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Von diesen Entwicklungen weiß der junge Pablo Neruda,
als er 1923 Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung
schreibt (es erscheint 1924), schon genug, um sich orientieren
zu können. Aber er sucht sich zwischen Modernismus und

avantgardistischem Experiment seinen persönlichen Stil.
Das bringt zwar die meisten Literaturkritiker gegen ihn auf,
verschafft ihm aber bei seinen Lesern großen Erfolg.
Von Jahr zu Jahr wächst seine Beliebtheit. Zwanzig Liebesgedichte
und ein Lied der Verzweiflung ist sicher das lyrische Buch
mit den meisten Auflagen in der lateinamerikanischen Literatur.
Es findet sich da unmittelbare Sinnlichkeit und in der chilenischen,
in der gesamten lateinamerikanischen Dichtung bislang ungewohnte
Leidenschaft und Erotik. Sie werden ohne spürbaren Zwang,
mit spielerisch leichter Hand, in die teils gleichlangen,
teils unterschiedlichen Verse gebracht; so hält sie die
künstlerische Form in der Fassung. Auch die Syntax ist
geordnet, umgangssprachlich, einfach. Vergleiche, Bilder und
Metaphern hingegen erschließen sich schwer, sind synästhetisch
gebraucht, das heißt, aus verschiedenen Wahrnehmungsbereichen
geholt und doch miteinander verknüpft, sie scheinen unvereinbar,
paradox, wirken bedrängend in ihrer Anhäufung. Weil
sich hier durchgehend ein mit sich identisches »Ich«
findet, weil auch die syntaktische und grammatische Form nicht
zerbricht, ist Neruda kein entschlossener Avantgardist. Indem
er aber immer mehr dazu neigt, Metaphern absolut zu verwenden,
bedient er sich zugleich eines der wichtigsten Mittel der
avantgardistischen Dichtung der zwanziger Jahre. In seinen
postum veröffentlichten Memoiren nennt Neruda Zwanzig
Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung »ein schmerzliches
Hirtenbuch«, das seine qualvollen Jugendlieben zusammen
mit der überwältigenden Natur seiner südlichen
Heimat ausdrücke. Tatsächlich schöpft er die
meisten Metaphern, Bilder und Vergleiche aus dieser Landschaft.
So lassen sich mehrere Schichten erkennen, aus denen das Buch
gebaut ist: die Natur, die Kultur, die Liebe, das Leben des
Einzelnen; sie werden, in je unterschiedlicher Stärke
oder Gewichtung, auch das gesamte spätere Œuvre
tragen ...
Je länger Pablo Neruda in Santiago de Chile lebt, um
so mehr fühlt er sich eingeengt, abgeschnitten von den
revolutionären Veränderungen in Europa, dem Zentrum
von Kunst und literarischer Kultur. Er setzt alles daran,
Chile zu verlassen, und akzeptiert einen Posten als Konsul.
Doch er landet nicht in Europa, sondern in Asien, wo er von
1927 bis 1932 in Rangun, Colombo, Batavia (Jakarta) und Singapore
»eine Zeit in der Hölle« durchlebt.
»Ich habe in einigen Essays über meine Dichtung
gelesen, mein Aufenthalt im Fernen Osten habe mein Werk in
bestimmten Aspekten, zumal in Aufenthalt auf Erden, beeinflußt.
In der Tat sind meine einzigen Gedichte jener Zeit Aufenthalt
auf Erden, doch ohne bissig sein zu wollen, scheint mir die
These von einem Einfluß ziemlich irrig... [Es] beeindruckte
mich der Osten als eine große unglückliche menschliche
Familie, ohne daß ihre Riten und ihre Götter sich
in meinem Bewusstsein niederschlugen. Ich glaube daher nicht,
daß meine Dichtung von damals etwas anderes spiegelt
als die Einsamkeit eines in eine gewalttätige fremde
Welt verpflanzten Ausländers.« ...
Als Pablo Neruda Aufenthalt auf Erden schreibt und es ihm
nach langem Hin und Her gelingt, dieses Buch zu publizieren,
äußert er mehrfach in seinen Briefen an den argentinischen
Schriftsteller Hector Eandi, er habe mit diesen Gedichten
sein Bestes gegeben. Diesem Urteil schließen sich –
in Lateinamerika und in Spanien – Künstler, Kritiker

und Leser uneingeschränkt an. Neruda, der vorher über
die Grenzen Chiles hinaus kaum bekannt ist, macht sich nun
international einen Namen und wird, als er 1934 als Konsul
nach Spanien kommt, von der Generation der spanischen Dichter
um Federico Garcia Lorca, Rafael Alberti, Vicente Aleixandre,
Gerardo Diego als einer der Ihren begrüßt und begeistert
gefeiert: Im April 1935 erscheint in Madrid das Büchlein
Die spanischen Dichter ehren Pablo Neruda, zusammen mit den
Drei Materialen Gesängen aus dem Zweiten Aufenthalt ...
[Neruda selbst hat unterschiedliche Positionen zu seinem Werk
eingenommen. Sie] erklären sich aus der unauflösbaren
Einheit von Leben und Dichten bei Pablo Neruda. Darin besteht
die wesentliche Konstante seiner Poetik, jenseits aller, zum
Teil radikaler Umschwünge. Zeit seines Lebens werden
Neruda seine verschiedenen Erfahrungen erst Realität,
wenn er sie in Verse und Strophen umgeformt hat. Damit ist
keinem Biographismus das Wort geredet, sondern auf die vorbehaltlose
Ernsthaftigkeit und Leidenschaft hingewiesen, mit der der
Dichter in seiner Kunst nach gültiger Wahrheit forscht,
wobei die Totalität des Wahrheitsbegriffs sich niemals
ändert, aber Standorte und Erkenntnisinteressen sich
wandeln.
Menschlich, sprachlich, gesellschaftlich, kulturell isoliert
und in erbärmlicher Armut – er bekommt ein lächerliches
Entgelt, und auch dieses nur unregelmäßig –
fühlt er sich im Fernen Osten noch verlassener als im
provinziellen Santiago. Sein einziger Halt ist die Dichtkunst,
die vollständig durchdrungen ist von seinem »unmenschlichen,
unmöglichen Dasein«, von der »Anhäufung
seiner ausweglosen Ängste«, vom »Rauch in
seinem Herzen«. In einem Brief an Eandi vom 17. Februar
1933 umschreibt er seine poetische Konzeption: »Eine
Woge des Marxismus scheint die Welt zu durchlaufen... Tatsächlich
kann man heutzutage nur Kommunist oder Antikommunist sein...
Aber das gilt nur für die, die politisch, d. h. bürgerlich,
existieren. Ich war früher ein Anarchist... Und immer
noch bleibt mir etwas von dem Mißtrauen des Anarchisten
gegenüber allen Formen des Staates, gegenüber der
unreinen Politik. Aber ich glaube nicht, daß mein Standpunkt
als romantischer Intellektueller von irgendeiner Bedeutung
ist. Doch eines ist sicher, ich hasse die proletarische, die
proletarisierende Kunst. Die systematische Kunst kann zu allen
Zeiten nur Künstler minderer Sorte reizen. Es gibt hier
eine Invasion von Oden auf Moskau, von Panzerzügen usw.
Ich jedoch fahre fort, über Träume zu schreiben.«
Das ist die Konzeption des von der Welt und von den Menschen
isolierten Schreibens, die Konzeption der »Poésie
pure«, der »reinen Dichtung«. Jede Berührung
mit der »unreinen«, schmutzigen Politik wird verabscheut.
Als sich Neruda – zunächst in Buenos Aires, dann
in Barcelona, vor allem aber in Madrid – mitten im Wirbel
freundschaftlichen, künstlerischen und intellektuellen
Austausches mit der Elite der spanischen und lateinamerikanischen
Schriftsteller wiederfindet, verliert seine Selbstbezogenheit
an Gewicht, öffnet er sich der Außenwelt. In unversteckter
Polemik gegen Juan Ramonjimenez (1881–1958), den geachtetsten
Vertreter der »Poésie pure« in Spanien,
überschreibt Neruda ein poetisches Manifest – es
erscheint 1935 in der von ihm gegründeten Zeitschrift
Caballo Verde para la Poesia (Grünes Pferd für die
Dichtung) – mit dem Postulat Para una poesia sin pureza
(Für eine Poésie impure). Dort heißt es:
»Es ist sehr nützlich, zu bestimmten Stunden des
Tages oder der Nacht die ruhenden Dinge tief zu betrachten:
die Räder, die lange, staubige Entfernungen zurückgelegt
haben, die Säcke von den Kohlenmärkten, die Fässer,
die Körbe, die Henkel und Stiele an den Geräten
des Zimmermanns. Die Berührung durch Menschen und Erde
geht von ihnen aus als Lehre für den gequälten lyrischen
Dichter... So soll die Dichtung sein, die wir suchen, von
Handarbeit abgenützt wie von einer Säure, von Schweiß
und Dunst durchzogen, von dem Geruch nach Urin und nach Lilie,
die befleckt ist von allen innerhalb und außerhalb des
Gesetzes ausgeübten Berufen. Eine Dichtung, unrein wie
ein Kleid, wie ein Körper, mit Essensflecken und obszönen
Gesten, mit Falten, Beobachtungen, Träumen, durchwachter
Nacht, Prophezeiungen, Liebes- und Haßerklärungen,
Bestien, Stößen, Idyllen, politischen Überzeugungen,
Verneinungen, Zweifeln, Bejahungen, Steuern.«
Angefangen mit Spanien im Herzen, das 1937 zum ersten Mal
erscheint und 1947 in den Dritten Aufenthalt aufgenommen wird,
entspricht Nerudas Dichtung ab diesem Zeitpunkt immer mehr
Vorstellungen der »Poésie impure«. Er engagiert

sich für die spanische Republik, bekämpft den Faschismus,
wird in Chile aktiver Politiker, er tritt 1945 in die kommunistische
Partei seines Landes ein, muß deshalb 1948 in den Untergrund
und bis 1952 ins Exil, erlebt als Betroffener die Abrechnung
mit dem Stalinismus auf dem 20. Parteitag der KPdSU. Nach
dieser langen Phase überwiegend politischer Dichtung
konzentriert er sich viel stärker auf existenzielle Probleme.
Das bedeutet eine Annäherung an die Fragen, mit denen
er sich in Aufenthalt auf Erden abmühte. Und so ist sein
spätes Urteil über sein frühes Werk zu verstehen
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