Leseprobe aus Sandra Brown: Schwelende Feuer

Sandra Brown - Schwelende Feuer

1. Kapitel

Im ersten Moment war sie nicht sicher, ob er wirklich dort stand.

Sie hatte gedöst; den Kopf auf dem Arm, der eingeschlafen war und anfing zu kribbeln, Sie schlug die Augen auf, streckte sich wohlig und schaute zur Seite. Da sah sie ihn. Und mit einem Schlag war das lästige Kribbeln im Arm vergessen.

Zunächst glaubte sie, ihre Augen würden ihr einen Streich spielen; vielleicht lag es auch nur an ihrer Schläfrigkeit und der Trägheit dieses heißen Sommernachmittags. Sie zwinkerte mehrmals. Doch er stand immer noch dort.

Die Umrisse seines Körpers waren so detailliert zu erkennen, als wären sie aus schwarzem Karton mit einer Nagelschere ausgeschnitten. Deutlich zeichnete er sich vor der untergehenden Sonne ab, die in einer wahren Lichtkaskade von Zinnoberrot bis Gold am Horizont versank.

Reglos stand er dort, wie die Kiefern, die aussahen wie majestätische und hoch aufgeschossene Wächter. Kein Windhauch rührte in ihren Zweigen. Schyler selbst lag unter einer Lebenseiche, von deren Ästen Spanisches Moos herabhing, trauriger als sonst wegen der unerbittlichen Hitze,

Die regungslose Gestalt war eindeutig männlich. Ebenso die Pose. O ja, seine Pose war aufreizend und arrogant männlich; das Knie leicht gebeugt, die Hüfte herausgestellt.

Es war ein höchst unbehagliches Gefühl, aus einem Nickerchen zu erwachen und festzustellen, daß keine 20 Meter entfernt jemand stand und einen schweigend und lauernd wie ein Raubtier beobachtete. Und noch beunruhigender war es, daß dieser jemand ein selbstsicheres männliches Wesen war, in dessen Augen sie selbst der Eindringling war.

Doch was Schyler am meisten beunruhigte, war die große Hacke, die er auf den Schultern trug. Ein an sich harmloses Bild. Seine Handgelenke lagen über dem Stiel, die Hände baumelten herab. In London hätte ein Mann mit einer Hacke über der Schulter sicher einiges Aufsehen erregt. Im ländlichen Louisiana dagegen war das während des Sommers ein vertrauter Anblick.

Nur, daß es in diesem Teil von Belle Terre nicht mal mehr ein Zwiebelbeet gab. Die Felder hier waren Stoppelfelder, das Gemüse war Meilen entfernt angebaut. Also hatte Schyler allen Grund, beunruhigt zu sein. Die Sonne ging bereits unter, und sie war ein gutes Stück von zu Hause entfernt.

Sie hätte ihn zur Rede stellen und verlangen können, daß er ihr sagte, wer er war und was er hier auf ihrem Grund und Boden zu suchen hatte. Doch sie sagte nichts; vielleicht weil er so aussah, als würde er viel eher als sie selbst hierher nach Belle Terre gehören. Er verschmolz mit der Umgebung, war eins mit ihr. Im Vergleich dazu schien sie völlig fehl am Platz und auffällig.

Sie konnte nicht sagen, wie lange sie einander angestarrt hatten. Zumindest nahm sie an, daß auch er sie anstarrte, denn sie konnte sein Gesicht nicht klar erkennen, und noch weniger ausmachen, was er sich so eindringlich besah. Doch ihr Instinkt sagte ihr, daß er sie beobachtete und zwar schon eine ganz Weile. Diese entnervende Tatsache ließ sie schließlich handeln. Sie setzte sich auf.

Er kam auf sie zu.

Seine Schritte verursachten kaum ein Rascheln im knöchelhohen Gras. Er bewegte sich geräuschlos und geschmeidig, ließ die Hacke von der Schulter gleiten und hielt den langen Stiel mit beiden Händen.

Alle Ratschläge zur Selbstverteidigung, die Schyler jemals gehört hatte, verzogen sich nun feige in den hintersten Winkel ihres Bewußtseins. Sie konnte sich nicht bewegen, brachte keinen Ton heraus. Sie versuchte, nach Luft zu schnappen, um schreien zu können, doch die Luft war so zäh wie Treibsand.

Instinktiv ließ sie sich gegen den massigen Baumstamm sinken und schloß die Augen. Das letzte, was sie sah, war die scharfe Klinge der Hacke, die in der Sonne aufblitzte, während sie in hohem Bogen herabzischte und dumpf aufschlug. Schyler wartete auf den betäubenden Schmerz, der den Tod bringen würde. Doch nichts dergleichen geschah.

"Nickerchen beendet, pichouettel"

Zwinkernd öffnete Schyler die Augen, verwundert, daß sie noch am Leben war. "Was?"

"Haben Sie Ihr Nickerchen beendet, Miss Schyler?"

Sie schirmte die Augen gegen die blendende Sonne ab, aber sie konnte sein Gesicht noch immer nicht erkennen. Er kannte ihren Namen. Und er hatte im Cajun-Dialekt gesprochen. Doch davon abgesehen, hatte sie noch immer keinen Schimmer, wer er war.

Das dumpfe Geräusch war von der scharfen Klinge verursacht worden, als sie in das Gras drang. Der Mann stützte sich jetzt auf die Hacke auf, die Hände harmlos über dem stumpfen Ende des Stiels gefaltet. Sein Kinn ruhte auf den Händen. Doch diese gutmütige Geste machte ihn nicht weniger gefährlich.

"Woher kennen Sie mich?" fragte Schyler.

Verschlossene Lippen öffneten sich für einen kurzen Moment. Doch es war kein echtes Lächeln. Dazu war es zu sardonisch.

"Weiß doch jeder in Laurent, daß Miss Schyler Crandall aus London zurück ist."

"Nur vorübergehend und auch nur, weil mein Vater einen Herzanfall erlitten hat."

Er zuckte die Achseln; offensichtlich war es ihm egal, woher sie kam und wohin sie ging. Er wandte den Kopf und schaute in die untergehende Sonne. Seine Augen reflektierten das Licht wie die reglosen Wasser der Bayous, wenn die Sonnenstrahlen im rechten Winkel darauf fielen. Um diese Tageszeit sah das Wasser so glatt und undurchdringlich aus wie Metall. Ebenso wie seine Augen.

"Ich beteilige mich nicht am Tratsch der Leute, Miss Schyler. Ich hör' mir an, was sie so erzählen. Und wenn's mich nichts angeht, hör' ich gar nicht hin."

"Was machen Sie hier?"

Er wandte sich wieder ihr zu. "Ihnen beim Schlafen zusehen."

"Und vorher?" fragte sie scharf.

"Hab' ich Wurzeln gesammelt." Er klopfte gegen den kleinen Lederbeutel an seinem Gürtel.

"Wurzeln?" Seine Antwort ergab überhaupt keinen Sinn, und seine arrogante Haltung ärgerte sie. "Was denn für Wurzeln?"

"Ist doch egal. Kennen Sie ohnehin nicht."

"Sie sind hier auf Privatbesitz. Sie haben nichts auf Belle Terre verloren."

Insekten summten laut in der folgenden Stille. Seine Augen ließen nicht einen Moment von ihrem Gesicht ab. Als er antwortete, war seine Stimme so sanft und unerreichbar wie die so sehr ersehnte kühle Brise. "O doch, pichouette. Ich wohne nämlich auf Belle Terre."

Schyler schaute zu ihm hoch, "Wer sind Sie?"

"Erinnern Sie sich nicht mehr an mich?"

Eine Ahnung stieg in ihr auf. "Boudreaux?" flüsterte sie. Dann schluckte sie, nicht gerade erleichtert, nun zu wissen, mit wem sie sprach. "Cash Boudreaux?"

"Bienl Haben Sie mich also erkannt."

"Nein. Nein, habe ich nicht. Die Sonne blendet mich. Und es ist Jahre her, seit ich Sie zuletzt gesehen habe."

"Und Sie hatten allen Grund, sich nicht an mich zu erinnern." Er grinste amüsiert, als sie verlegen zur Seite schaute. "Wenn Sie mich nicht erkannt haben, woher wissen Sie dann, wer ich bin?"

"Sie sind der einzige, der auf Belle Terre lebt und kein ..."

"Kein Crandall ist."

Sie duckte sich leicht; es machte sie nervös, allein mit Cash Boudreaux zu sein. Soweit sie zurückdenken konnte, hatte ihr Vater ihr und ihrer Schwester Tricia verboten, auch nur mit ihm zu sprechen.

Seine Mutter war die geheimnisumwitterte Monique Boudreaux, die in einer Hütte am Laurent Bayou lebte, der sich um und durch die bewaldeten Ländereien von Belle Terre wand. Als Junge hatte Cash Zugang zu den Ländereien gehabt, durfte sich aber nie dem Haus nähern. Weil sie in diesem Moment nicht darüber reden wollte, fragte Schyler höflich: "Wie geht es Ihrer Mutter?"

"Sie ist gestorben."

Seine unverblümte Antwort verblüffte sie. Boudreaux' Gesicht war im aufsteigenden Zwielicht nicht zu erkennen. Aber selbst im hellen Mittagslicht hätte seine Miene nicht verraten, was er dachte. Er war nie redselig gewesen. Dieselbe geheimnisvolle Aura, die seine Mutter umgeben hatte, umgab auch ihn.

"Das wußte ich nicht."

"Ist schon einige Jahre her."

Schyler verscheuchte einen Moskito, der auf ihrem Nacken gelandet war. "Das tut mir leid."

"Sie sollten besser heimgehen. Sonst fressen die Moskitos Sie noch mit Haut und Haaren auf."

Er reichte ihr die Hand. Sie hielt das für zu gefährlich und scheute sich davor, sie zu berühren, so, wie sie sich gescheut hätte, eine Wasserschlange zu streicheln. Aber andererseits wäre es unsagbar unhöflich gewesen, sich nicht von ihm aufhelfen zu lassen. Bis jetzt war ihr ja noch nichts zugestoßen.

Sie legte ihre Hand in die seine. Seine Handfläche fühlte sich rauh wie Leder an, und als sich seine Finger um ihre Hand schlössen, spürte Schyler die Schwielen. Kaum war sie auf den Beinen, zog sie die Hand weg.

Heftig klopfte sie ihr Kleid aus und sagte, um den peinlichen Moment zu überbrücken: "Das letzte Mal, als ich von Ihnen gehört habe, waren Sie gerade aus Fort Polk entlassen worden und auf dem Weg nach Vietnam." Er sagte nichts. Sie schaute auf zu ihm. "Sind Sie dort gewesen?"

"Oui."

"Das ist jetzt lange her."

"Nicht lange genug."

"Nun, ich … ich bin froh, daß Sie wieder hier sind. Die Gemeinde hat viele Söhne dort drüben verloren."

Er zuckte die Achseln. "Schätze, ich war wohl ein besserer Kämpfer." Sein Mund verzog sich zu der Andeutung eines Lächelns. "Aber das habe ich ja schon immer sein müssen."

Sie hatte nicht vor, darauf zu antworten. Eigentlich suchte sie nach einer Möglichkeit, dieses unbehagliche Gespräch behutsam in eine andere Richtung zu lenken. Doch ehe ihr etwas einfiel, hob Cash Boudreaux eine Hand an ihren Nacken und wischte einen Moskito fort, der sich dort zum Abendessen niedergelassen hatte.

Seine Fingerkuppen waren rauh, doch es war ein seltsam aufregendes Gefühl, als sie über ihren bloßen Hals und ihre Brust strichen. Ernst und neugierig schaute er sie dabei an, und in seinem Blick lag etwas Anzügliches. Er wußte genau, was er tat. Ganz dreist hatte er das Unentschuldbare getan - Cash Boudreaux hatte Schyler Crandall berührt ... und ließ es darauf ankommen, daß sie protestierte.

"Die Biester kennen die besten Stellen", erklärte er.

Schyler tat, als bemerkte sie seinen anzüglichen Blick gar nicht. "Sie sind so unverschämt wie eh und je, was?"

"Ich wollte Sie nicht enttäuschen, indem ich mich ändere."

"Das wäre mir völlig egal gewesen."

"War es doch immer."

Ernstlich eingeschnappt richtete sich Schyler auf. "Ich muß jetzt zurück zum Haus. Es ist Zeit zum Abendessen. War nett, Sie getroffen zu haben, Mr. Boudreaux."

"Wie geht es ihm?"

"Wem? Meinem Vater?"

Er nickte ergeben. Schylers Schultern entspannten sich etwas. "Ich habe ihn heute noch nicht gesehen, Nach dem Essen werde ich zu ihm fahren. Heute morgen habe ich mit einer der Schwestern im Krankenhaus gesprochen, und sie sagte, er habe eine ruhige Nacht gehabt." Ihre Gefühle senkten ihre Stimme zu einem heiseren Flüstern. "Im Moment muß man selbst dafür schon dankbar sein." Und dann sagte sie in ihrem besten Sonntagsgesellschaftston: "Ich werde ihm ausrichten, daß Sie sich nach seinem Befinden erkundigt haben, Mr. Boudreaux."

Sein Lachen war plötzlich und harsch. Ein Vogel flatterte erschrocken auf und flüchtete in die Spitze der Lebenseiche. "Das halte ich für keine gute Idee. Es sei denn, Sie wollen, daß der alte Herr abkratzt."

Wenn sie sich nicht irrte, war Cash Boudreaux knapp vierzig und hätte also seine Zunge im Zaum halten können, aber er war anscheinend immer noch so ungehobelt, rüde und unbeherrscht wie in seiner Jugend. Seine Mutter hatte ihn verwildern lassen. Cash Boudreaux war der schlimmste Rabauke gewesen, den Louisiana jemals hervorgebracht hatte.

"Einen schönen Abend noch, Mr. Boudreaux."

Er verbeugte sich leicht. "Ebenfalls, Miss Schyler."

Sie antwortete ihm mit einem kühlen Nicken, das mehr ihrer Schwester ähnlich sah als ihr, und ging in Richtung Haus. Sie war sich bewußt, daß er ihr nachsah. Kaum war sie in sicherer Entfernung und im tiefen Schatten der Bäume, drehte sie sich zu ihm um.

Er stand gegen den Stamm der Lebenseiche gelehnt, den ein halbes Dutzend Männer nicht hätte umspannen können. Sie sah, wie ein Streichholz in der Dunkelheit aufflammte. Boudreaux' nach vorn gebeugtes Gesicht wurde kurz erleuchtet, als er das brennende Streichholz an die Zigarette hielt. Er wedelte das Streichholz aus. Schyler nahm den Geruch von Schwefel wahr.

Boudreaux inhalierte tief. Die Zigarette leuchtete glühend rot auf, wie ein einzelnes Auge, das ihr aus der Tiefe der Hölle zuzwinkerte.

 

2. Kapitel

Schyler wollte so schnell wie möglich zum sicheren Haus kommen; sie lief durch den Wald, stolperte über dichtes Gestrüpp. Ein Schwärm Moskitos schwirrte um ihren Kopf, als sie die wackelige Fußgängerbrücke über den schmalen Bach überquerte, der den Wald von den rings um das Haus angelegten Rasenflächen trennte.

Als sie den smaragdgrünen weichen Rasenteppich erreichte, blieb sie stehen, um kurz zu verschnaufen. Die Abendluft war so schwer wie das Parfüm einer Prostituierten auf der Bourbon Street. Geißblatt säumte das Bachufer. Gardenien blühten in der Nähe, ebenso wie wilde Rosen und Magnolien.

Schyler nahm jeden einzelnen Duft wahr. Alle waren mit einer ganz besonderen Erinnerung aus ihrer Kindheit verbunden. Und auch wenn sie schon lange kein Kind mehr war und seit sechs Jahren keinen Fuß mehr auf Belle Terre gesetzt hatte, so waren sie ihr doch noch immer schmerzlich vertraut.

Kein Garten Englands duftete so wie ihr Zuhause, wie Belle Terre. Selbst wenn sie mit verbundenen Augen hierhergebracht worden wäre, hätte sie es sofort an den Geräuschen und Düften erkannt.

Der abendliche Chor der Frösche und Grillen stimmte sich ein, Die Bässe drangen aus dem sumpfigen Bachgrund, der Sopran aus den mannshohen Büschen. In der Ferne war das traurige Pfeifen eines Güterzuges zu hören.

Schyler lehnte sich an den rauhen Stamm einer Kiefer und schloß die Augen. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wiegte sich selbst, so als fürchtete sie, aus einem Traum zu erwachen, wenn sie die Augen wieder öffnete; als hätte sie Angst, zu erwachen und feststellen zu müssen, daß sie gar nicht auf Belle Terre war, wo der Sommer in voller Blüte stand, sondern im grauen winterlichen London.

Doch als sie die Augen aufschlug, sah sie das Haus. So rein und weiß wie ein Zuckerwürfel stand es gelassen im Herzen der Lichtung und prangte in der Landschaft wie das Herzstück einer Tiara.

Gelbliches, von den Fliegengittern gedämpftes Licht ergoß sich aus den Fenstern auf die hohe Veranda. Sechs Säulen säumten die Vorderfront, drei zu jeder Seite des Eingangs. Sie stützten einen Balkon im zweiten Stock. Es war jedoch kein echter Balkon, sondern diente nur als Fassade. Tricia betonte das regelmäßig und gereizt. Doch Schyler mochte diesen Balkon. Ihrer Meinung nach war diese Attrappe notwendig für die Symmetrie der Architektur.

Die Veranda verlief rings um das Haus. Sie war einst als Schlafraum genutzt worden und auf der Rückseite mit Fliegenfenstern abgeschlossen. Schyler erinnerte sich noch, wie ihre Mutter immer von den guten alten Zeiten gesprochen hatte, wenn bei den Familientreffen all ihre Cousins und Cousinen aus Laurent Parish dort auf Pritschen geschlafen hatten.

Schyler dagegen hatte stets die offene Veranda vorgezogen. Passend zum Haus weiß gestrichene Korbstühle waren so aufgestellt, daß man, egal in welchem man saß, einen besonderen Blick auf die Grünanlagen genießen konnte. Jeder Anblick glich einem Motiv einer Ansichtskarte.

Die Schaukel, die Cotton damals für Tricia und Schyler unter dem Portal hatte anbringen lassen, hing in einer Ecke der Veranda, Zu beiden Seiten der Tür wuchs aus passenden Kübeln Farnkraut, so bauschig wie ein Dutzend zusammengebundener Staubwedel. Veda war so stolz auf diesen Bostoner Zwillingsfarn gewesen; hatte ihn unermüdlich gepflegt und jeden ausgeschimpft, der zu schnell und zu nahe daran vorbeilief. Sie hatte es als persönliche Kränkung betrachtet, wenn ein geliebter Farnwedel aus Versehen umgeknickt wurde.

Macy lebte nicht mehr. Und Cottons Leben hing an einem seidenen Faden. Das einzige, was unverändert und für die Ewigkeit schien, war das Haus selbst. Belle Terre.

Schyler flüsterte den Namen wie ein Gebet, als sie sich vom Baum abstieß. Einer Laune nachgebend schlüpfte sie aus ihren Sandalen und lief barfuß über das kühle, feuchte Gras, das der automatische Sprenkler am Nachmittag gewässert hatte.

Als sie vom Rasen auf den Kieselweg trat, zuckte sie vor Schmerz zusammen. Doch es war eine willkommene Pein und rief Erinnerungen an die Kindheit in ihr wach. Es war ein alljährliches Ritual gewesen, zu Beginn des Frühlings den Kiesweg barfuß entlangzulaufen. Da sie den ganzen Winter über Strümpfe und Schuhe getragen hatte, waren ihre Füße empfindlich. Wenn es warm genug war und Veda es erlaubt hatte, wurden die Strümpfe und Schuhe abgelegt. Es dauerte immer einige Tage, bis ihre Fußsohlen so abgehärtet waren, daß sie den ganzen Weg bis zur Straße hinunter laufen konnte, ohne zwischendurch stehenbleiben zu müssen.

Der Klang und das Gefühl des Kieswegs waren vertraut. Ebenso wie das Quietschen der Tür, als sie sie öffnete. Gleich hinter ihr fiel sie, wie Schyler es nicht anders kannte, wieder ins Schloß. Belle Terre änderte sich nie. Es war ihr Zuhause;

Aber andererseits auch wieder nicht. Nicht mehr. Nicht, seit Ken und Tricia es zu ihrem Zuhause gemacht hatten.

Die beiden saßen bereits am langen Tisch im Eßzimmer. Ihre Schwester Tricia stellte ihr Glas mit Bourbon und Wasser ab. "Wir haben schon gewartet", grüßte sie vorwurfsvoll.

"Entschuldigt bitte. Ich bin spazierengegangen und habe die Zeit ganz vergessen."

"Halb so schlimm, Schyler", sagte Ken Howell. "Wir haben ja nicht lange gewartet." Ihr Schwager lächelte ihr von der Vitrine aus zu, wo er sein Glas aus einer kristallenen Karaffe mit Bourbon nachfüllte. "Möchtest du etwas trinken?"

"Einen Gin Tonic, bitte. Mit viel Eis. Es ist heiß draußen."

"Es ist zum Ersticken." Verärgert fächerte sich Tricia mit ihrer steifen Serviette Luft zu. "Ich habe Ken gebeten, daß er den Thermostat an der Klimaanlage neu einstellt. Daddy ist ja so knauserig wegen der Stromrechnung. Er läßt uns den ganzen Sommer über vor Hitze vergehen. Solange er nicht hier ist, sollten wir es uns so angenehm wie möglich machen. Aber es dauert ewig, bis es sich in diesem alten Haus abkühlt. Prost." Sie hielt ihr Glas in Schylers Richtung, als Ken ihr den gewünschten Drink reichte,

"Ist alles in Ordnung?"

Schyler nippte an ihrem Drink, sah Ken aber nicht offen in die Augen, als sie antwortete: "Bestens. Danke."

"Ken, ehe du dich wieder setzt, sag doch bitte Mrs. Graves, daß Schyler doch noch gekommen ist, und sie nun servieren soll."

Tricia winkte ihn zur Tür, die das formelle Eßzimmer mit der Küche verband. Er warf ihr einen verächtlichen Blick zu, tat aber wie geheißen. Als Schyler ihre Sandalen neben dem Stuhl abstreifte, sagte Tricia: "Also ehrlich, Schyler, du bist erst ein paar Tage wieder hier und hast schon wieder deine schlechten Manieren, die Mama bis zuletzt fast in den Wahnsinn getrieben haben. Du willst doch nicht etwa barfuß am Tisch sitzen, oder?"

Da Tricia bereits schmollte, daß sie ihretwegen mit dem Abendessen hatte warten müssen, zog Schyler um des lieben Friedens willen ihre Sandalen wieder an. "Ich kann nicht verstehen, warum du nicht gerne barfuß läufst."

"Und ich kann nicht verstehen, warum du es tust." Auch wenn Tricias engelsgleiches Lächeln von Michelangelo hätte gemalt sein können, war sie dennoch garstig. "Gut möglich, daß in meinen Adern das aristokratische Blut meiner Vorfahren fließt, woran es dir völlig mangelt."

"Gut möglich", entgegnete Schyler ohne Bitterkeit. Sie nippte an ihrem Drink und genoß den eiskalten Gin und die herbe Limone.

"Ist dir das eigentlich gleichgültig?" fragte Tricia.

"Was?"

"Daß du deine Vorfahren nicht kennst. Manchmal legst du Manieren an den Tag wie das letzte Pack. Das kann nur bedeuten, daß deine Leute so jämmerlich waren, wie der Tag lang ist."

"Wirklich, Tricia, ich bitte dich", unterbrach Ken peinlich berührt. Er war aus der Küche zurückgekehrt und setzte sich gegenüber seiner Frau an den Tisch. "Laß es gut sein. Was macht es denn schon für einen Unterschied?"

"Es macht einen großen Unterschied."

"Wichtig ist doch, was man aus seinem Leben macht, und nicht, woher man kommt. Stimmt's, Schyler?"

"Ich denke nie über meine leiblichen Eltern nach", antwortete Schyler. "Na ja, als ich noch klein war, habe ich es hin und wieder getan, wenn man mir weh getan hatte oder wenn mich jemand beschimpft hat oder ..."

"Beschimpft?" wiederholte Tricia ungläubig. "Daran kann ich mich überhaupt nicht entsinnen. Wann genau soll das denn jemals passiert sein, Schyler?"

Schyler ignorierte die Bemerkung und fuhr fort. "Ich habe mir selber leid getan und gedacht, wenn meine leiblichen Eltern mich nicht zur Adoption freigegeben hätten, wäre mein Leben schöner gewesen." Sie lächelte wehmütig. "Was natürlich nicht stimmt."

"Woher willst du das so genau wissen?" Müßig ließ Tricia mit ihrem manikürten Zeigefinger einen Eiswürfel in ihrem Glas kreisen, dann leckte sie die Fingerspitze ab. "Ich bin sicher, daß meine Mutter ein wohlhabendes Mädchen der feinen Gesellschaft war. Ihre fiesen alten Eltern haben sie aus Eifersucht und reiner Boshaftigkeit dazu gezwungen, mich wegzugeben. Mein Vater war bestimmt jemand, der meine Mutter geliebt und leidenschaftlich verehrt hat; aber er hat sie nicht heiraten können, weil sein giftiges Weib sich nicht scheiden lassen wollte."

"Du hast zu viele Kitschfilme gesehen", lästerte Ken mit einem amüsierten Lächeln in Schyiers Richtung. Schyler nickte.

Tricia kniff die Augen zusammen. "Mach dich nicht über mich lustig, Ken."

"Wenn du derart überzeugt bist, daß deine leiblichen Eltern so wundervoll waren, warum hast du dann nie den Versuch unternommen, herauszufinden, wer sie sind?" fragte er sie. "Wenn ich mich recht erinnere, hat Cotton dich sogar dazu ermuntert."

Tricia strich die Serviette auf ihrem Schoß glatt. "Weil ich ihr Leben nicht durcheinanderbringen und ihnen die Verlegenheit ersparen wollte."

"Vielleicht wolltest du dir nur ersparen rauszufinden, daß sie gar nicht so wunderbar sind." Ken nahm einen letzten Schluck aus seinem Glas und stellte es mit der Lässigkeit eines Spielers ab, der sein Trumpf-As auf den Tisch legt.

"Selbst wenn sie nicht reich waren", schnappte Tricia, "dann weiß ich aber genau, daß sie nicht so ärmlich waren wie Schylers Eltern." Zuckersüß lächelnd langte sie über den Tisch nach Schylers Hand. "Ich hoffe, ich habe deine Gefühle nicht verletzt, Schyler."

"Nein, hast du nicht. Woher ich komme, war mir schon immer egal. Ich bin nicht so wie du. Ich bin froh, daß ich durch die Adoption eine Crandall geworden bin."

"Du bist sogar so grauenhaft dankbar gewesen, daß du Cotton Crandalls ein und alles geworden bist, hab' ich recht?"

Mrs. Graves' Eintreten führte dazu, daß Schyler Tricias schneidende Bemerkung nicht beachtete. Die Haushälterin war, wie Schyler fand, die traurigste Person auf der ganzen Welt. Bis jetzt hatte sie diese hagere Frau nicht ein einziges Mal lächeln sehen. Sie war das genaue Gegenteil von Veda.

Als die wortkarge Haushälterin um den Tisch ging und aus einer Terrine Suppe servierte, verspürte Schyler plötzliche Sehnsucht nach Veda. Ihr strahlendes Gesicht, so schwarz wie Kaffee, war Teil ihrer Erinnerung, so weit sie zurückdenken konnte. Vedas üppiger Busen war so weich gewesen wie ein Gänsedaunenkissen, so beschützend wie eine Burg und so aufmunternd wie ein Gang in die Kapelle. Sie duftete immer nach Stärke und Zitrone, nach Vanille und Lavendelkissen.

Schyler hatte sich darauf gefreut, bei ihrer Rückkehr von Vedas bärenstarken Armen an der Tür begrüßt zu werden. Um so bitterer war ihre Enttäuschung gewesen, als sie erfahren hatte, daß Veda durch Mrs. Graves ersetzt worden war, deren flache Brust so hart und kalt und wenig einladend wirkte wie ein Grabstein aus Granit.

Die Suppe war dünn und seelenlos wie die Frau, die sie zubereitet und serviert hatte und dann durch die Tür wieder in der Küche verschwunden war. Nach einer Kostprobe von der eisgekühlten Suppe griff Schyler zum Salzstreuer.

Tricia sprang sofort für die Köchin in die Bresche. "Ich hatte Mrs. Graves angewiesen, beim Kochen kein Salz mehr zu verwenden, als Daddys Blutdruck so sehr angestiegen war. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt."

Schyler gab noch mehr Salz in ihre Suppe. "Ich aber nicht." Erneut probierte sie, fand die Suppe aber gänzlich ungenießbar. Sie legte den Löffel auf den Unterteller und schob alles beiseite. "Ich erinnere mich noch zu gut an Vedas Vichyssois. Die war so dick und köstlich, daß der Löffel drin steckenblieb."

Sich bewußt zurückhaltend betupfte sich Tricia die Lippen mit der Serviette und faltete diese dann wieder sorgfältig auf ihrem Schoß aus. "Hab' ich doch gewußt, daß du mir das ankreidest."

"So habe ich das nicht gemeint -"

"Sie war alt, Schyler, Du hast sie einige Jahre nicht gesehen, also hast du kein Recht, meine Entscheidung zu kritisieren. Veda war am Schluß schluderig und tatterig, hab' ich recht, Ken?" Es war nur eine rhetorische Frage, und er hatte keine Gelegenheit, seine Meinung kundzutun. "Ich hatte keine andere Wahl, als sie zu entlassen. Wir konnten sie doch nicht weiterhin bezahlen, wo sie ihre Arbeit nicht mehr tat. Es hat mir schrecklich leid getan", sagte Tricia und preßte eine Hand auf ihre volle Brust. "Ich habe sie doch auch geliebt, wie du weißt."

"Ich weiß", sagte Schyler. "Ich wollte dich auch nicht kritisieren. Es ist nur so, daß sie mir fehlt. Sie hat eben immer zu Belle Terre gehört." Da sie zu der Zeit in Übersee gelebt hatte, konnte sie Tricias Entscheidung nicht rückgängig machen. Aber eine schludrige und tatterige Veda ... das konnte sie sich einfach nicht vorstellen.

Tricia gab sich zwar alle Mühe zu betonen, ihre ehemalige Haushälterin auch gemocht zu haben, aber Schyler fragte sich unweigerlich, ob sie Veda aus reiner Boshaftigkeit vor die Tür gesetzt hatte. Bei zahllosen Anlässen war ihre Schwester alles andere als liebevoll zu Veda gewesen. Einmal hatte Tricia Veda so beleidigend getadelt, daß Cotton der Geduldsfaden gerissen war. Es hatte einen fürchterlichen Streit gegeben, Tricia mußte zur Strafe den ganzen Tag auf ihrem Zimmer bleiben und durfte nicht zur Party gehen, auf die sie sich schon wochenlang gefreut hatte. Und da Tricia es fertigbrachte, ihren Groll bis in alle Ewigkeit mit sich herumzutragen, war Schyler sicher, daß es einen viel ernsteren Grund für Vedas Entlassung gegeben hatte als den genannten.

Kein Salz und Pfeffer konnte das Huhn, das der kalten Suppe folgte, schmackhaft für Schyler machen. Sie versuchte es sogar mit Tabascosauce, die in Cotton Crandalls Haus immer auf den Tisch gehörte. Aber auch die rote Pfeffersoße half nicht.

Dennoch kritisierte sie Mrs. Graves' Kochkünste nicht. Sie hatte keinen sonderlichen Appetit mehr verspürt, seit sie durch Kens Anruf in London von Cottons Herzinfarkt erfahren hatte.

"Wie geht es ihm?" hatte sie zaghaft gefragt.

"Schlecht, Schyler. Auf dem Weg ins Krankenhaus hat sein Herz vollständig ausgesetzt. Die Notärzte haben ihn künstlich wiederbeleben müssen. Ich will dir nichts vormachen. Es steht auf der Kippe."

Dann hatte er Schyler gedrängt, so schnell wie möglich heimzukommen. Aber dazu hätte man sie nicht extra auffordern müssen. Als sie zu Hause eintraf, lag ihr Vater ohne Bewußtsein auf der Intensivstation des St. John's Hospital, wo er auch die nächste Zeit bleiben sollte. Sein Zustand war zwar unverändert, aber nach wie vor kritisch.

Das Schlimmste für Schyler war, daß sie nicht sicher war, ob er überhaupt wußte, daß sie nach Hause gekommen war, um ihn zu sehen. Obwohl er während einer ihrer kurzen Besuche in seinem Zimmer die Augen geöffnet und sie angesehen hatte, war seine Miene reglos geblieben. Er hatte die Augen geschlossen ohne ein Zeichen, ob er Schyler erkannt hatte. Sein leerer Blick, der geradewegs durch sie hindurchzugehen schien, brach ihr fast das Herz. Sie fürchtete, Cotton könnte sterben, ehe sie Gelegenheit hatte, mit ihm zu sprechen.

Textauszug aus
Sandra Brown: Schwelende Feuer
Aus dem Amerikanischen von Gabriela Prahm

© Verlagsgruppe Random House GmbH, München

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