Nachdem [Neruda] 1932 endlich nach Chile zurückgekehrt ist und in Santiago einige langweilige Monate verbracht hat, ist [er] von August 1933 bis Mai 1943 als chilenischer Konsul in Buenos Aires tätig, wo er durch Freunde Federico Garcia Lorca kennenlernt. 1934 kommt er nach Spanien, zuerst nach Barcelona und dann im Februar 1935 nach Madrid. Die eineinhalb Jahre bis zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs sind die ereignisreichsten und schönsten in seinem Leben. Er fühlt sich wie neu auf der Welt, nimmt alles begierig auf, was sich ihm bietet an Kunst und Kultur, an literarischer Theorie und poetischer Verwirklichung, an Politik und Ideologie. Wie seine Freunde, stellt er sich entschlossen auf die Seite der Republik, für die er sich nach Kräften einsetzt, und bekämpft den Faschismus. Er begegnet in dieser Zeit den Besten der abendländischen Künstler und Intellektuellen, nicht zuletzt auch vielen Lateinamerikanern: seinem Landsmann Vicente Huidobro, César Vallejo aus Peru, den Kubanern Nicolás Guillén und Alejo Carpentier, dem Mexikaner Octavio Paz. Schließlich vollzieht sich in seinem privaten Leben eine bedeutsame Veränderung: Er trennt sich von seiner ersten Frau, der Holländerin Maria Antonieta (Maruca) Hagenaar, die er 1930 auf Java geheiratet hat, und lebt von nun an mit der Argentinierin Delia del Carril zusammen. Sie teilt – im Unterschied zu Maruca – seine intellektuellen, künstlerischen und politischen Interessen.
Nerudas wichtigste Waffe ist das Wort, mit dem er zielsicher in den antifaschistischen Kampf eingreift. Vorbei sind die Zeiten des Rückzugs, jetzt gehört auch die Politik zu seinen Themen. Spanien im Herzen erscheint Anfang November 1937 in Santiago und ist sein Beitrag zur Bürgerkriegsliteratur. Verglichen mit seinen früheren Büchern, fallen zwei Eigentümlichkeiten auf: An die Stelle der schwer zugänglichen Bilderwelten tritt ein leichter verständliches, volkstümlicheres Sprechen; zweitens reiht sich Neruda in die große Tradition der spanischen Satiriker, Zeitkritiker und Moralisten ein. Er hat sich inzwischen gründlich mit den Dichtern des spanischen Barocks beschäftigt und sich besonders an Francisco de Quevedo (1580-1645) geschult. Wie dieser in den Suenos mit sämtlichen rhetorischen und satirischen Mitteln gegen den korrupten spanischen Hof und den moralischen Verfall seiner Zeit wettert, so greift Neruda in Spanien im Herzen Franco und seine Parteigänger an. Er verdammt ihn und die Generäle Sanjurjo und Mola in die unterste Hölle, wünscht ihnen die schlimmsten Qualen auf den Hals. Für ihn sind sie Hochverräter, die, wie einst im 8. Jahrhundert die islamischen Mauren, im Namen der Kirche mit heidnischen und mordlüsternen Afrikanern von Marokko nach Spanien einfallen. Dem konfrontiert er das Lob auf das spanische Volk, das sich mutig wehrt, auf die Helden der internationalen Brigaden ...
Den antifaschistischen Kampf setzt Neruda auch nach dem Sieg Francos konsequent fort. Als »Konsul für die spanische Emigration« in Paris rettet er 1939 mehr als 2000 Spaniern das Leben, als er sie auf dem umgebauten Frachtschiff »Winnipeg« nach Chile in Sicherheit bringt. Dann muß er selbst vor den deutschen Truppen nach Amerika fliehen. Auch dort hat er mit politischen Gedichten – sie bilden den letzten Teil des Dritten Aufenthaltes – gegen den Faschismus gekämpft. Sein Gesang für Stalingrad wird in Mexico-Stadt überall an die Mauern geschlagen, und den Gesang für Bolívar rezitiert er im Auditorium maximum der Universität von Mexico vor einer riesigen Menge von Zuhörern.
Von August 1940 – Neruda übernimmt das chilenische Generalkonsulat in Mexicos Hauptstadt – bis Juni 1950 hält er sich fast ununterbrochen in Amerika auf. In dieser Zeit wiederentdeckt er zuerst Chile und dann Lateinamerika, das umgekehrt jetzt in ihm seinen größten lebenden Dichter sieht. Andererseits wird er das Opfer politischer Verfolgung und lernt das Leben im Untergrund, Flucht und Exil kennen. Neruda erleidet das für so viele lateinamerikanische Intellektuelle und Künstler typische Schicksal, er ist staatlicher Repression und nackter Gewalt ausgesetzt. Aus diesen lebensgeschichtlichen Erfahrungen, vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung und der gesellschaftlichen Wirklichkeit Lateinamerikas gesehen, entsteht das moderne Epos des Großen Gesangs, an dem er zehn Jahre lang arbeitet und das 1950 in Mexico erscheint.
Der chilenische Literaturwissenschaftler Hernin Loyola, ein enger Vertrauter des Dichters, hat in einer wichtigen Untersuchung die Entstehung des Großen Gesangs rekonstruiert. Am Anfang steht die neue Begegnung mit der Heimat, mit Chile; daraus wird Chiles Großer Gesang. Darauf folgt die Erkundung Amerikas, seiner Landschaften und Menschen: Amerika, ich rufe deinen Namen nicht vergeblich an. Neruda reist viel, in Mexico, nach Kuba und Guatemala; 1943 besucht er – auf seiner Rückfahrt nach Chile – Panama, Kolumbien, Ecuador und Peru, wo er den Macchu Picchu besteigt, jene verschollene Inkafestung am Urubamba, unweit von Cuzco, die der nordamerikanische Archäologe Hiram Bingham 1911 wiedergefunden hat. Das alte Amerika, besonders aber Macchu Picchu, überwältigen ihn [siehe Leseprobe aus seinen Memoiren »Ich bekenne, ich habe gelebt«]. In den indianischen Kulturen der voreuropäischen Zeit wurzeln, so scheint ihm, Amerikas Geschichte und Identität: 1945 schreibt er Die Höhen von Macchu Picchu. Danach läßt ihm bis 1948 die politische Arbeit – 1945 wird er zum Senator gewählt; kurz darauf tritt er in die Kommunistische Partei Chiles ein – kaum noch Zeit für sein literarisches Werk. Nur Die Blumen von Pumtaqui entstehen in dieser Periode.
Das Jahr 1948 markiert einen fundamentalen Einschnitt im Leben des Politikers und des Dichters Pablo Neruda. Der von ihm selbst und von seiner Partei unterstützte chilenische Präsident González Videla vollzieht, auf Drängen der Vereinigten Staaten von Nordamerika, eine radikale politische Kehrtwendung und verbietet die kommunistische Partei. Neruda taucht unter, lebt ein Jahr in der Illegalität, geschützt von Freunden und von seiner Partei. Er hat diese Zeit genützt zu konzentrierter Arbeit am Großen Gesang. So erträgt und verarbeitet er diese schwere persönliche und politische Krise. Nicht nur schreibt er etwa zwei Drittel der Texte in jenen Tagen, er findet auch die tragenden Prinzipien seiner Komposition. Seine eigenen negativen und positiven Erfahrungen belegen ihm nun die Gültigkeit des marxistischen Denkens, den historischen Materialismus. Die Geschichte Lateinamerikas deutet er jetzt als eine Abfolge von Unterdrückungs- und Befreiungskämpfen mit einem klar vorgegebenen Ziel: die Unabhängigkeit Lateinamerikas. Die gegenwärtigen sozialen und politischen Gegensätze sind für ihn Ergebnisse dieses historischen Prozesses. Schließlich sieht er sich selbst als Sänger und Interpret dieser Geschichte, als Anwalt der Menschen »ohne Schule und Schuhe«. Zu diesen Aufgaben kommt noch das Lob der amerikanischen »Mutter Erde«. Die Faszination durch die Natur, die Materie, das Unbewohnte charakterisieren Nerudas Verse von der ersten bis zur letzten Seite. Die Spannung zwischen der Unendlichkeit der Materie und der Endlichkeit der Geschichte macht vielleicht den größten Reiz seines Werkes aus ...
Es ist sicher ein Wagnis, mitten im 20. Jahrhundert ein Epos zu schreiben, den Versuch zu unternehmen, in zyklischer Form Lateinamerika als Totalität zu gestalten. Über den Großen Gesang gibt es daher auch ebenso viele positive wie ablehnende Urteile. Unbestreitbar aber ist, daß Neruda mit dem Großen Gesang ganz wesentlich dazu beigetragen hat, daß die lateinamerikanische Literatur aus dem Regionalismus und Realismus der Zwischenkriegszeit herausfindet zu weiter reichenden Perspektiven.
Das dreijährige Exil von 1949 bis 1952 – es ist die frostigste Zeit des Kalten Krieges – treibt Pablo Neruda von Kongreß zu Kongreß, von einer Einladung zur anderen, von Amerika in die westlichen und in die östlichen Länder Europas, und von dort weiter nach Indien und nach China. Er wird geehrt und ausgezeichnet; sein Werk verbreitet sich über die ganze Welt, übersetzt auch in seltene Sprachen. Doch als Kommunist, als politischer Dichter und Mitglied des Weltfriedensrates ist er nicht überall willkommen: Frankreich untersagt ihm 1951 die Einreise. Als er aus Italien ausgewiesen werden soll, setzen sich die italienischen Schriftsteller für ihn ein. Der Historiker Erwin Cherio stellt ihm spontan seine Villa auf Capri zur Verfügung. Dort verlebt Neruda im Winter und Frühjahr 1952 glückliche Tage, zusammen mit Matilde Urrutia. Er ist ihr 1946 zum ersten Mal in Chile begegnet, hat sie 1949 in Mexico wiedergetroffen, findet in ihr seine große Liebe. Matilde gelten Die Verse des Kapitäns. Um Delia del Carril nicht mehr als nötig zu verletzen, veröffentlicht er dieses Buch am 8. Juli 1952 anonym in Neapel, in einer Auflage von nur 44 subskribierten Exemplaren. Erst 1963 erkennt er es als das seine an.
Nach dem gewichtigen Pathos und den mächtigen Rhythmen der langen Zeilen des Großen Gesangs wählt Neruda für Die Verse des Kapitäns kürzere Metren und liedhafte, romanzenartige Strophen. Die Leidenschaft ist nicht so unbändig und maßlos wie in den Liebesgedichten seiner Jugend, dafür intensiver und erfüllt. Der Liebende fühlt sich geborgen; er vergleicht den Körper seiner Frau mit der ihm vertrauten Natur seiner Heimat. Die Heftigkeit der Begierde und die aufbrausende Eifersucht auf die unbekannte Vergangenheit der Geliebten wandeln sich in das gemeinsame Bedenken einer dauernden Zukunft. Denn der, der hier singt, ist kein frei schwebender Individualist, sondern »die Stimme von allen,/ die bisher stumm gewesen,/ die bisher nicht gesungen/ und heute singen mit diesem Mund,/ der dich küßt«. Wie dem mittelalterlichen Ritter die Liebe nichts taugt ohne Taten, so fährt auch der rastlose Kapitän dieser Gedichte wieder fort übers Meer, um, als ein neuer Conquistador, seine Heimat zurückzuerobern und von Verrätern zu befreien. Er kann sein Volk nicht vergessen, ihre Liebe soll ein Beispiel werden für andere.
Die Verse des Kapitäns gehören zu den schönsten Gedichten von Pablo Neruda. Auch wenn sie viele autobiographische Spuren eines schwierigen Lebensabschnitts enthalten, reichen sie weit über ein persönliches Liebesbekenntnis hinaus. Die gestelzte Emphase, die die Liebe dem revolutionären Kampf unterordnete, schiebt Neruda beiseite. Neben dem öffentlichen gibt es für ihn das private Leben, neben der politischen Dichtung die persönlichen Verse. Beide Formen des poetischen Ausdrucks sind selbstredend in der Person des Autors verbunden, doch sie gehorchen anderen Gesetzen. Sie zu vermischen, ist nicht seine Art. Zwei Jahre später, zu seinem 50. Geburtstag, wird Pablo Neruda Die Trauben und der Wind und das erste Buch der Elementaren Oden veröffentlichen und so den mit dem Großen Gesang eingeschlagenen Weg fortsetzen.

Auszüge aus dem Vorwort, das Karsten Garscha für »Das lyrische Werk I« schrieb.

 

<< 1 | 2 | 3
© Verlagsgruppe Random House GmbH Druckansicht (pdf) | Kontakt