Seit drei Jahrzehnten verfolgt eine wahre Schreckensgeschichte aus ihrem früheren Bekanntenkreis die Bestsellerautorin Tess Gerritsen: die Misshandlung und Tötung einer jungen Mutter durch deren angeheiratete Familie. Die Halbwahrheiten und verzerrten Erinnerungen, die unter den Beteiligten des Geschehens kursierten, beschäftigen Tess Gerritsen noch heute.

Niemand von uns hat es ahnen können. Niemand hat es kommen sehen. Es hatte Zeichen gegeben, aber wir hatten die Kaltblütigkeit in den lächelnden Gesichtern ihrer Mörder nicht erkannt, womöglich weil sie einer weithin bekannten, respektierten Familie angehörten. Doch hinter den Türen einer jeden Familie gibt es Geheimnisse, und chinesische Familien sind die geheimniskrämerischsten von allen.
Der Tod der jungen Frau lehrte mich zu begreifen, dass man die wahren Gefühle eines anderen Menschen niemals kennen kann – eine Lektion, die seither aus jedem einzelnen meiner Spannungsromane herauszulesen ist. Noch heute – Jahrzehnte später – muss ich immer wieder an den Mord von damals denken.

© The Telegraph
Am Abend des 31. Oktober 1972 wurde Janet Bokey Hee, eine junge Chinesin, tot im Badezimmer ihres Hauses in San Diego aufgefunden, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann Wallace und ihren Schwiegereltern wohnte. Ihr Kopf steckte in der Toilettenschüssel, das Gesicht war von Schlagwunden und Schwellungen entstellt. Ihr ganzer Leib – die Brust, der Bauchbereich, die Gliedmaßen – wiesen Spuren älterer und nicht ganz so alter Gewalteinwirkung auf, und bei der Autopsie wurde Flüssigkeit in ihrer Lunge gefunden.
Einer der Pathologen äußerte den Verdacht, dass das 35-jährige Opfer wohl in der Toilette ertränkt worden sei. Zwei Kollegen waren anderer Meinung und sahen die Ursache ihres Todes vielmehr in dem Trauma, das von den unzähligen Schlägen herrührte. Der Körper der Toten wies überdies Verbrennungen zweiten und dritten Grades auf, vermutlich Verbrühungen durch kochendes Wasser. Auf Röntgenaufnahmen waren Kalzium-
ablagerungen in ihren Handgelenken zu erkennen, und sie hatte Druckgeschwüre; sie musste über längere Zeiträume angekettet gewesen sein. Es handele sich um mehr als um einen Mord, so die Staatsanwaltschaft. über viele Tage, wenn nicht Wochen, war Janet Hee gefoltert worden.
Der erste Mordverdächtige war Michael, der jüngere Bruder von Janets Ehemann, der sich zum Zeitpunkt des Todes im Haus aufhielt. Die Person jedoch, die als Initiatorin der Folter, als Anstifterin der Misshandlungen identifiziert wurde, war Janets 62-jährige Schwieger-
mutter Ida Loo Hee, die gebrechliche, doch eiserne Matriarchin des Hauses. Ida war eine der besten Freundinnen meiner Mutter.
In der chinesischen Gemeinde, in der ich aufwuchs, ist dieses Verbrechen von Scham belegt, und es wird als eine Tat betrachtet, die auf die gesamte chinesische Community zurückfällt. Mit Außenstehenden sprechen wir selten darüber – aber wir alle erinnern uns daran. Meine Mutter ist bis heute der überzeugung, dass der Mord vor 40 Jahren an Halloween geschah. Mein Bruder und ich waren damals noch Kinder. Auch mein Onkel behauptete immer, dass die Tat rund 40 Jahre zurückliege, während einer seiner Freunde eher auf 50 Jahre tippte. Eine Frau war der Meinung, sie wäre mit Janets Tochter zur Schule gegangen, dabei hatte Janet gar keine Tochter, sondern nur Söhne.
Ein jeder, mit dem ich seither über den Mord von damals gesprochen habe, liegt in irgendeinem Detail falsch. Die Tat hat inzwischen eine fast legendenhafte Patina angesetzt, und wie bei allen Legenden sind die Details im Lauf der Jahre ein wenig verschleift, nein, modifiziert worden: in der ewig brodelnden Gerüchteküche und durch die Fehlbarkeit des menschlichen Gedächtnisses. Erst kürzlich habe ich Zeitungsartikel über das Gerichtsver-
fahren wiedergefunden, und ich bin immer noch überrascht, wie sehr die Jahrzehnte auch meine eigene Erinnerung an den Fall verzerrt haben. Ich will ihr nicht mehr trauen, seit ich weiß, wie sehr sie mich täuschen kann. Details, auf die ich einen Eid geschworen hätte, stellten sich als Trugschluss heraus. Und doch gibt es Erinnerungen, die in meinem Gedächtnis so mächtig und herausragend sind, dass ich sie für wahr halte.
Zum Beispiel die Orangenschalen und Räucherstäbchen, nach denen Janets und Wallaces Haus duftete. Ihre fast durchscheinend weiße Haut und ihre blassen Beine und die formlosen Kleider, die sie während ihrer eine gefühlte Ewigkeit andauernden Schwangerschaft trug. Doch am stärksten ist die Erinnerung an ihren Gesichtsausdruck: wie benommen und leblos, als wäre sie bereits gestorben, noch ehe sie wirklich ihren letzten Atemzug tat. Ich kann mich nicht daran erinnern, sie jemals sprechen gehört zu haben. Vielleicht konnte sie aber auch kein Englisch. Wer immer sie zu Gesicht bekam, dem erschien sie wie ein stilles Gespenst, das sich in den Schatten duckte – in die Schatten von Idas Haushalt, in dem meine Familie häufig zu Gast war.
Den Zeitungsartikeln zufolge war Janet in Hong Kong geboren und im Alter von 13 mit ihren Eltern in die USA eingewandert. Mit 29 wurde sie von einem Partnervermittler mit Wallace Hee bekannt gemacht, einem 36-jährigen Mediziner. Sie heirateten, und in den folgenden sechs Jahren erfüllte Janet ihre chinesischen Ehepflichten und gebar ihrem Mann drei Söhne. Obwohl Wallace später behauptete, es sei eine Liebesheirat gewesen, hätten die beiden nicht ohne das Einverständnis seiner (äußerst dominanten) Mutter Ida heiraten können, die sich von ihrer Schwiegertochter vor allem zwei Dinge erwartete: Gehorsam und Fleiß.
Während des Gerichtsverfahrens legte der Bezirksstaatsanwalt ein zwei Seiten langes schreibmaschinengetipptes Dokument aus dem Hee'schen Haushalt zum Beweis vor. Es war die Liste der Aufgaben, die Janet Tag für Tag zu erledigen hatte, Hausarbeit jeglicher Art, und das von 8 Uhr morgens bis 22.30 Uhr am Abend. Die Liste war überschrieben mit: "Janet, hier ein vorläufiger Arbeitsplan für dich. Die Zeit dafür sollte ausreichen." Und darunter die Mahnung: "Nutze jederzeit Einfallsreichtum, Eigeninitiative, Eifer, Entschlossenheit und dein Hirn, um die richtigen Dinge zu tun."
Doch Janet wurde Idas Anforderungen nicht gerecht. Als meine Familie eines Abends zu Gast war, sah ich Janet, wie sie apathisch ihr schreiendes Kind wiegte. Ein Strumpf hatte sich vom Strumpfband gelöst und war ihr bis zum Knöchel hinabgerutscht, doch sie schien es nicht zu bemerken. Sie starrte nur wie betäubt vor sich hin. So sie denn verstand, was über sie gesagt wurde, zeigte sie doch keinerlei Regung, und das, obgleich Idas Kommentare nicht zu überhören waren.
"Schaut sie euch an, sie ist zu nichts zu gebrauchen", sagte sie, "und dumm ist sie obendrein." Und damit gingen die Beschimpfungen erst los. Liederlich und nachlässig sei sie, und sie könne ihre eigenen Kinder nicht sauber halten. Schwer von Begriff und chaotisch sei sie. Sie lasse ihr Baby zu lange weinen. Während Ida all diese Bosheiten in Janets Anwesenheit äußerte, saßen die Männer der Familie schweigend daneben, sogar Wallace, der zu großen Respekt vor seiner Mutter hatte, als dass er für seine Ehefrau eingestanden wäre.
Andererseits waren wir alle von Ida eingeschüchtert. Sie herrschte geradezu über die angesehensten chinesischen Familien in San Diego. Ihr Mann Robert war ein Pflanzen-
kundiger und Importeur. Wallace, ihr älterer Sohn, war Arzt, und ihr jüngerer Sohn Michael war Pharmazeut. In den 70ern gab es in San Diego nur eine verhältnismäßig kleine chinesische Community, und jeder kannte Ida – Ida, die gleich zwei Nerzmäntel besaß und das neueste Modell eines Oberklassewagens. Die mit ihrem Sohn Michael in Europa Urlaub machte. Was immer Ida wollte, sie bekam es.
Der Mord an Janet hätte nicht ohne ihre Zustimmung stattfinden können. Doch gleichzeitig war einfach jeder überzeugt davon, dass diese 62 Jahre alte, zierliche Frau zu schwach war, um die 35-jährige Janet zu überwältigen und zu töten. Also musste jemand anders sie niedergeschlagen und ihren Kopf in die Toilette gedrückt haben. Jemand anders musste sie unter Wasser gehalten haben. Ida hatte möglicherweise die Anweisung gegeben, aber es bedurfte einer gewissen Körperkraft, um die Tat auszuführen.
Am Tag des Mordes waren neben Janet drei Erwachsene im Haus: Ida, ihr 73-jähriger Gatte Robert und Michael. Wallace Hee sagte später aus, er habe einem Medizinerkongress beigewohnt und sei erst am Abend nach Hause gekommen. Dort habe er seine Frau mit dem Kopf in der Toilette vorgefunden und versucht, sie wiederzubeleben – vergeblich. Um 19.00 Uhr habe er den Coroner gerufen, der das Opfer am Boden liegend und zugedeckt vorfand. Der Coroner warf einen einzigen Blick auf die Leiche und alarmierte die Mordkommission.
Noch in derselben Nacht wurden sowohl Michael als auch Wallace verhaftet. Ida wurde erst Wochen später in Gewahrsam genommen. Alle drei wurden beschuldigt, Janet ermordet zu haben.
"Es war Michael", sagt meine Mutter heute. Damals weigerte sie sich zu glauben, dass er schuldig sei. Niemand von uns konnte das glauben. Ich am allerwenigsten, und ich hatte auch einen Grund dafür: Ich war in Michael Hee verliebt.
Er war 35, schlank, trug eine Brille, und er wohnte direkt neben seinen Eltern in einer eigenen Wohnung. Er war unverheiratet, verehrte seine Mutter, und sie verhätschelte ihn im Gegenzug. Während der Gerichtsverhandlung wurde der Verdacht geäußert, dass die Tat möglicherweise aus einer gescheiterten Affäre zwischen Michael und Janet erstanden wäre. Was für eine absurde Vorstellung! Mal ganz abgesehen davon, dass Michaels Interessen eher dem Theater, feinen Restaurants und der Damenmode galten … Er besaß eine eigene Nähmaschine und einen überaus auffälligen Pelzmantel.
Damals war Homosexualität besonders unter uns Chinesen ein Tabuthema. Wir nahmen es schlichtweg hin, dass Michael "anders" war, auf eine Art, die ihn für uns einnahm. Wann immer er an unserer Tür stand, rief einer von uns begeistert: "Onkel Michael ist da!", woraufhin mein Bruder und ich herbeigerannt kamen und ihm um den Hals fielen. Er blieb den ganzen Nachmittag lang, und bei Tee und Keksen lachten wir viel und tauschten den neuesten Tratsch aus. Er machte mir Komplimente für meine Frisur, lobte die Geschichten, die ich damals schon schrieb, und half mir, mein jüngstes missglücktes Nähprojekt zu retten.
Er war der einzige Mann, der mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Mein arbeitswütiger Vater tat dies nie. Und nicht ein einziges Mal drohte Michael die Nerven zu verlieren. Nicht ein einziges Mal sah ich in ihm den Mörder aufblitzen, zu dem er später in den Zeitungen gemacht wurde. Er war wirklich anders als andere Männer. Er war netter.
Meine Mutter erinnert sich daran, dass Michael am Tag von Janets Ermordung bei uns war und Kekse und Süßigkeiten für Halloween vorbeibrachte. Das war am späten Nachmittag – da war Janet dem Autopsiebericht zufolge bereits tot. Meine Mutter hat diese Geschichte über die Jahre unzählige Male erzählt: dass mein Bruder Tim und ich unsere Halloween-
kostüme trugen. Dass es nur ein kurzer Besuch war, bei dem Michael erzählte, dass seine Waschmaschine kaputt sei und er sie nicht repariert bekomme. Meine Mutter stand in der Küche und bereitete das Abendessen vor. Sie hörte nur mit einem Ohr hin, aber sie behauptet, er sei so freundlich gewesen wie immer.
"Du warst dabei, erinnerst du dich?", fragt sie mich hin und wieder. "Du und Timmy, ihr wolltet noch raus und bei den Nachbarn klingeln. Trick or Treat. Weißt du noch?" Sie hat diese Szene so oft wiederholt, dass ich mich genau so daran erinnere: Michael in unserer Küche, wie er von seiner kaputten Waschmaschine erzählt. Wie er uns zum Abschied umarmt. Jahrzehntelang war genau das meine Erinnerung. Und es war der Schlüssel zu meiner Karriere als Thrillerautorin: die Tatsache, dass ich den Mörder in unserer Küche nicht als solchen erkannte. Dass ich einen Mann umarmte, der gerade seine Schwägerin umgebracht hatte.
Vermutlich ist dies der Grund, warum ich mich irgendwann entschied, Gewalt zu meinem Thema zu machen. Ich wollte eine Erklärung dafür finden, was an jenem Tag passiert war. Ich wollte verstehen, wie ein derart charmanter, augenscheinlich harmloser Mensch eine derart schreckliche Tat vollbringen konnte.
Ich habe mit dieser Version der Geschichte so viele Jahre gelebt, dass sie zur Realität wurde, zur Wahrheit, bis hin zu jener letzten Umarmung und unseren Halloweenkostümen. Als ich mich aber auf die Suche nach den Zeitungsartikeln von damals machte, war ich gelinde gesagt überrascht, über den Tatzeitpunkt zu stolpern. Es war zu Halloween, wie meine Mutter immer behauptet hatte. So weit, so gut. Aber es war nicht in den 60ern, wie sie geglaubt hatte, sondern 1972. Da war ich 19 und mein Bruder 15 Jahre alt. Beide zu alt für Halloweenkostüme. Und im Oktober muss ich bereits an der Uni gewesen sein und war überhaupt nicht zu Hause, als Michael das letzte Mal vorbeikam. Und doch erinnere ich mich an jedes Detail seines Besuchs. Ich hatte an etwas geglaubt, dass nicht so passiert sein konnte, weil meine Mutter mich vom Unmöglichen überzeugt hatte.
Und das war nicht das einzige Mal, dass ihr das gelang.
Meine Mutter hat Tote gesehen.
Sie waren überall, die Toten: zuallererst mal in den Kriegswirren, als die Japaner immer wieder die Heimat meiner Mutter, die chinesische Provinz Yunan, bombardierten. Sie sah jedoch nicht nur die Leichen, sondern auch die Seelen, und das Hinterland, wohin die Familie meiner Mutter vor den Gräueltaten floh, war von Geistern bevölkert. Eines Nachts entdeckte sie einen Mann, der durchs Fenster hereinstarrte, der sein weißes, blutleeres Gesicht an die Scheibe presste. Sie schrie so laut, dass ihr Vater schließlich hinaus in die Nacht rannte und nach dem Mann suchte, doch er fand nicht eine einzige Spur, nicht einmal einen Fußabdruck, obwohl die Erde angeblich nass und matschig war.
"Das war ein Geist", behauptete meine Mutter. Und ihre chinesischen Freunde hier in den USA bestätigten sie darin. Sie alle hatten Geister gesehen. Und sie alle erzählten ihre Geschichten, wenn sie Zigaretten rauchten und Majong spielten und ihre näselnden Stimmen über die Spielsteine erhoben. Tante Jackie beispielsweise hatte in einem alten, verlassenen Kloster einmal eine schluchzende Frau in Weiß durch eine Mauer verschwinden sehen. Und Tante Helen berichtete von einem Mann ohne Kopf, der an ihrem Fenster vorbeigelaufen war.
Sie erzählten all diese Geschichten stets unaufgeregt und sachlich, als würden sie ihren Wohnzimmerteppich beschreiben, und unterbrachen ihre Erzählungen hin und wieder nur, um ihren Spieleinsatz zu erhöhen oder ein paar geröstete Wassermelonenkerne zu naschen. In ihrer Welt verlassen uns die Toten nicht. Sie bleiben bei uns, um durch Fenster zu spähen und durch Wände zu gehen. Als Kind wollte ich immer selbst einen Geist zu Gesicht be-
kommen, aber das passierte nie. "Wenn du wirklich Geister sehen willst", erklärte meine Mutter, "musst du auch an sie glauben."
Natürlich glaubte ich. Ich glaubte alles, was meine Mutter mir sagte.
über die Jahre bin ich jedoch zur Skeptikerin geworden. Ich habe gelernt, dass ich noch nicht einmal meinen eigenen Erinnerungen vertrauen kann, geschweige denn denen meiner Mutter. Und so habe ich mich auf der Suche nach der Wahrheit an Zeitungsarchive gewendet. Und die Wahrheit um Janet Hees Tod ist niederschmetternd.
In der Nacht, als Michael verhaftet wurde, stellte die Polizei Kratzspuren und Hautabschürfungen an seinen Händen fest. Er wollte wohl ein Geständnis ablegen, doch seine Mutter ging dazwischen. Die Kriminaltechnik stellte fest, dass die Badezimmerwände bis auf Hüfthöhe sauber geschrubbt worden waren; ein paar wenige Blutspuren waren jedoch darüber zurückgeblieben – und einige waren auch auf Michaels Kleidung gelandet. Alle drei Angeklagten behaupteten während der Verhöre, sie seien unschuldig, und tief verankert in der Tradition fester chinesischer Familienbande weigerten sie sich, gegeneinander auszusagen.
Die Verhandlung dauerte 29 Tage, und am Ende umfassten die Zeugenaussagen und Protokolle 4 000 Seiten. Die Hees hatten einen berühmten Anwalt aus Los Angeles, Grant Cooper, mit der Verteidigung beauftragt. Cooper hatte bereits Sirhan Sirhan verteidigt, der für den Mord an Robert Kennedy verurteilt wurde. Cooper gab sich alle Mühe; nichtsdesto-
trotz wurden Michael und Wallace wegen Mordes mit bedingtem Vorsatz zu einer Mindesthaftstrafe von fünf Jahren verurteilt. Ida Hee wurde in einem separaten Verfahren der Mittäterschaft angeklagt. Aufgrund ihres hohen Alters und des Gesundheitszustands wurde sie schon nach wenigen Monaten wieder aus der Haft entlassen.
Was die Zeitungsarchive mir nie beantworten konnten, was mich jedoch inzwischen seit gut drei Jahrzehnten beschäftigt, ist die Frage: Wie konnte ein Mann, der mir gegenüber immer so freundlich und aufmerksam war, eine andere Frau derart brutal zu Tode prügeln?
Würde ich einen meiner Romane schreiben, ich wüsste eine zufriedenstellende Erklärung. Ich könnte schildern, warum und wie er die Tat beging. Ich könnte dem Leser sagen, dass Michael von Natur aus ein Soziopath gewesen sei oder von gewalttätigen sexuellen Fantasien getrieben oder dass er bereits als Kind Tiere gequält habe. Nur – dies ist kein Roman. Und ich glaube, dass keine dieser Erklärungen zutrifft.
Ich musste mir eingestehen, dass ich – im Gegensatz zum Roman – im richtigen Leben keine befriedigende Antwort auf meine Frage erhalten würde.
Michael und Wallace wurden irgendwann aus der Haft entlassen. Weder die beiden noch ihre Mutter sprachen jemals wieder über den Mord. Trotz des Skandals gelang es Ida, sich den Weg zurück in die bessere Gesellschaft zu bahnen – teils auch, weil sie meiner Mutter leidtat. Und so war Ida wieder dabei, wenn wir essen gingen oder Dinnerpartys ausrichteten. Sie war sogar zu meiner Hochzeit eingeladen. Und auch wenn jeder insgeheim über den Mord wisperte, traute sich niemand, Ida darauf anzusprechen. Stattdessen machten wir einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Die chinesische Gemeinde verhielt sich so wie immer, wenn jemandes Ruf ins Wanken geriet. Sie wahrte die Fassade, verschwieg das Geheimnis, verdrängte die Scham.
Ida Loo Hee starb 1989. Ihr Sohn Wallace folgte ihr 1998 im Alter von 67 nach. Michael zog sich sukzessive aus dem sozialen Leben zurück, und niemand in meinem Bekanntenkreis hat ihn seit Jahren gesehen. Meine Mutter vermutet, dass auch er inzwischen tot ist. Aber selbst wenn er noch lebt, habe ich nicht den Mut, nach ihm zu suchen und ihn zu fragen, was wirklich an jenem Tag im Oktober vor mehr als 30 Jahren passiert ist.
Die Beweislage war eindeutig. Ich weiß, dass er schuldig ist. Ich weiß, dass er eine Frau misshandelt und totgeschlagen hat – auf geradezu monströse Weise. Und doch kann ich ihn bis heute nicht als Monster betrachten. Und vielleicht ist gerade dies das größte Rätsel an der ganzen Geschichte.
Dieser Artikel erschien erstmals am 13. Januar 2007 in

http://www.telegraph.co.uk/culture/3662514/Chinese-whispers.html
Deutsche Übersetzung des Interviews (PDF)
Die Thriller der amerikanischen Bestsellerautorin Tess Gerritsen stehen bei deutschen Lesern hoch im Kurs und schaffen regelmäßig den Sprung auf Spitzenplätze der Bestsellerlisten. Uli Deurer sprach mit Tess Gerritsen über das Schreiben und den großen Erfolg ihrer Thriller.
FRAGE: Sie haben lange Zeit in Ihrem Beruf als Ärztin gearbeitet. Was hat Sie dazu bewogen, professionell Bücher zu schreiben?
TESS GERRITSEN: Geschrieben habe ich eigentlich schon als Kind. Ich hatte wohl schon immer eine blühende Phantasie und habe gerne Geschichten erzählt. Ich bin dann Ärztin geworden und habe zwei Kinder bekommen. Sie können sich vorstellen, dass dabei nicht viel Zeit übrig bleibt. Aber ich wollte einfach alles schaffen, meinen Arztberuf ausüben, meine Aufgaben als Mutter erfüllen und außerdem noch schreiben. Das konnte nicht klappen. Deshalb habe ich mich entschieden, für eine Weile zu Hause bei meinen Kindern zu bleiben und zu schreiben. Ich war überglücklich, als es mir nach einigen Jahren gelang, veröffentlicht zu werden. So wurde ich Autorin.
FRAGE: Angefangen haben Sie mit "Romantic Mysteries", bevor Sie sich den eher harten Stoffen gewidmet haben, mit denen Sie auch bei uns bekannt geworden sind. Nun ist der Krimimarkt in Deutschland nicht gerade arm an Büchern, die sich auf die eine oder andere Weise mit Serienmördern beschäftigen. Wie behauptet man sich gegen eine solch starke Konkurrenz?
GERRITSEN: Eigentlich wollte ich gar keine Bücher mit Serienkillern schreiben. Aber eine meiner Leserinnen hat mich draufgebracht. Sie meinte, ich solle etwas schreiben mit einem Serienkiller und abgedrehtem Sex. Ich habe darüber nachgedacht. Und mir gesagt, du bist Ärztin, schreibe was mit Medizinern in den Hauptrollen, mache was, in das du deine beruflichen Erfahrungen einbringen kannst, dann wird es etwas Besonderes. Und was ist beunruhigend am Arztberuf? Ein Stoff, der mich nie in Ruhe gelassen hat: Blut. Was geschieht mit dem vielen Blut in den Arztpraxen, welche Geheimnisse birgt es? Blut gibt ja viele Auskünfte über den einzelnen Menschen: raucht er, nimmt er Drogen, ist die Spenderin des Blutes schwanger und vieles mehr. Und wer untersucht das Blut? Öffnet er das Reagenzglas und riecht daran? Erregt ihn der Umgang mit Blut? Fast alle Menschen haben ein ganz besonders emotionales Verhältnis zu Blut. Blut hat auch symbolischen Charakter. Das habe ich zum Beispiel zum Thema meines Romans "Die Chirurgin" gemacht.
FRAGE: Immer wieder werden Sie für die glaubhaften Charaktere Ihrer Hauptfiguren gelobt. Wie entstehen eigentlich Figuren wie Jane Rizzoli oder Maura Isles in Ihrem Kopf?
GERRITSEN: Gelobt?(lacht) Es ist für mich wirklich sehr wichtig, dass man etwas über das Leben meiner Hauptfiguren erfährt. Aber ich plane die Entwicklung einer Figur oder Handlung nicht wirklich. Ich beginne ganz einfach mit einer Idee. Zum Beipiel dem Phänomen Blut in "Die Chirurgin" oder einer anderen Sache bei "Schwesternmord". Bei der Autopsie der Leiche eines jungen Mannes ist mir plötzlich bewusst geworden, dass er das Alter meines Sohnes hatte. Mein Gott, dachte ich, was würde ich empfinden, wenn jemand vor meinen Augen obduziert wird, den ich kenne. So habe ich mir überlegt, wie es geschehen könnte, dass meine Heldin, die Pathologin Maura Isles, förmlich zusehen muss, wie sie selbst aufgeschnitten wird. So beginnt nun die Geschichte und ich kannte die weitere Entwicklung noch nicht, als ich das Buch schrieb.
FRAGE: Als Sie den Vorgänger "Todsünde" schrieben, hatten Sie den Plot für "Schwesternmord" also noch nicht im Kopf?
GERRITSEN: Nein. Irgendwann in Todsünde erzählt Maura Isles, das Sie ein Adoptivkind ist und ihre wahren Eltern nicht kennt. Beim nächsten Buch habe ich mir dann überlegt, ob daraus nichts zu machen wäre. Nichts ist also wirklich geplant. Man weiß ja auch selbst nicht, was morgen mit einem geschieht und so geht es mir auch mit meinen Figuren. Ich halte die Geschichte in dieser Hinsicht offen -- alles kann passieren. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass meine Helden eines Tages umgebracht werden könnten.
FRAGE: Welche Funktion hat die Schilderung von Grausamkeiten in Ihren Romanen?
GERRITSEN: Nun - die Realität ist grausam. Vieles, was die Mörder im Roman tun, geschieht wirklich. Viele Leser werden denken, mein Gott, das ist doch krank, wer denkt sich so etwas aus. Aber Details der Morde in "Der Meister" zum Beispiel sind einer tatsächlichen Mordserie in Amerika nachempfunden.
FRAGE: Es geht Ihnen dabei nicht um die reine Schockwirkung?
GERRITSEN: Nein. Ich glaube nicht, dass ich etwas beschreiben kann, was nicht schon einmal wirklich geschehen ist. Fiktion wird sehr häufig von der Realität überholt. Wenn Sie meine Romane genau lesen, merken Sie schnell, dass ich nie den Hergang eines Verbrechens beschreibe, sondern etwas anderes: die Rekonstruktion des Verbrechens durch die Arbeit der Polizistin und der Pathologin. Sie kommen an den Schauplatz des Verbrechens, sehen das Opfer, das Blut, und es ist ihre Aufgabe, den Tathergang zu rekonstruieren. Was der Leser also liest, ist das, was in den Köpfen der Ermittler vor sich geht. Durch den Gedankenprozess von Jane und Maura sieht der Leser die Tat geschehen. Natürlich erlebt der Leser dadurch die Gewalt mit. Ich zeige allerdings nur Menschen, die ihre Ermittlungsarbeit erledigen. In "Die Chirurgin" droht ein Mann im Operationsraum zu verbluten. Ich sehe das aus dem Blickwinkel der Ärztin: Wieviel Blut hat er bereits verloren? Welche Blutungen gilt es zu stillen?
FRAGE: Im Thriller spielt der Aufbau eines Spannungsbogens stets eine wichtige Rolle. Wie gehen Sie an dieses Problem heran?
GERRITSEN: Es ist sehr schwierig. Ich muss vor allem die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Lesers für mich gewinnen. Dazu brauche ich Konfliktsituationen. Keine Harmonie. Wann immer ich eine Szene konstruiere, bemühe ich mich darum, diese Konfliktsituationen zu schaffen. Auch wenn nichts Wichtiges in einer Passage geschieht, muss man stets daran arbeiten, dass sich diese Konflikte entwickeln. Dann kriegt man Aufmerksamkeit.
FRAGE: Ihre Heldinnen Jane Rizzoli und Maura Isles könnte man in ihrem Beruf als "starke Frauen" bezeichnen. Dennoch sind sie privat nicht die "supergirls", die sie beruflich zu sein scheinen, sondern sehr verletzlich. Warum haben diese Frauen genau diese "harten" Jobs gewählt?
GERRITSEN: Jeder Mann und jede Frau sind verletzlich. Außerdem identifizieren wir uns nicht mit Supermenschen. Warum machen sie diese Jobs? Ich komme aus der Welt der Ärzte, für Frauen ein Biotop, weil sie dort als gleichwertig anerkannt werden. Polizistinnen sind anders. In dieser Welt, die immer noch, und vor allem in den USA, eine Welt der Männer ist, müssen sie sich und allen anderen etwas beweisen. Jane Rizzoli ist wie viele Polizistinnen, die ich getroffen habe. Sie erleben harte Zeiten und müssen sich durchsetzen.
FRAGE: Welche Funktion haben ihre männlichen Nebenfiguren? Männer haben in Ihren Romanen ihre großen Auftritte bisher nur als Killer. Bekommen die Männer noch ihre große Chance?
GERRITSEN: Im nächsten Roman, der noch nicht ins Deutsche übersetzt ist, spielt zum Beispiel Janes Mann eine große Rolle. Nun, Barry Frost ist ganz einfach Janes Partner als Cop und Daniel Brophy hat, nun ja, eine sexuelle Funktion. Irgendwann wird schon irgendetwas zwischen ihm und Maura Isles passieren, aber ich weiß noch nicht genau, was. Frauen und Priester -- das hat doch was.
FRAGE: Wollen Sie Ihr Publikum in erster Linie unterhalten?
GERRITSEN: Unterhaltung hat für mich höchste Priorität. Wenn niemand mein Buch lesen will, erfährt auch niemand, was ich eigentlich zu sagen habe.
FRAGE: Kann man als Thrillerautorin den Erfolg kalkulieren -- schreiben Sie für einen potentiellen Verkaufserfolg?
GERRITSEN: Ich schreibe Bücher mit Ideen, die mich bewegen. Ich muss dabei sehr auf meine Gefühle achten. Es muss Freude machen zu schreiben. Wenn die Leser den Stoff dann nicht akzeptieren, dann schreibe ich so etwas womöglich nicht mehr. Aber zunächst muss ich es schreiben.
FRAGE: Welche Autoren aus dem Krimi- und Thrillerbereich lesen Sie selbst am liebsten?
GERRITSEN: Ich lese nicht so viele Kriminalromane. Jeffery Deaver und Mo Hayder schätze ich sehr. Hayder schreibt sehr kraftvoll. Und ich mag das Autorenduo Preston/Child.
FRAGE: Tess, herzlichen Dank für das Gespräch.
Ulrich Deurer ist Angestellter eines Münchner Literaturverlags und freier Journalist.