

Der Schrei zerriss die vollklimatisierte Stille des Hotelflurs.
Erst vor wenigen Sekunden hatte das Zimmermädchen die Suite betreten, nun taumelte es kreischend aus dem Raum und hämmerte schluchzend an die Türen anderer Hotelzimmer. Später sollte ihr diese "Überreaktion" eine Rüge der Hausdame einbringen, aber in diesem Augenblick saß ihr die Hysterie im Nacken.
Unglücklicherweise hielten sich an jenem Nachmittag nur wenige Gäste in ihren Zimmern auf. Die meisten genossen draußen den einzigartigen Charme von Charlestons historischem Viertel. Endlich gelang es ihr doch noch, einen Gast aufzutreiben, einen Mann aus Michigan, der eine kürze Ruhepause in seinem Zimmer einlegte. Die ungewohnte Hitze hatte ihn geschafft.
Trotz seiner Benommenheit angesichts der abrupten Störung war ihm sofort klar, dass nur eine größere Katastrophe die enorme Panik des Zimmermädchens ausgelöst haben konnte. Noch ehe er sich aus ihrem Gestammel einen Reim machen konnte, rief er beim Concierge an und alarmierte das Hotelpersonal über einen Notfall im obersten Stockwerk.
Zwei Charlestoner Polizisten, zu deren Revier das neu eröffnete Charles Towne Plaza gehörte, reagierten sofort auf den Anruf. Ein nervöser Angestellter des hoteleigenen Sicherheitsdienstes brachte sie zu jener Penthouse-Suite, die das Zimmermädchen für einen frühen Abendservice betreten hatte, um augenblicklich herauszufinden, dass ihre Dienste nicht mehr gebraucht würden. Der Gast lag der Länge nach auf dem Salonboden - tot.
Der Polizist kniete sich neben die Leiche. "Heiliger ... das sieht ganz nach -"
"Richtig, das ist er", sagte sein Kollege genauso ehrfurchtsvoll. "Das wird 'nen ordentlichen Wirbel geben, stimmt's?"
Er bemerkte sie im selben Moment, in dem sie den Pavillon betrat.
Selbst aus einer Menge Frauen, die fast ausschließlich knappe Sommerkleidung trugen, stach sie klar heraus. Überraschenderweise war sie allein.
Als sie innehielt, um sich zu orientieren, blieb ihr Blick kurz am Podium hängen, wo sich die Band abmühte, ehe sie zur Tanzfläche und anschließend zu der kunterbunten Ansammlung von Stühlen und Tischen ringsherum weiterwanderte. Nachdem sie einen freien Tisch entdeckt hatte, steuerte sie darauf zu und setzte sich.
Der Pavillon war ein Rundbau von ungefähr dreißig Metern Durchmesser. Obwohl es sich um eine offene Konstruktion mit konischem Dach handelte, von dessen Unterseite weiße Lichterketten baumelten, staute sich unter der schrägen Decke der Schall zu einer unerträglichen Lärmkulisse.
Ihren Mangel an musikalischem Talent machte die Band durch Lautstärke wett. Offensichtlich glaubten die Musiker, ihre verpatzten Noten hinter steigenden Dezibelwerten besser verstecken zu können. Trotzdem musste man ihnen derben Enthusiasmus und Mut zur Selbstdarstellung zugestehen. Gitarrist und Keyboarder schienen die Töne buchstäblich aus ihren Instrumenten zu dreschen. Der geflochtene Bart des Mundharmonikaspielers hüpfte bei jedem Ruck seines Kopfes. Während der Geiger mit dem Bogen über die Saiten sägte, tanzte er dazu so schwungvoll, dass man seine gelben Cowboystiefel sah. Der Schlagzeuger beherrschte offensichtlich nur einen einzigen Rhythmus, aber dem widmete er sich hingebungsvoll.
Anscheinend störte sich die Menge nicht an der Katzenmusik, genauso wenig wie Hammond Cross. Ironischerweise wirkte der Krach des Jahrmarkts irgendwie beruhigend. Er nahm den Lärm in sich auf: die Juchzer aus der Budengasse, die Pfiffe johlender Halbstarker oben im Riesenrad, das Geplärr müder Babys, scheppernde Glocken, Pfeifengejaule und Hörnerquäken - jeden Schrei, jedes Lachen, das zu einem Volksfest gehört.
Der Besuch eines Jahrmarkts hatte nicht in seinem. Terminkalender gestanden. Obwohl dafür wahrscheinlich schon früh in der Lokalzeitung und im Fernsehen Werbung gemacht worden war, war es ihm nicht aufgefallen.
Er war ganz zufällig hierher geraten, auf dieses Gelände ungefähr eine halbe Stunde außerhalb von Charleston. Was ihn zum Anhalten getrieben hatte, war ihm schleierhaft, da er gewiss nicht zu denen gehörte, die begeistert Volksfeste besuchten. Seine Eltern hatten ihn garantiert nie auf eines mitgenommen. Derartige Volksbelustigungen hatten sie unter allen Umständen gemieden. Das war nicht ihre Welt, nicht ihresgleichen.
Auch Hammond hätte dieses Fest normalerweise gemieden, nicht weil er ein Snob war, sondern weil er wegen seiner langen Arbeitszeiten mit seiner Freizeit geizte und seinen Zeitvertreib sehr bewusst wählte: eine Runde Golf, ein paar Stunden Angeln, ein gemütliches Abendessen in einem guten Restaurant. Aber ein Jahrmarkt? So etwas gehörte nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.
Aber an diesem besonderen Nachmittag kamen ihm die Menschenmenge und der Lärm gerade recht. Allein hätte er nur über seinen Problemen gebrütet und sich in eine bedrückte Stimmung hineingesteigert. Wer brauchte schon so etwas an einem der wenigen Wochenenden, die noch vom Sommer übrig waren?
Auf der Autobahn hatte er gezwungenermaßen auf Kriechtempo abbremsen müssen und war dabei in eine Fahrzeugschlange geraten, die sich zentimeterweise auf einen Behelfsparkplatz zuschob. Eigentlich handelte es sich um eine Kuhweide, die ein geschäftstüchtiger Farmer in einen Parkplatz verwandelt hatte. Und so war auch er brav zwischen den anderen Autos, Vans und Geländewagen geblieben.
Er zahlte dem Tabak kauenden jungen Mann, der für den Farmer abkassierte, zwei Dollar, und hatte das Glück, für sein Auto einen schattigen Platz unter einem Baum zu finden. Vor dem Aussteigen zog er Anzugjacke und Krawatte aus und rollte seine Hemdsärmel hoch. Während er sich vorsichtig einen Weg zwischen den Kuhfladen bahnte, hätte er liebend gerne Anzughose und Halbschuhe gegen Jeans und Stiefel eingetauscht. Aber auch so spürte er, wie sich seine Laune zusehends besserte. Hier kannte ihn niemand. Wenn er nicht wollte, musste er mit keinem reden. Hier war er zu nichts verpflichtet, musste an keinen Konferenzen teilnehmen oder irgendwelche Telefonanrufe beantworten. Hier draußen war er weder Geschäftsmann noch Kollege und schon gar nicht Sohn. Allmählich schwanden Anspannung, Ärger und die Last der Verantwortung. Das Gefühl von Freiheit wirkte berauschend.
Der Jahrmarktsplatz war mit einem Plastikseil abgeteilt, an dem bunte Wimpel reglos in der Hitze hingen. In der lastenden Schwüle duftete es verführerisch nach sämtlichen ungesunden Leckereien. Aus der Entfernung hörte sich die Musik nur halb so schlimm an. Sofort war Hammond froh, dass er angehalten hatte, Das brauchte er - diese Isolation.
Trotz der vielen Menschen, die sich durch das Drehkreuz zwängten, war er in einem höchst realen Sinne isoliert. Mit einem Mal schien es die bessere Wahl zu sein, in einer großen lärmenden Menschenmenge unterzugehen, als einen einsamen Abend in seinem Blockhaus zu verbringen, so wie er es ursprünglich geplant hatte.
Die Band hatte zwei Songs gespielt, seit die Frau mit den rotbraunen Haaren auf der ihm entgegengesetzten Pavillonseite Platz genommen hatte. Hammond hatte sie unaufhörlich beobachtet und seine Vermutungen angestellt. Höchstwahrscheinlich erwartete sie jemanden, vermutlich einen Ehemann mit einer Reihe Kinder. Sie wirkte ein wenig jünger als er, vielleicht Anfang dreißig. Genau das richtige Alter für ein Mitglied des Festausschusses, die Mutter eines Jungpfadfinders, eine Vertreterin des Elternbeirats. Eine jener Hausfrauen, deren einzige Sorge der Auffrischung von Diphtherie- und Tetanusimpfungen, Zahnspangen und dem strahlendsten Weiß und den buntesten Farben ihrer Wäsche galten. Obwohl seine gesammelten Kenntnisse dieses Frauentyps aus der Fernsehwerbung stammten, schien sie dem Durchschnittsbild zu entsprechen.
Mit einer Ausnahme: Sie war ein bisschen zu ... zu ... nervös. Sie wirkte nicht wie eine Mutter mit kleinen Kindern, die ein paar Minuten Atempause genoss, während Daddy mit den Kids eine Runde Karussell fuhr. Sie hatte nicht die kühl-kompetente Ausstrahlung der Frauen aus seinem Bekanntenkreis, der Mitglieder in Frauenverbänden und anderen wohltätigen Vereinen, die sich zum Lunch trafen und für ihre Kinder Geburtstagspartys und Dinner für die Geschäftsfreunde ihrer Männer ausrichteten, die zwischen Aerobicstunden und Bibelkreisen ein- bis zweimal pro Woche in ihren schicken Clubs Golf oder Tennis spielten.
Andererseits hatte sie auch nicht den weichen reifen Körper einer Frau, die zwei oder drei Nachkommen geboren hatte. Ihre Figur war straff und sportlich. Sie hatte schöne - nein, tolle - Beine, straff, schlank und sonnengebräunt, die durch einen kurzen Rock und hochhackige Sandalen noch betont wurden. Ihr ärmelloses Top hatte einen spitzen Ausschnitt wie ein Pullunder, darüber trug sie eine passende Strickjacke lässig um den Hals gebunden, die sie inzwischen ausgezogen hatte. Ihre Kleidung strahlte einen subtilen Chic aus, der das meiste ausstach, was die Shorts-und-Turnschuh-Truppe hier vor Ort trug.
In ihre Handtasche, die auf dem Tisch lag, passten bestimmt nur Schlüsselbund, Taschentuch und vielleicht noch ein Lippenstift, sie hatte aber nie und nimmer das Fassungsvermögen jener Schulterbeutel junger Mütter voll gestopft mit Mineralwasserflaschen, feuchten Tüchern, Bio-Riegeln und anderen Dingen, mit denen man notfalls tagelang in der Wildnis überleben konnte.
Hammond hatte einen analytischen Verstand. Deduktives logisches Denken war seine Stärke. Deshalb kam er zu dem für ihn höchstwahrscheinlichen Schluss, dass diese Frau keine Mutter war.
Was nicht heißen sollte, dass sie nicht verheiratet oder sonstwie gebunden sein konnte und nur darauf wartete, eine für sie wichtige männliche Person zu treffen, egal, um wen es sich dabei handelte oder wie ihre Beziehung aussah., Diese Frau widmete sich vielleicht ganz ihrer Karriere und brachte in der Geschäftswelt wichtige Dinge ins Rollen: als erfolgreiche Vertreterin, als Geschäftsfrau mit Köpfchen, als Börsen- oder Kreditmaklerin.
Während Hammond an seinem Bier nippte, das in der Hitze allmählich schal wurde, starrte er sie weiter interessiert an.
Bis er plötzlich bemerkte, wie er seinerseits angestarrt wurde.
Als sich ihre Blicke trafen, machte sein Herz einen Satz. Vielleicht weil er sich genierte, ertappt worden zu sein. Trotzdem schaute er nicht weg. Mehrere Sekunden hielten sie den Blickkontakt trotz der Tänzer aufrecht, die sich zwischen ihnen bewegten und immer wieder die Sicht versperrten.
Dann wandte sie sich abrupt ab, als ob sie sich schämte, gerade ihn in der Menge ausgesucht zu haben, und sich ärgerte, auf einen banalen Blickkontakt wie ein junges Mädchen reagiert zu haben. Hammond überließ seinen Tisch zwei Pärchen, die schon längere Zeit in der Nähe herumgestanden und auf den nächsten freien Platz gewartet hatten, und bahnte sich einen Weg durchs dichte Gewühl zu der provisorischen Bar, die man während des Volksfests für die durstigen Tänzer aufgebaut hatte.
Sie war ein beliebter Aufenthaltsort. An der Theke standen in Dreierreihen Soldaten von den verschiedenen Militärstützpunkten der Gegend. Auch ohne Uniform konnte man sie an ihren kurz geschorenen Köpfen erkennen. Sie tranken, musterten die Mädchen, wägten ihre Chancen.auf einen Treffer ab, wetteten, wer zum Zuge kommen würde und wer nicht, und übten sich in der Kunst, der Erste zu sein.
Obwohl die Barkeeper das Bier so schnell wie möglich verteilten, konnten sie mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Nachdem Hammond mehrmals versucht hatte, auf sich aufmerksam zu machen, gab er schließlich auf und beschloss, mit der nächsten Bestellung zu warten, bis sich die Reihen gelichtet hatten.
Da er annahm, inzwischen weniger pathetisch zu wirken als vorher allein an seinem Tisch, schaute er verstohlen über die Tanzfläche zu ihr hinüber. Seine gute Laune verschlechterte sich drastisch. Inzwischen hatten drei Männer die freien Stühle an ihrem Tisch besetzt. Ein breitschultriger Kerl verdeckte sie sogar völlig vor Hammonds Blicken. Obwohl das Trio keine Uniform trug, hielt er sie wegen ihres extrem kurzen Haarschnitts und ihrer großspurigen Art für Marines.
Nun ja, es überraschte ihn nicht. Enttäuscht war er, aber nicht überrascht.
Sie sah zu gut aus, um an einem Samstagabend allein zu bleiben. Sie hatte sich also nur die Zeit vertrieben, bis ihr Freund auftauchte.
Und selbst wenn sie allein dort war, wäre sie nicht lange ohne Partner geblieben, nicht auf einer Fleischbeschau wie dieser. Ein ungebundener Soldat mit Wochenendausgang hatte den zielstrebigen Instinkt eines Hais. Er kannte nur ein Ziel: sich für den Abend weibliche Gesellschaft zu verschaffen. Und dieses Exemplar Frau hätte selbst ungewollt Aufmerksamkeit erregt.
Nicht dass er daran gedacht hätte, sie kennen zu lernen, redete sich Hammond ein. Dazu war er schon zu alt. Er würde doch nicht wieder eine Schuljungenmentalität an den Tag legen, das könnte doch wohl nicht sein. Außerdem gehörte sich das nicht, oder? Er war zwar nicht direkt gebunden, aber ganz frei war er auch nicht.
Plötzlich stand sie auf, packte ihre Jacke, schob den Riemen ihrer kleinen Tasche über die Schulter und wandte sich zum Gehen. Sofort sprangen die drei Männer, die bei ihr gesessen hatten, hoch und umringten sie. Einer von der offensichtlich hartnäckigen Sorte legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sein Gesicht tief zu ihr hinunter. Hammond konnte sehen, wie er die Lippen bewegte. Seine Begleiter lachten schallend über seine Bemerkung.
Sie fand das nicht komisch, sondern drehte den Kopf weg. Auf Hammond wirkte es, als versuche sie, sich aus einer misslichen Situation zu befreien, ohne Aufsehen zu erregen. Sie löste den Arm des Soldaten von ihrem Hals und sagte etwas mit einem verkrampften Lächeln, ehe sie sich erneut zum Gehen wandte. Der Verschmähte wollte sich unter den Sticheleien seiner beiden Freunde nicht abweisen lassen und ging ihr nach. Als er ihren Arm packte und sie erneut herumzog, handelte Hammond. Später erinnerte er sich nicht mehr daran, wie er über die Tanzfläche gelangt war, obwohl er sich buchstäblich einen Weg durch die Pärchen hatte bahnen müssen, die in langsamem Rhythmus vor sich hinschaukelten. Innerhalb von Sekunden griff er zwischen die beiden muskelbepackten Marines mit den Waschbrettbauchen, schubste den hartnäckigen Kerl beiseite, und hörte sich sagen: "Tut mir Leid, Schatz. Ich bin Norm Blanchard in die Arme gelaufen; du weißt schon, der wie ein Maschinengewehr redet. Komm, sie spielen gerade unser Lied."
Damit legte er ihr den Arm um die Taille und zog sie mit sich auf die Tanzfläche.
"Haben Sie meine Anweisungen verstanden?"
"Jawohl, Sir, Detective. Keiner darf rein, keiner raus. Wir haben alle Ausgänge abgesperrt."
"Das heißt alle, ohne Ausnahme."
"Jawohl, Sir."
Nachdem Detective Rory Smilow seinen Befehlen Nachdruck verliehen hatte, nickte er dem uniformierten Polizisten zu und betrat das Charles Towne Plaza durch den Haupteingang. Zahlreiche Designmagazine hatten den Treppenaufgang als architektonischen Triumph gefeiert, der inzwischen bereits zum Wahrzeichen des Neubaus geworden war. Wie der Inbegriff südstaatlicher Gastlichkeit erhob sich aus der Eingangshalle eine breite Doppeltreppe. Beide Aufgänge schienen den mächtigen Kristalllüster zu umarmen, ehe sie sich in zwölf Meter Höhe über der Halle zur Galerie im ersten Stock vereinigten.
Auf beiden Ebenen mischten sich Polizisten unter Hotelgäste und Angestellte, die inzwischen alle wussten, dass im fünften Stock offensichtlich ein Mord geschehen war.
Nur ein Todesopfer kreiert eine derart erwartungsvolle Atmosphäre, dachte Smilow, während er prüfend die Szene musterte. Schwitzende Touristen mit Sonnenbrand und Kameras im Schlepptau liefen herum, stellten jeder Autoritätsperson Fragen, unterhielten sich mit ihresgleichen und spekulierten über die Identität des Opfers und den Grund für den Mord.
Smilow war in seinem Maßanzug samt Hemd mit Doppelmanschette viel zu elegant angezogen. Trotz der drückenden Hitze draußen wirkte seine Kleidung frisch und trocken, ohne einen Hauch von Feuchtigkeit. Einmal hatte ein irritierter Untergebener leise nachgefragt, ob Smilow je schwitze. "Blödsinn, nein", hatte ein Kollege geantwortet. "Weiß doch jeder, dass Aliens keine Schweißdrüsen haben."
Zielstrebig steuerte Smilow die Aufzugreihe an. Offensichtlich hatte der Polizist, mit dem er am Eingang gesprochen hatte, sein Kommen einem Kollegen angekündigt, der im Aufzug stand und die Tür für ihn offen hielt. Smilow beachtete die höfliche Geste nicht, sondern trat hinein.
"Hält der Glanz noch, Mr. Smilow?" Smilow drehte sich um. "O ja, Smitty, danke."
Der Mann, von dem alle nur den Vornamen kannten, betrieb in einer Nische neben der Hotelhalle drei Schuhputzstände. Jahrzehntelang war er in einem anderen Hotel im Stadtzentrum Teil des festen Inventars gewesen. Erst vor kurzem hatte man ihn ins Charles Towne Plaza gelockt, wohin ihm seine Kundschaft gefolgt war. Selbst von Leuten, die nicht in der Stadt heimisch waren, bekam Smitty exzellente Trinkgelder, weil er besser als der Empfangschef wusste, was wo los war und wo man alles, wonach man in Charleston suchte, finden konnte.
Rory gehörte zu den regelmäßigen Kunden von Smitty. Normalerweise wäre er auf ein paar freundliche Worte stehen geblieben, aber heute hatte er es eilig. Jede Verzögerung war ihm zuwider, deshalb meinte er nur knapp: "Bis später, Smitty." Und schon glitten die Aufzugtüren zu.
Stumm fuhr er mit dem uniformierten Polizisten in den obersten Stock. Smilow pflegte nie freundschaftlichen Umgang mit Kollegen, nicht einmal mit gleichrangigen, geschweige denn mit Untergebenen. Nie fing er von sich aus ein Gespräch an, es sei denn, es handelte sich um einen seiner aktuellen Fälle. Alle aus seinem Ressort, die in einem Anfall von Wagemut versuchten, mit ihm zu plaudern, stellten bald fest, dass sie nicht weit kamen. Sein Verhalten ermutigte nicht zu Kameradschaft, und sein tadelloses Äußeres tat ein Übriges; im täglichen Umgang wirkte es wie Stacheldraht.
Als sich die Aufzugtüren im fünften Stock öffneten, verspürte Smilow eine vertraute Erregung. Er hatte schon zahllose Mordschauplätze gesehen, manche eher langweilig und unspektakulär, andere äußerst grausig. Einige waren rasch vergessene Routine, an andere würde er ewig denken. Entweder wegen der Phantasie des Killers, wegen der seltsamen Umstände, unter denen man die Leiche entdeckt hatte, wegen der bizarren Tötungsmethode und der außergewöhnlichen Waffe oder wegen des Alters und der Verhältnisse des Opfers.
Trotzdem löste bei ihm jeder erste Schritt an den Ort eines Verbrechens unweigerlich einen Adrenalinstoß aus, dessen er sich ganz und gar nicht schämte. Genau zu dieser Arbeit war er geboren, er genoss sie in vollen Zügen.
Als er aus dem Aufzug trat, erstarb das Gespräch zwischen den Zivilbeamten im Flur. Aus Respekt oder aus Angst traten sie beiseite, während er auf die offene Tür jener Hotelsuite zuschritt, in der heute ein Mann gestorben war.
Er notierte sich die Zimmernummer, ehe er hineinspähte. Erleichtert stellte er fest, dass bereits sieben Beamte von der Spurensicherung vor Ort waren und ihren unterschiedlichen Aufgaben nachgingen.
Da sie ihren Job gründlich erledigten, wandte er sich zufrieden an die drei Kriminalbeamten, die von der Mordkommission geschickt worden waren. Einer hatte eine Zigarette geraucht, die er nun hastig in einem Aschenbecher ausdrückte. Smilow belohnte ihn mit einem kalten starren Blick. "Collins, hoffentlich enthielt dieser Sand kein Beweismaterial."
Wie ein Drittkiässler, der einen Tadel kassiert, weil er sich nach der Toilette nicht die Hände gewaschen hat, stopfte der Kriminalbeamte die Hände in die Hosentaschen.
"Passen Sie auf", sagte Smilow zur ganzen Gruppe gewandt.
Er wurde nie laut, das hatte er nicht nötig. "Ich werde keinen einzigen Fehler tolerieren. Sollte an diesem Schauplatz irgendetwas durcheinander kommen, sollte es auch nur minimale Abweichungen von der üblichen Prozedur geben, sollte durch irgendeine Nachlässigkeit auch nur der Hauch eines Beweisstücks übersehen oder gefährdet werden, mache ich aus dem Schuldigen Hackfleisch. Persönlich." Er schaute jedem einzeln in die Augen, dann fuhr er fort: "Okay, an die Arbeit." Während sie hintereinander den Raum betraten, zogen sie Gummihandschuhe über. Jeder hatte seine spezielle Aufgabe, die er nun vorsichtig in Angriff nahm und dabei nichts berührte, was er nicht sollte.
Smilow trat auf die beiden Polizisten zu, die als Erste am Schauplatz gewesen waren, und fragte sie rundheraus: "Haben Sie ihn angefasst?"
"Nein, Sir."
"Etwas anderes?"
"Nein, Sir."
"Den Türknauf?"
"Als wir herkamen, stand die Tür offen. Das Zimmermädchen, das ihn gefunden hat, hat sie offen gelassen. Möglicherweise hat ihn der Mann vom Hotelsicherheitsdienst angefasst. Auf unsere Frage meinte er nein, aber..." Er hob die Schultern.
"Telefon?", fragte Smilow.
"Nein, Sir, ich habe ja mein Handy dabei. Aber der Wachmann könnte es benutzt haben, bevor wir hier waren."
"Mit wem haben Sie bisher gesprochen?"
"Nur mit ihm. Er hat uns angerufen."
"Und was hat er gesagt?"
"Dass ein Zimmermädchen die Leiche gefunden hat." Er deutete auf den Toten. "Genau so, mit dem Gesicht nach unten, zwei Schusswunden im Rücken, neben dem linken Schulterblatt."
"Haben Sie das Zimmermädchen befragt?"
"Versucht, aber sie ist kaum ansprechbar; wir haben nicht viel aus ihr herausbekommen. Außerdem ist sie Ausländerin. Keine Ahnung, woher sie kommt", antwortete der Polizist, als Smilow fragend die Augenbraue hochzog. "Aus dem Akzent kann ich's nicht erkennen. Sie sagt nur immer wieder ,Toter Mann' und heult in ihr Taschentuch. Ist verrückt vor Angst."
"Haben Sie den Puls geprüft?"
Der Polizist schielte zu seinem Kollegen hinüber, der nun zum ersten Mal den Mund aufmachte: "Das war ich. Nur um sicherzugehen, dass er tot ist."
"Also haben Sie ihn doch angefasst."
"Na ja, aber nur dafür."
"Ich nehme an, dass Sie keinen gespürt haben."
"Puls?" Der Polizist schüttelte den Kopf. "Nein, er war tot. Kein Zweifel."
Bis zu diesem Punkt hatte Smilow den Körper ignoriert, jetzt ging er darauf zu. "Hat einer was vom Gerichtsmediziner gehört?"
"Schon unterwegs."
Smilow registrierte die Antwort, obwohl er intensiv den Toten musterte. Bis er es nicht mit eigenen Augen sah, hatte er nicht glauben können, dass es sich bei dem Mordopfer um keinen Geringeren als Lute Pettijohn handelte, eine stadtbekannte angesehene Persönlichkeit. Pettijohn war unter anderem Vorstandsvorsitzender jenes Baukonzerns, der das verwahrloste Baumwolllagerhaus zum spektakulären neuen Charles Towne Plaza umgebaut hatte.
Obendrein war er einmal Rory Smilows Schwager gewesen.
Textauszug aus
Sandra Brown: Kein Alibi
Aus dem Amerikanischen von Eva L. Wahser
© Verlagsgruppe Random House GmbH, München