
von Rita Voss

Austin, Texas. Die charismatische Journalistin Paris Gibson moderiert im Radio eine beliebte Nachtsendung. Sie pflegt engen Kontakt zu ihren Hörern, und ihre Late-Night-Show verzeichnet hohe Einschaltquoten. Nacht für Nacht sitzt der einstige Männerschwarm in selbst gewählter Einsamkeit am Mischpult und kommentiert Love Songs, meist Wünsche ihrer Anrufer. Paris ist selbst eine konzentrierte Zuhörerin. Die Menschen, die sie während der Sendung anrufen, teilen der mitfühlenden Radiosprecherin ihre ganz persönlichen Gedanken und Gefühle mit. In solchen Momenten wird sie zur virtuellen besten Freundin, die Verhaltenstipps in Beziehungsfragen gibt.
Niemand hier in Austin kennt das Gesicht zu der rauchigen Stimme, dem einmaligen "Paris-Gibson-Sound". Selbst nachts verbirgt Paris ihre Augen hinter einer Sonnenbrille, "um sich selbst einzuschließen". Ihre Sendung stellt für sie neben kurzen Gesprächen mit dem Techniker und dem Hausmeister der Radiostation die wichtigste Verbindung zur Außenwelt dar. Die junge Frau arbeitet mit eiserner Selbstdisziplin und bis zur völligen Erschöpfung. "Sie erlaubte sich nie, in Routine abzugleiten oder schludrig zu werden." So versucht Paris, die Erinnerung an ihre traurige Vergangenheit und die damit verbundenen Schuldgefühle zu vergessen.
In einer heißen Sommernacht in den letzten Minuten vor Sendeschluss um 2 Uhr nimmt die Moderatorin einen Anruf entgegen, der ihre kleine abgeschottete Welt erschüttert. "Viele Anrufe hatten sie glücklich, traurig, nachdenklich, ärgerlich oder gelegentlich sogar richtig wütend gemacht. Aber keiner hatte ihr wirklich Angst eingejagt. Bis heute."
Der Anrufer spricht mit verstellter Flüsterstimme. Er nennt sich Valentino und Paris erkennt in ihm einen Hörer, der sie schon häufig angerufen hat. "Wenn er anrief, war er entweder total aufgedreht oder zu Tode betrübt." Doch heute Nacht rast er vor Wut und gibt Paris die Schuld an seiner gerade gescheiterten Beziehung. Auf ihren Rat hin habe sich seine Freundin von ihm getrennt, da er ihr zu Besitz ergreifend erschien. "Valentino" kündigt an, seine Ex-Freundin, welche er an einem geheimen Ort in seiner Gewalt hat, zu vergewaltigen und nach 72 Stunden umzubringen. Als Nächstes werde er sich an Paris rächen.
Paris ist geschockt. Da sie ihre Sendung schon einige Jahre moderiert, hat sie Erfahrung mit den Stimmungslagen ihrer Anrufer. Die Radiosprecherin hat ein Gespür dafür entwickelt, ob es ihr Gesprächspartner ernst meint oder nur scherzt. Schweren Herzens wendet sich die in äußerster Zurückgezogenheit lebende Frau an die Polizei. Der für Schwerverbrechen zuständige Sergeant Robert Curtis am Austin Police Department wirkt höchst beunruhigt. Nachdem er den Mitschnitt ihres Gespräches angehört hat, zieht er den Polizeipsychologen Dean Malloy hinzu.
Als Paris und Dean aufeinander treffen, stehen sie sich überrascht und befangen gegenüber, denn sie kennen sich aus ihrem früheren Leben in Houston. Der geschiedene Dean ist erst vor kurzem mit seinem 16-jährigen Sohn Gavin in einem angemieteten Haus in Austin zusammengezogen. Der widerspenstige Jugendliche soll nun bei seinem Vater aufwachsen. Gavin fühlt sich von seinen Eltern verraten und hat den Eindruck, "das einzige Bestreben seiner Eltern" sei, "sein Leben zu versauen." Von Hass und Selbsthass beherrscht liefert er seinem besorgten Vater einen täglichen Kleinkrieg.
Da meldet der angesehene Richter Baird Kemp der Polizei das Verschwinden seiner naiven und sich äußerst freizügig gebenden Tochter Janey. Die bildhübsche 17-Jährige ist wegen ihrer Alkohol- und Drogenexzesse und Erregung öffentlichen Ärgernisses der Polizei bestens bekannt. Nur mit Hilfe von Bestechungsgeldern gelang es Kemp bisher, Janeys Entgleisungen aus der Presse herauszuhalten. Allmählich erhärtet sich der Verdacht, dass das Mädchen, das "Valentino" in einem Motelzimmer gefangen hält, tatsächlich Kemps Tochter ist. Unfähig sich zu rühren, geknebelt und in unwürdiger Körperhaltung an Händen und Füßen ans Bett gefesselt, ist sie hilflos den regelmäßigen sexuellen Erniedrigungen ihres Peinigers ausgesetzt.
Bei ihren Ermittlungen stoßen die Polizisten auf einen illegalen Sextreff, zu dessen Gründungsmitgliedern Janey gehört. Über ein jedermann frei zugängliches Internetportal nehmen die Jugendlichen mittels Decknamen ersten Kontakt zu anonymen und wechselnden Sexualpartnern auf. "Die Kids posten Nachrichten, in denen sie damit angeben, was sie schon alles getan haben und was sie mit dem geeigneten Partner alles tun würden." Dann verabreden sie sich zu ersten Treffen am Lake Travis, teilweise um gleich dort die im Internet ausgetauschten sexuellen Phantasien auszuleben. Dabei fallen alle Tabus, und auch Voyeure kommen auf ihre Kosten.
Als die Medien schließlich doch auf Janeys Verschwinden aufmerksam werden, sieht Paris ihr so sorgsam gehütetes Privatleben bedroht. Und Richter Kemp scheint es angesichts seiner erhofften Wiederwahl wichtiger zu sein, die Fassade der Wohlanständigkeit seiner Familie aufrecht zu erhalten als seine Tochter Janey schnell und wohlbehalten zurück zu bekommen. Die Polizei, für die Dean mittlerweile das Persönlichkeitsprofil "Valentinos" erstellt hat, tappt hinsichtlich der Identität des Entführers weiter im Dunkeln.
Unter den zahlreichen Verdächtigen befinden sich ein zur Aggressivität neigender und wegen seiner Sexsucht einschlägig vorbestrafter Zahnarzt und Familienvater, der über eine unfangreiche Sammlung pornographischer Fotos Minderjähriger verfügt. Auch der verklemmte Sendetechniker Stan, der vorgibt, mit Paris eine Beziehung zu haben, und der Hausmeister der Radiostation, der früher als Pornodarsteller seinen Unterhalt verdiente, rücken ins Blickfeld der Nachforschungen. Zu Deans großem Entsetzen gerät schließlich auch noch sein Sohn Gavin unter Verdacht. Dieser kannte Janey und verschweigt ganz offensichtlich etwas vor ihm …
Während ihrer Zusammenarbeit im Fall "Valentino" brechen zwischen Paris und Dean jahrelang unterdrückte leidenschaftliche Gefühle wieder auf. Doch da ruft Valentino erneut an und droht, kompromittierende Details ihrer gemeinsamen tragischen Vergangenheit an die Öffentlichkeit zu bringen. Wieso weiß er so genau Bescheid? Kann die Polizei den Gewaltverbrecher rechtzeitig stellen, ehe er seine Ankündigung in die Tat umsetzt? Und erhält die erneut aufkeimende Liebe zwischen Paris und Dean trotz der widrigen Umstände eine zweite Chance? Die Drei-Tage-Frist läuft langsam ab, und von ihr unbemerkt kommt "Valentino" Paris unaufhaltsam immer näher.
Als die weltweit sehr erfolgreiche texanische Schriftstellerin Sandra Brown ihren Erotikthriller "Rage - Zorn" zu schreiben begann, hörte sie Simon & Garfunkel Greatest Hits. Das Lied "Sound of Silence", das mit den Worten "Hello, Darkness" beginnt, blieb ihr ihm Ohr hängen - und wurde zum sprechenden Originaltitel dieses Thrillers. Er spielt auf die isolierte Nachtarbeit ihrer Hauptfigur Paris an und deutet bereits an, was den Leser in diesem Triller erwartet: Die Konfrontation mit den dunkelsten Abgründen menschlicher Perversion.
Es lag Sandra Brown sehr am Herzen, in ihrem aktuellen Roman das brisante Thema des mangelnden Kinderschutzes im Internet aufzugreifen. Die Recherchen der Autorin, selbst Mutter von inzwischen erwachsenen Kindern, ergaben, dass Teenager in den USA heutzutage durchschnittlich fünf Stunden täglich ohne jegliche elterliche Kontrolle an ihrem Computer verbringen, ein Großteil davon im Internet, wo Pornographie und Sexkontakte offen angeboten werden. Sandra Brown hält es daher zum Schutz von Kindern und Jugendlichen dringend erforderlich, dass die Eltern wachsamer verfolgen, was ihre Kinder in der scheinbaren Sicherheit ihrer Zimmer unternehmen.
Die Angebote des World Wide Web sind weltweit von jedem PC aus zugänglich und entziehen sich deshalb auch häufig einzelstaatlicher Kontrolle. Auch hierzulande hat jüngst ein Online-Wochenjournal dieses Problem thematisiert und warnt vor der missbräuchlichen Nutzung eines amerikanischen Kommunikationsportals, von dessen über 50 Millionen Mitgliedern weltweit ein Fünftel minderjährig ist, durch Pädophile. Unter Vorgabe eines fiktiven Alters erhält dort jeder Zugang und kann unkontrolliert Bildmaterial und sogar Videostreams einstellen sowie sexuelle Kontakte anbahnen. Mittlerweile ermittelt die amerikanische Polizei im Umfeld dieses Portals sogar wegen Mordes.
Ihren von erschütternden Details überbordenden Thriller "Rage - Zorn" teilt Sandra Brown in gewohnt gekonnter Weise in zahlreiche Handlungsstränge auf und eröffnet so dem Leser allmählich das Vorleben ihrer Figuren und die Motive für ihr Handeln. Immer wieder lockt sie auf falsche Fährten, präsentiert überraschende Entwicklungen und potentielle Täter. Die Anspannung der Hauptfigur ist fast physisch zu spüren, und das Frösteln lässt einen nicht mehr los.
Anschaulich schildert Sandra Brown anhand der belasteten Vater-Sohn-Beziehung von Dean zu Gavin, aber auch am gestörten Verhältnis von Janey zu ihren Eltern, den schwierigen Umgang von Eltern mit ihren pubertierenden Kindern. Auch die großen Themen Schuld und Vergebung behandelt dieser Roman. Sukzessive enthüllt Brown, in welcher Beziehung Paris and Dean früher zueinander standen. Einfühlsam schildert die Autorin die wiederaufkeimende Liebesbeziehung zwischen Paris und Dean und spart dabei nicht an erotischen Details. Bei der drastischen Darstellung sexueller Perversionen und sexueller Gewalt hat sich die Autorin allerdings auf eine gefährliche Gratwanderung begeben. Sandra Brown hat sich in ihrem Erotikthriller mit einer zutiefst beunruhigenden Entwicklung befasst. "Rage - Zorn" - Beklemmung und Nervenkitzel bis zum erlösenden Ende.
Rita Voss
München, März 2006