Leseprobe

Macchu Picchu

Zur Katalog-Info mit Leseprobe - Pablo Neruda "Ich bekenne, ich habe gelebt"Das Ministerium beeilte sich, die freiwillige Beendigung meiner Laufbahn schnellstens zu akzeptieren.
Mein diplomatischer Selbstmord bereitete mir die größte Freude: die, nach Chile heimkehren zu können. Ich meine, daß der Mensch in seinem Vaterland leben muß und glaube, daß seine Entwurzelung eine Frustration bewirkt, die seine Seele auf die eine oder andere Weise lähmt.
Ich kann nur in meinem eigenen Land leben; ich kann nicht leben, ohne es mit Füßen, Händen und Ohren zu berühren, ohne den Kreislauf seiner Gewässer und Schatten zu fühlen, ohne zu spüren, wie meine Wurzeln im Schlamm die Muttersubstanzen suchen.
Doch bevor ich in Chile ankam, machte ich eine weitere Entdeckung, die meine Dichtung um eine neue Dimension bereicherte.
Ich unterbrach meine Reise in Peru und kletterte zu den Ruinen von Macchu Picchu hinauf. Wir machten den Aufstieg zu Pferd. Es gab damals noch keine Straße. Von der Höhe aus sah ich die von den turmhohen Gipfeln der grünen Anden umgebenen alten Steinbauten. Von der verfallenen, im Lauf der Jahrhunderte zerbröckelten Festung stürzten Gießbäche zu Tal. Weiße Nebelmassen stiegen vom Flußbett des Wilcamayo auf. Ich fühlte mich winzig im Mittelpunkt dieses Nabels aus Stein, Nabel einer unbewohnten, stolzen, hervorragenden Welt, der ich in irgendeiner Beziehung angehörte. Ich fühlte, daß meine eigenen Hände hier in längst vergangener Zeit gearbeitet, Furchen gegraben und Felsblöcke geschichtet hatten. Ich fühlte mich als Chilene, Peruaner, Amerikaner. Auf diesen schwer zugänglichen Höhen, zwischen den ruhmreichen, verstreuten Ruinen hatte ich ein Glaubensbekenntnis für die Fortsetzung meines Gesangs gefunden.
Dort entstand mein Gedicht Die Höhen von Macchu Picchu.


Die Salpeterpampa

Gegen Ende 1943 kam ich wieder nach Santiago. Ich richtete mich im eigenen, auf langfristige Abzahlung erworbenen Haus ein. In diesem von großen Bäumen umstandenen Heim brachte ich alle meine Bücher unter und begann nochmals das schwierige Leben.
Von neuem ging ich auf die Suche nach den Herrlichkeiten meines Vaterlandes, der starken Schönheit der Natur, dem Zauber der Frauen, der Arbeit meiner Gefährten, der Intelligenz meiner Landsleute.
Das Land hatte sich nicht verändert. Felder und schlummernde Dörfer, schreckliche Armut in den Bergwerksgebieten und die eleganten Leute, die ihren Country Club füllten. Ich musste mich entscheiden.
Meine Entscheidung brachte mir Verfolgungen ein, aber auch Sternstunden.
Welcher Dichter hätte das bereut?
Curzio Malaparte, der mich Jahre später interviewte – ich komme noch darauf zurück – , sagte sehr richtig in seinem Artikel: »Ich bin kein Kommunist, aber wäre ich chilenischer Dichter, so wäre ich einer, wie Pablo Neruda es ist. Hier gilt es, Partei zu ergreifen, entweder für die Cadillacs oder für die Leute ohne Schule und Schuhe.«
Diese Leute ohne Schule und Schuhe wählten mich am 4. März 1945 zum Senator der Republik. Ich werde immer stolz darauf sein, daß Tausende von Chilenen aus dem härtesten Gebiet von Chile, dem großen Kupfer- und Salpeterbergbaugebiet für mich stimmten.
In der Pampa zu reisen, war mühsam und beschwerlich. Ein halbes Jahrhundert hindurch hat es in diesen Gegenden nicht geregnet, und die Wüste hat die Züge der Bergleute geprägt. Sie haben verbrannte Gesichter, all ihre Einsamkeit und Verlassenheit drückt sich in ihren Augen voller dunkler Intensität aus. Durch die Wüste zu der Kordillere aufzusteigen, in eines der armen Häuser nach dem anderen einzutreten, die unmenschliche Plackerei kennenzulernen und sich als Verwalter der Hoffnungen von isolierten, verschütteten Menschen zu fühlen, ist keine beliebige Verantwortung. Dennoch bahnte mir meine Dichtung den Weg zum Austausch, sie konnte unter meinen Landsleuten und ihrem harten Leben umgehen und kreisen und wurde von ihnen wie ein unvergänglicher Bruder aufgenommen.
Ich weiß nicht mehr, ob es in Paris oder Prag war, als ich an der enzyklopädischen Bildung meiner dort versammelten Freunde gelinde Zweifel bekam. Fast alle waren Schriftsteller, die wenigsten Studenten.
»Wir sprechen so viel von Chile«, sagte ich zu ihnen, »sicherlich, weil ich Chilene bin. Aber wissen Sie denn etwas von meinem so unendlich fernen Land? Zum Beispiel, welches Fahrzeug wir benutzen? Den Elefanten, das Auto, die Eisenbahn, das Flugzeug, das Fahrrad, das Kamel, den Schlitten?«
Die weitaus meisten antworteten allen Ernstes: »Elefanten«. In Chile gibt es keine Elefanten. Aber ich verstehe, daß ein Land Rätsel aufgibt, das am eisigen Südpol beginnt und sich bis zu Salzsteppen und -wüsten hinzieht, wo es ein Jahrhundert lang nicht regnet. Diese Wüsten habe ich jahrelang bereisen müssen als Wahlsenator für die Bewohner dieser einsamen Gebiete, als Vertreter ungezählter Salpeter- und Kupferarbeiter, die nie Kragen oder Krawatte getragen haben.
Wer diese Ebenen betritt, wer sich diesen Sandwüsten ausliefert, glaubt den Mond zu betreten. Diese Art eines leeren Planeten birgt den großen Reichtum meines Landes, doch dafür muß man der dürren Erde und den Steinbergen den weißen Dünger und das farbige Mineral entlocken. An wenigen Stellen der Welt ist das Leben so hart und zugleich so bar jeder Annehmlichkeit. Es kostet unsägliche Mühe, Wasser dorthin zu transportieren, eine Pflanze zu ziehen, die auch nur die bescheidenste Blüte treibt, einen Hund, ein Kaninchen oder ein Schwein zu züchten.
Ich stamme vom anderen Ende der Republik. Ich bin im grünen Land mit den großen urwaldartigen Wäldern geboren. Meine Kindheit verlief in Regen und Schnee. Allein die Tatsache, dass ich mich dieser Mondwüste stellte, bedeutete einen völligen Umschwung in meinem Leben. Im Parlament diese Menschen zu vertreten, ihre Isolierung, ihre titanische Heimat, war ein schwieriges Unternehmen. Die nackte Erde ohne einen Grashalm, ohne einen Tropfen Wasser ist ein ungeheures, menschenfeindliches Geheimnis. In den Wäldern, an den Flüssen spricht alles zum Menschen. Der Wüste hingegen ist der Austausch fremd. Ich verstand ihre Sprache, das heißt, ihr Schweigen nicht.


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