Hörprobe (5 MB): Kate Thompson liest
aus ihrem Buch „Zwischen den Zeiten“ (auf Englisch)
Leseprobe aus Kate Thompson: Zwischen den
Zeiten
1
JJ Liddy und sein bester Freund Jimmy Dowling hatten
häufig Streit. JJ nahm das nie ernst. Er betrachtete es sogar
als Zeichen für die Stärke ihrer Freundschaft, weil sie
sich immer gleich wieder vertrugen. Anders als manche Mädchen
in der Schule, die sich derartig in die Wolle bekamen, dass sie
sich in längere Schlachten verstrickten. Aber an jenem Tag
Anfang September, noch während der ersten Schulwoche, hatten
sie einen Streit wie nie zuvor.
JJ konnte sich nicht einmal mehr erinnern, worum es eigentlich gegangen
war. Aber am Schluss, zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich üblicherweise
gegenseitig verziehen und sich wieder vertrugen, hatte Jimmy die
Bombe platzen lassen.
„Ich hätte es besser wissen müssen und mich gar
nicht erst mit dir einlassen sollen, nach dem, was meine Großmutter
mir über die Liddys erzählt hat.“
Auf seine Worte folgte eine entsetzliche Stille, voller Verwirrung
aufseiten JJs und Scham aufseiten Jimmys. Er wusste, dass er zu
weit gegangen war.
„Was ist mit den Liddys?“, fragte JJ.
„Nichts.“ Jimmy wandte sich um und ging auf das Schulgebäude
zu.
JJ stellte sich vor ihn. „Sag schon. Was hat sie dir erzählt?“
Jimmy hätte sich vielleicht herauswinden und so tun können,
als sei alles nur ein Scherz gewesen, aber man hatte sie belauscht.
Er und JJ waren nicht mehr allein. Zwei andere Jungen, Aidan Currie
und Mike Ford, hatten alles mit angehört und mischten sich
jetzt ein.
„Mach schon, Jimmy“, sagte Aidan. „Jetzt kannst
du's ihm sagen.“
„Ja“, sagte Mike. „Wenn er es noch nicht weiß,
dann ist er wohl der einzige Mensch im ganzen Landkreis.“
Die Glocke klingelte zum Ende der großen Pause. Aber keiner
schenkte ihr Beachtung.
„Was soll ich wissen?“, fragte JJ. Ihm war kalt, und
er hatte Angst, nicht vor etwas, was geschehen könnte, sondern
vor etwas, was er in sich trug, in seinem Blut,
„Es ist schon lange her“, sagte Jimmy, der weiter versuchte,
einen Rückzug zu machen.
„Was ist lange her?“
„Einer der Liddys...“ Jimmy sagte noch mehr, aber er
murmelte es so in sich hinein, dass JJ nichts hören konnte.
Es klang wie „hat den Karren geordnet“.
Der Lehrer, der Hofaufsicht hatte, rief sie hinein. Jimmy ging auf
das Schulgebäude zu. Die anderen folgten ihm.
„Was hat er?“, fragte JJ.
„Vergiss es“, sagte Jimmy.
Es war Aidan Currie, der es sagte, so laut, dass JJ und alle anderen
es hören konnten. „Das weiß doch wohl jeder. Dein
Urgroßvater. JJ Liddy, genau wie du. Der hat den Pfarrer ermordet.“
JJ blieb wie vom Donner gerührt stehen. „Niemals!“
„Doch, hat er“, sagte Mike. „Und nur wegen einer
alten hölzernen Flöte.“
„Ihr seid ein Haufen Lügner!“, sagte JJ.
Die Jungen lachten, mit Ausnahme von Jimmy.
„Die Liddys waren halt schon immer verrückt nach Musik“,
sagte Mike.
Er fing an, in einer albernen Parodie von irischem
Volkstanz auf die Schule zuzuhüpfen und zu springen. Aidan
trottete nebenher und sang dabei eine misstönende Version von
The Irish Washerwoman. Jimmy warf einen Blick zurück auf
JJ und folgte ihnen dann mit gesenktem Kopf hinein.
JJ stand allein auf dem Hof. Es konnte nicht wahr sein. Aber bei
näherem Nachdenken wurde ihm klar, dass da immer etwas gewesen
war in der Art und Weise, wie manche der Einheimischen ihm und seiner
Familie begegneten. Viele aus der Gemeinde kamen zu den Céilís
und den Set-Dance-Volkstanzstunden, die samstags bei ihnen zu Hause
abgehalten wurden. Sie waren schon immer gekommen und vor ihnen
ihre Eltern und Großeltern. In den letzten Jahren war die
Zahl der Teilnehmer rasant gestiegen, durch den Zuzug von neuen
Leuten in der Gegend. Einige fuhren über dreißig Meilen
weit. Aber es gab auch eine große Zahl von Einheimischen,
die nichts mit den Liddys und ihrer Musik zu tun haben wollten.
Und solche Leute hatte es immer gegeben. Sie wechselten nicht gerade
die Straßenseite, um JJ und seiner Familie aus dem Weg zu
gehen, aber sie redeten auch nicht mit ihnen. Wenn JJ überhaupt
darüber nachgedacht hatte, dann war er immer davon ausgegangen,
es läge daran, dass seine Eltern eines der wenigen Paare in
der Gegend waren, die nicht verheiratet waren, aber was, wenn das
nicht der wahre Grund war? Wenn es nun wirklich so geschehen war?
Konnte JJ Nachfahre eines Mörders sein?
„Liddy!“
Der Lehrer stand an der Tür und wartete auf ihn.
JJ zögerte. Einen Augenblick lang schien es ihm, als könnte
er nie wieder einen Fuß in diese Schule setzen. Dann fiel
ihm die Lösung ein.
Der Lehrer schloss die Tür hinter ihm. „Kannst du mir
sagen, was das soll, dass du da draußen wie angewachsen herumstehst?“
„'tschuldigung“, sagte JJ. „Ich wusste nicht,
dass Sie mit mir gesprochen haben.“
„Mit wem sollte ich wohl sonst sprechen, Liddy?“
„Ich heiße Byrne“, sagte JJ. „Meine Mutter
heißt Liddy, das stimmt, aber mein Vater heißt Byrne.
Ich bin JJ Byrne.“
2
Der neue Polizist stand auf dem Gehweg vor Green's
Pub. Auf der anderen Seite der verriegelten Tür war eine
Gruppe von Musikanten in vollem Gange und der kräftige Zusammenklang
ihrer Instrumente übertönte das bienenstockartige Summen
der vielen Unterhaltungen. Auf der anderen Straßenseite klatschte
die steigende Flut gegen die Mauern des winzigen Hafens. Unter unsichtbaren
Wolken lag das Wasser bleigrau da, mit schlammig bronzefarbenem
Glitzern, wo sich die Straßenlaternen in ihm spiegelten. Die
Oberfläche war unruhig. Wind kam auf. Bald würde es regnen.
Drinnen im Pub gab es einen kurzfristigen Schluckauf in der Musik,
als ein Stück endete und das nächste begann. Ein paar
Takte lang spielte nur eine einsame Flöte die neue Melodie,
bis die anderen Musiker sie erkannten und einstimmten und das alte
Gasthaus bis an die Dachbalken mit Klang erfüllten. Draußen
auf der Straße erkannte Garda O'Dwyer die Melodie. In den
schwarzen Umformschuhen zuckten seine eingezwängten Zehen im
Takt. Am Straßenrand hinter ihm beugte sich sein Partner,
Garda Treacy, über den leeren Beifahrersitz des Streifenwagens
und klopfte ans Fenster.
Larry O'Dwyer seufzte und trat einen Schritt auf die schmale zweiflügelige
Tür zu. Er war aus gutem Grund Polizist geworden, aber manchmal
fiel es ihm schwer, sich zu erinnern, was es gewesen war. Auf jeden
Fall nicht das hier, da war er sich sicher. Er war nicht Polizist
geworden, um dem Vergnügen von Musikanten und deren Publikum
ein Ende zu bereiten. Wenige Meilen entfernt, in der Großstadt
Galway, stieg die Kriminalitätsrate dramatisch an. Straßenbanden
waren in alle möglichen Schlägereien und Überfälle
verwickelt. Dort könnte er von weit größerem Nutzen
für die Allgemeinheit sein. Aber auch das war, soweit er sich
erinnern konnte, nicht der Grund gewesen, warum er Polizist geworden
war. Es gab Momente wie diesen, in denen er vermutete, dass es kein
besonders guter Grund gewesen war.
Wieder wechselte die Melodie. Das Licht im Streifenwagen ging an,
als Garda Treacy die Tür öffnete. Larry hielt seinen tippenden
Fuß still und klopfte an Mary Greens Tür.
Drinnen im Pub verstummten die Kehlen, Unterhaltungen brachen ab,
das Dröhnen der Stimmen wurde leiser und erstarb. Einer nach
dem anderen stiegen die Musikanten aus dem Stück aus, und für
einen Augenblick blieb nur eine selbstvergessene Fiddle übrig,
die voller Begeisterung alleine weiterspielte. Schließlich
gelang es jemandem, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und die Musik
brach mitten im Takt ab. Danach war nur noch ein Geräusch zu
hören, Mary Greens leichte Schritte über den Estrich.
Eine der schmalen Türen öffnete sich einen Spaltbreit.
Marys besorgtes Gesicht erschien. Hinter ihr konnte Larry Anne Korff
auf einem Barhocker balancieren sehen. Sie war eine der wenigen
Dorfbewohnerinnen, die er bereits kennen gelernt hatte. Er hoffte,
es würde nicht notwendig sein, ihre Personalien aufzunehmen.
„Tut mir sehr Leid“, sagte er zu Mary Green. „Es
ist Viertel vor eins.“
„Sie machen gerade Schluss“, sagte Mary mit Nachdruck.
„In fünf Minuten sind sie weg.“
„Das hoffe ich“, sagte Larry. „Das wäre das
Beste für alle hier.“
Während er zum Wagen zurückging, fielen die ersten Regentropfen
auf die Oberfläche des Meeres.
3
Sie fielen auch auf JJ Liddy – oder JJ Byrne,
wie er sich jetzt nannte. Sie fielen auf seinen Vater Ciaran und
auf die letzten Heuballen auf dem Ringfeld, die sie auf den Flachbett-Hänger
luden. Das Ringfeld war die höchstgelegene Wiese auf ihrem
Land.
„Na, wenn das kein Timing war!“, sagte Ciaran.
JJ gab keine Antwort. Er war zu müde, um zu antworten. In seinen
Handschuhen waren die Finger wund gescheuert von den hunderten von
Ballenschnüren, die an diesem Abend durch seine Hände
gegangen waren. Er warf den letzten Ballen hinauf. Ciaran stapelte
ihn ordentlich auf und ließ sich dann in den Fahrersitz des
Traktors fallen. JJ half Bosco hoch in die Kabine. Der Hund war
zu alt und steif, um noch selbst hochzuspringen, aber er war nicht
zu alt, um bei allem, was auf dem Hof passierte, dabei sein zu wollen.
Wo immer gearbeitet wurde, da war auch Bosco.
Ciaran ließ die Kupplung kommen und der alte Traktor rumpelte
und ratterte über die frisch gemähte Wiese. JJ kletterte
auf die Heuballen. Der Regen wurde stärker. Tropfen schnitten
durch den Strahl der Scheinwerfer, während sie am Ringfort
entlangfuhren und schließlich auf den ausgewaschenen Feldweg
einbogen, der zum Hof hinunterführte,
Ciaran hatte Recht. Es war ein gutes Timing. Das Heu, das sie gerade
in Sicherheit gebracht hatten, war eine späte Ernte, fast wie
ein nachträglicher Einfall der Natur. Der Sommer war feucht
gewesen, und ihre vorhergehenden Versuche, Heu zu machen, waren
gescheitert. Schließlich hatten sie Lohnarbeiter anheuern
müssen, die das, was von ihrer Mahd übrig war, in schwarzes
Plastik verpackten. Es war zu nass für Heu gewesen und nicht
frisch genug für Silage. Die entstandene Mischung nannten sie
Heulage, aber das war nur ein schöner Name. Selbst wenn das
Vieh hungrig genug war, es zu fressen, würden die Tiere nicht
viele Nährstoffe daraus ziehen können. Aber dieser Schnitt
war gut und würde einen Teil des Futtermangels, wenn auch lange
nicht alles, wieder wettmachen. Landwirtschaft war ein hartes Brot.
Der Anhänger schwankte. Vorne in der Fahrerkabine konnte JJ
Boscos Schwanz wedeln sehen, während er von einer Seite auf
die andere geschleudert wurde. Rechts von ihnen, jenseits des Elektrozaunes,
lag Molly's Place, das Feld hinter dem Haus, das die Liddys einmal
nach einem längst vergessenen Esel benannt hatten. Ein gefleckter
Strom bewegte sich nun darüber wie ein Fischschwarm, der durch
die schwarzen Tiefen des Meeres glitt. Die Ziegen – weiße
Saanens und braunweiße Toggenburgs – liefen zu ihrem
Unterstand am Rande des Hofes.
Ziegen konnten Regen nicht ausstehen. Genau wie JJ. Jetzt da er
nicht mehr arbeitete, war seine Körpertemperatur rapide gesunken.
Tropfen rannen ihm aus den Haaren und brannten in seinen Augen.
Er sehnte sich nach seinem Bett.
Ciaran drehte mit dem Traktor eine Runde im Hof. „Wir laden
morgen früh ab.“
JJ nickte, sprang von den Ballen herunter und gab Ciaran Handzeichen,
der den Hänger rückwärts in die leere Bucht des Heuschobers
rangierte. Seine Mutter, Helen, trat aus der Hintertür und
kam herüber.
„Perfektes Timing“, sagte sie. „Der Tee ist gerade
fertig.“ Aber JJ ging schnurstracks vorbei an der Kanne, die
auf der Arbeitsplatte in der Küche vor sich hin dampfte, und
vorbei an den Tellern mit frischen Scones auf dem Tisch. Oben in
seinem Zimmer lag die Schultasche offen auf dem Bett und spuckte
überfällige Hausaufgaben aus. Er warf einen Blick auf
die Uhr. Wenn er am nächsten Morgen eine halbe Stunde früher
aufstünde, könnte er wenigstens einen Teil davon erledigen.
Er warf die Tasche samt Inhalt auf den Fußboden, und während
er den Wecker stellte, fragte er sich, wie er es sich jeden Tag
fragte, wohin um alles in der Welt nur die Zeit verschwand.