Rezension zu Sandra Browns "Weißglut"

In der Hitze der Nacht

von Bianca Reineke

Sandra Brown - Weißglut

Wenn eine hoch spannende Krimihandlung auf knisternde Erotik trifft und ein Roman den Leser um den Schlaf bringt, weil er ebenso brillant wie mitreißend geschrieben ist, dann war mit großer Wahrscheinlichkeit wieder einmal die Autorin Sandra Brown am Werk.

Die 1950 geborene US-Amerikanerin verfasst seit 1981 einen Bestseller nach dem anderen und ist Dauergast auf den Top Ten Belletristiklisten weltweit. Das Fundament zu ihrer atemberaubenden Karriere legte Sandra Brown mit Liebesromanen; doch inzwischen hat sie sich vor allem einen Namen als herausragende Krimiautorin gemacht. Sandra Brown würzt jeden ihrer spannenden Plots mit einer Liebesgeschichte, in denen selbstbewusste Frauen die Hauptrolle spielen, Heldinnen, deren mehr oder minder geordnetes Leben von Männern mit geradezu unwiderstehlicher Anziehungskraft und dubioser Vergangenheit gründlich aus den Fugen gehoben wird. Und nicht selten ähnelt die amouröse Annäherung der Protagonisten einem Tanz am Abgrund. Auch im neuesten Roman "Weißglut" kombiniert Sandra Brown wieder geschickt die Ermittlungen in einem Mordfall mit einer Liebesgeschichte.

 

Rückkehr in die verhasste Vergangenheit

Die toughe Heldin Sayre Lynch lebt als erfolgreiche Innenarchitektin und Designerin ungebunden und frei in San Fransisco. Ihr Leben ist bestimmt von harter Arbeit, die nur deshalb ein Hauch bunten Glamours umgibt, weil sie die Reichen und Schönen der Stadt bei der Ausstattung ihrer Luxuswohnungen und Villen berät.

Ihre Vergangenheit und Herkunft hat Sayre Lynch gemeinsam mit ihrem echten Nachnamen "Hoyle" aus ihrem Leben verbannt. An ihre Jugend und ihre Familie hat sie nicht gerade die allerbesten Erinnerungen. Seit ihrer Flucht aus dem Südstaaten-Provinznest Destiny im Staat Louisiana ist sie nie wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt.

Eines Tages versucht ihr Bruder Danny sie mehrmals hintereinander telefonisch zu erreichen. Sie weist ihre Assistentin an, ihn abzuwimmeln, und muss kurz darauf erfahren, dass er auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen ist. Trotz ihrer Ablehnung gegenüber der Familie, beschließt Sayre zur Beerdigung des Bruders zu fahren, der ihr von allen Familienmitgliedern immer der Liebste war.

Kaum ist Sayre in Destiny angekommen, gerät sie auch schon in den Bann ihrer Familie. Die riesige Gießerei ihres Vaters bestimmt nicht nur das Stadtbild Destinys, sondern auf vielfältige Weise auch das Leben der Menschen. Beinahe jeder Bewohner der Kleinstadt arbeitet in der heißen Hölle.

 

Patriarch mit eiserner Hand

Huff Hoyle, ein ungehobelter und rauer Selfmade-Mann, regiert seine Firma und seine Familie mit eiserner und brutaler Hand. Sein Wort ist Gesetz und sein Wunsch allen Befehl. Chris, sein ältester Sohn und Handlanger, tritt nur zu gern in die Fußstapfen des Alten und reicht an Huffs Skrupellosigkeit, Habgier und Eiseskälte mühelos heran. Vater und Sohn steht der gerissene Anwalt Beck Merchant zur Seite, den der alte Huff wie einen Sohn liebt. Merchant sieht seine Lebensaufgabe darin, die Machenschaften der Familie Hoyle, die sich nicht immer an Gesetzen orientiert, zu decken und seine Auftraggeber im Fall des Falles vor Gericht zu vertreten.

Auch der verstorbene Danny arbeitete im Imperium des Vaters, konnte sich aber seine Integrität und Menschlichkeit weitgehend bewahren. Umso rätselhafter ist sein plötzlicher Tod. Der Sheriff von Destiny, der müde und desillusionierte Red Harper, der auf der Bestechungsliste Huff Hoyles ganz oben steht, wertet Dannys Tod zunächst als Selbstmord. Sein ehrgeiziger und bisher nicht käuflicher Deputy belehrt ihn eines Besseren: Den tödlichen Schuss mit der Schrotflinte konnte Danny Hoyle sich unmöglich selbst zugefügt haben. Und so beginnt man widerstrebend in Richtung Mord zu ermitteln.

Huff Hoyle weiß, wie viel Überwindung es Sayre gekostet haben muss, nach Destiny zurückzukehren. Er kann es mit seinem Stolz nicht vereinbaren, dass sich seine einzige Tochter seinem Einfluss entzieht und schmiedet deshalb einen Plan, um sie wieder eng an die Familie zu binden. Er schickt seinen Adlatus Beck Merchant vor und lässt ihn gegenüber Sayre andeuten, dass Danny ermordet wurde. Die Rechnung des gerissenen Alten geht auf; Sayre bleibt, wenn auch widerwillig, in Destiny, wo ihr ihre schreckliche Vergangenheit auf Schritt und Tritt begegnet. Vor allem ihre Erinnerungen an ihren Vater sind geprägt von Hass und Schrecken, und sie weigert sich strikt, Kontakt zu ihm oder ihrem Bruder Chris aufzunehmen. Doch der junge Beck Merchant heftet sich an ihre Fersen, denn er ist fasziniert von der schönen und geheimnisvollen jungen Frau, die ein Hauch von Schwermut umweht.

 

Ein schrecklicher Verdacht

Als Sayre auf eigene Faust nach Dannys Mörder zu suchen beginnt, entdeckt sie, dass Danny heimlich verlobt war und in jüngster Zeit einen Hang zur Religiosität entwickelt hatte. Gleichzeitig wird die Skrupellosigkeit ihres Vaters immer mehr offenbar. Für sein Imperium geht der alte Hoyles buchstäblich über Leichen. Ohne Rücksicht auf die Sicherheit seiner Arbeiter treibt er die Produktion der Gießerei voran. Er weiß, dass deren Existenzängste jeden Gedanken an Streik oder Forderungen nach bessere Arbeitsbedingungen im Keim ersticken werden.

Und auch im privaten Bereich duldete der allmächtige Huff keinerlei Widerspruch. Allmählich kristallisiert sich heraus, wie grausam er seine einzige Tochter während ihrer Jugend verletzt und gedemütigt hat. Chris Hoyle ist der gelehrige Schüler seines Vaters, und auch er hat einige Leichen im Keller. Wie sein Vater, so entging auch er nur knapp einer Verurteilung wegen Mordes. Sein alter Studienfreund Beck Merchant konnte ihn damals vor dem Gefängnis bewahren und ist seitdem wie ein Bruder für ihn.

Doch Beck Merchant verliebt sich Hals über Kopf in Sayre, die verlorene Tochter, die seine Annäherungsversuche beinahe angewidert abblockt, sich aber ihrer eigenen Gefühle für den gut aussehenden Anwalt schon bald nicht mehr sicher ist. Als sich langsam aber sicher ein Verdächtiger im Mordfall Danny heraus zu kristallisieren beginnt, der passenderweise noch eine Rechnung mit der Familie Hoyle offen hatte, Beck und Sayre sich immer näher kommen und Huff Hoyle einen Herzinfarkt erleidet, überschlagen sich die Ereignisse.

Die haarsträubenden Sicherheitszustände in der Gießerei fordern schließlich ein Opfer unter den Arbeitern und rufen die Gewerkschaften auf den Plan. Die Stimmen, die zum Streik aufrufen, werden immer lauter, die Hoyles sehen sich heftig attackiert, und Sayre bezieht nun offen Stellung gegen ihren Vater, indem sie die Arbeiter unterstützt, wo sie nur kann. Während dessen enthüllt sich dem Leser Schicht um Schicht Sayres dunkle Vergangenheit und die Rolle, die ihr tyrannischer Vater, ihre verstorbene Mutter und ihr Bruder darin spielten. Und plötzlich erscheint Chris Hoyle als dringend tatverdächtig. Hat er seinen eigenen Bruder ermordet?

Doch Vater und Sohn sind gerissen. Wie schon in der Vergangenheit, scheint es Ihnen auch dieses Mal wieder zu gelingen, sich der Verantwortung zu entziehen. Doch Sayre bleibt hartnäckig, und auch Beck Merchant scheint die Seiten zu wechseln und sich endlich gegen die übermächtigen Hoyle-Männer zu stellen. Tut er das wirklich?

 

Ein Buch voller Hitze und Spannung

Vor dem Leser liegen noch einige hoch spannende Kapitel mit überraschenden Wendungen, bis er erfährt, wer die Schuldigen sind. Der Mord an Danny Hoyle wird am Ende zwar aufgeklärt, der Täter bestraft und die Gerechtigkeit wieder hergestellt, doch nichts in Destiny und im Leben aller Beteiligten wird jemals wieder so sein wie es zuvor war. Zu tief sind die alten und neuen Wunden, zu erschütternd die Erkenntnis, dass Menschen so kalt und berechnend sein können und zu einschneidend die Erlebnisse, die am Ende der Geschichte stehen.

Sandra Brown ist mit "Weißglut" die perfekte Kombination aus Familienepos, Kriminalroman und Liebesgeschichte gelungen. Die Geschichte mutet gelegentlich wie eine griechische Tragödie an, in der ein despotischer Vater die Loyalität seiner Kinder mit brutalen Mitteln erzwingt. Aus dem grausamen Joch dieser Erziehung wachsen drei junge Menschen heran, die trotz ihrer Verschiedenheit eines verbindet: Diese Erfahrungen werden sie für den Rest ihres Lebens prägen.

Die Schilderung des bedrückend kleinen Ortes Destiny, der unter der Hitze des Südens und der Knute des Feudalherrn Huff Hoyle leidet, ist ebenso faszinierend wie die der Menschen, die ihn bevölkern. Die Figuren des Romans sind so lebensecht gezeichnet, dass der Leser nach dem Zuklappen des Buches beinahe versucht ist, bei Google nach "Hoyle Enterprises" zu suchen. Fast wünscht man sich, Destiny und die Familie Hoyle existierten wirklich. Ein Roman mit außergewöhnlich starker Sogkraft: einmal "hineingeraten", gibt es bis zur letzten Seite kein Entkommen mehr. Ein Buch, das man erst nach 512 Seiten wieder zuschlägt.

Bianca Reineke
Cuxhaven, Dezember 2006

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