Leseprobe aus Sandra Brown: Nachtglut

Sandra Brown - Nachtglut

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"Myron, hörst du mir überhaupt zu?" fuhr Carl Herbold seinen Mithäftling gereizt an. Er schüttelte ungeduldig den Kopf und brummte: "Blödmann!"

Myron Hutts, offenbar taub für die Beleidigung, grinste weiter leer vor sich hin.

Carl schob sein Gesicht näher an seines heran. "Hey, hör auf, so dämlich zu grinsen, Myron! Die Sache ist ernst. Ist davon irgendwas bei dir angekommen? Hast du auch nur ein gottverdammtes Wort kapiert?"

Myron biß in seinen Schokoriegel. "Klar, Carl. Du hast gesagt, ich soll genau zuhören und gut aufpassen." "Okay."

Carl beruhigte sich etwas, auch wenn er ziemlich sicher war, daß Myron nicht einmal einen Bruchteil dessen, was er ihm zu sagen hatte, verstehen würde. Myron war nicht gerade der Hellsten einer; genau gesagt, war er total unterbelichtet.

Trotz seiner Kraft und ständigen Beflissenheit stellte er mit seinem Spatzenhirn ein Risiko für Carls wohldurchdachte Pläne dar. So ein Komplize hatte seine Nachteile.

Andererseits benötigte Carl Myron Hutts' Hilfe. Er brauchte einen, der nicht fähig war, selbständig zu denken, und tat, was man ihm sagte - ohne lange zu überlegen, ohne Fragen, Widerreden oder Skrupel. Eben deswegen war Myron zuletzt doch der perfekte Partner. Selbst wenn er ein gottverdammter Einstein gewesen wäre - aber er hatte kein Gewissen.

Gewissen, das war »innerer Dialog«. Klasse, der Ausdruck, was? Carl hatte ihn aus einem Artikel in einer Zeitschrift. Er hatte ihn sich eingeprägt und schwups aus dem Hut gezogen, als er das letztemal vor dem Ausschuß für bedingte Haftentlassung antanzen mußte. Fünf Minuten lang hatte er sich des langen und breiten über seine inneren Dialoge bezüglich seiner vergangenen Missetaten und des Unheils ausgelassen, das er in seinem eigenen Leben und dem anderer angerichtet hatte. Aus diesen Dialogen habe er erkannt, auf dem falschen Weg gewesen zu sein; sie hätten ihn ins Licht der Selbsterkenntnis und des Verantwortungsbewußtseins geführt. Er bereue, was er getan habe, und wünsche, dafür zu büßen.

Die Ausschußmitglieder hatten sich von den großen Worten nicht beeindrucken lassen. Sie hatten gemerkt, daß er ihnen nur einen Haufen Mist auftischte, und seinen Antrag auf bedingte Haftentlassung abgelehnt.

Aber mal angenommen, das Gewissen war tatsächlich ein innerer Dialog. Das verlangte abstrakte Vorstellungen, die Myron in seiner Beschränktheit nicht einmal in Erwägung zog. Doch Carl war es sowieso egal, ob Myron ein Gewissen hatte oder nicht. Der Typ tat, was ihm gerade in den Kopf kam, und basta. Genau deshalb hatte Carl ihn ausgewählt. Myron würde keine Muffen kriegen, wenn es unappetitlich wurde.

Der Kerl war selbst ein ziemlich unappetitlicher Typ, um nicht zu sagen grottenhäßlich mit seiner beinahe haarlosen, weißen Haut. Nur die wulstigen Lippen leuchteten unnatürlich rot; die Iris seiner Augen hingegen waren praktisch ohne Farbe. Spärliche helle Augenbrauen und Wimpern ließen seinen ohnehin einfältigen Blick noch einfältiger wirken. Sein Haar war dünn, aber von grober Beschaffenheit, und stand, fast weiß, drahtartig von seinem Kopf ab.

Einen besonders unappetitlichen Anblick bot er gerade jetzt, wo ihm der zähe Saft der Nougatfüllung des Schokoladenriegels aus den Mundwinkeln troff. Carl mußte wegschauen, als Myron mit langer Zunge nach dem Zeug leckte.

Manch einer fragte sich wahrscheinlich, wieso ausgerechnet er und Myron Kumpel waren - bei dem auffallenden Kontrast, der zwischen ihnen bestand -, Myron und der große, dunkle, gutaussehende Carl. Wenn es ihn packte, arbeitete er mit Gewichten, aber mit strenger Regelmäßigkeit absolvierte er täglich in seiner Zelle Liegestützen und andere Leibesübungen, um seinen kräftigen Torso fit zu halten. Er besaß ein absolut umwerfendes Lächeln, das an den jungen Warren Beatty erinnerte. Hatte man ihm jedenfalls gesagt. Er persönlich fand, er sähe besser aus als der Schauspieler, den er als Schwuchtel betrachtete. Aber eine tolle Frau hatte er, ja, Mrs. Beatty, eine total scharfe Nummer!

An Grips war Carl seinem Kumpel Myron eindeutig weit überlegen. Was Myron zu wenig hatte, das hatte er im Überschuß. Im Planen war er unschlagbar. Die genialsten Einfälle kamen ihm ganz von selbst. Außerdem besaß er ein echtes Talent dafür, eine Idee, die zunächst noch ganz nebelhaft war, anzureichern und zum großen Entwurf zu verdichten.

Wäre er beim Militär gewesen, so wäre er General geworden. Aber selbst die hochrangigsten Offiziere brauchten die gemeinen Soldaten, um ihre Strategien umzusetzen. Daher Myron.

Er hätte jeden Kerl in dem Schuppen hier haben können. Myron war den meisten Leuten unheimlich, sogar abgebrühten Kriminellen. Sie blieben ihm aus dem Weg. Aber Carl, der geborene Führer, zog die Leute an wie ein Magnet. Er gehörte mit zu den Alteingesessenen, und das hatte ihm unter der Zuchthausbevölkerung eine Menge Einfluß verschafft. Hinzu kam sein angeborenes Charisma. Er hätte jeden beliebigen unter den Insassen zum Partner wählen können, allesamt cleverer und bösartiger als Myron - der war nämlich trotz seinen gewalttätigen Tendenzen ein gutmütiger Mensch. Aber jeder mit ein bißchen mehr Grips würde Carl Probleme verschaffen.

Er wollte keinen Partner, der seinen eigenen Kopf hatte und meinte, ihm dreinreden zu müssen. Meinungsverschiedenheiten lenkten einen ab und führten direkt in die Katastrophe, nämlich dazu, wieder geschnappt zu werden. Alles, was er für seinen Fluchtplan brauchte, war ein zusätzliches Paar Augen und Ohren sowie jemanden, der schießen konnte und keine Angst hatte, es im Notfall auch zu tun. Myron Hutts erfüllte diese Voraussetzungen, brauchte also nicht schlau zu sein. Carl war schlau genug für beide.

Außerdem würde er mit Cecil schon Scherereien genug kriegen. Cecil dachte zuviel. Der analysierte jeden Furz bis zum Gehtnichtmehr. Und während er die Möglichkeiten hin und her drehte, verpaßte er die Gelegenheiten. Er war so wie der Typ auf der Witzpostkarte, die Carl einmal gesehen hatte: Der hatte dagestanden und den Fotoapparat vor die Augen gehalten, um den Eiffelturm zu fotografieren, während direkt vor seiner Nase eine nackte Französin vorbeimarschierte. Das war Cecil.

Aber Carl wollte jetzt nicht über seinen älteren Bruder nachdenken. Später, wenn er allein war, würde er dafür Zeit haben.

Er lehnte sich an den Maschendrahtzaun und ließ seinen Blick über den Hof schweifen. Ständige Wachsamkeit war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Zwanzig Jahre im Zuchthaus hatten ihn gelehrt, immer auf der Hut zu sein, um gleich beim ersten Anzeichen von Ärger reagieren zu können. Er hatte eine Menge Einfluß und einen großen Kreis von Freunden, aber war nicht bei allen beliebt.

Drüben auf der anderen Seite des Hofs tummelte sich ein Trupp schwarzer Gewichtheber, die ihre gutgeölten Muskeln spielen ließen und ihn mit blankem Haß anstarrten, bloß weil er nicht einer von ihnen war. Da regten sich die Leute draußen über Bandenkriege, Straßenkämpfe und Vendettas auf. Lachhaft! Keiner, der nicht im Knast gewesen war, hatte von Banden auch nur einen blassen Schimmer. In keiner Gesellschaft auf der ganzen beschissenen Welt gab es Ausgrenzung, Polarisierung und Diskriminierung wie in der Zuchthausgesellschaft.

Er hatte Meinungsverschiedenheiten mit den schwarzen Häftlingen gehabt, die zum Austausch von Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten geführt und zwangsläufig disziplinarische Maßnahmen nach sich gezogen hatten.

Aber weder heute noch an irgendeinem anderen Tag in absehbarer Zukunft würde er sich mit irgend jemandem hier anlegen. Bis zu dem Tag, an dem er und Myron zum Straßenbautrupp abkommandiert würden, wollte Carl Herbold sich vorbildlich benehmen. Das Arbeitsprogramm war eine Neueinführung im Rahmen der Gefängnisreform, die es sich zum Ziel erklärt hatte, den Häftlingen das Gefühl zu vermitteln, wieder nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Die sozialen Aspekte interessierten ihn natürlich einen Dreck. Ihn interessierte einzig, was es für ihn persönlich bedeutete. Wenn die ihn aufriefen, den Bau hier zu verlassen, um draußen zu arbeiten, würde er als erster im Bus sitzen.

Und deshalb verhielt er sich ruhig und tat nichts, wodurch er sich bei den Wärtern auffällig gemacht hätte. Keine Regelverstöße, keine Prügeleien, nicht einmal Widerspenstigkeit. Wenn er ein Schimpfwort aufschnappte, das gegen ihn gerichtet war, überhörte er es. Was ihm nicht paßte, übersah er. Neulich nachts hatte er untätig zuschauen müssen, wie Myron einem Kerl einen blies. Der andere, ein dreckiger Weißer, der seine Frau umgebracht und zwei Jahre seiner lebenslänglichen Strafe abgesessen hatte, hatte Myron mit einer Belohnung gelockt, woraufhin der sich sofort breitschlagen ließ.

Die aggressiveren Häftlinge versuchten häufig, Myrons Schwachsinn auszunutzen. Im allgemeinen pflegte Carl dann einzugreifen. Aber so kurz vor dem geplanten Ausbruch hatte er das Risiko eines Zusammenstoßes nicht eingehen wollen. Außerdem litt Myron wohl nicht allzuviel dabei. Für seine Dienste hatte er eine lebendige Maus bekommen, der er später mit dem langen spitzen Nagel seines kleinen Fingers den Bauch aufschlitzte.

"Also, merk dir, was ich dir gesagt hab, Myron", mahnte Carl jetzt. Die Hofpause würde gleich vorüber sein, und danach würden sie kaum noch Gelegenheit finden, allein miteinander zu sprechen. "Wenn wir zum Straßenbautrupp eingeteilt werden, darfst du dir keine Aufregung anmerken lassen."

"Okay", sagte Myron, schon wieder abgelenkt von der blutenden Nagelhaut an seinem Daumen.

"Es wäre vielleicht sogar gut, wenn wir so täten, als wären wir sauer, daß wir da raus müssen. Meinst du, du schaffst das? So zu tun, als wärst du sauer?"

"Klar, Carl." Er lutschte mit dem gleichen Genuß, wie vorher an dem Schokoriegel, an seiner Nagelhaut.

"Wenn die nämlich glauben, wir wären scharf darauf …"

Der Schlag traf ihn aus heiterem Himmel. Er riß ihn von der Holzbank, auf der er gesessen hatte. Eben noch blickte er Myron ins grinsende, schokoladenverschmierte Gesicht, und im nächsten Moment lag er mit dröhnenden Ohren im Dreck, während alles rundherum vor seinen Augen verschwamm und seine Nieren mit Tritten bearbeitet wurden, daß sich ihm der Magen umdrehte.

Er vergaß seinen Vorsatz, allen Ärger zu vermeiden. Der Überlebensinstinkt gewann die Oberhand. Sich auf den Rücken rollend, schwang er sein Bein in die Höhe und trat seinen Angreifer mit aller Kraft in die Hoden. Der schwarze Gewichtheber, der sich offensichtlich nur auf seine Muskeln verließ, ohne an Taktik zu denken, hatte den Gegenangriff nicht erwartet. Laut aufheulend fiel er auf die Knie, die Hände an seiner zartesten Körperstelle. Natürlich konnten da die anderen Schwarzen nicht untätig bleiben. Die ganze Meute fiel über Carl her und hieb mit Fäusten auf ihn ein.

Die Wärter kamen mit schwingenden Schlagstöcken angerannt. Andere Häftlinge versuchten entweder den Kampf zu beenden oder anzuheizen. Sehr schnell war das Handgemenge beigelegt. Nach Wiederherstellung der Ordnung wurde der Schaden begutachtet, und er erwies sich als minimal. Nur zwei Häftlinge wurden mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.

Einer war Carl Herbold.

Textauszug aus
Sandra Brown: Nachtglut
Aus dem Amerikanischen von Mechtild Sandberg-Ciletti

© Verlagsgruppe Random House GmbH, München

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