erschwert.

Das Gelände schenkte ihr nichts, das böswillige Wetter genausowenig. Der Boden war nur noch schlammiger Morast. Darüber breitete sich ein verfilzter Pflanzenteppich, durch den sich immer wieder scharfkantige Felsen bohrten. Der Regen peitschte fast waagerecht durch die Luft und hatte sie in wenigen Minuten bis auf die Haut durchnäßt.

Noch bevor sie ein Drittel des Weges geschafft hatte, begannen die Muskeln in Armen, Beinen und im Rücken zu ermatten und vor Überanstrengung zu brennen. Die ungeschützte Haut wurde durchbohrt, zerkratzt, aufgerissen, blaugeschlagen, wundgepeitscht. Mehr als einmal meinte sie, es nie zu schaffen, und hätte am liebsten aufgegeben, um sich hinzulegen und zu schlafen, bis die Natur ihr Leben und das ihres Kindes forderte.

Aber der Überlebensinstinkt war stärker als diese verlockende Unterwerfung, deshalb kämpfte sie weiter. Schlingpflanzen und Felsen als Halt und Fußstützen nutzend, zog sie sich hoch, bis sie endlich die Straße erreichte, wo sie in der Hoffnung auf Hilfe dahinwankte.

Sie war am Rande des Deliriums, als sich zwei Scheinwerfer durch den Regenschleier bohrten. Erleichterung und Erschöpfung überwältigten sie. Statt dem Auto entgegenzulaufen, sank sie auf dem Mittelstreifen der schmalen Landstraße zusammen und wartete darauf, daß das Auto vor ihr hielt.

Ihre Retterin war eine schwatzhafte Frau unterwegs zu einer Mittwochabendpredigt. Sie setzte Kendall beim nächstbesten Haus ab und meldete den Unfall. Zu ihrem Erstaunen erfuhr Kendall später, daß sie nur eine Meile von der Unfallstelle entfernt gewesen war, als die Frau sie aufgelesen hatte. Ihr war es eher wie zehn vorgekommen.

Ein Krankenwagen brachte sie und Kevin ins nächste Ortskrankenhaus, wo man sie gründlich untersuchte. Kevin war unverletzt. Sie hatte ihn gerade gestillt, als der Wagen über den Abhang geschossen war. Instinktiv hatte Kendall ihn an ihre Brust gepreßt und sich vorgebeugt, ehe der Schultergurt einrastete und sie zurückhielt. Ihr Körper hatte ihn geschützt.

Zahllose Schnitte und Kratzer schmerzten sie zwar, waren aber harmlos. Die Glassplitter wurden ihr einzeln aus den Armen gezogen, ein unangenehmer und zeitaufwendiger Vorgang, der aber nicht der Rede wert war, wenn man bedachte, was ihr alles hätte zustoßen können. Ihre Wunden wurden desinfiziert; das angebotene Schmerzmittel lehnte sie ab, weil sie ihr Kind noch stillte.

Außerdem mußte sie sich jetzt, nachdem sie gerettet und ihre Wunden versorgt waren, einen Fluchtplan zurechtlegen. Beruhigungsmittel würden sie am Nachdenken hindern. Sie brauchte einen klaren Kopf, um ihr erneutes Verschwinden zu planen.

"Ist es okay, wenn der Hilfssheriff jetzt reinkommt?"

"Sheriff?" wiederholte Kendall. Die Frage der Krankenschwester riß sie aus ihren Gedanken.

"Er möchte schon mit Ihnen reden, seit man Sie hergebracht hat, um den offiziellen Kram mit Ihnen zu klären."

"Ach so. Natürlich, soll ruhig reinkommen!"

Kevin hatte sich sattgetrunken und schlief friedlich. Kendall zog das Krankenhaushemd zu, das man ihr gegeben hatte, nachdem man ihr die nassen, schmutzigen, blutigen Sachen ausgezogen und sie eine heiße Dusche genommen hatte.

Auf ein Zeichen der Krankenschwester hin trat der örtliche Gesetzeshüter mit einem Begrüßungsnicken durch den Vorhang.

"Wie geht' s Ihnen, Madam? Alles okay?" Er nahm höflich die Mütze ab und sah sie ernst an.

"Es ist alles in Ordnung, glaube ich." Sie räusperte sich und versuchte überzeugender zu klingen. "Wir sind wohlauf."

"Ich schätze, Sie haben ganz schön Glück gehabt, am Leben und heil und ganz zu sein, Madam."

"Da gebe ich Ihnen recht."

"Der Unfallhergang ist völlig klar, mit dem umgestürzten Baum mitten auf der Straße und so weiter. Der Blitz hat ihn erwischt und genau über der Wurzel gefällt. Hier gießt' s schon seit Tagen, der Regen hört wohl nie mehr auf. Alles ist überflutet. Wundert mich nicht, daß der Bingham Creek Ihren Wagen gleich fortgerissen hat."

Von dem verbeulten Auto waren es nicht mal mehr als zehn Meter bis zum Fluß gewesen. Nachdem sie aus dem Wrack gekrochen war, hatte sie sich in den Schlamm gehockt und den Fluß ängstlich und fasziniert zugleich angestarrt. Das schlammige Wasser reichte hoch über die Uferlinie und riß Treibgut aller Art mit sich. Es zerrte an den Bäumen, die das normalerweise liebliche Ufer säumten.

Sie schauderte bei dem Gedanken, was geschehen wäre, wenn ihr Wagen sofort nach dem Aufprall auf den Baum noch ein paar Meter weiter geschlittert wäre. Entsetzt mußte sie mitansehen, wie er nach einer Weile abwärts rutschte und von dem tosenden Fluß verschlungen wurde. Er schwamm kurz auf den Wellen und trieb schaukelnd in die Mitte der reißenden Fluten, ehe er plötzlich nach vorn abtauchte. Sekunden später war nur noch eine weißschäumende Oberfläche zu erblicken. Abgesehen von den Kerben auf dem Stamm der umgestürzten Fichte und den tiefen, parallelen Furchen, die die Reifen gepflügt hatten, hatte der Unfall keine Spuren in der Landschaft hinterlassen.

"Ein Wunder, daß Sie' s alle noch rausgeschafft haben und keiner ertrunken ist", sagte der Deputy soeben.

"Nicht alle", korrigierte ihn Kendall mit rauher Stimme. "Auf dem Beifahrersitz saß noch jemand. Sie ist mit dem Wagen untergegangen."

Die Erwähnung eines Unfallopfers nahm der unumgänglichen Befragung des Deputys plötzlich jede Routine. Er zog die Stirn in Falten. "Wie? Eine Beifahrerin?"

Kendalls Selbstbeherrschung fiel in sich zusammen, und sie begann in einer verzögerten Reaktion auf das entsetzliche Erlebnis zu weinen. "Es tut mir leid."

Die Schwester reichte ihr eine Schachtel Kleenex und drückte ihr die Schulter. "Schon in Ordnung, Schätzchen. Wer so tapfer war, darf weinen, soviel er will."

"Wir wußten nicht, daß außer Ihnen, Ihrem Baby und dem Fahrer noch jemand im Auto war", erklärte der Deputy aus Rücksicht auf ihre emotionale Verfassung leise.

Kendall schneuzte sich. "Sie saß auf dem Beifahrersitz und war schon tot, als der Wagen unterging. Wahrscheinlich ist sie gleich beim Aufprall gestorben."

Nachdem sie Kevin auf mögliche Verletzungen untersucht und gemerkt hatte, wie schnell der Fluß stieg, hatte sich Kendall verzagt und mit einer instinktiven Ahnung, was sie dort erwarten würde, zur Beifahrerseite vorgearbeitet. Diese Seite war mit voller Wucht aufgeprallt, die Tür eingedellt und die Scheibe herausgeschlagen.

Kendall erkannte auf den ersten Blick, daß die Frau auf dem Sitz tot war. Ihr früher hübsches Gesicht war eine unkenntliche Masse aus zersplitterten Gesichtsknochen und zerrissenem Gewebe. Das Armaturenbrett und ein Wirrwarr von Motorteilen hatten sich in ihre Brust gebohrt. Der Kopf baumelte wie losgerissen auf ihrer Brust.

Ohne sich von dem Blut und Schleim abschrecken zu lassen, der alles überzog, langte Kendall durch das Fenster und legte ihre Finger in der Nähe der Schlagader auf den Hals. Sie spürte keinen Puls.

"Ich wollte erst versuchen, uns andere zu retten", setzte sie dem Deputy auseinander, nachdem sie ihm die Szene beschrieben hatte. "Ich wünschte, ich hätte sie noch rausholen können, aber ich wußte ja, daß sie schon tot war, deshalb ..."

"Unter den gegebenen Umständen haben Sie völlig korrekt gehandelt, Madam. Sie haben die Lebenden gerettet. An Ihrer Entscheidung ist nichts auszusetzen." Er machte eine Kopfbewegung zu dem schlafenden Baby hin. "Sie haben wesentlich mehr getan, als irgendwer von Ihnen verlangen konnte. Wie haben Sie den Fahrer rausgeholt?"

Nachdem sie festgestellt hatte, daß die Frau tot war, hatte Kendall Kevin auf der Erde abgelegt und sein Gesicht mit einem Zipfel seiner Decke zugedeckt. So lag er zwar unbequem, war aber fürs erste in Sicherheit. Dann stolperte sie zur anderen Wagenseite. Der Kopf des Fahrers hing über dem Lenkrad. Kendall nahm all ihren Mut zusammen, sprach ihn an und berührte ihn an der Schulter.

Ihr stand noch vor Augen, wie sie ihn sacht gerüttelt hatte und wie erschrocken sie war, als er daraufhin in den Sitz zurückfiel. Sie zuckte zusammen, als Blut aus seinem schlaffen Mundwinkel sickerte. Über seiner rechten Schläfe klaffte ein tiefer Schnitt; im übrigen sah sie keine Verletzungen. Seine Augen waren geschlossen, und die Lider bewegten sich nicht, daher konnte sie nicht erkennen, ob er tot war. Sie faßte in den Wagen und legte die Hand auf seine Brust.

Sein Herz schlug noch.

Dann ruckte der Wagen ohne Vorwarnung über den unebenen Boden, rutschte ein paar Meter abwärts und schleifte sie dabei mit. Ihr Arm war immer noch im Wagen und wurde dabei fast ausgerenkt.

Das Auto kam allmählich und schwankend zum Halten, doch sie wußte, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis es von dem reißenden Wasser verschlungen würde, das schon an die Reifen schlug. Der schwere, feuchte Boden gab bereits unter dem Gewicht des Fahrzeugs nach. Ihr blieb keine Zeit, die Lage zu analysieren oder eventuelle Alternativen abzuwägen oder in Betracht zu ziehen, wie gern sie ihn losgeworden wäre.

Sie hatte allen Grund, ihn zu fürchten und zu hassen. Aber sie wollte nicht, daß er starb. Bestimmt nicht. Ein Leben, jedes Leben, verdiente, gerettet zu werden.

Und so begann sie, befeuert von einem ungeheuren Adrenalinschub, mit bloßen Händen den Schlamm wegzuschaufeln und die widerspenstigen Schlingpflanzen auszureißen, die sie daran hinderten, die Fahrertür zu öffnen. Als es ihr schließlich gelang, sie aufzuzerren, sank im selben Moment sein Leib in ihre offenen Arme. Sein blutiger Kopf fiel auf ihre Schulter. Unter dem leblosen Körper sackte sie in die Knie.

Sie schlang die Arme um seine Brust und rückte ihn vom Lenkrad weg. Es war ein Kampf. Mehrmals verlor sie den Halt in dem glitschigen Schlamm und landete schmerzhaft auf dem Hinterteil. Aber jedesmal rappelte sie sich wieder hoch, bohrte die Hacken in den Boden und zerrte ihn mit aller Gewalt weiter aus dem Wrack. Seine Füße polterten gerade über das Trittbrett als der Wagen sich aus seiner labilen Verankerung löste und in den Fluß rutschte.

Kendall schilderte die Ereignisse wahrheitsgetreu, allerdings ohne ihre Gedanken dabei zu offenbaren. Als sie zum Schluß kam, hatte der Deputy quasi Habachtstellung eingenommen, als wolle er vor ihr salutieren. "Madam, dafür kriegen Sie wahrscheinlich 'nen Orden oder so."

"Das bezweifle ich entschieden", murmelte sie.

Er zog ein kleines Spiralnotizbuch und einen Kugelschreiber aus seiner Hemdtasche. "Name?"

Sie gab vor, ihn nicht zu verstehen, um Zeit zu gewinnen.

"Verzeihung?"

"Ihr Name?"

Die Angestellten des kleinen Krankenhauses hatten sie freundlicherweise aufgenommen, ohne sie lange mit Formularen oder Fragebögen zu behelligen. In einem Großstadtkrankenhaus wäre eine so vertrauensselige, formlose Aufnahme unvorstellbar gewesen. Aber hier auf dem Land, in Georgia, legte man noch größeren Wert auf Mitgefühl als auf das Einsammeln von Versicherungsnachweisen.

Jetzt allerdings wurde Kendall vollkommen unvorbereitet und unnachsichtig mit der Wirklichkeit konfrontiert. Sie hatte sich noch nicht überlegt, was zu tun war, wieviel sie verraten und wie es weitergehen sollte.

Sie hatte keine Skrupel, die Wahrheit ein bisschen zurechtzubiegen. Das tat sie schon, seit sie denken konnte. Und zwar oft. Aber die Polizei anzulügen, war kein Kinderspiel. So weit war sie noch nie gegangen.

Sie rieb sich die Schläfen und überlegte, ob sie sich nicht doch ein Schmerzmittel geben lassen sollte, um das Dröhnen in ihrem Kopf zu dämpfen. "Mein Name?" wiederholte sie ausweichend, während sie insgeheim um eine brillante Eingebung flehte.

"Oder der Name der Toten?"

"Fangen wir mit Ihrem Namen an."

Sie hielt eine Sekunde den Atem an, dann sagte sie leise: "Kendall."

"K-e-n-d-a-l-l? Ist das so richtig?" fragte er, während er den Namen in sein Notizbuch schrieb.

Sie nickte.

"Also, Mrs. Kendall. Hieß die Verstorbene auch so?"

"Nein, Kendall ist . . ."

Bevor sie den Deputy über seinen Irrtum aufklären konnte, wurde der Vorhang so energisch zur Seite gerissen, daß die Metallringe auf der ungeölten Schiene kreischten. Der diensttuende Arzt marschierte herein.

Kendalls Herz setzte einen Schlag lang aus. Ängstlich hauchte sie: "Wie geht es ihm?"

Der Arzt grinste. "Er lebt, und das hat er Ihnen zu verdanken."

"Ist er schon wieder bei Bewußtsein? Hat er irgendwas von sich gegeben? Was hat er Ihnen gesagt?"

"Wollen Sie nicht selbst nach ihm sehen?"

"Ich . . . ich denke schon."

"He, Doc, Moment mal. Ich muß ihr noch ein paar Fragen stellen", beschwerte sich der Deputy. "Jede Menge wichtiger Papierkram, wenn Sie verstehen."

"Kann das nicht warten? Sie ist mit den Nerven am Ende, und ich kann ihr kein Beruhigungsmittel geben, weil sie noch stillt."

Der Deputy warf einen Blick auf das schlafende Baby, dann auf ihren Busen. Er lief rot an wie ein Puter. "Also, es kann wohl wirklich noch warten. Aber irgendwann müssen wir es hinter uns bringen."

"Klar doch", stimmte der Arzt zu.

Die Krankenschwester nahm Kendall das Baby ab, ohne dass Kevin dabei aufwachte. "Ich suche dem kleinen Goldschatz ein Bettchen auf der Säuglingsstation. Machen Sie sich seinetwegen keine Sorgen. Gehen Sie ruhig mit dem Doktor!"

Der Deputy fummelte an seiner Hutkrempe herum und trat von einem Fuß auf den anderen. "Ich warte so lange hier draußen. Und wann immer Sie bereit sind, Ma' am, äh, hier weiterzumachen …"

"Sie können ja inzwischen einen Kaffee trinken gehen", vertröstete ihn der Mann im weißen Mantel.

Er war jung und dynamisch und Kendalls Einschätzung nach ungeheuer von sich eingenommen. Die Tinte auf seinem Diplom war wahrscheinlich noch feucht, aber es bereitete ihm offensichtlich Vergnügen, seine begrenzte Autorität walten zu lassen. Ohne den Deputy eines weiteren Blickes zu würdigen, begleitete er Kendall den Gang hinunter.

"Er hat eine Tibiafraktur - gemeinhin als Schienbeinbruch bekannt", erläuterte er. "Der Bruch weist keine Komplikationen auf, wir brauchen also nicht zu operieren, sondern nur einen Gips. Damit hat er großes Glück gehabt. Ihrer Beschreibung des Wagens nach zu urteilen . . ."

"Die Motorhaube war wie ein Papierfächer zusammengeschoben. Eigentlich hätte ihm das Lenkrad die Brust zerquetschen müssen."

"Genau. Ich hatte mit Rippenbrüchen, inneren Blutungen oder Organverletzungen gerechnet, aber für all das gibt es keine Anhaltspunkte. Sein Zustand stabilisiert sich. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, daß er einen ziemlichen Schlag auf den Kopf erwischt hat. Die Röntgenaufnahmen lassen nur einen Haarriß im Schädelknochen erkennen, aber um die Wunde zu schließen, waren ein Dutzend Stiche nötig. Das sieht im Moment nicht besonders hübsch aus, aber im Lauf der Zeit wächst Haar über die Sache. Die Narbe wird ihn nicht allzu sehr entstellen", meinte er lächelnd.

"Er hat ziemlich stark geblutet."

"Wir haben ihm sicherheitshalber eine Blutkonserve verabreicht. Dann ist da noch eine Gehirnerschütterung, aber die wird nach ein paar Tagen Bettruhe überwunden sein. Mit seinem gebrochenen Bein braucht er allerdings mindestens einen Monat lang Krücken. Ihm wird kaum etwas anderes übrigbleiben, als im Bett zu liegen, zu faulenzen und sich zu erholen. Da wären wir."

Er schob sie auf ein Zimmer zu. "Erst vor ein paar Minuten ist er wieder zu sich gekommen, deshalb sieht er noch so benommen aus."

Der Arzt trat vor ihr in den abgedunkelten Raum. Sie blieb einen Moment auf der Schwelle stehen und ließ ihre Blicke schweifen. An einer Wand hing ein schauderhaftes Ölbild, das Christi Himmelfahrt zeigte; gegenüber prangte ein Poster mit Vorsichtsmaßnahmen gegen Aids. Es war ein privates Zweibettzimmer, aber er lag hier allein.

Sein eingegipster Unterschenkel ragte hoch über ein Kissen hinaus. Man hatte ihm ein Krankenhaushemd angezogen, das ihm knapp bis zu den Beinen reichte. Braun und kräftig und kein bißchen kränklich hoben sie sich von den weißen Laken ab. Eine Schwester maß gerade den Blutdruck. Die dunklen Brauen lagen zerfurcht unter dem breiten Gazeverband um seinen Kopf. Sein Haar war von Blut und Desinfektionsmitteln verklebt. Eine furchterregende Ansammlung blauer Flecken färbte seine Arme. Schwellungen, Quetschungen und Prellungen entstellten sein Gesicht, aber das senkrechte Grübchen in seinem Kinn und der feste, leicht schiefe Mund, in dem ein Thermometer steckte, waren unverkennbar.

Flott schritt der Arzt ans Bett und las den Blutdruck ab, den die Krankenschwester auf dem Krankenblatt des Patienten eingetragen hatte. "Sein Zustand bessert sich laufend." Er murmelte noch einmal zustimmend, als ihm die Schwester seine Temperatur mitteilte.

Obwohl Kendall immer noch unschlüssig in der Nähe der Tür verharrte, fing sein Blick sie sofort ein. Er leuchtete aus seinen Augen, die aufgrund der Schmerzen und des Blutverlusts tief und dunkel in den Höhlen lagen. Aber er war fest und durchdringend wie zuvor.

Schon als sie ihm zum allerersten Mal in die Augen gesehen hatte, hatte sie seine Intensität gespürt und bewundert. Ein bißchen hatte sie ihn sogar gefürchtet und fürchtete ihn immer noch. Irgendwie besaß er eine geradezu unheimliche Begabung, sie auf höchst beunruhigende Weise zu durchschauen.

Gleich bei ihrer ersten Begegnung war er ihr auf die Schliche gekommen. Er erkannte eine Lügnerin auf den ersten Blick. Sie hoffte, daß sein hellseherisches Talent ihm nun verriet, wie leid es ihr tat, daß er verletzt worden war. Allein ihretwegen war es zu dem Unfall gekommen. Er war gefahren, aber sie trug die Schuld an seinem Zustand und seinen Qualen. Die Erkenntnis erfüllte sie mit Gewissensbissen, sie war bestimmt die letzte, die er an seinem Leidenslager sehen wollte.

Die Schwester interpretierte ihr Zögern falsch und winkte ihr freundlich zu. "Es geht ihm schon wieder einigermaßen. Sie können näher kommen."

Kendall kämpfte ihre Vorbehalte nieder, trat ans Bett und schenkte dem Patienten ein mißglücktes Lächeln. "Hallo. Wie geht' s?"

Seine Augen richteten sich ein paar Sekunden ohne zu blinzeln auf sie. Dann sah er erst den Arzt, dann die Krankenschwester an, bevor sein Blick wieder auf Kendall fiel. Schließlich fragte er mit matter, heiserer Stimme: "Wer sind Sie?"

Der Arzt beugte sich über seinen Patienten. "Sie erkennen sie nicht?"

"Nein. Sollte ich sie denn erkennen? Wo bin ich? Wer bin ich?"

Der Arzt starrte seinen Patienten sprachlos an. Die Krankenschwester stand wie vom Blitz getroffen daneben; in ihrer Hand baumelte der Schlauch des Blutdruckmeßgeräts.

Kendall wirkte fassungslos, spürte aber, wie die Gefühle in ihr brodelten. Sie überlegte fieberhaft, was diese plötzliche Wendung für Folgen hätte und ob sie wohl einen Vorteil daraus ziehen könnte.

Am schnellsten erholte sich der Arzt. Mit aufgesetzter Courage, die von seinem halbherzigen Lächeln Lügen gestraft wurde, erklärte er: "Tja, es sieht so aus, als hätte die Gehirnerschütterung bei unserem Patienten zu einer Amnesie geführt. Das geschieht öfter. Bestimmt ist der Gedächtnisverlust nur vorübergehend. Kein Grund zur Sorge. In ein, zwei Tagen lachen Sie darüber."

Er wandte sich an Kendall. "Fürs erste sind Sie seine einzige Informationsquelle. Bitte sagen Sie uns - und ihm - doch, wer er ist."

Sie zögerte, bis sich die Sekunden unangenehm dehnten, der Arzt und die Krankenschwester starrten sie erwartungsvoll an. Der Mann im Krankenbett schien ihre Antwort gleichzeitig zu erhoffen und zu fürchten. Seine Augen verengten sich mißtrauisch, aber Kendall erkannte, daß er sich, wie durch ein Wunder, an nichts erinnerte. An nichts! Das war ein Geschenk des Himmels, ein unfaßbar großer Glücksfall. Er war beinahe zu groß, zu überwältigend und in seinen Folgen zu unabsehbar, um ihn so unvorbereitet nutzen zu können. Aber eines wußte sie mit Sicherheit: Sie wäre verrückt, wenn sie die Gelegenheit nicht beim Schopf packte.

Erstaunlich gelassen verkündete sie: "Er ist mein Mann."

Textauszug aus
Sandra Brown: Die Zeugin
Deutsch von Christoph Göhler

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