Worte an Europa

Ich, Amerikaner der kargen Erdstriche,
der metallischen Hochplateaus,
wo des Menschen Schlag gegen den Menschen
sich dem der Erde gegen den Menschen gesellt.
Ich, unstet irrender Amerikaner,
Waisenkind der Ströme und der
Vulkane, die mich zeugten,
sage euch, ihr schlichten Europäer,
der krummen Gäßchen,
des Friedens bescheidene Eigner und des Öls,
ihr Weisen, friedlich wie der Rauch,
ich sage euch: ich bin hierher gekommen,
zu lernen von euch,
von diesem und jenem, von allen,
denn wozu diente mir
die Erde, wozu entstanden
das Meer und die Wege,
wenn nicht, um schauend einherzugehn und zu lernen
von allen Wesen ein wenig.
Versperrt mir nicht die Tür
(gleich den düsteren Toren meines mütterlichen
Spaniens, den blutbespritzten).
Weist nicht die feindliche Sense mir,
nicht die Panzerschwadron,
noch an den weiten Wegen, verwischt
von der Trauben Glanz,
den uralten Galgen für den jungen Athener.
Ich will keinen toten Soldaten sehn
mit zerfressenen Augen.
Weist mir von Land zu Land
des Lebens unendlichen Faden,
der das Kleid des Frühlings wirkt.
Zeigt mir eine Maschine, makellos
aus blauem Stahl unter dem schweren Öl,
bereit, vorzurollen in die Weizenfelder.
Zeigt mir voller Wurzeln das Gesicht
Leonardos, denn dieses Antlitz
ist eure Geographie,
und in den Bergeshöhen,
so häufig beschrieben und gemalt,
eure vereinten Fahnen,
die empfangen
den elektrisierten Wind.
Bringt Wasser der fruchtbaren Wolga
zum Wasser des goldenen Arno.
Tragt weiße Samen
der Auferstehung Polens herbei,
und von Euren Weinbergen bringet
das süße und rote Feuer
zum Norden des Schnees!
Ich, Amerikaner, Sohn
der unermeßlichsten Einsamkeiten des Menschen,
kam, um von euch das Leben zu lernen
und nicht den Tod, und nicht den Tod!
Ich querte den Ozean nicht,
noch die tödlichen Cordilleren,
oder die wüste Pestilenz
der Verliese Paraguays,
um bei den Myrten zu sehen,
die einzig ich kannte
aus den geliebten Büchern,
eure Schädelhöhlen augenlos und euer getrocknetes Blut
auf den Wegen.
Zum uralten Honig bin ich und zum neuen
Glanz des Lebens gekommen.
Zu eurem Frieden und euren Türen,
zu euren angezündeten Lampen,
zu euren Hochzeiten bin ich gekommen.
Zu euren festlichen Bibliotheken
kam ich von weit.
Zu euren funkelnden Fabriken
kam ich, zu arbeiten eine Weile
und unter den Werktätigen zu essen.
In euren Häusern geh ich ein und aus.
In Venedig, in Ungarn, dem schönen,
in Kopenhagen werdet ihr mich sehn,
in Leningrad mich unterhalten
mit dem jungen Puschkin, in Prag
mit Fučik, mit allen Toten
und den Lebenden all, mit allen
jungen Metallen des Nordens
und den Nelken Salernos.
Ich bin der Zeuge, der kommt,
eure Wohnstatt in Augenschein zu nehmen.
Reicht mir den Frieden und den Wein.

Morgen zu früher Stunde gehe ich von euch.

Mich erwartet der Frühling
überall.



Dein Lachen

Nimm mir das Boot weg, wenn du
es willst, nimm mir die Luft weg,
aber laß mir dein Lachen.

Laß mir die Rosenblüte,
den Spritzstrahl, den du versprühst,
dieses Wasser, das plötzlich
aufschießt in deiner Freude,
die jähe Pflanzenwoge,
in der du selbst zur Welt kommst.

Mein Kampf ist hart, und manchmal
komme ich heim mit müden
Augen, weil ich die Welt
gesehn, die sich nicht ändert,
doch kaum trete ich ein,
steigt dein Lachen zum Himmel,
sucht nach mir und erschließt mir
alle Türen des Lebens.

Meine Liebe, auch in der
dunkelsten Stunde laß dein
Lachen aufsprühn, und siehst du
plötzlich mein Blut als Pfütze
auf den Steinen der Straße,
so lache, denn dein Lachen
wird meinen Händen wie ein
frisch erglänzendes Schwert sein.

Und am herbstlichen Meer
soll deines Lachens Sturzflut
gischtend himmelwärts steigen,
und im Frühling, du Liebe,
wünsche ich mir dein Lachen
als Blüte, lang erwartet,
blaue Blume, die Rose
meines klingenden Landes.

Lache über die Nacht,
über den Tag, den Mond,
lache über die krummen
Gassen unserer Insel,
lache über den Burschen,
den Tolpatsch, der dich liebt,
aber wenn ich die Augen
öffne, wenn ich sie schließe,
wenn meine Schritte fortgehn,
wenn sie dann wiederkommen,
nimm mir das Brot, die Luft,
nimm mir das Licht, den Frühling,
aber niemals dein Lachen,
denn sonst würde ich sterben.



Ode an die nackte Schönheit

Keuschen Herzens, reinen
Auges
rühme ich dich, Schönheit,
zurückdämmend mein Blut,
auf dass hervortrete und bleibe
die Linie, deine Kontur,
daß
du dich bettest in meine Ode
wie auf der Wälder Boden oder in Wogenschaum:
in irdischen Duft
oder in Meeresmusik.

Nackte Schöne du,
von gleicher Art
wie deine Ohren,
diese winzigen Muscheln
des glanzerfüllten amerikanischen Meeres,
sind deine vom uralten Schlag
des Windes oder hellen Klanges gewölbten
Füße.
Gleich sind
In ihrer parallelen Vollkommenheit und erfüllt
vom Licht des Lebens
deine Brüste,
gleich
in ihrem Schwunge sind
deine Wimpern aus Korn,
die in deinen Augen zwei unergründliche Lande
enthüllen
oder versperrn.

Die Linie, die deinen Rücken
in blasse Regionen
teilt,
verliert sich und tritt wieder
in zwei blanken Apfelhälften
hervor
und teilt
deine Schönheit abermals
in zwei Säulen
von gebranntem Gold, von Alabaster zart,
um in deinen Füßen sich zu verlieren wie in zwei Trauben,
von denen aufglüht und von neuem sich erhebt
der Doppelbaum deiner Symmetrie,
ein frohes Feuer, der gespreitete Kandelaber,
die schwellend aufgereckte Frucht
über des Meeres und der Erde Bündnis.

Dein Leib, aus welchem Erdenstoff,
Achat, Quarz, Weizen,
ward er geformt, wuchs er auf,
wie das Brot aufgeht
von der Wärme,
und zeigte silberne
Hügel,
Täler einer einzigen Blüte, Zartheiten
tiefen Samtes,
bis geschaffen ward
die feine und feste weibliche Gestalt?

Nicht nur Licht ist, das
niederstrahlt auf die Welt
und über deinen Leib
seinen gedämpften Schnee hinbreitet,
auch von dir aus geht die Helle,
als wärst du entflammt
in deinem Innern.

Unter deiner Haut lebt der Mond.

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