

"Madam, fehlt Ihnen was? Kann ich Ihnen helfen?"
Leigh Bransom bemerkte den Mann erst, als er an ihr Wagenfenster klopfte. Die Schmerzen in ihrem Unterleib waren so stark, daß sie nichts außer den entsetzlichen Krämpfen wahrgenommen hatte, die ihr den Atem raubten. Jetzt hob sie den Kopf vom Lenkrad, drehte ihn zu der Stimme hin und stöhnte gleich wieder gequält auf. Das Gesicht, das durchs Seitenfenster hineinblickte, sah nicht gerade vertrauenserweckend aus.
"Ist alles in Ordnung?" fragte der Mann.
Nein, nichts war in Ordnung, aber das würde sie dem ungepflegten Kerl keinesfalls verraten, der sich da neben ihrem Wagen aufgebaut hatte. Woher sollte sie wissen, ob er ihr nichts antun würde? Auf diesem gottverlassenen Highway konnte er alles mögliche mit ihr anstellen, ohne daß er jemals dafür zur Rechenschaft gezogen würde. Seine Sachen sahen dreckig und verschwitzt aus. Das einzige Saubere an ihnen war die große Messingschnalle mit dem aufgeprägten texanischen Staatswappen an seinem überbreiten Gürtel, die genau auf ihrer Augenhöhe war. Er mußte an die einsneunzig groß sein, denn er hatte seinen Oberkörper nach unten gebeugt, um durch das Fenster zu ihr hineinschauen zu können. Die abgetragenen Jeans und das kurzärmlige karierte Baumwollhemd lagen eng an seinem muskulösen Körper. Ein verschlissener Cowboyhut aus Stroh warf einen düsteren Schatten über das ohnehin schon finstere Gesicht. Trotz ihrer Schmerzen spürte Leigh, wie sich ihr Herz vor Angst verkrampfte.
Wenn sie ihm in die Augen schauen könnte ... Aber die dunkle Sonnenbrille machte es unmöglich.
Als hätte er ihre Gedanken erraten, nahm der Fremde die Brille ab und ließ Leigh in die blauesten Augen sehen, die ihr jemals begegnet waren. Der Blick, mit dem seine Augen sie anschauten, wirkte nicht im geringsten bedrohlich, und Leigh spürte, wie sich die eiskalte Faust, die sich um ihr Herz geschlossen hatte, ein kleines bißchen öffnete. Auch wenn dieser Kerl offenbar schon länger kein Wasser mehr gesehen hatte, sah er nicht so aus, als würde er die Situation ausnutzen.
"Ich tu' Ihnen nichts, Madam. Ich wollte nur fragen, ob ich Ihnen irgendwie helfen kann." Leigh fand seine tiefe, weiche Stimme - genau wie seine Augen - vertrauenswürdig, ohne daß sie hätte sagen können, warum.
In diesem Moment kamen die Schmerzen wieder. Sie strahlten von ihrem Rückgrat aus, zogen sich um ihren Bauch und sammelten sich in ihrem Unterleib. Leigh zog die Unterlippe zwischen die Zähne, um sich den Schrei zu verbeißen, der durch ihre Kehle drängte, und krümmte sich immer weiter zusammen, bis sie erneut mit dem Kopf auf das Lenkrad schlug.
"Mein Gott", hörte sie ihn erschrocken sagen, dann wurde die Tür aufgerissen. Der Mann warf einen Blick auf ihren unförmigen Bauch und pfiff leise durch die Zähne. "Was in aller Welt tun Sie in Ihrem Zustand so allein hier draußen?" fragte er. Ohne ihre Antwort abzuwarten - zu der sie ohnehin nicht fähig gewesen wäre -, warf er die Brille auf das Armaturenbrett hinter dem Steuer.
Leigh keuchte und versuchte, die Sekunden zu zählen, bis die Wehe vorüber war. Offenbar hatte er die Frage rein rhetorisch gemeint, denn er legte ihr ohne jeden weiteren Kommentar eine Hand auf die Schulter. Sie fühlte sich heiß und trocken auf ihrer kühlen, schweißnassen Haut an.
"Ganz ruhig, okay? Ganz ruhig. Besser?" fragte er, als die Wehe endlich vorüber war und sie sich stöhnend in den Sitz zurücksinken ließ.
"Ja", hauchte sie. Sie schloß die Augen, um neue Kraft zu schöpfen und trotz ihrer Wehen einen letzten Rest an Würde zu bewahren. "Danke".
"Unsinn, ich habe doch gar nichts gemacht. Wie kann ich Ihnen helfen? Wohin wollten Sie denn?" "Nach Midland."
"Ich auch. Soll ich sie hinfahren?"
Sie öffnete die Augen einen Spaltbreit und musterte ihn schnell und argwöhnisch. Er war zwischen ihr und der offenen Wagentür in die Hocke gegangen. Eine kräftige, braune Hand lag auf dem grauen Sitzpolster des Fahrersitzes, die andere auf dem Steuer ihres Kleinwagens. Jetzt, ohne die irritierende Sonnenbrille, konnte sie so tief in diese unbeschreiblich blauen Augen blicken, daß sie fast darin zu ertrinken glaubte. Wenn es stimmte, daß die Augen ein Fenster zur Seele waren, dann konnte Leigh diesem Mann vertrauen.
Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. "Wahrscheinlich ... wahrscheinlich wäre es das Beste."
Er schaute kurz über seine Schulter nach hinten. "Ich glaube, wir sollten lieber Ihren Wagen nehmen und meinen hierlassen. Das ist - o Gott, kommt schon wieder eine?"
Sie hatte die Wehe kommen gespürt, noch bevor der Schmerz einsetzte. Mit aller Kraft preßte sie die Hände gegen ihren gespannten Bauch und versuchte gleichzeitig, sich auf ihren Atem zu konzentrieren und sich zu entspannen. Leigh hatte das Gefühl, daß diese Wehe länger dauerte als alle vorigen. Als sie schließlich überstanden war, sank sie japsend in den Sitz zurück.
"Madam, es sind noch mindestens vierzig Meilen bis Midland. Das schaffen wir nie im Leben. Wie lange haben Sie denn schon Wehen?" Er wirkte zwar besorgt, aber keineswegs ängstlich. Seine Stimme klang ruhig und bedächtig.
"Ich habe vor einer Dreiviertelstunde angehalten." Sie hatte die Augen geschlossen. Die Andeutung eines Lächelns huschte über ihr schweißnasses Gesicht. "Schmerzen habe ich allerdings schon länger. Zuerst habe ich gedacht, ich hätte mir nur den Magen verdorben." Sie öffnete die Augen wieder und sah ihn an.
Er lächelte leicht, und ihr fielen die kleinen Lachfältchen rings um diese atemberaubenden Augen auf. "Und niemand hat angehalten, um Ihnen zu helfen?"
Sie schüttelte den Kopf. "In der ganzen Zeit sind nur zwei Wagen vorbeigekommen, doch sie haben nicht angehalten." Im Grunde war sie froh darüber gewesen. Die beiden klapprigen, rostigen Pritschenwagen hatten nicht so ausgesehen, als würden sie von besonders zuverlässigen Menschen gefahren. Er maß mit den Augen das Wageninnere ab, als wollte er den Platz abschätzen. "Glauben Sie, daß Sie ein paar Schritte gehen können? Wenn nicht, trage ich Sie."
Gehen? Sie tragen? Wohin wollte er mit ihr? Er las die Frage aus ihrem ängstlichen Blick. "Sie können sich auf die Ladefläche meines Wagens legen. Es ist zwar nicht gerade ein Kreißsaal, aber ich glaube nicht, daß sich das Baby daran stören wird." Diesmal lächelte er wirklich. Die Lachfalten wurden deutlicher, vertieften sich und schimmerten hell in der ansonsten sonnengebräunten Haut. Regelmäßige Zähne blitzten weiß in dem kupferfarbenen Gesicht. Leigh ertappte sich bei dem Gedanken, daß sie unter anderen Umständen, auf einer Party etwa, das Gesicht geradezu entwaffnend attraktiv gefunden hätte.
"Ich glaube schon, daß ich gehen kann", sagte sie und zog langsam die Beine unter dem Lenkrad hervor. Sofort stand er auf und trat zur Seite, um ihr Platz zu machen. Mühsam stemmte sie sich aus dem tiefen Autositz hoch. Er bemerkte, wie schwer ihr die Anstrengung fiel, beugte sich zu ihr herab und schob einen festen, kräftigen Arm unter ihre Achseln. Dankbar stützte sie sich auf ihn und ließ sich hochziehen.
Mit vorsichtigen, kleinen Schritten gingen sie langsam zum Wagenheck. Die stickige Luft rollte in heißen Wellen von der westtexanischen Ebene heran. Jeder Atemzug kostete Leigh Überwindung.
"Stützen Sie sich auf mich. Wir haben es gleich geschafft." Sein Atem streifte ihre Wange.
Damit sie sich ganz auf das Gehen konzentrieren konnte, senkte sie den Blick und schaute auf ihre Füße. Er gab sich Mühe, sich ihren kleinen, unsicheren Schritten anzupassen, auch wenn das bei seinen langen Beinen komisch aussah. Staub stieg in kleinen Wolken von dem schotterbestreuten Seitenstreifen des Highways auf und puderte die sorgfältig pedikürten Zehennägel, die aus ihren Sandalen herausguckten, ebenso wie seine abgewetzten, brüchigen braunen Lederstiefel. Sein Pickup-Truck war nicht sauberer als die, die vorhin vorbeigefahren waren, und genau wie der Fremde selbst mit einer feinen Schicht Präriestaub überzogen, Unter dem matten Graubraun von Staub und Rost war nur mit Mühe eine längst verblichene, blau-weiße Lackierung zu erkennen. Motorhaube und Kotflügel waren mit Beulen übersät, aber zu Leighs Erleichterung waren nirgendwo obszöne oder zweideutige Aufkleber zu sehen.
"Halten Sie sich hier fest, bis ich die Heckklappe runtergemacht habe", befahl der Fremde und lehnte sie an die Wagenseite. Das Metall war von der Sonne aufgeheizt und brannte sich in ihren Rücken, aber Leigh war zu erschöpft, um sich ungestützt auf den Beinen halten zu können. Der Mann wollte sich gerade umdrehen und die Verschlußhaken der Heckklappe aus den Metallösen stoßen, da kamen die Schmerzen wieder.
"Auuu!" schrie Leigh auf und streckte instinktiv die Hand nach ihm aus.
Er machte unverzüglich kehrt. Sein Arm legte sich um ihre Schultern, und eine schwielige Hand schob sich unter ihren verkrampften Bauch und stützte ihn von unten. "Schon gut, schon gut. Ich habe keine Ahnung, was Sie jetzt machen müssen, aber machen Sie es einfach. Tun Sie sich keinen Zwang an. Ich bin da."
Sie preßte ihr Gesicht an seine Schulter und biß die Zähne zusammen. Am liebsten hätte sie ihn in die Schulter gebissen. Die Wehe war schlimmer als alle vorigen; Leigh hatte das Gefühl, bei lebendigem Leibe auseinandergerissen zu werden. Mit Tränen in den Augen wartete sie darauf, daß die unerträglichen Schmerzen endlich nachließen. Als das Ziehen schließlich schwächer wurde und sie wieder halbwegs zu sich kam, hörte sie sich wie aus weiter Ferne wimmern.
"Können sie aufstehen?"
Sie schaute sich um und stellte fest, daß sie zu Boden gesunken war. Er hatte eine Hand unter ihren Kopf geschoben und hielt sie halb in der Schwebe, damit sie nicht auf dem harten Schotter lag. Sie nickte und ließ sich von ihm hochziehen. Er lehnte sie wieder an die Seitenwand und verschwand hinter dem Laster.
Rostige Angeln quietschten, Metall schlug auf Metall, dann war er wieder da, stützte sie und führte sie langsam an das Heck des Pritschenwagens, wo er sie vorsichtig auf die offene Ladefläche hob. Mühsam schob sie sich über das glühend heiße Metall, während er eilig eine dicke Abdeckplane über den gerippten Blechboden breitete. Der imprägnierte Stoff sah nicht allzu sauber aus, aber er war immer noch beser als der rostige, heiße Wagenboden.
"Kommen Sie", sagte er, wobei er sie mit den Händen an der Schulter abstützte und sie vorsichtig auf die Plane sinken ließ. "Hoffentlich ist es so besser." Es war besser. Sie seufzte erleichtert, als sie sich auf die ausgebreitete Plane legte, unter der sie immer noch das heiße, harte Bodenblech spürte. Sie war in Schweiß gebadet, und das Sommerkleid klebte ihr unangenehm am Leib.
"Wissen Sie eigentlich, wie man so was macht? Gebären, meine ich. Haben Sie vielleicht einen von diesen Kursen besucht, in denen man richtig atmen lernt und so weiter?" Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an, als hoffte er auf ihre Hilfe.
"Ja." .Sie rang sich ein Lächeln ab. "Ich war zwar nicht so regelmäßig da, wie ich es vorgehabt hatte, aber ein paar Sachen habe ich trotzdem mitgekriegt."
"Dann tun Sie einfach, was man Ihnen beigebracht hat", erklärte er ernst. Er schenkte ihr ein kurzes aufmunterndes Lächeln. "Haben Sie irgendwas in Ihrem Wagen, was wir brauchen können?"
"Ich habe eine kleine Reisetasche dabei. Darin finden Sie ein Nachthemd. Und im Handschuhfach ist Kleenex." Ihre Mutter wäre stolz auf sie, dachte Leigh in einem Anfall von Selbstironie. Seit sie denken konnte, hatte ihre Mutter ihr eingebleut, daß eine Dame immer ein paar Taschentücher bei sich haben sollte. "Ich bin gleich wieder da."
Er flankte über die Seitenwand der Ladepritsche. Zerstreut stellte Leigh fest, daß er sich für einen Mann seiner Größe ausgesprochen behende bewegte. Sie hörte ihn fortgehen und kniff die Augen vor der blendenden texanischen Sonne zusammen. Schweißtropfen rannen ihr über die Schläfe ins Haar, aber sie hatte nicht die Kraft, sie wegzuwischen. Vergeblich versuchte sie an den Geräuschen zu erkennen, was der Mann in ihrem Wagen machte. Hoffentlich nutzte er nicht die Gelegenheit, um sie zu bestehlen. Plötzlich wurde Leigh bewußt, daß sie weder seinen Namen kannte noch sich sein Nummernschild eingeprägt hatte. Dann spürte sie, wie er die Tür des Pickup-Trucks auf- und wieder zumachte, und öffnete die Augen.
Als der Fremde wieder in ihrem Blickfeld erschien, hatte er sich das Nachthemd wie eine römische Toga über eine Schulter geworfen. In der Hand hielt er die Kleenexschachtel und eine zusammengefaltete Zeitung. Er kniete neben ihr nieder und reichte ihr das Kleenex.
"Diese Zeitung habe ich heute morgen gekauft. Ich habe mal im Fernsehen gesehen, wie man bei einer Notgeburt eine Zeitung benutzt hat. Das Papier soll einigermaßen steril sein. Wie dem auch sei, vielleicht möchten sie sich ja etwas unter Ihren ... äh ... Unterleib schieben." Er reichte ihr die gefaltete, ungelesene Zeitung, drehte sich dann sofort um und kletterte wieder von der Ladefläche.
Sie befolgte seine Anweisungen, auch wenn ihr die Situation plötzlich ziemlich peinlich war. Allerdings blieb ihr kaum Zeit zur Verlegenheit, denn ihr Bauch zog sich schon wieder unter der nächsten Wehe zusammen. Einem rettenden Engel gleich tauchte er im selben Moment wie aus heiterem Himmel wieder auf, kniete neben ihrem Kopf nieder und nahm ihre Hand.
Keuchend starrte sie auf die Uhr an seinem linken Handgelenk. Es war eine Markenuhr aus rostfreiem Stahl mit allen möglichen Anzeigen und Zeigern. Das komplizierte, teure Instrument wollte überhaupt nicht zu den schlammbespritzten Cowboystiefeln und den schmutzigen Kleidern passen. Leighs Blick wanderte von der Uhr zu den langen, schlanken Fingern, an denen, wie ihr sofort auffiel, kein Ehering zu sehen war. Wenn ihr Kind schon von einem Mann zur Welt gebracht werden sollte, der keine Ahnung von Medizin hatte, hätte es dann nicht wenigstens ein Vater sein können?
"Sind Sie verheiratet?" preßte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als die Schmerzen abebbten, ohne allerdings ganz zu verschwinden.
"Nein." Er setzte den Cowboyhut ab und legte ihn auf ihr Haar, so daß wenigstens ihre Augen im Schatten waren. Sein langes, dunkelbraunes Haar, das unter dem Hut zum Vorschein gekommen war, fiel ihm auf den Hemdkragen.
Plötzlich machte es sie verlegen, daß sie ihn so in Anspruch nahm. Bestimmt war ihm die Situation genauso unangenehm wie ihr. Sie sah zu seinen sagenhaft blauen Augen auf. "Das muß ja scheußlich für Sie sein. Es tut mir schrecklich leid."
Lächelnd schob er die Hand in die hintere Tasche seiner Jeans und zog ein buntes Tuch heraus, das er sich in Piratenmanier um die Stirn knotete. Verblüfft registrierte Leigh trotz ihrer Schmerzen, wie gut der Mann aussah. Wegen der Hitze hatte er sich das Hemd bis zur Brust aufgeknöpft. Sein dunkles, lockiges Brusthaar lag wie ein feingesponnenes Netz über der dunklen Haut.
"Ach was, das macht mir nichts aus. Ich hab' schon Schlimmeres erlebt." Die blauen Augen funkelten fast fröhlich, und die weißen Zähne blitzten wieder hinter den breiten, sinnlichen Lippen auf. Er rupfte ein Tuch aus der Kleenexschachtel und tupfte damit vorsichtig die Schweißperlen von ihrer Stirn und Oberlippe. "Aber vielleicht sollten Sie sich nächstes Mal einen kühleren Tag aussuchen", bemerkte er mit ironisch hochgezogenen Brauen.
Sie mußte lächeln. "Es war Doris Day", sagte sie.
"Wie bitte?"
"Es war ein Film mit Doris Day. James Garner war der Ehemann. Er spielte einen Geburtshelfer. Arlene Francis bekam in einem Rolls-Royce Wehen, und Doris Day half ihm, das Baby zu entbinden."
"Ist das der Film, in dem er das Auto in den Swimmingpool fährt?"
Sie lachte, aber das versetzte ihr einen solchen Stich in den Unterleib, daß sie unwillkürlich die Augen schloß. "Ich glaube schon", flüsterte sie.
"Wer hätte gedacht, daß ein Spielfilm so bildend sein kann?" Er wischte ihr mit dem Kleenextuch den Schweiß vom Hals und warf es dann achtlos in eine Ecke der Ladefläche.
"Wie heißen Sie eigentlich?" Es war höchste Zeit, daß sie sich einander vorstellten, fand Leigh.
"Chad Dillon, Madam."
"Ich bin Leigh Bransom."
"Es ist mir ein Vergnügen, Mrs. Bransom."
Trotz ihrer Schmerzen wagte sie ein zweites, kurzes Lachen und meinte: "Das glaube ich Ihnen nicht, Mr. Dillon."
Die nächste Wehe empfand sie als nicht ganz so schlimm, vielleicht weil Chads geschickte Hände die ganze Zeit über die harte, schmerzende Kugel streichelten, in die sich ihr Bauch unter den Kontraktionen der Gebärmutter verwandelte. Als die Wehe überstanden war, wischte er ihr wieder den Schweiß von der Stirn und sagte: "Ich glaube, es wird nicht mehr lang dauern. Zum Glück habe ich eine Thermoskanne mit Wasser in der Kabine vorne. Warten Sie einen Moment, ich wasche mir schnell die Hände."
Er verschwand, kam mit einer großen Wasserflasche zurück und kletterte damit auf die Ladefläche. Dann streckte er die Hände über die Seitenwand der Pritsche und wusch sie sich so gut es ging.
"Was haben Sie eigentlich heute nachmittag gemacht?" erkundigte sich Leigh vorsichtig. Sie rätselte, wobei er sich wohl so schmutzig gemacht hatte.
Er betrachtete kritisch seine Hände, die zwar gewaschen, aber keineswegs sauber geworden waren. "Ich habe an einem Flugzeugmotor rumgebastelt."
Er war also Mechaniker. Komisch, eigentlich sah er gar nicht so aus.
"Sie sollten lieber Ihre Unterwäsche ausziehen." Seine leise, fast schüchterne Stimme riß sie unvermittelt aus ihren Gedanken. Leigh spürte, wie sie errötete, und schloß verschämt die Augen. Wenn Chad wenigstens nicht so attraktiv wäre ...
"Jetzt ist wirklich nicht der geeignete Moment, sich zu genieren. Wir müssen das Baby hier zur Welt bringen."
Sie glaubte, aufrichtiges Mitgefühl aus seiner Stimme zu hören, und machte die Augen wieder auf. "Es tut mir leid", murmelte sie und zog ihr Kleid hoch. Sie hatte heute morgen im Radio gehört, daß es heiß werden sollte und sich deshalb weder ein Unterhemd noch einen BH angezogen, so daß sie sich jetzt nur das Höschen auszuziehen brauchte. Mühsam zerrte sie es sich über die Schenkel, bis Chad ihr zu Hilfe kam. Er streifte den Slip über ihre Beine und über die Sandalen an ihren Füßen. "Möchten Sie nicht lieber die Schuhe ausziehen?", fragte er.
"Nein. Die stören nicht ... Chad." Die Antwort endete in einem Schrei, als sie vollkommen unvorbereitet die nächste Wehe überkam.
Sofort kniete er zwischen ihren angewinkelten Beinen nieder. Obwohl die Schmerzen jetzt so stark waren, daß Leigh Angst hatte, in Ohnmacht zu fallen, spürte sie, wie ihr schon wieder das Blut in den Kopf schoß. Da lag sie nun mitten in der Wüste hinten auf einem Pickup-Truck und ließ sich von einem Fremden zwischen die Beine schauen. Sie fühlte, wie seine Finger ihre Schenkel auseinanderdrückten, bevor sich ihre Bauchdecke in einem so schmerzhaften Krampf zusammenzog, daß ihr die Luft wegblieb.
"Ich glaube, ich kann schon den Kopf sehen", rief er plötzlich erleichtert und sichtlich aufgeregt aus.
Damit hatte sie nicht gerechnet. War es möglich, daß das Kind so schnell kam? Aber sie hatte keine Wahl, als sich auf seine Auskunft zu verlassen.
"Sollten Sie jetzt nicht pressen ... oder so? Was kommt jetzt?" Er hockte immer noch zwischen ihren Beinen, vermied es aber, ihr ins Gesicht zu sehen. Auch wenn sie nicht wußte, ob er das aus Einfühlung oder eher aus Verlegenheit tat, war sie ihm dankbar dafür. Sie rief sich die Unterweisungen ihrer Kursleiterin ins Gedächtnis und preßte, so fest sie konnte.
"Genau so", ermunterte er sie. "Sie machen das ganz ausgezeichnet, Madam." Seine tiefe, ruhige Stimme war wie Balsam für ihr gepeinigtes Innere. Jetzt spürte sie selbst, wie ihr Geburtskanal von dem weiterdrängenden Ungeborenen ausgefüllt wurde.
"Wir haben es gleich geschafft, Leigh", redete er ihr gut zu, während er sich vorbeugte und ihr mit einem neuen Kleenextuch den Schweiß abwischte. Das Tuch, das er sich um die Stirn gebunden hatte, war ebenfalls schweißdurchtränkt. Er sah ihr für den Bruchteil einer Sekunde in die Augen und wischte sich dann mit dem Handrücken über die dichten Brauen. Das Haar auf seiner Brust glitzerte feucht.
Als die Wehen für einen Moment nachließen, stand er auf, schob eine Hand in die enge Hosentasche und zog ein Taschenmesser heraus. Mit der anderen Hand packte er die Thermosflasche, wusch die Klinge sauber und nahm dann ihr Nachthemd, das er neben sich auf die Plane gelegt hatte. Mit einer knappen Bewegung trennte er einen Träger ab. "Sie sind ganz schön zäh, wissen Sie das?" bemerkte er, während er sich wieder zwischen ihre Beine kniete. "Die meisten Frauen würden in so einer Situation heulen und jammern. Sie sind die tapferste Frau, die mir je begegnet ist."
Nein, nein, das bin ich nicht! schrie es in ihr. Das durfte er nicht glauben. Sie war keineswegs tapfer. Sie mußte ihm verraten, wie feige sie war. Aber bevor sie ein Wort herausgebracht hatte, fuhr er fort: "Ihr Mann wird bestimmt stolz auf Sie sein."
"Ich ... ich habe keinen Mann", preßte sie mit letzter Kraft hervor, weil bereits die nächste Wehe einsetzte. Unwillkürlich krümmte sie sich unter den Schmerzen zusammen.
Verdutzt starrte Chad sie an, bis ihn ihr schmerzverzerrtes Gesicht aus seinen Gedanken riß. Sofort konzentrierte er sich wieder auf das Geschehen zwischen ihren Schenkeln. Der Schmerz ließ einen kurzen Moment nach, so daß Leigh ihn ansehen konnte. Im selben Augenblick hellte sich seine Miene erfreut auf. "Ja, so ist es gut", spornte er sie an, ohne sie anzusehen. "Genau so. Pressen Sie kräftig weiter. Noch fester!" Sie befolgte seine Anweisung und spürte, wie das ungeborene Baby ins Rutschen kam. "Der Kopf ist draußen", rief er lachend.
Sie merkte, wie der Druck in ihrem Unterleib langsam nachließ, und sank erschöpft auf das harte Blech der Ladefläche zurück. "Kommen Sie, Leigh, Sie machen das ganz wunderbar." Er tätschelte ihr aufmunternd den Schenkel. "Sie dürfen jetzt nicht aufhören. Wir müssen das Kleine ganz rausholen. Pressen, pressen, ja, so! Da! O Gott!" schrie er, als er das glitschige Neugeborene mit seinen Händen auffing, das kurz darauf zu schreien anfing. Lächelnd sah er zu ihr auf. Seine Augen leuchteten glücklich. "Soll ich Ihnen sagen, was Sie da bekommen haben?"
Sie lächelte erschöpft und nickte. "Ein wunderschönes kleines Mädchen." Freudentränen rannen Leigh über die Wangen, als sie den Mann ansah, der zwischen ihren Beinen kniete und sie anstrahlte. "Zeigen Sie sie mir", hauchte sie schwach. "Ist sie gesund?"
"Sie ist ... vollkommen", erklärte er knapp. "Einen Moment noch. Ich muß mich erst um die Nabelschnur kümmern." Sie spürte, wie winzige Fäuste und Füße gegen ihr Fleisch trommelten, als er das Kind vorübergehend zwischen ihren Schenkeln ablegte. "Wie geht es Ihnen?" fragte er nach einem Augenblick ängstlich. Er schaute nicht auf, sondern konzentrierte sich ganz auf seine Arbeit. Eine Schweißperle baumelte an der Spitze seiner scharf geschnittenen Nase.
"Ich fühle mich großartig", antwortete sie schläfrig. Zu ihrer eigenen Überraschung war das nicht einmal gelogen. Ihr tat zwar immer noch alles weh, aber sie fühlte sich wie berauscht vor Glück.
"Das sind Sie auch. Sie sind großartig."
Er war immer noch nicht mit der Abtrennung der Nabelschnur fertig. Mit dem Hemdsärmel wischte er sich den Schweiß vom Gesicht. Schließlich hob er das rote, nasse, verschrumpelte/ zappelnde, schreiende Neugeborene hoch und legte es Leigh behutsam auf die Brust.
"O Chad. Schauen Sie sie nur an. Ist sie nicht wunderschön?" Sie spürte, wie ihr neue Tränen in die Augen traten.
"Ja." Seine Stimme klang plötzlich rauh. Der liebevolle Blick, mit dem sie ihr Baby betrachtete, wurde plötzlich von neuen Schmerzen überschattet.
Leigh spürte ein stärker werdendes Ziehen und hielt ängstlich die Luft an. Doch diesmal war der Schmerz wesentlich schwächer. Kurz darauf verwandelte sich das Ziehen in ein sachtes Zupfen, dann löste sich der Muskelkrampf in nichts auf.
"So. Fühlen Sie sich jetzt besser?" Chad wickelte die Nachgeburt in die Zeitung, die er unter ihren Unterleib gebreitet hatte.
"Ja."
Er nahm wieder das Nachthemd, durchtrennte mit dem Messer den Saum und riß es in lange Streifen. Das Baby maunzte an der Brust seiner Mutter. Leigh hatte die Hitze vollkommen vergessen, die ihr vorhin so zu schaffen gemacht hatte. Sie spürte nur noch das zappelnde Bündel in ihren Armen. Behutsam untersuchte sie den feuchten, glitschigen Babyleib. Sie zählte die Zehen und Finger. Sie küßte die pochende Fontanelle auf dem noch leicht verschobenen Kopf ihrer Tochter. Ihrer Tochter! Die Vorstellung, daß dieses winzige, perfekte kleine Mädchen aus ihrem Körper gekommen war, erfüllte Leigh mit Ehrfurcht und unbeschreiblichem Stolz.
Textauszug aus
Sandra Brown: Tanz im Feuer
Aus dem Amerikanischen von Christoph Göhler
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