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Pablo Neruda stammt aus der Provinzstadt Parral im südlichen
Chile. Dort wird er am 12. Juli 1904 geboren. Überblickt
man sein gewaltiges Werk, so lassen sich drei etwa gleich
lange Phasen unterscheiden: Auf die frühe Dichtung der
Innerlichkeit, mit der er sich zuerst in Chile und dann im
Ausland bekannt macht, folgt, seit dem Ausbruch des Spanischen
Bürgerkrieges, ein Abschnitt überwiegend politischer
Verse; zwanzig Jahre später, als 1956 die Verbrechen
des Stalinismus aufgedeckt werden, beginnt die letzte Periode:
Neruda setzt sich jetzt mit der existenziellen Bestimmung
des Einzelnen in der heutigen Zeit auseinander ...
Die poetische Kultur, in die Pablo Neruda, zuerst in Temuco
und dann in Santiago de Chile, hineinwächst, ist geprägt
von dem sich seinem Ende zuneigenden hispanoamerikanischen
Modernismus und von den Attacken, die eine auch in Chile sich
bildende literarische Avantgarde gegen die Modernisten richtete.
Der Modernismus ist die erste literarische Bewegung, die sich
in Spanischamerika formt und von dort nach Spanien und Europa
ausstrahlt. Die Modernisten Hispanoamerikas, von denen der

Dichter und Diplomat Rubén Dario (1867-1916) aus Nicaragua
der einflußreichste ist, stimmen ein in die Verachtung
der bürgerlichen Welt durch die zeitgenössischen
europäischen Künstler. Sie fühlen sich den
Symbolisten und Parnassiens verwandt, nennen Paris ihre wahre
Heimat und halten sich für Kosmopoliten. Das zeigt sich
schon äußerlich in ihrem Dandytum, ihren Extravaganzen
und in einem demonstrativ unbürgerlichen, bohèmehaften
Leben. Die Modernisten fliehen aus der konkreten Wirklichkeit
Lateinamerikas in einen vom französischen Symbolismus
gefärbten Kosmopolitismus. Sie werden als Kosmopoliten
von den Europäern aber erst anerkannt, indem sie sich
als Amerikaner definieren. Diese Identifikation führt
gleichzeitig zu einer Distanzierung von der angelsächsischen
Kultur Nordamerikas und zur Rückbesinnung auf die Einstellungen
und Wertemuster der iberischen Welt. So ist der Modernismus
eine höchst widersprüchliche idealistische Bewegung,
die elitäre, aristokratische und exotische Züge
trägt, die aber deshalb für die lateinamerikanische
Dichtung so wichtig wird, weil sie den Kitsch und die Verlogenheit
der in Lateinamerika und in Spanien nicht nur in der Gebrauchsrede,
sondern auch in der Dichtung üblichen Rhetorik bloßgestellt
hat. Gefordert wird von der Poesie eine aufrichtige, lebendige,
sinnliche und reine Sprache. Diese in Rhythmus, Klang, Wortwahl,
Metaphorik und Syntax sich manifestierende Erneuerung der
Sprache findet nicht nur in Lateinamerika Zustimmung, sie
entspricht auch den Absichten der zeitgenössischen spanischen
Künstler und Intellektuellen.
Als der junge Provinzler Pablo Neruda 1921 aus Temuco, wo
er seit 1906 lebt, in die Hauptstadt Santiago kommt, integriert
er sich sogleich in den Kreis der verdammten Dichter, die
ihre Misere und gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit nur
selten durch gute Verse, meist aber mit Alkohol, Drogen und
Ausschweifungen kompensieren. Er lebt in einer jämmerlichen
Studentenbude, hat oft nichts zu essen und kleidet sich mit
einem Eisenbahnermantel und einem Cordobeserhut. Doch er unterscheidet
sich von dieser künstlerischen Boheme: Einmal ist er
ein Dichter und kein Dilettant, und zum andern entkommt er
dieser Situation. Er endet nicht in Alkoholismus, geistiger
Umnachtung oder durch Selbstmord wie fast alle seine damaligen
Freunde. Lesen und Schreiben sind für Neruda alles. Schon
in Temuco »ruht seine Lesegier nicht Tag noch Nacht«.
Als die Dichterin Gabriela Mistral (1889-1957) – sie
erhält 1945 den Nobelpreis für Literatur –
Leiterin des Mädchengymnasiums von Temuco wird, schenkt
sie ihm viele Bücher, besonders Romane russischer Autoren
(Tolstoi, Dostojewski, Tschechow). Sein Französischlehrer
zeigt ihm die bedeutenden Schriftsteller der modernen französischen
Dichtung; vor allem Baudelaire, Verlaine und Rimbaud werden
ihm vertraut. Mit dreizehn Jahren veröffentlicht er seinen
ersten Artikel. Es folgen Gedichte in verschiedenen Zeitschriften
des Landes, er gewinnt Preise, wird bekannt, arbeitet für
Claridad, das Blatt des chilenischen Studentenverbandes. 1923
schließlich publiziert er auf eigene Kosten und unter
größten Opfern sein erstes Buch: Crepusculario
(Morgen- und Abenddämmerungen). Die Nachwirkungen des
Modernismus lassen sich darin unschwer ausmachen: Neruda verwendet
mit Vorliebe die Form des Sonetts, wählt seltene, klangvolle
Wörter und Themen aus der antiken Mythologie. Von den
Experimenten der dichterischen Avantgarde hingegen spürt
man hier noch nichts.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs muß sich der Modernismus
mit den gleichen Vorwürfen, mit denen er gegen die traditionelle
Dichtung des 19. Jahrhunderts polemisiert hatte, auseinandersetzen:

Er sei artifiziell, voller hohler Metaphysik und Rhetorik;
vor allem das Perfektionsideal seiner nach Harmonie strebenden
Ästhetik verfälsche jedwede poetische Wahrheit und
Wirklichkeit. Überall in Lateinamerika bilden sich Avantgarde-Bewegungen
( Vanguardias): der Ultraismus in Argentinien, der Creacionismus
in Chile, der Modernismus in Brasilien, der Estridentismus
in Mexico, der Afrocubanismus in Kuba. Sie entstehen in enger
Verbindung mit der europäischen Avantgarde – mit
Futurismus, Dadaismus, Surrealismus – und verfolgen
die gleichen Ziele: Verwischen der Grenzen zwischen Wachen
und Traum; vom Rationalismus unkontrolliertes, automatisches
Schreiben; Vermischung sämtlicher Sprachstile und Sprechweisen;
Auflösung der ästhetischen Konventionen; Konstituierung
neuer Welten durch Sprache und Kunst.
Von diesen Entwicklungen weiß der junge Pablo Neruda,
als er 1923 Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung
schreibt (es erscheint 1924), schon genug, um sich orientieren
zu können. Aber er sucht sich zwischen Modernismus und
avantgardistischem Experiment seinen persönlichen Stil.
Das bringt zwar die meisten Literaturkritiker gegen ihn auf,
verschafft ihm aber bei seinen Lesern großen Erfolg.
Von Jahr zu Jahr wächst seine Beliebtheit. Zwanzig Liebesgedichte
und ein Lied der Verzweiflung ist sicher das lyrische Buch
mit den meisten Auflagen in der lateinamerikanischen Literatur.
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