Leseprobe aus Sandra Brown: Scharade

Sandra Brown - Scharade

Kapitel 1

10. Oktober 1990

"Cat, wach auf! Wir haben ein Herz!"

Nur mühsam gelang es Cat Delaney, aus der von Medikamenten verursachten, klebrigen Benommenheit in die Realität aufzutauchen. Sie schlug die Augen auf und versuchte, den Blick auf Dean zu richten. Nur verschwommen nahm sie ihn wahr, sah aber sein breites, strahlendes und vielversprechendes Lächeln,

"Wir haben ein Herz für dich!" wiederholte er.

"Wirklich?" fragte sie mit heiserer und schwacher Stimme. Als sie in die Klinik eingeliefert worden war, hatte sie die Aussicht gehabt, diese entweder mit einem neuen Herzen wieder zu verlassen - oder im Sarg.

"Das Rettungsteam ist unterwegs und bringt es hierher."

Dr. Dean Spicer wandte sich zu seinen Kollegen um, die ihn auf die Intensivstation begleitet hatten. Cat vernahm zwar seine Stimme, doch was er sagte, schien keinen Sinn zu ergeben.

Träumte sie? Nein. Dean hatte gerade klar und deutlich gesagt, daß ein Spenderherz unterwegs war. Ein neues Herz - für sie! Leben!

Plötzlich spürte sie einen Energieschub wie schon seit Monaten nicht mehr. Sie setzte sich in ihrem Krankenhausbett auf und plauderte mit den Schwestern und Technikern, die um sie herumschwirrten und sie mit Infusionsnadeln und Kathetern malträtierten.

Diese schmerzhafte Prozedur war schon derart alltäglich für sie geworden, daß sie diese kaum noch wahrnahm. Während der vergangenen Monate war ihr so viel Blut abgezapft worden, daß es für einen Swimmingpool gereicht hatte. Sie hatte erheblich an Gewicht verloren und war - ohnehin von zarter Statur - fast nur noch Haut und Knochen.

"Dean? Wo ist Dean?"

"Ich bin hier." Der Kardiologe schob sich zwischen den anderen durch zu ihr ans Bett und ergriff ihre Hand. "Habe ich dir nicht immer gesagt, daß wir rechtzeitig ein Spenderherz für dich auftreiben werden?"

"Ihr Ärzte seid doch alle gleich. Rechthaberisch und eingebildet bis zum Gehtnichtmehr. Halbgötter allesamt."

"Das will ich überhört haben." Dr. Jeffries, der für die Transplantation verantwortliche Herzchirurg, betrat das Zimmer so lässig, als sei er bei seinem abendlichen Spaziergang - über Wasser. Er entsprach haargenau dem Klischee, auf das sie mit ihrer Bemerkung angespielt hatte. Sie wußte um sein Können, vertraute seinen Fähigkeiten, konnte ihn aber persönlich überhaupt nicht leiden.

"Was machen Sie denn hier?" fragte sie. "Sollten Sie jetzt nicht eigentlich im OP sein und Ihre Instrumente sterilisieren?"

"Schnippisch wie eh und je. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Ein Fernsehstar?"

"Haargenau."

Ungerührt wandte sich der Chirurg der Schwester der Intensivstation zu. "Hat die Patientin Fieber?"

"Nein."

"Erkältung? Virusinfektionen irgendwelcher Art?"

"Was soll das?" mischte sich Cat verärgert ein. "Wollen Sie etwa einen Rückzieher machen? Schon auf einen freien Abend gefreut? Was Besseres vor?"

"Reiner Routinecheck, ob Sie wohlauf sind."

"Das bin ich. Nehmen Sie das Herz und tauschen Sie es aus. Meinetwegen auch ohne Narkose."

Ohne ein Wort wandte er sich um und verließ das Zimmer.

"Arrogantes Arschloch", murmelte Cat.

"Sag so was nicht", mahnte Dean sie in heiterem Ton. "Du wirst ihn heute abend noch brauchen."

"Wann geht es los?" wollte Cat wissen.

"Ein bißchen Geduld wirst du schon noch brauchen."

Sie drängte auf eine genauere Auskunft, doch erfolglos. Angewiesen, sich auszuruhen, doch innerlich zu aufgeputscht, lag sie hellwach in ihrem Bett und schaute immer wieder auf die Uhr, während die Stunden quälend langsam verstrichen. Sie war mehr aufgeregt als ängstlich.

Die Neuigkeit von der bevorstehenden Transplantation machte rasch die Runde im Krankenhaus. Operationen wie eine Herzverpflanzung zählten zwar längst zur Routine, wurden aber dennoch mit Ehrfurcht betrachtet. Den ganzen Abend überbekam Cat Besuch von Menschen, die ihr Glück wünschten.

Cat erhielt ein Jodbad; eine klebrige und unangenehme Prozedur, die ihre Haut kupfern färbte. Sie schluckte ihre erste Dosis Cyclosporin, das lebenswichtige Medikament gegen Gewebeabstoßung. Die Flüssigkeit war in Kakao eingerührt worden in dem vergeblichen Versuch, den Olivenölgeschmack zu überdecken. Cat beschwerte sich noch darüber, als Dean ins Zimmer gestürmt kam und die ersehnte Nachricht überbrachte.

"Sie sind unterwegs mit dem neuen Herz. Bist du bereit?"

"Ist der Papst katholisch?"

Er beugte sich über sie und küßte sie auf die Stirn, "Ich werde jetzt runtergehen und mich umziehen. Keine Sorge, ich werde die ganze Zeit dabei sein und Jeffries über die Schulter schauen." Er hielt kurz inne. "Ich werde dich bei jedem Schritt begleiten."

Sie packte ihn beim Ärmel. "Wenn ich aufwache, will ich sofort wissen, ob ich ein neues Herz habe."

"Aber sicher."

Sie hatte schon von anderen Patienten gehört, denen gesagt worden war, daß man ein passendes Spenderherz für sie gefunden habe. Ein Mann, den sie kannte, war sogar schon für die Operation vorbereitet und narkotisiert gewesen. Als das Herz eingetroffen war, hatte Dr. Jeffries es untersucht und für mangelhaft befunden. Die Transplantation hatte nicht stattgefunden. Für den Patienten war dies ein derart schwerer emotionaler Rückschlag gewesen, daß er sich noch immer nicht davon erholt hatte; was der kritischen Verfasung seines Herzens ganz sicher nicht gut getan hatte.

Nun zog Cat überraschend kräftig am Ärmel von Deans Armani-Jackett. "Ich will es sofort wissen, wenn ich wieder aufwache. Versprich es mir!"

Er legte seine Hand auf ihre und nickte. "Ich gebe dir mein Wort drauf."

"Dr. Spicer - bitte!" drängelte eine der Schwestern.

"Wir sehen uns im OP, Schatz."

Nachdem Dean gegangen war, ging alles ungeheuer schnell. Cat hielt sich am Rand der Bahre fest, als man sie den Flur hinunterschob. Als sie durch die Flügeltür in den OP gerollt wurde, wurde sie für einen Moment vom gleißenden Licht geblendet und war verwirrt wegen des maskierten Personals, das sich mit konzentrierten und geschickten Handgriffen auf die bevorstehende Aufgabe vorbereitete.

Hinter den gleißenden Strahlern über dem Operationstisch konnte sie einige Gesichter hinter der Glasscheibe oben auf der Observationsgalerie ausmachen.

"Wie ich sehe, habe ich Publikum. Haben die da oben alle Eintrittskarten und Programmhefte? Wer sind die überhaupt? Hey, würde mir vielleicht mal jemand antworten? Was macht ihr denn da?"

Jemand mit Atemschutz und Gummihandschuhen stöhnte auf und fragte: "Wo bleibt denn Dr. Ashford?"

"Schon da." Der Anästhesist kam hereingeeilt.

"Gott sei Dank. Schalten Sie sie endlich ab, damit wir anfangen können."

"Die kann einem mit ihrer Klappe gehörig auf den Wecker gehen."

Cat wußte, daß es nicht so gemeint war, und war daher nicht beleidigt. Die Augen über der Maske lächelten ihr zu. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung im OP, und so war es ihr auch lieber.

"Kein Wunder, daß ihr alle Masken tragt, wenn ihr den ganzen Tag eure Patienten beleidigt", lästerte Cat. "Feiglinge, die ihr alle seid."

Der Anästhesist trat an ihre Seite." Mir scheint, daß wir ein wenig hyperaktiv und überdreht sind, Ms. Delaney …"

"Das ist mein großer Auftritt. Ich spiele die Szene so, wie es mir paßt."

"Sie werden umwerfend sein."

"Haben Sie mein neues Herz schon gesehen?"

"Nein, das Interessante kriege ich immer nicht mit. Ich sorge nur für süße Träume. Und jetzt entspannen, bitte." Er tupfte ihren Handrücken zur Vorbereitung für die Injektion ab. "Gleich werden Sie einen klitzekleinen Piekser spüren."

"Das sagt ihr Männer alle."

Gelächter ringsum.

Dr. Jeffries traf zusammen mit Dean und Dr. Sholden ein, dem Kardiologen, an den Dean sie überwiesen hatte, nachdem er aus persönlichen Gründen von der Behandlung zurückgetreten war.

"Wie sieht's aus?" fragte Dr. Jeffries.

"Sie sollten mal Ihr Script überprüfen lassen, Doktor", sagte Cat mißbilligend. "Eigentlich müßte ich ,Wie sieht's aus?' fragen."

"Wir haben das Herz untersucht", antwortete der Arzt ruhig.

Sie hielt erwartungsvoll den Atem an, sah dann stirnrunzelnd zu ihm auf. "Solche Antworten setzten wir bei den Fernsehserien auch immer ein, um die Spannung zu erhöhen. Das ist billig. Sagen Sie schon - was ist mit dem Herz?"

"Es ist wunderschön", antwortete Dr. Sholden. "Sieht fabelhaft aus. Steht Ihr Name drauf."

Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Gruppe von OP-Technikern wahr, die über eine Kühltruhe gebeugt hantierten.

"Wenn du aufwachst, wird es in deiner Brust schlagen", sagte Dean.

"Bereit?" fragte Dr. Jeffries.

War sie bereit?

Natürlich hatte sie, als die Möglichkeit einer Herztransplantation zum erstenmal mit ihr besprochen wurde, Bedenken gehabt. Doch mittlerweile hatte sie diese für komplett ausgeräumt gehalten.

Kurz nachdem Dean ihr Herzproblem erstmalig diagnostizierte, hatte sich ihre Verfassung langsam, aber stetig verschlechtert. Über die tiefe Müdigkeit und den Mangel an Energie halfen kurzfristig Medikamente hinweg, doch gegen die Krankheit selbst gab es laut Dean keine Kur. Doch sogar zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich geweigert, den Ernst ihrer Erkrankung anzuerkennen.

Erst als sie sich wirklich krank zu fühlen begann, als schon das Duschen oder Essen zu einer wahren Strapaze und mühseligen Übung für sie wurde, begriff sie, daß ihre Herzschwäche tödlich sein konnte.

"Ich brauche ein neues Herz."

Bis zu ihrer tapferen und gewagten Ankündigung gegenüber ihren Chefs beim Fernsehsender hatte niemand etwas von ihren gesundheitlichen Problemen geahnt. Ihre Schauspielerkollegen und das Aufnahmeteam der Vormittagsfernsehserie Der Lauf der Dinge hatten, obwoh lsie sich jeden Tag bei der Arbeit sahen, nie etwas von der zunehmenden und verräterischen Blässe unter ihrer Schminke bemerkt.

Und so reagierten ihre Kollegen wie ihre Vorgesetzten beim Sender - niemand wollte es wahrhaben. Niemand wollte glaubten, daß Cat Delaney, dreimalige EMMY-Preisträgerin, ihr Star, deren Rolle der Laura Madison unverzichtbar für die Serie war, daß ausgerechnet Cat Delaney ernsthaft krank sein sollte. Und so hatte sie noch eine Weile ihre Arbeit fortgesetzt, unterstützt von ihrem Team und mit Hilfe ihres schauspielerischen Könnens und ihrer robusten Art.

Doch dann war unweigerlich der Punkt gekommen, als sie - ungeachtet ihres großen Ehrgeizes - den strapaziösen Drehplan nicht mehr bewältigen konnte, und so war sie vorübergehend aus der Serie ausgeschieden.

Mit fortwährender Verschlechterung ihres Zustands verlor sie so viel an Gewicht, daß ihre große Fangemeinde sie nicht mehr erkannt hatte. Sie hatte tiefe Ringe unter den Augen, weil sie trotz ihrer völligen Erschöpfung nicht schlafen konnte. Ihre Fingerkuppen und Lippen färbten sich blau.

Die Boulevardpresse dichtete ihr alle möglichen Krankheiten an; angefangen von Windpocken bis hin zu Aids. Normalerweise hätte diese Art häßlicher Ausbeutung durch die Medien sie wütend gemacht und beunruhigt, doch dazu fehlte ihr längst die Energie. Also ignorierte sie derartige Meldungen und konzentrierte sich aufs Überleben.

Ihre Verfassung wurde derart instabil und ihre Depressionen so schlimm, daß sie eines Nachmittags zu Dean sagte: "Ich habe es so satt, schwach und nutzlos zu sein, von mir aus kann bald der Abspann kommen."

Für gewöhnlich mißbilligte Dean ihre Anspielungen auf den Tod, auch die scherzhaften, doch an diesem Tag spürte er ihr Bedürfnis, sieh die plagenden Ängste von der Seele zu reden.

"Sag, was geht dir durch den Kopf?" fragte er.

"Ich führe schon tägliche Gespräche mit dem Tod", gestand sie leise. "Ich verhandle mit ihm. Morgens sage ich: ,Gönn mir noch diesen einen Tag. Bitte, einen Tag noch.' Bei allem, was ich tue, bin ich mir bewußt, daß es vielleicht das letzte Mal ist. Das letzte Mal, daß ich den Regen sehe. Ananas esse, einen Song der Beatles höre."

Sie hob den Blick und sah Dean an. "Ich habe meinen Frieden mit Gott geschlossen. Ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber ich hoffe, daß es nicht schmerzvoll und beängstigend ist. Wie wird es sein, wenn ich mich verabschiede, Dean?"

Er tat ihre Ängste nicht leichtfertig ab, sondern antwortete ihr aufrichtig: "Dein Herz wird ganz einfach aufhören zu schlagen, Cat."

"Keine Fanfare? Kein Trommelwirbel?"

"Nein. Es wird nicht so traumatisch sein wie ein Herzinfarkt. Kein Kribbeln im Arm. Dein Herz wird einfach -"

"Aufgeben."

"Richtig."

Dieses Gespräch war erst einige Tage her. Nun sah ihre Zukunft durch eine Laune des Schicksals völlig anders aus: Leben.

Doch plötzlich wurde ihr bewußt, daß die Ärzte, um ihr ein neues Herz einpflanzen zu können, zuvor ein anderes herausschneiden mußten. Diese Vorstellung ließ sie frösteln. Sosehr sie das nicht mehr funktionstüchtige Organ haßte, das während der vergangenen zwei Jahre ihr Leben völlig bestimmt hatte, so groß war ihre unerklärliche Zuneigung zu ihm. Gewiß, sie wollte ihr krankes Herz endlich loswerden, doch irgendwie kam es ihr obszön vor, wie gutgelaunt diejenigen nun waren, die es ihr gleich entfernen würden.

Natürlich war es jetzt zu spät für Skrupel. Außerdem war der Eingriff - verglichen mit anderen Operationen am offenen Herzen - relativ simpel: Aufschneiden. Rausnehmen. Austauschen. Zunähen.

Während der Zeit des Wartens auf ihr Spenderherz war sie von den Ärzten immer wieder ermuntert worden, Fragen zu stellen. Sie hatte sie in endlose Diskussionen verstrickt und so viele Informationen wie möglich aufgesogen. Bei den Treffen ihrer Selbsthilfegruppe, die aus anderen Patienten bestand, die ebenfalls auf eine Organspende warteten, waren ihre Ängste offen ausgesprochen worden. Diese Sitzungen waren stets äußerst interessant und hilfreich für sie gewesen, weil eine Transplantation ein facettenreiches Thema mit sehr unterschiedlichen und kontroversen Positionen war. Diese waren von Person zu Person verschieden und reichten von allgemeinen Emotionen, religiösen Überzeugungen und moralischen Grundsätzen bis hin zu juristischen Problemen.

Während des monatelangen Wartens hatte Cat all diese Argumente durchdacht und war zu einer Entscheidung gelangt, von der sie zutiefst überzeugt war. Sie war sich der möglichen Risiken vollauf bewußt und vorbereitet auf die Schrecken, die ihr möglicherweise während der Genesung auf der Intensivstation bevorstanden. Sie akzeptierte sogar die Möglichkeit, daß ihr Körper das neue Herz abstieß.

Doch ihre einzige Alternative zu einer Transplantation war der sichere Tod - und zwar bald. Und so blieb ihr im Grunde keine Wahl.

"Ich bin bereit", sagte sie entschlossen. "O Moment, eines noch. Wenn ich unter Narkose anfange, irgendwelche intimen Geständnisse von mir zu geben: Nichts davon ist wahr."

Ersticktes Gelächter unter den Masken.

Sekunden später durchströmte die flüssige Mattigkeit der Narkose ihre Adern und ließ sie in seidenweiche Schläfrig-keit sinken. Sie sah zu Dean, lächelte und schloß die Augen - vielleicht zum letztenmal.

Und kurz vor der endgültigen Bewußtlosigkeit schoß ihr ein allerletzter Gedanke durch den Kopf, grell und gleißend wie ein explodierender Stern. Wessen Herz ist es?

Kapitel 2

10. Oktober 1990

"Wie könnte eine Scheidung die größere Sünde von beiden sein?" fragte er.

Sie lagen in dem Bett, das sie normalerweise mit ihrem Mann teilte, der um diese Zeit Schichtarbeit bei seiner Fleischverpackungsfirma machte. Wegen eines Lecks in der Gasleitung war das Bürogebäude, in dem sie beide arbeiteten, für den Rest des Tages evakuiert worden. Sie hatten diesen unerwartet freien Nachmittag auf ihre Weise genutzt.

Im engen, vollgestopften Schlafzimmer roch es nach verschwitztem Sex. Der Schweiß trocknete auf ihrer Haut, gekühlt vom träge kreisenden Deckenventilator. Die Laken waren feucht und zerknittert. Die Fensterläden sperrten die Nachmittagssonne aus. Die brennenden Duftkerzen auf dem Nachttisch warfen ein flackerndes Licht auf das Kruzifix an der Wand mit der ausgeblichenen Blumenmustertapete.

Doch die schläfrige Atmosphäre täuschte. Sie standen unter Zeitdruck; und sie versuchten verzweifelt, ihr jede Sekunde an Vergnügen abzuringen. Bald würden ihre Töchter von der Schule heimkommen. Sie haßte es, die kostbaren kurzen gemeinsamen Augenblicke durch den ständig wiederkehrenden und schmerzlichen Streit zu vergeuden.

Es war nicht das erste Mal, daß er sie drängte, sich scheiden zu lassen und ihn zu heiraten. Aber sie war katholisch. Eine Scheidung war völlig indiskutabel.

"Ich habe Ehebruch begangen, ja", sagte sie leise: "Aber meine Sünde betrifft nur uns beide. Wir sind die einzigen, die davon wissen. Außer meinem Beichtvater."

"Du hast unser Verhältnis gebeichtet?"

"Nur so lange, bis es immer wieder geschah. Jetzt gehe ich nicht mehr zur Beichte. Ich schäme mich zu sehr."

Sie setzte sich auf und rückte zur Bettkante, das Gesicht von ihm abgewandt Ihr schweres dunkles Haar klebte ihr feucht im Nacken. Im Standspiegel in der Ecke betrachtete sie ihr Spiegelbild,

Sie kritisierte ihre Figur, hielt ihre Hüften für zu breit und ihre Oberschenkel für zu massig. Doch ihm schien die Üppigkeit ihres Körpers und ihr dunkler Teint zu gefallen. Sie schmecke sogar dunkel, hatte er einmal zu ihr gesagt. Natürlich war das nichts weiter als Bettgeflüster in der Hitze der Leidenschaft und hatte daher nichts zu bedeuten. Trotzdem hatte sie seine Bemerkung gern gehört.

Er strich ihr mit einer Hand über den makellosen Rücken. "Schäm dich nicht für das, was wir tun. Es bricht mir das Herz, dich sagen zu hören, daß du dich wegen unserer Liebe schämst."

Vor vier Monaten hatte ihr Verhältnis so richtig begonnen. Vorausgegangen waren mehrere qualvolle und zermürbende Monate des Ringens mit Gewissen und Schuldgefühlen. Sie arbeiteten in verschiedenen Stockwerken, waren einander aber häufig im Fahrstuhl des Bürohochhauses begegnet. Das erste Mal hatten sie sich in der kleinen Cafeteria im Erdgeschoß getroffen, wo er versehentlich mit ihr zusammenstieß und sie ihren Kaffee verschüttete. Sie hatten verdrossen gelächelt, während sie sich entschuldigten und sich einander vorstellten.

Schon bald richteten sie es so ein, daß sie gemeinsam die Mittags- und Kaffeepause machten. Sich unten in der Cafeteria zu treffen, das wurde zur Gewohnheit, aus der bald eine Notwendigkeit wurde. Ihr Wohlsein hing davon ab, daß sie sich sahen. Die Wochenenden schienen quälend lang zu sein, Ewigkeiten, die irgendwie überstanden werden mußten, bis es endlich wieder Montag war und sie sich wiedersehen konnten. Sie begannen beide, Überstunden einzulegen, damit sie einige Momente ungestört verbringen konnten, ehe sie sich auf den Heimweg machten.

Als sie eines Abends gemeinsam das Büro verließen, fing es an zu regnen. Er bot ihr an, sie mit seinem Wagen nach Hause zu bringen.

Sie schüttelte den Kopf. "Ich fahre mit dem Bus, wie immer. Trotzdem danke."

Mit Blicken voller Bedauern und Sehnsucht wünschten sie sich gegenseitig einen schönen Abend und verabschiedeten sich voneinander. Die Handtasche mit einer Hand an die Brust gepreßt, in der anderen Hand den Regenschirm, eilte sie durch den Wolkenbruch bis zur Bushaltestelle an der Ecke.

Dort stand sie noch immer in ihrem dünnen Mantel, als ein Auto direkt vor ihr am Randstein hielt. Er kurbelte das Seitenfenster herunter.

"Steig ein. Bitte."

"Der Bus kommt bestimmt gleich."

"Du wirst doch pitschnaß. Steig ein."

"Er hat sicher nur ein paar Minuten Verspätung."

"Bitte..."

Er bat um mehr als nur das Privileg, sie heimfahren zu dürfen, und das war ihnen beiden bewußt. Unfähig, der Versuchung zu widerstehen, stieg sie zu ihm ins Auto, als er die Tür für sie aufhielt. Ohne ein weiteres Wort fuhr er mit ihr zu einer entlegenen Stelle im Stadtpark, nicht weit von Downtown.

Kaum hatte er den Motor abgestellt und sich zu ihr hingedreht, als sie sich auch schon hungrig küßten. Bei der ersten Berührung seiner Lippen hatte sie bereits ihren Ehemann vergessen, ihre Kinder und religiösen Überzeugungen. Sie wurde von animalischer Lust beherrscht, nicht vom Sittenkodex, den sie gelobt hatte, seit sie alt genug war, zwischen falsch und richtig zu unterscheiden.

Ungeduldig hantierten sie mit Knöpfen, Reißverschlüssen und Ösen, bis sie ihre durchnäßte Kleidung gelöst hatten und sich Haut an Haut berührten. Was seine Hände, dann sein Mund mit ihr taten, war ebenso aufregend wie schockierend für sie. Als er in sie eindrang, verstummte ihr Gewissen vollends unter seinen glühenden Liebesbekundungen.

Diese anfängliche Leidenschaft hatte nicht abgenommen. Wenn, dann hatte sie während ihrer folgenden heimlichen Treffen nur noch zugenommen. Nun wandte sie den Kopf zu ihm um und sah ihn über die Schulter hinweg an. Auf ihren üppigen Lippen lag ein schüchternes Lächeln.

"Ich schäme mich nicht genug, um unser Verhältnis zu beenden. Auch wenn ich weiß, daß es eine Sünde ist, würde ich sterben, wenn ich nie wieder mit dir schlafen könnte."

Mit einem Stöhnen erneuten Verlangens zog er sie wieder an sich. Sie drehte sich, bis sie auf ihm lag, ihre gespreizten Schenkel auf seinen Hüften.

Er stieß tief in sie, hob dann den Kopf, um an ihren Brüsten zu saugen und zu knabbern. Sie preßte ihre große Knospe an seine Lippen. Er liebkoste sie mit der Zunge, dann lutschte er gierig daran.

Diese Position war noch immer eine neue und aufregende Erfahrung für sie. Sie ritt ihn so lange, bis sie einen erneuten heftigen gemeinsamen Höhepunkt hatten, der sie beide erschöpft und außer Atem zurückließ.

"Verlaß ihn", drängte er keuchend. "Heute. Jetzt gleich. Verbring gar nicht erst noch eine weitere Nacht mit ihm."

"Ich kann nicht."

"Doch, du kannst. Der Gedanke, daß du mit ihm zusammen bist, macht mich wahnsinnig. Ich liebe dich. Ich liebe dich."

"Ich liebe dich auch", sagte sie unter Tränen. "Aber ich kann nicht einfach so von zu Hause fortgehen. Ich kann doch meine Kinder nicht verlassen."

"Du bist jetzt bei mir zu Hause. Ich verlange doch gar nicht, daß du die Kinder zurückläßt. Bring sie mit. Ich werde ihnen ein Vater sein."

"Er ist ihr Vater. Sie lieben ihn. Er ist mein Mann. Vor Gott gehöre ich ihm. Ich kann ihn nicht verlassen."

"Du liebst ihn doch gar nicht."

"Das stimmt", gab sie zu. "Nicht so, wie ich dich liebe. Aber er ist ein guter Mann. Er sorgt für mich und die Mädchen."

"Das ist keine Liebe. Er erfüllt nur seine Pflichten."

"Für ihn ist das mehr oder weniger dasselbe." Sie legte den Kopf in seine Schulterbeuge, wollte, daß er verstand. "Wir sind in derselben Nachbarschaft aufgewachsen. Wir waren schon in der Schule ineinander verliebt. Unsere Leben sind miteinander verbunden. Er ist ein Teil von mir, und ich bin ein Teil von ihm. Wenn ich ihn verlasse, würde er das nie verstehen. Es würde ihn zerstören."

"Es wird mich zerstören, wenn du es nicht tust."

"Nein", widersprach sie. "Du bist viel schlauer als er. Selbstsicherer und stärker. Du wirst es überleben. Aber bei ihm bin ich mir nicht sicher."

Textauszug aus
Sandra Brown: Scharade
Aus dem Amerikanischen von Gabriela Prahm

© Verlagsgruppe Random House GmbH, München

zurück

nach obendrucken