

Key West, Florida, 1988
Cracker und Sardinen. Seine Hauptnahrung. Dazu ein Stück einfachen Käse und eine koschere Dillgurke - und schon hatte man die vier wichtigsten Lebensmittel beisammen. Eine bessere Kost gab es einfach nicht.
So die unerschütterliche Meinung von Hatch Walker, dessen sonnengegerbte, windzerfurchte Visage höchstens eine Gorgonenmutter lieben konnte. Während er sein Abendessen malmte, strichen zusammengekniffene Augen, die schon gegen unzählige beißende Sturmböen angeblinzelt hatten, über den Horizont.
Er hielt Ausschau nach zuckenden Blitzen, den Vorboten eines Sturms. Obwohl hier an Land noch nichts darauf hindeutete, war er längst irgendwo dort draußen, tankte Energie und saugte Feuchtigkeit aus dem Meer auf, um sie schwallweise wieder auf die Erde zu peitschen.
Aber erst später. Über dem Hafen hing ein Viertelmond am klaren Himmel. Sterne trotzten dem grellen Neonlicht unten. Aber Hatch ließ sich nicht täuschen. Noch ehe das Barometer fiel, konnte er einen nahenden Wetterwechsel in seinen Knochen spüren. Er konnte einen Sturm sogar riechen, bevor Wolken aufkamen oder ein Segel die erste starke Windböe einfing. Seine Wettervorhersagen lagen nur selten falsch. Noch vor Morgengrauen würde es regnen.
Geräuschvoll bohrten sich seine nikotingelben Zahne ins eingelegte Gemüse. Die Lake mit Knoblauchgeschmack war ein Genuss, den er mit einem Bissen Käse noch steigerte. Besser ging es nun wirklich nicht. Ihm waren Leute ein Rätsel, die für ein Essen, das nicht einmal einen Fingerhut füllte, freiwillig einen ganzen Wochenlohn bezahlten, wenn man genauso gut - und seiner Ansicht nach sogar verdammt viel besser - für anderthalb Dollar essen konnte. Maximal.
Natürlich zahlten die für mehr als nur die Lebensmittel. Sie finanzierten Parkwächter, gestärkte weiße Tischdecken und Kellner mit Ohrringen und gespreiztem Gang, denen schon die bloße Bitte um eine Extraportion Brot zu viel war. Man bezahlte für den französischen Fantasienamen, den sie einem Fischfilet verpassten, das früher einfach Fang des Tages geheißen hatte. Solche pompösen Lokale hatte er in sämtlichen Häfen der Welt gesehen. Ein paar waren sogar hier in Key West aufgetaucht. Und die verabscheute er am meisten.
An Wochentagen wie diesem war es auf den Straßen relativ ruhig. Die Touristensaison klang langsam ab. Man muss dem lieben Gott auch für Kleinigkeiten danken, dachte Hatch, während er seine Pepsi-Dose leerte. In das Rülpsen mischte sich ein verächtliches Räuspern für Touristen im Allgemeinen, insbesondere für die, die Key West scharenweise überschwemmten.
Zu Tausenden fielen sie alljährlich ein, zugeklatscht mit widerlich stinkendem Sonnenöl und bepackt mit Fotoausrüstungen, quengelnde Blagen im Schlepptau, die eines von Disneys künstlichen Blendwerken oben in Orlando einem der spektakulärsten Sonnenuntergänge des Planeten jederzeit vorgezogen hätten.
Für solche Narren hatte Hatch nur Verachtung übrig. Schufteten fünfzig Wochen im Jahr einen vorzeitigen Herzinfarkt herbei, um dann während der restlichen zwei doppelt so hart an ihrem Vergnügen zu arbeiten. Dass sie für dieses Privileg auch noch ihre weichen blassen Hintern zu Markte trugen, verblüffte ihn umso mehr.
Unglücklicherweise hing sein Lebensunterhalt von ihnen ab. Und damit steckte Hatch in einem moralischen Dilemma: Trotz seiner Verachtung hätte er ohne diese Touristeninvasion nicht überleben können.
"Walkers Ausflugsfahrten und Bootsverleih" bekam seinen Teil ab vom Geld der Urlauber, das sie während ihrer lärmenden Besetzung seiner Stadt ausgaben. Er versorgte sie mit Tauch- und Schnorchelausrüstung, lieh ihnen Boote und nahm sie zum Hochseefischen mit, damit sie wieder an Land gehen und ihre sonnenverbrannten Birnen mit einem Edelfisch fotografieren lassen konnten, den ihre blöde Knipserei vermutlich mehr beleidigte als der Fang an sich.
Heute Abend lief das Geschäft nicht gerade glänzend, aber auch das hatte sein Gutes. Ruhig war es, fast schon friedlich. Und das war nicht schlecht. Ganz sicher nicht. Nicht im Vergleich zum Leben auf Handelsschiffen mit ihren lauten und voll gestopften Kajüten, ohne einen Hauch Privatsphäre. Davon hatte er die Schnauze gestrichen voll. Besten Dank, Gebt Hatch Walker seine Einsamkeit und Ruhe, und zwar jederzeit.
Das Wasser im Jachthafen lag ruhig wie ein See da. Fast ungebrochen spiegelten sich die Lichter vom Land auf der Oberfläche. Gelegentlich knarzte auf einem Segelboot ein Mast, oder er hörte auf einer der Jachten ein Telefon klingeln. Mitunter drangen von einem der Nachtclubs an der Promenade ein, zwei Töne oder ein paar Trommelwirbel herüber. Das Rauschen des Verkehrs riss nicht ab. Aber sonst war es still. Und so war es Hatch auch lieber, obwohl das in finanzieller Hinsicht eine magere Woche bedeutete.
Wenn er nicht noch ein Boot draußen gehabt hätte, hätte er heute Abend vielleicht früh zugesperrt und wäre heimgegangen. Er hatte das 25-Fuß-Boot an ein paar Kids vermietet, falls man gut Zwanzigjährige noch als Kids bezeichnen konnte. Im Vergleich zu ihm waren sie es. Zwei Jungs, ein Mädchen. Auf alle Fälle eine brisante Kombination, wie Hatch befand.
Die Kids sahen gut aus, waren braun und schlank und mit einem Selbstbewusstsein ausgestattet, das fast an Arroganz grenzte. Vermutlich hatten alle drei zusammen noch keinen Tag ihres Lebens mit ehrlicher Arbeit verbracht. Sie stammten von hier, oder waren wenigstens auf Dauer hierher verpflanzt. Er hatte sie schon des Öfteren gesehen.
Als sie kurz vor Sonnenuntergang an Bord gingen, waren sie schon halb blau. Außerdem schleppten sie mehrere Kühlboxen mit sich, die ein sattes Gewicht haben mussten, so plagten sie sich damit ab. Wetten, dass darin Alkohol steckte? Eine Angelausrüstung hatten sie nicht dabei. Der einzige Grund für ihren Ausflug auf See war ein mehrstündiges Sauf- und Bumsgelage, so wahr er Hatch Walker hieß. Er war unschlüssig gewesen, ob er ihnen das Boot überhaupt vermieten sollte, aber seine fast leere Kasse verlieh seiner Überzeugung Nachdruck, dass sie nicht völlig betrunken waren.
Seine strenge Anweisung, auf seinem Boot während der Fahrt nicht zu trinken, hatten sie mit dem falschen Lächeln von Teppichhändlern quittiert und ihm versichert, derlei käme ihnen nie und nimmer in den Sinn. Einer verbeugte sich tief mit mühsam unterdrücktem Lachen. Die Lektion des alten grauen Sacks musste ihm urkomisch erschienen sein. Der andere meinte mit einem forschen Salut: "Aye, aye, Sir!"
Während Hatch der jungen Frau aufs Boot half, hoffte er inständigst, sie wüsste, was ihr bevorstand. Allerdings wirkte sie durchaus so. Auch sie hatte er schon hier gesehen. Viele Male. Mit jeder Menge Männer. Eine Augenklappe bedeckte mehr Haut als ihr Bikinihöschen. Und Hatch hätte sich nicht mehr einen Kerl nennen dürfen, wenn er nicht bemerkt hätte, dass sie auf das Oberteil ebenso gut hätte verzichten können.
Was sie dann auch bald tat.
Noch ehe sie aus dem Hafenbecken waren, riss ihr einer der Männer das Oberteil weg und schwenkte es wie ein Siegesbanner über dem Kopf. Ihre Versuche, es zurückzubekommen, endeten mit spielerischem Klapsen und Kitzeln.
Kopfschüttelnd hatte Hatch zugeschaut, wie das Boot zum Jachthafen hinaustuckerte, und sich dabei glücklich geschätzt, dass er nie eine Tochter gehabt hatte, deren Jungfernschaft es zu schützen galt.
Schtießlich lag nur noch eine Sardine in der Dose. Mit zwei Fingern fischte Hatch sie aus dem Öl, legte sie quer über einen Cracker, packte den letzten Bissen Gurke und ein Eckchen Käse dazu, tränkte alles tüchtig mit Tabasco, stapelte einen weiteren Cracker oben drauf und steckte sich das Ganze in den Mund. Anschließend wischte er sich die Krümel aus dem Bart.
Während er zufrieden kaute, warf er zufällig einen flüchtigen Blick Richtung Hafeneinfahrt. Der Anblick ließ das Sandwich in seinem Hals stecken bleiben. Als er es mit Gewalt hinunterzwang, zerkratzte ihm ein Stück Cracker die Speiseröhre. "Verdammt noch mal, was macht denn der da?", stieß er hervor.
Kaum hatte Hatch den Gedanken ausgesprochen, warf ihn ein lang gezogenes Tuten des Signalhorns vom Hocker. Das Boot kam immer näher.
Aber er wäre sowieso aufgesprungen. Das unzerkaute Sardinensandwich hatte kaum seinen Magen erreicht, da war Hatch bereits zur Türe des verwitterten Schuppens, der seinen Bootsverleih beherbergte, hinaus und walzte wütend den Kai hinunter. Er ruderte wild mit den Armen und brüllte den Fahrer an, er komme viel zu schnell in den Jachthafen hinein und verursache viel zu viel Kielwasser. Dieser Leichtsinn koste ihn eine Geldstrafe, vielleicht sogar ein paar Nächte im Kittchen. Vermutlich ein Tourist aus einem dieser quadratischen Binnenstaaten, der noch nie eine größere Wasserfläche als die auf einem Viehtrog gesehen hatte.
Erst dann erkannte Hatch das Boot wieder. Es war seines. Seins! Dieser verdammte Volltrottel trieb Schindluder mit seinem Boot, dem schönsten und größten seiner Flotte!
Hatch ließ eine Reihe kräftiger Flüche vom Stapel, üble Reste aus seinen Jahren bei der Handelsmarine. Wenn er diese Kids in die Hände bekäme, würden sie den Tag bedauern, an dem ihre Papis sie gezeugt hatten. Gut, er war alt und hässlich und krumm, hatte graue Koteletten, und hinkte nach einem unglücklichen Zusammenstoß mit einem kubanischen Messerstecher ein bisschen. Mit zwei gelackten Beachboys würde er trotzdem fertig werden. "Darauf könnt ihr Gift nehmen, ihr arroganten kleinen Scheißer!"
Auch nach dem Passieren der Bojen verlangsamte das Boot nicht, sondern fuhr in vollem Tempo weiter. Nur um wenige Zentimeter verpasste es eine zweiundvierzig Fuß lange Segeljacht, die heftig ins Schaukeln geriet. Ein Schlauchboot rammte die Seite einer Multimillionendollarjacht, auf deren poliertem Deck die Besitzer an ihrem letzten Drink nippten. Sie stürzten an die Reling und brüllten zu dem unvorsichtigen Seemann hinunter.
Hatch drohte dem jungen Mann am Steuer mit der Faust. Dieser betrunkene Narr steuerte doch tatsächlich im Kamikazestil kerzengerade den Pier an. Plötzlich schaltete er den Motor aus und riss das Steuer scharf nach Backbord. Vom Außenborder schoss ein Gischtschweif hoch.
Hatch blieb kaum eine Sekunde, um zur Seite zu springen, da krachte das Boot auch schon in den Kai. Der junge Mann kletterte die Stufen herunter, kam quer übers Deck, sprang auf den Hauptpier, stolperte über eine Querleiste und kroch dann ein paar Meter auf allen Vieren vorwärts.
Hatch ging auf ihn los, packte ihn an den Schultern und drehte ihn wie einen Fisch beim Ausnehmen herum. Hätte er sein Filetiermesser zur Hand gehabt, hätte er ihn vermutlich tatsächlich ohne mit der, Wimper zu zucken, von den Gonaden bis zur Gurgel aufgeschlitzt. Zum Glück war eine Litanei von Flüchen, Drohungen und Beschuldigungen seine einzige Waffe.
Aber sogar diese stockten und erstarben, noch ehe sie ausgesprochen wurden.
Bis jetzt hatte sich Hatch ausschließlich auf sein Boot konzentriert und auf das waghalsige Tempo, mit dem es in den Jachthafen gerast war. Auf den jungen Mann am Steuer hatte er nicht geachtet.
Jetzt sah er das blutige Gesicht des Jungen. Sein linkes Auge war praktisch zugeschwollen, sein zerfetztes T-Shirt klebte wie ein nasser Lumpen am schlanken Oberkörper,
"Helft mir. O Gott, o Gott." Er schüttelte Hatchs Hände von den Schultern und kam mühsam auf die Beine. "Sie sind da draußen", sagte er, wobei er hektisch aufs offene Meer hinaus deutete. "Sie sind auf dem Ozean. Ich konnte sie nicht finden. Sie ... sie ..."
Einmal hatte Hatch mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mann von einem Hai angefallen wurde. Hatch hatte es geschafft, ihn aus dem Wasser zu ziehen, bevor der Hai mehr als nur sein linkes Bein packen konnte. Er hatte überlebt, aber wie: Zu Tode geschockt hatte er sich bepisst und wirres Zeug hervorgestoßen, während er kübelweise Blut im Sand vergoss.
Dieselbe wilde Panik erkannte Hatch in den Augen dieses jungen Mannes. Das war kein Dummer-Jungen-Streich, wie er ursprünglich gedacht hatte, keine Mutprobe, keine Eskapade eines Betrunkenen. Dieser Junge - er hatte ihm vorher salutiert - war vor Verzweiflung fast hysterisch.
"Beruhige dich, Sohnemann." Hatch packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn sacht, "Was ist da draußen passiert? Wo sind deine Freunde geblieben?"
Der junge Mann legte die Hände übers Gesicht. Hatch bemerkte, dass auch sie blutig und verschrammt waren. Er schluchzte unkontrolliert, "im Wasser."
"Über Bord?"
"Da. O Gott. Himmel."
"Dieses Rindvieh hat fast meine Jacht versenkt! Wie kommt er dazu, zum Teufel noch mal?"
Ein Mann in Badesandalen kam angeschlappt, die Hände in die Seiten gestemmt. Er stank geradezu nach einem Cologne, das jeder Hure, die etwas auf sich hielt, zu stark gewesen wäre. Unter seinem mit schwarzen Locken bedeckten Hängebauch trug er lediglich einen Tanga. An seinem rechten Handgelenk prangte ein dickes Goldarmband. Er hatte genau jenen näselnden nordöstlichen Akzent, der Hatch stets unweigerlich auf die Palme brachte.
"Der Junge ist verletzt. Sie hatten einen Unfall."
"Unfall, meine Fresse. Eine Mordsdelle hat er der Dinky Doo verpasst." Inzwischen hatte sich, in Bikini und hochhackigen Sandalen, die Gefährtin des Mannes dazu gesellt. Ihre Sonnenbräune und Titten waren gekauft. Unter jedem Arm hielt sie einen Zwergpudel. Die Schoßhündchen hatten rosa Bänder um die Ohren und kläfften wütend im Duett.
"Rufen Sie 911 an", sagte Hatch.
"Ich will wissen, was dieser Scheißkerl vorhat ..."
"Ruf 911 an!"
Drinnen in Hatchs "Büro" roch es nach Sardinen, feuchtem Hanf, totem Fisch und Motoröl. Es war ungemütlich warm und stickig, als könnte die Bude drei Männern nicht genug Sauerstoff liefern, weil sie normalerweise nur mit einem besetzt war.
Den an und für sich schon begrenzten Raum am Boden beengten zusätzlich Kisten mit Angel- und Tauchzeug, Seilrollen, Karten und Tabellen, Ersatzteile und Werkzeug, ein uralter metallener Aktenschrank, in den Hatch kaum je eine Akte verfrachtete, und sein Schreibtisch, der aus einem Schiffswrack stammte und den er auf einer Auktion für dreißig Dollar gekauft hatte.
Bereits zweimal hatte sich der Junge, der sein Boot zu Schrott gefahren hatte, auf seiner Toilette übergeben. Hatch witterte hinter dieser Übelkeit eher Nerven und Angst als den Schuss Brandy, den er ihm heimlich zugesteckt hatte, als keiner hinsah.
Natürlich hatte der Junge von dem Brandy eine Menge getrunken, und das war nicht einmal eine Vermutung. So viel hatte er dem Offizier der Küstenwache, der ihn momentan verhörte, bereits gestanden. Zuvor hatte ihn schon die Polizei von Key West zur Havarie im Jachthafen befragt. Anschließend hatte man ihn dem Offizier der Küstenwache übergeben, der wissen wollte, weshalb seine beiden Begleiter schließlich im Atlantik gelandet waren.
Er hatte ihre Namen und ihr Alter angegeben und die örtlichen Adressen. Hatch hatte diese Information an Hand des Leihvertrages überprüft, den die beiden jungen Männer vor dem Einschiffen ausgefüllt hatten. Er bestätigte dem Offizier die Daten.
Obwohl es Hatch gegen den Strich ging, seinen Privatraum mit Fremden teilen zu müssen, war er froh, weil man ihn nicht gebeten hatte, draußen zu warten, während die Polente den Jungen verhörte. Inzwischen wimmelte es im Jachthafen von Zuschauern. Der dramatische Vorfall hatte sie angezogen wie ein Misthaufen die Fliegen. Außerdem konnte man sich nicht rühren, ohne auf einen Uniformierten zu treten.
Dank seiner intimen Kenntnis von Gefängnissen in zahllosen Häfen auf mehreren Kontinenten hatte Hatch eine Abneigung gegen Uniformen und Dienstmarken. Am liebsten wäre er jeder Obrigkeit aus dem Weg gegangen, gleich welcher Art. Welchen Sinn hatte denn das Leben, wenn ein Mensch nicht nach seinen eigenen Regeln und seinem persönlichen Sinn für Gut und Böse leben konnte? Diese Einstellung hatte ihn auf dem ganzen Globus in der grünen Minna landen lassen. Aber das war nun mal seine Philosophie, und dabei blieb er.
Eines musste Hatch trotzdem fairerweise zugeben: Die offiziellen Vertreter der Küstenwache und die Polizisten vor Ort, die den jungen Mann befragt und einen Such- und Rettungstrupp organisiert hatten, hatten sich nicht danebenbenommen.
Dass der Junge kurz vor einem totalen Kollaps stand, war klar. Die Polypen waren schlau genug gewesen, einzusehen, dass er zusammenbrechen würde, wenn sie zu viel Druck ausübten. Und wie stünden sie dann da? Um ihn zu beruhigen und Antworten zu bekommen, hatten sie ihn ziemlich sanft behandelt.
Noch immer hatte er eine nasse Badehose und Turnschuhe an, aus denen bei jeder Bewegung Meerwasser auf die rauen Bodenplanken sickerte. Zusätzlich zum Alkohol hatte ihm Hatch eine Decke übergeworfen, die er allerdings zusammen mit seinem zerfetzten T-Shirt abgestreift hatte.
Als man von draußen eilige Schritte und eine aufgeregte Stimme hörte, fuhr der Kopf des Jungen hoch, und er schaute hoffnungsvoll Richtung Tür.
Aber die Schritte rannten vorbei, ohne anzuhalten. Während sich der Offizier aus Hatchs Kaffeekanne bediente, drehte er ihm den Rücken zu. Nun wandte er sich wieder um und deutete die Miene des Jungen richtig. "Sobald wir etwas wissen, erfährst du's, Sohn."
"Sie müssen noch am Leben sein." Seine Stimme klang so heiser, als hätte er lange Zeit gegen einen Sturm angebrüllt. "Wahrscheinlich habe ich sie im Dunkeln einfach nicht finden können. Da draußen war es so verdammt finster." Seine Augen schossen zwischen Hatch und dem Offizier hin und her. "Aber gehört habe ich sie nicht. Hab gerufen und gerufen, aber ... Warum haben sie mir nicht geantwortet? Oder um Hilfe gerufen? Es sei denn ..." Er brachte es nicht fertig, die allgemeine Befürchtung laut auszusprechen.
Der Offizier begab sich wieder zu Hatchs Hocker. Er hatte ihn neben den Stuhl gestellt, auf dem der Junge mit zusammengesackten Schultern saß. Mehrere Minuten verstrichen bleischwer. Der Offizier schlürfte lediglich in kleinen Schlucken seinen heißen Kaffee.
Hatch blieb ruhig, obwohl ihn das fast wahnsinnig machte. Das war die Sache der Polizei, nicht seine. Sein Boot war versichert. Es würde zwar Papierkram bis zum Abwinken und Gefeilsche mit einem misstrauischen Sachverständigen im Pepita-Anzug geben, aber auf lange Sicht käme er schon auf seine Kosten. Vielleicht stünde er danach sogar ein bisschen besser da als vorher.
Was diesen Jungen anbetraf, war er weniger optimistisch. Kein noch so hoher Versicherungsbetrag würde ihm nach diesem Vorfall das Leben erleichtern. Und bezüglich der beiden, die über Bord gegangen waren, hatte Hatch nicht viel Hoffnung. Die Chancen standen eindeutig gegen sie.
Er hatte ein paar überlebende Schiffbrüchige gekannt, die später davon berichten konnten, allerdings nicht viele. Wenn man ins Wasser fiel, stellte der Tod durch Ertrinken vermutlich noch die gnädigste Variante dar. Den Elementen ausgesetzt zu sein, dauerte viel länger. Und für die Raubfische war man sowieso nur eine weitere Nahrungsquelle.
Der Offizier der Küstenwache hielt den angeschlagenen Kaffeebecher zwischen den Händen und schwenkte den Inhalt. "Warum hast du denn nicht über Funk Hilfe geholt?"
"Hab ich doch. Ich meine, ich hab's versucht. Ich hab das Radio nicht angekriegt."
Der Offizier starrte in seinen Kaffeewirbel. "Ein paar andere Boote haben dein SOS gehört. Haben versucht, dir zu sagen, du sollst bleiben, wo du bist. Hast du nicht gemacht."
"ich hab sie nicht gehört. Wahrscheinlich ..." Hier schaute er verstohlen zu Hatch hinüber. "Ich hab wohl nicht besonders aufgepasst, als er uns den Umgang mit dem Funkgerät erklärt hat."
"Teurer Fehler."
"Ja, Sir."
"Könnte man sagen, dass du kein erfahrener Seemann bist?"
"Erfahren? Nein, Sir. Trotzdem habe ich diesmal zum ersten Mal Probleme gehabt."
"Mhmm. Erzähl mir von der Rauferei."
"Rauferei?"
Diese Rückfrage ließ den Offizier die Stirn runzeln. "Halt mich jetzt nur nicht für dumm, mein Freund. Dein Auge ist völlig zugeschwollen. Du hast eine blutige Nase, aufgeplatzte Lippen und aufgeschürfte, blau geschlagene Fingerknöchel. Ich weiß, wie ein Faustkampf aussieht, ja? Also treib keine Spielchen mit mir."
Die Schultern des jungen Mannes fingen zu zittern an. Seine Augen liefen über. Trotzdem versuchte er nicht einmal, gegen die Tränen anzukämpfen, oder sich die laufende Nase abzuwischen.
"War es wegen des Mädchens?", fragte der Offizier etwas rücksichtsvoller. "Mr. Walker hier meint, sie sei ein echter Hingucker gewesen. Ein Partygirl, soweit er das beurteilen konnte. Gehört sie zu einem von euch?"
"Sie meinen, wie eine Freundin? Nein, Sir, sie ist nur eine Bekannte."
"Und du hast dich mit deinem Kumpel um ihre Gunst geprügelt?"
"Nein, Sir, nicht ... nicht direkt. Ich meine damit, dass sie nicht der Grund dafür war."
"Und was war's dann?"
Der Junge schniefte, blieb aber stumm.
"Kannst es mir genauso gut jetzt erzählen", sagte der Offizier, "denn egal, was wir dort draußen finden, wenn wir soweit sind, werden wir dich in die Enge treiben, bis wir die Wahrheit erfahren."
"Wir waren betrunken."
"Mhmm."
"Und ... und ..." Der Junge hob den Kopf, schaute zu Hatch hinüber und dann wieder zu dem Offizier zurück und sagte: "Er ist mein bester Freund."
"Schön. Was ist also passiert?"
Er leckte sich die Oberlippe. "Er hat durchgedreht. Wie irre. So habe ich ihn noch nie erlebt."
"Wie?"
"Verrückt. Gewalttätig. Als wäre ihm der Faden gerissen oder so was."
"Der Faden."
"Ja, Sir."
"Was hast du denn gemacht, dass er die Schnauze voll hatte? Was war der Grund für den Fadenriss?"
"Nichts! In der einen Minute war er noch mit ihr unter Deck. Ich hab sie ein bisschen in Ruhe gelassen. Verstehen Sie?"
"Wegen Sex? Die haben miteinander geschlafen?"
"Jaaa. Ich meine, mal so richtig einen draufmachen und sich amüsieren. In der nächsten Minute war er dann wieder an Deck und ging auf mich los."
"Ohne jeden Grund? Einfach so?"
Der Kopf des Jungen wackelte auf und ab. "Es sollte eine Sause werden. Etwas zum Feiern. Ich kapier nicht, wieso das so schnell außer Kontrolle geraten ist. Ich schwör bei Gott, dass es so ist." Er senkte sein zerschundenes Gesicht in die Hände und fing wieder zu schluchzen an.
Der Offizier schaute zu Hatch hinüber, als wollte er ihn um Rat fragen. Hatch starrte zurück. Am liebsten hätte er gefragt, warum er ihn so anschaute. Er war kein Berater, kein Vater. Er war noch nicht einmal ein Offizier der Küstenwache oder ein Bulle, verdammt und zugenäht. Das war einfach nicht mehr sein Probiem.
Als er freiwillig nichts von sich gab, wollte der Offizier wissen, ob er der Version des Jungen etwas hinzuzufügen hätte.
"Nein."
"Haben Sie die Rauferei gesehen oder gehört?"
"Ich habe nur eines gesehen: dass die ihren Spaß hatten."
Der Offizier wandte sich wieder dem jungen Mann zu. "Gute Freunde raufen nicht grundlos miteinander. Nicht einmal, wenn sie zu viel getrunken haben. Vielleicht setzt es ein paar kräftige Bemerkungen oder ein, zwei Hiebe. Aber dann legt sich das auch wieder und ist vorbei, stimmt's?"
"Vermutlich", erwiderte er mürrisch.
"Deshalb will ich, dass du jetzt reinen Tisch mit mir machst. Okay? Hörst du? Was hat diese Rauferei ausgelöst?"
Mühsam schluckte der Junge. "Er ist einfach über mich hergefallen."
"Wieso?"
"Ich hab mich nur verteidigt. Ehrenwort", flennte er. "Ich wollte nicht mit ihm raufen. Es war eine Party."
"Warum ist er über dich hergefallen?"
Er schüttelte den Kopf.
"Also, das ist nicht wahr, oder? Du weißt, warum er über dich hergefallen ist. Also sag's mir. Warum ist dein bester Freund so durchgedreht, dass er angefangen hat, dich zu verprügeln?"
Nach zwanzig Sekunden Schweigen nuschelte der Junge ein Wort. Ein Einziges.
Hatch war unsicher, ob er richtig gehört hatte. Erstens, weil dabei der erste Donnerschlag des vorhergesagten Gewittersturms das kleine Fenstereck seiner Hütte erbeben ließ, und zweitens, weil ihm die Antwort des Jungen auf diese Frage merkwürdig vorkam.
Der Offizier musste dasselbe gedacht haben. Irritiert schüttelte er den Kopf und beugte sich vor, um besser hören zu können. "Wie bitte? Lauter, mein Junge."
Der junge Mann hob den Kopf und fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase. Er räusperte sich. Blinzelnd konzentrierte er sich mit seinem guten Auge auf den Offizier.
"Neid", sagte er barsch. "Darum geht es hier. Um Neid."
P.M.E.
St. Anne Island, Georgia
Februar 2002
Textauszug aus
Sandra Brown: Envy - Neid
Aus dem Amerikanischen von Eva L. Wahser
© Verlagsgruppe Random House GmbH, München