

Katzen hatte er noch nie sonderlich gemocht.
Das Problem war, daß die Frau neben ihm schnurrte wie eine Katze - tiefe Befriedigung ließ sie vom Hals bis zum Nabel vibrieren. Ihre Augen standen eng zusammen und waren schräg gestellt, ihre Bewegungen wirkten geschmeidig und fließend. Sie ging nicht - sie stolzierte. Beim Vorspiel hatte sie sich nach einer geheimen Choreografie geräkelt und sich an ihm gerieben, als wäre sie rollig, und als sie kam, hatte sie geschrien und sich an seinen Schultern festgekrallt.
Für ihn hatten Katzen schon immer etwas Raffiniertes, Verschlagenes an sich gehabt, man konnte ihnen nicht trauen. Ihm war nie ganz wohl dabei, wenn er einer den Rücken zuwandte.
"Wie war ich?" Ihre Stimme war so schwül wie die Nacht hinter den in Falten fallenden Vorhängen.
"Ich habe mich nicht beschwert, oder?"
Key Tackett hatte auch etwas gegen postkoitale Bewertungen. Wenn es gut gewesen war, erübrigte sich jegliches Geplänkel. Wenn nicht, dann sparte man sich am besten die Worte.
Sie deutete seine ausweichende Antwort fälschlicherweise als Kompliment und ließ sich von dem breiten Bett gleiten. Nackt ging sie quer durchs Zimmer zu dem unordentlichen Schminktisch und zündete sich mit einem mit Steinen besetzten Feuerzeug eine Zigarette an. "Auch eine?"
"Nein, danke."
"Einen Drink?"
"Wenn du einen da hast, nehme ich einen auf die Schnelle." Gelangweilt starrte er zum Kronleuchter an der Zimmerdecke.
Es war ein kitschiges und ausnehmend häßliches Ding, das viel zu groß für das Schlafzimmer wirkte, selbst wenn, wie jetzt, die Birnen hinter den Kristalltropfen gedämpft waren.
Der knallig pinkfarbene Teppichboden war ähnlich geschmacklos, und die mobile Messingbar war aufgefüllt mit Kristallkaraffen. Sie schenkte ihm einen Bourbon ein. "Du mußt nicht sofort aufbrechen", sagte sie lächelnd, "Mein Mann ist außerhalb, und meine Tochter verbringt die Nacht bei Freunden."
"Männlich oder weiblich?"
"Bei einer Freundin natürlich. Sie ist erst sechzehn."
Jetzt anzumerken, daß ihr selbst in diesem zarten Alter schon lange der Ruf eines Flittchens angehaftet hatte, wäre ungalant gewesen, also schwieg er, vor allem aber aus reiner Gleichgültigkeit.
"Was ich sagen will - wir haben die ganze Nacht für uns." Sie rieb ihre Hüfte an seiner, als sie sich neben ihm auf dem Bett niederließ und ihm den Drink reichte.
Er hob den Kopf vom seidenbezogenen Kissen und nippte an dem Bourbon ohne Eis. "Ich muß nach Hause. Ich bin schon seit" - er warf einen Blick auf die Armbanduhr - "dreieinhalb Stunden in der Stadt und hab' mich noch nicht zu Hause blicken lassen."
"Du hast doch gesagt, sie würden dich heute noch gar nicht erwarten."
"Stimmt, aber ich habe versprochen, vorbeizuschauen, sobald ich angekommen bin."
Sie wickelte eine Strähne seines dunklen Haars um ihren Finger. "Aber dann bin ich dir in der Palme über den Weg gelaufen, nicht wahr?"
Er leerte das Glas und drückte es ihr in die Hand, "Ich frage mich, warum es Zur Palme heißt. Hier gibt's im Umkreis von dreihundert Meilen keine einzige Palme. Bist du oft dort?"
"Oft genug."
Key schenkte ihr ein verschlagenes Grinsen. "Immer wenn dein Alter auf Reisen ist, was?"
"Und wenn ich in dieser Einöde fast umkomme vor Langeweile, was praktisch täglich der Fall ist. In der Palme finde ich immer nette Gesellschaft."
Er starrte auf ihren üppigen Busen. "Darauf würde ich glatt wetten. Und ich wette auch, daß du es genießt, wenn die Kerle heißlaufen und geil auf dich sind."
"Wie gut du mich kennst..." Sie lachte kehlig und beugte sich vor, um ihm einen Kuß auf den Mund zu hauchen.
Er drehte den Kopf weg. "Ich kenne dich überhaupt nicht."
"Tss, das stimmt doch nicht, Key Tackett." Sie setzte sich zurück und machte ein beleidigtes Gesicht. "Immerhin sind wir schon zusammen zur Schule gegangen."
"Ich bin mit einer Menge Kids zur Schule gegangen. Das heißt aber nicht, daß es über ein ,Hallo, wie geht's?' hinausgegangen wäre."
"Aber du hast mich geküßt."
"Lügnerin." Er schob alle Galanterie beiseite und fügte hinzu: "Ich hatte keine Lust, mich hinter den anderen anzustellen. Ich habe dich jedenfalls ganz sicher nie um eine Verabredung gebeten."
Für einen kurzen Moment funkelte Boshaftigkeit in ihren katzenhaften Augen. Doch dann zog sie die Krallen ebenso schnell wieder ein, wie sie sie ausgefahren hatte. "Na ja, wir waren nicht zusammen aus", schnurrte sie. "Aber einmal, an einem Freitagabend, nachdem ihr gegen Gladewater gewonnen hattet, da bist du und der Rest vom Footballteam vom Feld gelaufen, und ich stand mit meinen Freundinnen - genau wie alle anderen aus Eden Pass - an der Seitenlinie und habe euch auf dem Weg in die Kabine zugejubelt. Und du -", betonte sie und piekste ihm dabei mit dem Fingernagel in die blanke Brust, "warst der tollste Hecht von allen. Du warst am verschwitztesten, und dein Trikot war am schmutzigsten, und wir Mädchen fanden dich natürlich unwiderstehlich. Wie du selbst, glaube ich, übrigens auch."
Sie wartete auf eine Reaktion seinerseits, doch er sah sie völlig ungerührt an. Für ihn hatte es Dutzende solcher Freitagabende gegeben. Zittern vor dem Spiel und Jubel danach. Das grelle Flutlicht. Der Rhythmus der Marschkapelle. Der Duft von frischem Popcorn. Die aufgeputschte Truppe. Die Anfeuerungsrufe der Menge.
Und Jody, die lauter als alle anderen brüllte. Für ihn brüllte. Das war vor sehr, sehr langer Zeit gewesen.
"Jedenfalls, als du an mir vorbeikamst", fuhr sie fort, "hast du mich um die Taille gepackt, hochgehoben, an dich gedrückt und mich einfach auf den Mund geküßt. Hart. Es hatte so etwas... etwas Barbarisches."
"Hmm. Bist du sicher?"
"Natürlich bin ich sicher! Ich hatte ein total feuchtes Höschen." Sie beugte sich vor und rieb ihre Nippel gegen seine Brust. "Ich habe lange darauf warten müssen, daß du das zu Ende führst, was du damals angefangen hast."
"Nun, es war mir eine Ehre, Ihnen zu Diensten gewesen sein zu dürfen." Er gab ihr einen Klaps auf den Po und setzte sich auf. "Ich gehe lieber." Er langte über sie und fischte nach seiner Jeans.
"Du willst wirklich schon weg?" fragte sie überrascht.
"Ja."
Stirnrunzelnd versenkte sie die Zigarette im Aschenbecher auf dem Nachttisch. "Verdammter Bastard", murmelte sie. Dann versuchte sie es mit einer anderen Masche, stand auf, nahm ihm die Jeans aus der Hand, bevor er hineinsteigen konnte, und schmiegte sich verführerisch an ihn.
"Es ist spät, Key. Im Haus deiner Mama schlafen doch bestimmt alle schon. Du kannst ebenso gut hierbleiben." Sie langte ihm zwischen die kräftigen Schenkel, streichelte ihn gekonnt und sah ihm dabei frech ins Gesicht, bis ihre geschickten Finger die gewünschte Reaktion erzielten. "Du weißt gar nicht, was dir entgeht, wenn du meine Frühstücksspezialität nicht probierst."
Key verzog amüsiert den Mund. "Ach, servierst du die im Bett?"
"Worauf du dich verlassen kannst. Mit allen Zutaten. Ich habe sogar -" Mitten im Satz brach sie ab; ihre Hände verkrampften sich reflexartig, woraufhin er schmerzlich das Gesicht verzog.
"Hey, paß auf, du spielst mit dem Familienschmuck."
"Schhh!" Sie ließ los und lief auf Zehenspitzen zur offenen Schlafzimmertür. Gerade als sie sie erreichte, rief eine männliche Stimme: "Zuckerschnäuzchen, ich bin wieder da-a!"
"Scheiße!" Ganz und gar nicht mehr geschmeidig oder verführerisch wandte sie sich zu Key um und zischte: "Du mußt hier verschwinden, auf der Stelle!"
Key war bereits in seine Jeans gestiegen und bückte sich gerade, um die Stiefel zu suchen. "Und wie stellst du dir das bitte vor?" flüsterte er zurück.
"Zuckerschnäuzchen? Bist du oben?" Key horte die Schritte erst auf den Marmorfliesen unten, dann auf dem Treppenläufer. "Ich war schon früh fertig, und da habe ich mich entschlossen, heute abend schon zurückzukommen!"
Sie wedelte panisch durch die Luft und deutete auf die Balkontür am anderen Ende des Zimmers. Key schnappte sich Hemd und Stiefel und schlüpfte durch die offene Tür. Er stand bereits auf dem Balkon, als ihm einfiel, daß sich das Schlafzimmer im zweiten Stock des Hauses befand. Er konnte keinen leichten Abstieg erkennen, als er über das schmiedeeiserne Geländer schaute.
Leise fluchend wägte er hastig seine Möglichkeiten ab. Ach, zum Teufel! Er war schon schlimmeren Klemmen entkommen. Taifunen, Kugelhagel, Erdbeben, Spektakeln Gottes und von Menschenhand verursachtem Chaos. Und auch ein Ehemann, der verfrüht und unerwartet nach Hause kam, war nichts Neues für ihn. Er würde einfach etwas erfinden und auf das Beste hoffen.
Er trat zurück ins Schlafzimmer, verharrte aber wie versteinert auf der Schwelle. Die Schublade des Nachttisches stand offen. Seine Geliebte kauerte im Bett; mit einer Hand raffte sie sich das Satinlaken vor die Brust, in der anderen hielt sie eine Waffe - direkt auf ihn gerichtet.
"Was machen Sie hier?"
Ihr gellender Schrei lähmte ihn. Eine Sekunde später erschütterte ein Schuß aus der Pistole sein Trommelfell. Und erst einige Herzschläge später begriff er, daß er getroffen war. Er starrte auf die klaffende Wunde an seiner Seite und hob dann den ungläubigen Blick zu ihr.
Die Schritte im Flur waren schneller geworden. "Zuckerschnäuzchen!"
Sie schrie erneut, so schrill, daß einem das Blut in den Adern gefror. Und wieder zielte sie auf ihn.
Wie unter Strom schwang Key herum, genau in dem Moment, als sie abdrückte. Er glaubte, entwischt zu sein, aber ihm blieb nicht die Zeit, nachzusehen. Er warf Stiefel und Hemd übers Geländer, hob erst das rechte, dann das linke Bein über die Brüstung, balancierte noch einen Moment auf dem schmalen Vorsprung, ehe er sich in die Tiefe stürzte.
Unsanft landete er mit dem rechten Knöchel zuerst. Der Schmerz schoß ihm durch die Wade, den Schenkel, die Lende, ehe er ihn im Magen traf. Er schnappte nach Luft, blinzelte heftig und betete zu Gott, sich nicht übergeben zu müssen oder ohnmächtig zu werden, während er seine Sachen aufsammelte und wie der Teufel davonrannte.
Lara schreckte auf, als ein lautes Klopfen an der Hintertür ertönte. Sie war in einen alten Streifen mit Bette Davis versunken gewesen. Per Fernbedienung dämpfte sie die Lautstärke und lauschte. Da war das Klopfen wieder, diesmal noch lauter und drängender. Sie schlug die Afghanendecke über ihren Beinen zurück, erhob sich von ihrem behaglichen Platz auf dem Wohnzimmersofa und hastete den Flur hinunter, wobei sie im Gehen das Licht anschaltete.
Als sie das hintere Zimmer der Praxis erreichte, konnte sie durch die halbgekippte Jalousie die Silhouette eines Mannes ausmachen, der am Türrahmen lehnte.
Im grellen Schein der Verandabeleuchtung wirkte sein Gesicht bleich und starr. Die untere Hälfte wurde von einem Dreitagebart verdunkelt. Auf seiner Stirn klebten mehrere Strähnen des widerspenstigen dunklen Haares. Er spähte unter seinen dunklen, dichten Brauen durch die Lamellen der Jalousie in den Raum.
"Doc?" Er hob die Faust und trommelte erneut gegen die Scheibe. "Hey, Doc! Machen Sie auf! Ich saue noch ihre ganze Hintertreppe ein!"
Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, und Lara konnte das Blut sehen.
Sie vergaß alle Vorsicht, stellte die Alarmanlage ab und entriegelte die Tür. Kaum gab das Schloß nach, fiel er mit der Schulter voran in die Tür und stolperte barfuß herein.
"Sie haben sich ganz schön Zeit gelassen", murmelte er. "Aber ich werde Ihnen verzeihen, wenn Sie mir 'nen Schluck von dem Jack Daniels geben, den Sie hier verstaut haben." Er ging direkt auf den weißen Emailleschrank zu und beugte sich vor, um die unterste Schublade aufzuziehen.
"Da ist kein Jack Daniels drin."
Beim Klang ihrer Stimme schwang er herum. Mehrere Sekunden starrte er sie nur an. Lara starrte zurück. Er hatte etwas Animalisches an sich, das sie gleichzeitig anzog und abstieß; und obwohl sie langst an den Geruch frischen Blutes gewöhnt war, roch sie seines besonders intensiv.
Instinktiv wollte sie zurückweichen, doch nicht aus Angst. Der Impuls entsprang einer weiblichen Abwehrreaktion. Dennoch hielt sie seinem ungläubigen und abschätzenden Blick stand.
"Verdammt, wer sind Sie denn? Wo ist der Doc?" dröhnte er düster und preßte den blutgetränkten Saum seines offenen Hemdes auf die Wunde an der Seite.
"Sie sollten sich lieber setzen. Sie sind verletzt."
"Sagen Sie bloß, Lady. Wo ist der Doc?"
"Wahrscheinlich in seiner Koje auf dem See. Er hat sich zur Ruhe gesetzt, vor einigen Monaten schon."
Er starrte sie an. "Na, fabelhaft. Ist ja wirklich fabelhaft", fluchte er vor sich hin und fuhr sich durchs Haar. Dann untenahm er einige unsichere Schritte in Richtung Tür und stieß dabei gegen den Untersuchungstisch.
Lara kam ihm automatisch zu Hilfe. Er wehrte sie ab, blieb allerdings gegen den gepolsterten Tisch gelehnt stehen. Schwer atmend und sich vor Schmerz krümmend sagte er: "Könnte ich einen Whisky haben?"
"Was ist passiert?"
"Was geht Sie das an?"
"Nun, ich bin nicht nur die neue Mieterin von Dr. Pattons Haus. Ich habe auch seine Praxis übernommen."
Seine saphirfarbenen Augen sahen zu ihr auf. "Sie sind Ärztin?"
Sie nickte, breitete die Arme aus und deutete ins Behandlungszimmer.
"Donnerwetter!" Er musterte sie von Kopf bis Fuß. "So wie Sie rumlaufen, sind Sie bestimmt der Hit im Krankenhaus", sagte er und hob das Kinn. "Ist das der letzte Schrei in der Berufsbekleidungsbranche?"
Sie trug ein langes weißes Hemd über ihren Leggings, die kurz unter dem Knie endeten. Doch trotz ihrer bloßen Waden und Füße ließ sie sich nicht einschüchtern und antwortete barsch: "Nach Mitternacht laufe ich für gewöhnlich nicht mehr im Kittel herum. Es ist zwar keine Sprechzeit mehr, aber vergessen wir mal mein Outfit und konzentrieren uns lieber auf Ihre Verletzung. Also, was ist passiert?"
"Ein kleiner Unfall."
Als er das Hemd von den Schultern gleiten ließ, bemerkte sie, daß sein Gürtel offen und der Hosenstall nur zur Hälfte zugeknöpft war. Sie schob seine blutige Hand beiseite, die er auf die Wunde, ungefähr in Hüfthöhe, gepreßt hielt.
"Das ist eine Schußverletzung!"
"Ach was! Ich habe Ihnen doch gesagt - es war ein Unfall."
Er log eindeutig, und er schien Übung darin zu haben, da es ihm offensichtlich leicht fiel. "Und was für ein Unfall soll das gewesen sein?"
"Bin in eine Harke gefallen." Er deutete auf die Wunde. "Säubern Sie sie, machen Sie einen schönen Verband drum, und morgen ist alles wieder gut, okay?"
Sie richtete sich auf und sah ihm ohne zu lächeln ins grinsende Gesicht. "Lassen Sie den Blödsinn. Ich erkenne eine Schußverletzung, wenn ich eine sehe. Ich kann Sie hier nicht ausreichend versorgen. Sie gehören ins Krankenhaus."
Sie kehrte ihm den Rücken zu und tippte eine Nummer ins Telefon ein. "Ich werde Sie, bis die Ambulanz eintrifft, so gut es geht versorgen. Bitte legen Sie sich hin. Wenn ich fertig telefoniert habe, werde ich versuchen, die Blutung zu - Ja, hallo?" sagte sie in den Hörer, als sich jemand meldete. "Hier spricht Dr. Mallory aus Eden Pass. Ich habe einen Notfall -"
Er langte um sie herum und drückte die Gabel herunter. Sie warf ihm einen alarmierten Blick über die Schulter zu.
"Ich werde in kein verdammtes Krankenhaus gehen", verkündete er kurz und bündig. "Keine Ambulanz. Nichts. Gar nichts, haben Sie verstanden? Stoppen Sie die Blutung, und legen Sie mir einen Verband an. Mehr nicht. Haben Sie Whisky da?" fragte er bereits zum drittenmal.
Stur begann Lara erneut zu wählen. Doch ehe sie die vollständige Nummer eingeben konnte, hatte er ihr den Hörer aus der Hand gewunden und den Anschluß des Apparates herausgerissen.
Lara drehte sich zu ihm um, jetzt bekam sie es mit der Angst zu tun. Selbst hier, in dieser Kleinstadt in East Texas, war Drogenmißbrauch zu einem Problem geworden. Gleich nach ihrem Einzug in die Praxis hatte sie eine Alarmanlage installieren lassen, um eventuellen Einbrüchen wegen Schmerzmitteln und Narkotika vorzubeugen.
Er mußte ihre Nervosität gespürt haben. Er knallte den Hörer geräuschvoll auf eine der Vitrinen und grinste sie grimmig an. "Jetzt hören Sie mal, Doc, wenn ich hergekommen wäre, um Ihnen was anzutun, dann wäre es schon geschehen, und ich wäre längst über alle Berge. Ich will nur nicht, daß zu viele Leute von der Sache Wind kriegen, kapiert? Kein Krankenhaus, okay? Versorgen Sie mich, und dann sind Sie mich schon wieder los!" Seine Lippen wurden während des Sprechens farblos und schmal. Er rang hörbar zwischen zusammengebissenen Zähnen nach Luft.
"Sie werden mir doch jetzt nicht ohnmächtig?"
"Nicht, wenn ich es verhindern kann,"
"Sie haben sehr starke Schmerzen."
"Ja", bestätigte er kopfnickend. "Es tut verdammt weh. Und wenn wir noch lange Zeit mit Quatschen vergeuden, werde ich wohl verbluten müssen."
Sie musterte seine entschlossene Miene. Ihr war klar, daß er wieder gehen würde, wenn sie jetzt nicht nachgab. Doch das hieße auch, die Gesundheit, vielleicht sogar das Leben des Patienten zu riskieren. Also forderte sie ihn auf, sich hinzulegen und seine Jeans herunterzuziehen.
"Diesen Text habe ich selbst schon ein dutzendmal aufgesagt", witzelte er, als er ihre Anweisungen befolgte.
"Überrascht mich nicht." Unbeeindruckt von seiner Prahlerei ging sie zum Waschbecken und reinigte sich die Hände mit einer desinfizierenden Seife. "Wenn Sie Doc Patton so gut gekannt haben, daß Sie sogar wissen, wo er seinen Whisky versteckt hat, dann müssen Sie aus der Gegend sein."
"Ja, hier geboren und aufgewachsen."
"Wieso wußten Sie dann nicht, daß er sich zur Ruhe gesetzt hat?"
"Ich war eine Weile nicht im Lande."
"Waren Sie Patient bei ihm?"
"Mein ganzes Leben lang. Er hat meine Windpocken kuriert, Mandelentzündung, zwei gebrochene Rippen, ein gebrochenes Schlüsselbein, einen angeknacksten Arm und einen Zusammenstoß mit einer rostigen Dose, die uns beim Baseball als Second Base gedient hat. Die Narbe auf meinem Schenkel, die ich mir zugezogen habe, als ich hineingerutscht bin, ist noch immer zu sehen."
"Und, haben Sie den Punkt dabei geholt?"
"Großer Gott, ja!" antwortete er, als wäre das etwas vollkommen Selbstverständliches. "Ich habe mehr als einmal mitten in der Nacht an dieser Hintertür geklopft, damit der Doc mich wieder zusammenflickt, aus den unterschiedlichsten Gründen. Allerdings war er bei weitem nicht so geizig mit seinem Whisky wie Sie. Was brauen Sie da in der Spritze zusammen?"
"Ein Sedativum." Sie drückte behutsam den Kolben vor, bis etwas Flüssigkeit aus der Nadel sprudelte.
Dann legte sie die Spritze ab und rieb seinen Oberarm mit einem alkoholgetränkten Wattebausch ab. Noch ehe sie begriff, was er vorhatte, langte er nach der Spritze und preßte den Kolben bis zum Anschlag durch; die Flüssigkeit verteilte sich auf dem Fußboden.
"Halten Sie mich für dämlich oder was?"
"Mr. -"
"Wenn Sie mich betäuben wollen, holen Sie mir ein Glas Whisky. Sie werden mir dieses Zeug nicht in die Blutbahn pumpen, nur damit ich ausgeknockt bin und Sie in aller Ruhe das Krankenhaus anrufen können."
"Vergessen Sie den Sheriff nicht. Ich bin verpflichtet, Schußverletzungen zu melden."
Er setzte sich mühsam auf; hellrotes Blut quoll aus seiner Wunde. Er stöhnte. Lara zog sich hastig ein Paar Chirurgenhandschuhe über und begann, die Blutung mit einem Gazetupfer zu stoppen, damit sie sehen konnte, wie tief die Wunde war.
"Wohl Angst, sich Aids einzufangen, wie?" fragte er mit einem Nicken auf die behandschuhten Hände.
"Berufsbedingte Schutzmaßnahmen."
"Keine Panik", sagte er mit einem breiten Grinsen. "Ich habe immer gut auf mich aufgepaßt."
"So wie heute abend? Hat man Sie beim Falschspielen erwischt, oder haben Sie mit der falschen Frau geflirtet? Oder hat sich etwa beim Reinigen Ihres Gewehrs ein Schuß gelöst?"
"Ich habe Ihnen doch gesagt, es war ein -"
"Ach ja, eine Harke. Die hätte allerdings einen Einstich verursacht und nicht das Gewebe zerrissen." Sie arbeitete flink und effektiv. "Hören Sie, ich muß das lose Gewebe abschneiden und die Wunde mit ein paar Stichen nähen. Es wird wehtun, Ich muß Sie betäuben."
"Vergessen Sie's." Er schwang die Hüfte über die Tischkante, als wollte er gehen.
Lara hielt ihn zurück, indem sie ihm die Handballen an die Schultern drückte. Die Finger der Handschuhe waren blutig. "Lidocain. Örtliche Betäubung", erklärte sie. Dann nahm sie ein Fläschchen aus dem Medizinschrank und ließ ihn den Aufdruck lesen. "Okay?"
Er nickte kurz und beobachtete, wie sie noch einmal eine Spritze aufzog. Sie injizierte das Medikament neben der Wunde. Als das umgebende Gewebe betäubt war, kappte sie die ausgefransten Ränder, reinigte die Wunde mit Salzlösung, vernähte die tiefliegende Schicht und polsterte sie mit einer Drainage aus.
"Was zum Teufel ist das?" Er war blaß und schwitzte stark, dennoch hatte er ihre geschickten Hände nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen.
"Das ist eine sogenannte Penrose-Drainage. Sie fängt Blut und andere Flüssigkeiten auf und verhindert eine Infektion. Ich werde sie in ein paar Tagen entfernen." Sie schloß die Wunde mit ein paar Stichen und bedeckte sie mit einem Verband.
Nachdem sie die blutigen Handschuhe in einen extra dafür ausgewiesenen Eimer für kontaminierten Abfall geworfen hatte, ging Lara zum Waschbecken, um sich die Hände zu reinigen, Danach bat sie ihn, sich aufzurichten, damit sie ihm einen Stützverband um die Hüfte wickeln konnte, der ein Verrutschen verhindern sollte.
Sie trat einen Schritt zurück und begutachtete kritisch ihr Werk. "Sie haben Glück gehabt, daß er kein besserer Schütze war. Ein paar Zentimeter weiter rechts, und die Kugel hätte Ihre inneren Organe penetrieren können."
"Oder ein paar Zentimeter tiefer, und ich hätte nie wieder etwas penetrieren können."
Lara schenkte ihm einen geringschätzigen Blick. "Tja, da haben Sie anscheinend wirklich noch mal Glück gehabt."
Sie war professionell distanziert geblieben, obwohl jedesmal, wenn sie den Verband um seine Mitte gewickelt hatte, ihre Wange seinen breiten Brustkorb gestreift hatte. Er hatte einen schlanken, sonnengebräunten, behaarten Oberkörper und einen harten, flachen Bauch. Sie hatte schon in vielen Notaufnahmen großer Krankenhäuser gearbeitet und so manchen zwielichtigen Charakter zusammengeflickt, aber keiner von ihnen war so schlagfertig, attraktiv und amüsant wie dieser Kerl hier gewesen.
"Glauben Sie mir, Doc, ich habe das Glück des Teufels persönlich."
Textauszug aus
Sandra Brown: Feuer in Eden
Aus dem Amerikanischen von Gabriela Prahm
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