Leseprobe aus Sandra Brown: Sündige Seide

Sandra Brown - Sündige Seide

Prolog

Ein Blauhäher flatterte heran und ließ sich auf den Zehen des nackten Cherubs nieder. Zu hochnäsig, um mit dem schlichten Spatzen in einem Becken zu planschen, nahm der Häher nur einen Schluck Wasser und schoß dann wieder aus dem Hof. Ihm schien die Ruhe innerhalb der alten, mit blühenden Kletterpflanzen bedeckten Ziegelmauern nicht zuzusagen. Hummeln summten geschäftig zwischen den pastellfarbenen Blüten herum. Der Farn in den aufgehängten Körben tropfte noch nach einem frühmorgendlichen Schauer. Auf den wachsigen Blättern der Philodendren und Kamelienbüsche glänzten Regentropfen in der strahlenden Sonne.

"Also ließ Rapunzel ihr schönes, blondes Haar herunter, und der Prinz kletterte an den schweren Locken die steinerne Mauer des Turmes hinauf."

Claire Laurent, die aufmerksam zugehört hatte, sah ihre Mutter skeptisch an. "Tut das nicht weh, Mama?" "Im Märchen nicht, Liebling."

"Ich hätte auch gern langes, blondes Haar." Das Mädchen seufzte sehnsüchtig.

Mary Catherine tätschelte den rostroten Lockenschopf ihrer fünfjährigen Tochter. "Dein Haar ist unbeschreiblich schön." Die Ruhe im Hof wurde unvermittelt von Tante Laurel gestört, die durch die Fliegentür stürmte. "Mary Catherine, sie sind wieder da! Und diesmal haben sie ein Papier, in dem steht, daß sie Claire mitnehmen dürfen."

Mary Catherine starrte ihre Tante verständnislos an. "Wer ist da?"

Claire wußte es. Selbst wenn ihre Mutter ihn vergessen hatte, Claire erinnerte sich an den Mann in dem dunklen Anzug, der nach starken Pfefferminzbonbons und billiger Brillantine gerochen hatte. Zweimal war er ins Haus gekommen und hatte Tante Laurels Salon mit seinem widerwärtigen Gestank verpestet. Jedesmal hatte ihn eine Frau mit einer großen ledernen Aktentasche begleitet. Sie redeten mit Tante Laurel und Mary Catherine über sie, als wäre sie taub oder gar nicht da. Claire verstand nicht alles, was gesagt wurde, aber sie begriff, worum es bei diesen Gesprächen ging. Tante Laurel war danach immer bekümmert, und ihre Mutter litt entsetzlich. Nach dem letzten Besuch hatte sie drei Tage weinend im Bett gelegen. Es war einer ihrer schlimmsten Anfälle gewesen und hatte ihrer Tante noch mehr Kummer bereitet.

Claire huschte hinter den schmiedeeisernen Stuhl, in dem ihre Mutter saß, und versuchte sich möglichst klein und unsichtbar zu machen. Angst schnürte ihr die Kehle zu und ließ das Herz, in der kleinen Brust wild klopfen.

"Herrje, herrje!" Tante Laurels Kinne schwabbelten. Ihre fleischigen Finger verkrampften sich um das Handtuch in ihren Händen. "Ich weiß nicht, was ich machen soll. Mary Catherine, was soll ich denn tun? Sie behaupten, sie dürfen sie mitnehmen."

Der Mann erschien zuerst. Sein Falkenblick schoß herrisch im Hof umher und blieb schließlich auf der schönen jungen Frau haften, die wie ein lebendes Porträt vor dem pittoresken Hintergrund lagerte. "Guten Morgen, Miss Laurent."

Aus dem Versteck hinter ihrer Mutter sah ihn Claire lächeln. Sein Lächeln gefiel ihr nicht. Es war so unaufrichtig wie das Grinsen auf einer Mardi-Gras-Maske. Selbst hier draußen konnte sie sein ekelerregend süßliches Haarwasser und die Pfefferminzbonbons riechen.

Tante Laurels Worte hatten ihr einen entsetzlichen Schrecken eingejagt. Wohin mitnehmen? Ohne ihre Mutter konnte sie nirgendwohin. Wenn man sie wegbrachte, wer würde sich dann um Mama kümmern und ihr etwas vorsingen, wenn sie traurig war? Wer würde sie suchen, wenn sie sich in einem ihrer Anfälle aus dem Haus schlich?

"Man hat Ihnen die Vormundschaft für Ihre Tochter entzogen", sagte die triste Frau in dem häßlichen grauen Kleid ruppig zu Mary Catherine. "Diese Umgebung ist nicht gut für Ihr Kind. Sie wollen doch das Beste für sie, nicht wahr?" Mary Catherines schmale Hand flatterte an ihre Brust und befingerte die Perlenkette über ihrem Spitzenkragen. "Ich verstehe das nicht. Das ist alles so ... verwirrend." Der Mann und die Frau sahen einander an. Der Mann sagte: "Machen Sie sich keine Sorgen, Miss Laurent. Man wird sich gut um Ihr kleines Mädchen kümmern." Er nickte der Frau knapp zu, und sie kam hinter den Stuhl und packte Claire am Arm.

"Nein!" Claire riß ihren Arm aus der heißen, schwitzigen Umklammerung und wich zurück. "Ich will nicht mit Ihnen gehen. Ich will bei meiner Mama bleiben."

"Jetzt komm, Claire", lockte die Frau mit dürrem Lächeln. "Wir bringen dich zu einem Haus, wo viele andere Kinder zum Spielen sind. Es wird dir gefallen. Ganz bestimmt." Claire glaubte ihr nicht. Sie hatte eine spitze Nase und unstete Augen wie die Ratten, die durch den Müll in den Gassen des französischen Viertels huschten. Sie war nicht hübsch, nicht sanft und roch nicht gut, und obwohl sie versuchte, freundlich zu sprechen, klang ihre Stimme nicht so melodiös wie Mamas.

"Ich komme nicht mit", erklärte Claire mit dem Starrsinn einer Fünfjährigen. "Ohne meine Mama gehe ich nirgendwohin."

"Du wirst es müssen." Wieder langte die Frau nach Claire. Diesmal ließ sie sie nicht mehr los, obwohl Claire sich mit aller Gewalt zu befreien versuchte. "Nein! Nein!" Die Fingernägel der Frau gruben sich in ihren Arm und ritzten die Haut auf. "Lassen Sie mich los! Ich will bei meiner Mama und bei Tante Laurel bleiben!" Sie kreischte, zappelte, trat und schlug um sich, stemmte die Absätze ihrer schwarzen Lackschühchen in die Ziegel und tat alles nur Erdenkliche, um sich dem Griff der Frau zu entziehen, aber die war unerbittlich.

Tante Laurel hatte ihre Fassung wiedergefunden und redete auf den Mann ein, der ein Kind von seiner Mutter trennen wollte: "Mary Catherine leidet manchmal unter Melancholie, aber das tun wir doch alle. Sie empfindet sie nur tiefer. Sie ist eine wunderbare Mutter. Claire vergöttert sie. Glauben Sie mir, sie ist völlig harmlos."

Ohne auf Tante Laurels Flehen zu achten, zerrte die Frau Claire durch die Fliegentür in die Küche. Das Kind drehte sich nach seiner Mutter um. "Mama!" schrie es. "Mama, sie dürfen mich nicht wegbringen!"

"Hör auf zu brüllen!" Die Frau schüttelte Claire so heftig, daß sich das Mädchen aus Versehen auf die Zunge biß und vor Schmerz noch lauter schrie.

Durch das Geheul ihrer Tochter wurde Mary Catherine schließlich aus ihrer Trance gerissen und begriff, daß Claire in Gefahr war. Sie erhob sich so schwungvoll aus dem schmiedeeisernen Stuhl, daß er nach hinten kippte und zwei Pflasterziegel zerschmetterte. Sie rannte zur Fliegentür und hatte sie schon beinahe erreicht, als der Mann sie mit der Hand an der Schulter packte und zurückriß.

"Diesmal können Sie uns nicht aufhalten, Miss Laurent. Wir haben das Recht, Ihre Tochter aus Ihrer Obhut zu entfernen."

"Eher bringe ich Sie um." Mary Catherine ergriff eine Vase auf dem Patio-Tisch und holte damit zu einem Schlag auf seinen Kopf aus.

Mit einem dumpfen Schlag traf Bleikristall auf Fleisch. An der Schläfe des Sozialarbeiters platzte eine sieben Zentimeter lange Wunde auf. Mary Catherine ließ die Vase fallen, die auf dem Ziegelpflaster zersprang. Wasser durchnäßte den dunklen Anzug des Mannes. Rosen lagen verstreut zu ihren Füßen. Er brüllte vor Zorn und Schmerz. "Völlig harmlos, ja leck mich", schrie er Tante Laurel an. Sie war herbeigeeilt, um Mary Catherine zurückzuhalten.

Obwohl sich ihr Mund nach dem Biß mit Blut füllte, wehrte sich Claire weiterhin gegen die Frau, die sie durch das Haus schleifte. Der Mann folgte ihnen fluchend, wobei er versuchte, den Blutstrom von seiner Schläfe mit einem Taschentuch zu stillen.

Claire schaute so lange wie möglich zu ihrer Mutter zurück. Mit qualvoll verzerrtem Gesicht wehrte sich Mary Catherine gegen Tante Laurels Griff. Flehend streckte sie die Arme nach ihrer Tochter aus.

"Claire. Claire. Mein kleines Mädchen."

"Mama! Mama! Mama!"

 

Claire setzte sich plötzlich in ihrem großen Bett auf. Keuchend rang sie nach Atem. Ihr Mund war wie ausgedörrt, und die Kehle war wund vom lautlosen Schreien im Schlaf. Das Nachthemd klebte ihr an der feuchten Haut.

Sie warf die Decke zurück, zog die Beine an und stützte die Stirn auf die Knie. Sie hob den Kopf erst wieder, als sie den Alptraum vollständig abgeschüttelt hatte und die Dämonen aus der Vergangenheit sich wieder in die Schlupfwinkel in ihrem Unterbewußtsein verkrochen hatten.

Sie stand auf und ging durch den Korridor zum Zimmer ihrer Mutter. Mary Catherine schlief friedlich. Erleichtert trank Claire am Waschbecken im Bad ein Glas Wasser und kehrte dann in ihr Schlafzimmer zurück. Sie wechselte das Nachthemd und strich die Laken glatt, bevor sie sich wieder ins Bett legte.

In letzter Zeit plagten sie immer wieder Alpträume, in denen sie die schrecklichsten Augenblicke ihrer unruhigen Kindheit durchleben mußte. Sie wußte, woher die Träume kamen. Sie rührten von dem Bösen her, das zur Zeit den Frieden und die Sicherheit bedrohte, die sie so verbissen zu verteidigen versuchte.

Sie hatte geglaubt, die Schmerzen der Vergangenheit wären so tief vergraben, daß sie nie wieder auftauchen könnten. Aber ein bösartiger Eindringling erweckte sie zu neuem Leben. Er bedrohte alles, was sie liebte. Er drohte, ihr Leben zu zerstören.

Wenn sie nicht zu einschneidenden Maßnahmen griff und den Lauf der Ereignisse änderte, würde er alles zerstören, was sie sich aufgebaut hatte.

 

Kapitel 1

Der Reverend Jackson Wilde war in den Kopf, ins Herz und in die Hoden getroffen worden. Cassidy hielt das vom ersten Augenblick an für einen wichtigen Hinweis. "Was für eine Sauerei."

Die Leichenbeschauerin untertrieb, fand Cassidy. Er vermutete, daß der Mord mit einem aus nächster Nähe abgefeuerten kurzläufigen .38er Revolver begangen worden war. Hohlmantelgeschosse. Der Täter hatte es zweifellos darauf abgesehen, das Opfer zu zerfetzen. Gewebe war auf das Kopfbrett und die Laken gespritzt. Die Matratze hatte sich mit Blut vollgesogen, das sich unter dem Körper angesammelt hatte. Abgesehen von dem verheerenden Schaden, den die Kugeln angerichtet hatten, war das Opfer nicht mißhandelt oder verstümmelt worden. So grausig es auch aussah, Cassidy hatte schon Schlimmeres gesehen. Das Unangenehmste an diesem Mord war die Identität des Opfers. Cassidy hatte die Sondermeldung in seinem Autoradio gehört, während er sich durch den morgendlichen Stoßverkehr gekämpft hatte. Er hatte augenblicklich und ohne Rücksicht auf die Verkehrsregeln gewendet, obwohl er kein Recht hatte, ohne offizielle Aufforderung am Tatort zu erscheinen. Die Polizisten, die das Fairmont-Hotel abgeriegelt hatten, hatten ihn erkannt und automatisch angenommen, daß er als offizieller Vertreter des Orleans Parish District Attorneys da war. Niemand hatte ihn davon abgehalten, die San-Louis-Suite im siebten Stock zu betreten, wo sich die Detektive gegenseitig auf die Füße traten und wahrscheinlich mehr Beweismateria! unbrauchbar machten, als sie fanden.

Cassidy wandte sich an die Leichenbeschauerin. "Was halten Sie davon, Elvie?"

Dr. Elvira Dupuis war ein stämmiges, grauhaariges Mannweib. Ihr Liebesleben gab ständig Anlaß zu neuen Gerüchten, allerdings besaß keiner der Zuträger Erfahrungen aus erster Hand. Sie wurde von wenigen gemocht, aber niemand zweifelte an ihrer Kompetenz.

Die Pathologin rückte die Brille zurecht und antwortete: "Ich vermute, daß ihn der Kopfschuß drangekriegt hat. Die Kugel hat das meiste von seiner grauen Hirnmasse zerstört. Die Brustwunde erscheint mir ein bißchen zu weit rechts, um durchs Herz zu gehen, aber ich kann sie erst als Todesursache ausschließen, wenn ich ihm die Brust aufgeknackt habe. Der Schuß in die Eier hätte ihn wahrscheinlich nicht umgebracht, jedenfalls nicht gleich." Sie sah zu dem stellvertretenden Staatsanwalt auf und grinste schadenfroh. "Obwohl er ihm bestimmt ganz schön die Tour vermasselt hätte."

Cassidy verzog einfühlsam das Gesicht. "Ich frage mich, welcher Schuß zuerst abgefeuert wurde."

"Keine Ahnung."

"Ich tippe auf den Kopf."

"Warum ?"

"Der Schuß in die Brust hätte ihn vielleicht nicht umgebracht, aber bestimmt gelähmt."

"Seine Lungen wären vollgelaufen. Und ?"

"Und wenn mir jemand in die Hoden schießen würde, dann würde ich automatisch versuchen, sie zu schützen."

"Also sich im Todeskampf die Eier halten?"

"So in etwa."

Sie schüttelte den Kopf. "Wildes Arme lagen neben dem Körper. Keine Anzeichen für einen Kampf oder irgendwelche Gegenwehr. Er kannte vermutlich seinen Mörder. Vielleicht hat er sogar geschlafen. Er hat es nicht kommen sehen."

"Das tun die Opfer selten", murmelte Cassidy. "Wann, meinen Sie, ist es passiert?"

Sie nahm die rechte Hand des Leichnams und drehte sie im Handgelenk, um die Starre zu überprüfen, "Mitternacht. Vielleicht früher." Sie ließ die Hand wieder auf das Laken fallen und, fragte: "Kann ich ihn jetzt haben?"

Cassidy musterte die entstellte Leiche ein letztes Mal. "Bedienen Sie sich."

"Ich werde zusehen, daß Sie eine Kopie des Autopsieberichts bekommen, sobald ich fertig bin. Rufen Sie bloß nicht an und hetzen mich, bevor ich durch bin, sonst dauert's nur noch länger."

Dr. Dupuis ging davon aus, daß er den Fall verfolgen würde. Er widersprach ihr nicht. Es war nur eine Frage der Zeit. Er würde diesen Fall übernehmen.

Cassidy trat beiseite, um der Spurensicherung Platz zu machen, und führte eine kurze Bestandsaufnahme des Hotelschlafzimmers durch. Die Gegenstände auf dem Nachttisch waren bereits auf Fingerabdrücke hin untersucht worden. Ein paar Dinge waren sorgfältig in Plastiktüten verpackt und beschriftet worden. Raub konnte man als Motiv ausschließen. Unter den Sachen auf dem Nachttisch war eine Rolex. Ein Polizeifotograf machte Aufnahmen. Ein weiterer Polizist krabbelte auf den Knien herum und suchte mit Arzthandschuhen den Teppich nach Stofffasern ab. "War die Presse schon da?"

"Nee", antwortete der kniende Beamte.

"Halten Sie sie so lange wie möglich von hier fern, und rücken Sie keine wichtigen Informationen raus. Unser Büro wird heute noch eine Erklärung abgeben, sobald wir alle Fakten haben."

Der Beamte bestätigte die Anweisungen mit einem Nicken. Cassidy überließ die Polizisten ihrer Arbeit und ging in den Salon der Suite. Schwere Vorhänge waren vor die zwei Panoramafenster gezogen worden, so daß der Raum trotz der pastellfarbenen und weißen Einrichtung dämmrig und unheimlich wirkte. In der Ecke eines pfirsichfarbenen Samtsofas kauerte mit gesenktem Kopf eine junge Frau. Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben und schluchzte erbärmlich. Ein junger Mann saß neben ihr. Er sah nervös, fast verängstigt aus und versuchte vergebens, sie zu trösten.

Sie wurden von einem Kriminalbeamten aus dem Morddezernat des New Orleans Police Department verhört. Howard Glenn war seit mehr als zwanzig Jahren in der Abteilung, aber er war ein Einzelgänger und bei den Kollegen nicht besonders beliebt. Seine äußere Erscheinung war nicht gerade anziehend oder dazu geeignet, neue Freunde zu finden. Er wirkte schmuddlig und unordentlich, rauchte kettenweise filterlose Camels und sah insgesamt so aus, als gehörte er in einen film noire aus den vierziger Jahren. Aber man respektierte ihn bei der Polizei wie bei der Staatsanwaltschaft wegen seiner verbissenen Untersuchungsmethoden.

Als Cassidy näher kam, schaute Glenn auf und sagte: "Hallo, Cassidy. Sie sind schnell gekommen. Hat Crowder Sie geschickt?"

Anthony Crowder war der District Attorney des Bezirks Orleans und Cassidys Boß. Cassidy überging die Frage und machte eine Kopfbewegung zu dem Paar auf dem Sofa. "Wer ist das?"

"Sehen Sie nicht fern?"

"Keine religiösen Sendungen. Hab' seine Show nie gesehen."

Glenn drehte den Kopf zur Seite und sagte aus dem Mundwinkel, so daß nur Cassidy ihn hören konnte: "Pech für Sie. Jetzt haben sie ihn abgesetzt." Dann klärte er ihn auf: "Das ist die Frau des Evangelisten, Ariel Wilde, und sein Sohn Joshua."

Der junge gut aussehende Mann sah zu Cassidy auf. Cassidy streckte die rechte Hand aus. "Cassidy, stellvertretender Bezirksbevollmächtigter."

Joshua Wilde reichte ihm die Hand. Sein Griff war fest, aber seine Hände waren weich, glatt und gepflegt, die Hände eines Müßiggängers. Er hatte ausdrucksvolle braune Augen und langes, oben gewelltes, mausbraunes Haar.

Er sprach mit Südstaatenakzent. Seine Stimme klang so kultiviert wie ein Faß Jack Daniels. "Finden Sie das Monster, das meinem Vater das angetan hat, Mr. Cassidy."

"Das habe ich vor."

"Und bringen Sie ihn schleunigst vor den Richter."

"Ihn? Sind Sie sicher, daß ein Mann Ihren Vater umgebracht hat, Mr. Wilde?"

Das verwirrte Joshua Wilde.

"Keineswegs. Ich meinte nur ... ich verwende das männliche Pronomen im übertragenen Sinn."

"Dann hätte es also auch eine Frau sein können."

Bis jetzt hatte die Frau ihn ignoriert und in ein Kleenex geweint. Plötzlich warf sich Ariel Wilde das hellblonde, glatte Haar über die Schulter und fixierte Cassidy mit wildem, fanatischem Blick. Ihr Teint hatte nicht mehr Farbe als die weiße Gipslampe auf dem Tisch neben dem Sofa, aber sie hatte wunderschöne blaue Augen, die durch außergewöhnlich lange Wimpern und den Glanz frischer Tränen noch hervorgehoben wurden.

"Lösen Sie so Ihre Mordfälle, Mr. ... wie war noch Ihr Name?"

"Cassidy."

"Lösen Sie Ihre Fälle, indem Sie Wortspiele treiben?"

"Manchmal ja."

"Sie sind keinen Deut besser als dieser Detective."

Verächtlich bleckte sie die Zähne in Howard Glenns Richtung. "Statt den Mörder zu jagen, belästigt er Josh und mich."

Cassidy tauschte einen vielsagenden Blick mit Glenn. Der Detective zuckte mit den Achseln und überließ Cassidy kommentarlos das Feld. "Bevor wir ,den Mörder jagen' können, Mrs. Wilde", erklärte Cassidy, "müssen wir genau herausfinden, was Ihrem Mann zugestoßen ist."

Sie zeigte auf das blutdurchtränkte Bett nebenan und kreischte: "Es ist doch klar, was passiert ist."

"Nicht immer."

"Glauben Sie, wir hätten Jackson gestern nacht allein in die Suite gelassen, wenn wir gewußt hätten, daß jemand ihn umbringen will?"

"Sie beide haben Reverend Wilde gestern nacht allein gelassen ? Wo waren Sie?" Cassidy ließ sich auf dem Rand des kleinen Zweisitzersofas neben ihrem nieder. Er sah sich die Frau und ihren Stiefsohn genau an. Beide schienen etwa Ende Zwanzig zu sein.

"Wir waren in meiner Suite und haben geübt", antwortete Josh.

"Was geübt?"

"Mrs. Wilde singt in allen Kreuzzugsgottesdiensten und in den Fernsehsendungen", erläuterte Glenn. "Mr. Wilde spielt das Klavier."

Wie geschickt von Jackson Wilde, sein Missionsunternehmen als Familienbetrieb zu führen, dachte Cassidy. Er mochte Fernsehprediger nicht und hatte bislang nichts gesehen, was seine Vorurteile widerlegt hätte. "Wo ist Ihre Suite, Mr. Wilde?" fragte er.

"Am Ende des Gangs. Daddy hat alle Zimmer auf diesem Stockwerk reservieren lassen."

"Warum ?"

"Das machte er immer. Um unsere Privatsphäre zu wahren. Daddys Jünger nehmen fast alles auf sich, um in seiner Nähe zu sein. Er liebte die Menschen, aber zwischen den Gottesdiensten brauchte er Ruhe und Abgeschiedenheit. Er und Ariel wohnten in dieser Suite. Ich nahm die nächstgrößere, damit ein Klavier zum Üben aufgestellt werden konnte."

Cassidy wandte sich an die frischgebackene Witwe. "Diese Suite hat zwei Schlafzimmer. Warum haben Sie nicht bei Ihrem Mann geschlafen?"

Mrs. Wilde antwortete mit einem verächtlichen Schniefen. "Das hat er mich schon gefragt", sagte sie und blickte wieder vernichtend zu Detective Glenn. "Ich bin gestern erst spätnachts ins Bett gegangen und wollte Jackson nicht stören. Er war erschöpft, deshalb habe ich im anderen Schlafzimmer geschlafen."

"Wann war das?"

"Ich habe nicht auf die Uhr geschaut."

Cassidy sah Josh fragend an. "Wissen Sie noch, wann sie ihr Zimmer verlassen hat?"

"Leider nicht. Spät."

"Nach Mitternacht?"

"Viel später."

Fürs erste beließ Cassidy es dabei. "Haben Sie mit Ihrem Gatten gesprochen, als Sie in die Suite kamen, Mrs. Wilde?"

"Nein."

"Sind Sie zu ihm gegangen und haben ihm einen Kuß gegeben?"

"Nein. Ich ging durch die Tür, die direkt vom Korridor in mein Zimmer führt. Ich hätte nach ihm sehen sollen", schluchzte sie. "Aber ich dachte doch, er schläft friedlich."

Cassidy warnte Glenn mit einem scharfen Blick vor dem naheliegenden Bonmot. Stattdessen sagte der Detective: "Leider hat Mrs. Wilde den Leichnam ihres Gatten erst heute morgen entdeckt."

"Als er nicht auf seinen Weckruf reagierte", bestätigte sie mit gebrochener Stimme. Sie nahm das durchnäßte Kleenex und drückte es sich unter die Nase. "Wenn ich mir vorstelle, daß er da drin war... tot ... während ich nebenan geschlafen habe."

Sie schloß die Augen und sank gegen ihren Stiefsohn. Er legte einen Arm um ihre Schultern und flüsterte leise in ihr Haar.

"Nun, das wäre vorerst alles." Cassidy stand auf.

Glenn folgte ihm zur Tür. "Die Sache stinkt doch wie Fisch von letzter Woche."

"Ach, ich weiß nicht", antwortete Cassidy. "Die Geschichte ist fast zu plump für eine Lüge."

"Für mich ist die Sache klar. Sie sind heiß aufeinander und haben den Prediger abserviert, um freie Bahn zu haben."

"Vielleicht", meinte Cassidy unverbindlich. "Vielleicht auch nicht."

Glenn musterte ihn kritisch und zündete sich eine Camel an. "Ein schlaues Kerlchen wie Sie fällt doch nicht auf so hübsche blaue Augen rein, oder, Cassidy? Und auf all das Geheule? Mann, bevor Sie aufgetaucht sind, haben sie laut gebetet." Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. "Sie glauben doch nicht etwa, daß sie die Wahrheit sagen?"

"Aber natürlich glaube ich ihnen." Als Cassidy aus der Tür trat, warf er einen Blick über die Schulter zurück und ergänzte: "Genausoweit, wie ich durch einen Hurrikan pissen kann."

Er fuhr allein im Fahrstuhl nach unten und landete in einem Inferno. Die Lobby des Fairmont-Hotels erstreckte sich über einen ganzen Block. Normalerweise war sie mit ihren samtschwarzen Wänden, den roten Samtmöbeln und den Blattgoldakzenten ein Hort vornehmer Erhabenheit und des Luxus - das Fairmont war die große alte Dame unter den Hotels. Aber an diesem Morgen wimmelte es hier von verärgerten Menschen. Die Polizisten versuchten, die aggressiven Reporter zu ignorieren, die sich wie besessen auf alles stürzten, was irgendwie mit dem spektakulären Mord an Jackson Wilde zu tun hatte. Die Hotelgäste, die von der Polizei zusammengetrieben und im Ballsaal verhört worden waren, wurden nun nacheinander entlassen; sie schienen aber nicht gehen zu wollen, ohne ihrer Entrüstung Luft gemacht zu haben. Hotelbedienstete wurden befragt, während sie zugleich versuchten, die aufgebrachte Kundschaft zu beschwichtigen.

Gefolgsleute des Reverend Jackson Wilde, die vom Ableben ihres Führers erfahren hatten, trugen zu dem Chaos bei, indem sie sich in der Lobby versammelten und sie kurzfristig in eine Wallfahrtsstätte verwandelten. Sie weinten lautstark, stimmten spontan Gebete an, sangen Hymnen und riefen den Zorn des Allmächtigen auf denjenigen herab, der den Fernsehprediger ermordet hatte.

Cassidy drängte sich durch die lärmende Menge und versuchte, unbemerkt von den Medien zum Ausgang an der University Street zu gelangen, aber vergebens. Die Reporter umzingelten ihn.

"Mr. Cassidy, was haben Sie gesehen -"

"Nichts."

"Mr. Cassidy, war er -"

"Kein Kommentar."

"Mr. Cassidy -"

"Später."

Er zwängte sich zwischen ihnen hindurch, duckte sich unter Kameras hinweg, schob hingehaltene Mikrofone beiseite und weigerte sich wohlweislich, irgend etwas zu sagen, ehe sein Vorgesetzter Crowder ihm den Auftrag gegeben hatte, den Mordfall Wilde zu verfolgen.

Vorausgesetzt, Crowder tat das.

Nein, daran durfte es keinen Zweifel geben. Er mußte es tun.

Cassidy war so scharf auf diesen Fall, daß ihm fast das Wasser im Mund zusammenlief. Mehr noch, er brauchte ihn.

Textauszug aus
Sandra Brown: Sündige Seide
Aus dem Amerikanischen von Christoph Göhler

© Verlagsgruppe Random House GmbH, München

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