Südwest

SPECIAL zu Shlomo Venezia »Meine Arbeit im Sonderkommando Auschwitz«

Meine Arbeit im Sonderkommando Auschwitz
 

„Der Deutsche wollte keine Spritzer abbekommen.“

Rezension von Roland Große Holtforth

 

Sie mussten den verängstigten und meist ahnungslosen Menschen helfen, sich vor Betreten der Gaskammern zu entkleiden. Sie mussten die Leichen, die vom Todeskampf entstellt waren, aus den Kammern zerren, sie plündern und verbrennen. Sie mussten andere KZ-Insassen festhalten, damit die Deutschen sie „fachgerecht“ erschießen konnten, also schnell und ohne dass die Schützen mit Blut bespritzt wurden. Sie mussten Neuankömmlinge täuschen, um ihnen den Tod wenigstens etwas erträglicher zu machen. Sie hatten keine Wahl: „Alle, die sich weigerten, wurden sofort durch Nackenschuss getötet.“ Wer noch ein bisschen länger existieren wollte, musste funktionieren – in der Gewissheit, dass es sich doch nur um einen Aufschub handeln konnte. Denn hier starb jeder, früher oder später. Und ganz sicher die Mitglieder des Sonderkommandos.

„Das war die Hauptsorge der Deutschen: die Leichen verschwinden zu lassen.“
Shlomo Venezia gehört zu den Wenigen, die dem Sonderkommando von Auschwitz-Birkenau angehörten und nicht liquidiert wurden. Normalerweise wurden diese Zeugen nach drei Monaten wie die anderen „Stücke“ (dies die gängige Bezeichnung für KZ-Insassen) vergast, erschossen oder totgeschlagen – je nach ökonomischem Kalkül und den Vorlieben der Ausführenden – und schließlich verbrannt, in Krematorien oder in Gräben unter freiem Himmel. Denn „das war die Hauptsorge der Deutschen: die Leichen verschwinden zu lassen.“

Neben dieser „Hauptsorge“ hatten die Deutschen aber auch noch andere „Probleme“: Wie stelle ich sicher, dass die Deportierten meinen Anweisungen auf dem Weg in die Gaskammern folgen? Wie verhindere ich, dass sie zu früh merken, was ihnen bevorsteht? Wie kann ich sie zunächst als Arbeitskräfte einsetzen und dann noch ihre Leichen „weiterverwerten“? Wie töte ich möglichst viele Menschen mit möglichst wenig Gas? Venezia beschreibt, wie die Deutschen diese Fragen beantworteten. Er legt Zeugnis ab, unprätentiös, offen. Dabei schont er auch sich selbst nicht; etwa wenn er von einer Situation nach Kriegsende erzählt, in der die Befreiten von den Rotarmisten bewacht wurden, „damit wir nicht das kleine Dorf plünderten und nicht versuchten, uns zu rächen. Ich glaube, wir hätten ein Massaker anrichten können.“

Der Zeuge
Venezia hält sich mit Attributen und Metaphern für das, was er durchlitten hat, zurück. Er will Bericht erstatten, nicht kommentieren, nicht deuten. Er weiß: Das ungeheure Opfer, das er bringt, indem er sich in Gedanken immer wieder ins Krematorium begibt, geht nur dann nicht ins Leere, wenn er sich auf die Tatsachen konzentriert. Er ist kein Kertész, kein Améry, kein Celan, er kann und will keine eigene Sprache für sein Erleben kreieren. „Birkenau war wirklich die Hölle, niemand kann das verstehen und sich in die Logik dieses Lagers hineindenken. Darum will ich so viel wie möglich erzählen, aber nur das, woran ich mich wirklich erinnere und was ich ganz sicher gesehen habe, sonst nichts.“ Er ist Shlomo Venezia, Sohn italienischer Eltern aus Saloniki, der mit der ganzen Kraft seines Willens Zeugnis ablegen will.

Die Krankheit der Überlebenden
Er tut dies erst seit relativ kurzer Zeit. Direkt nach Kriegsende stieß er zunächst auf völlige Ignoranz, denn „die Leute wollten nichts hören und nichts glauben“. Später, nach einigen Jahren in verschiedenen Krankenhäusern und einer gewissen physischen Genesung, wollte er mit seiner Frau und seinen Kindern nicht über diese Dinge sprechen, denn sie sollten ohne den „inneren Makel“ leben, von dem er wusste, dass er ihn nie mehr loswerden würde. „Erst 1992, siebenundvierzig Jahre nach meiner Befreiung, fing ich wieder an, darüber zu sprechen. Da traute sich der Antisemitismus in Italien wieder ans Tageslicht.“ Shlomo Venezia besuchte Schulklassen und öffnete sich nun den Fragen der eigenen Kinder. Auch für sein Buch wählte er die Form des Gesprächs. Behutsam geleitet durch die Fragen von Béatrice Prasquier, berichtet er in einer klaren, direkten Sprache von dem Ort, den er zwar überlebt, der ihn aber mit der „Krankheit der Überlebenden“ zurückgelassen hat. „Diese Krankheit erlaubt keinen Augenblick der Freude oder Unbekümmertheit, es ist eine Stimmung, die ständig an meinen Kräften zehrt ... Man kommt nie mehr wirklich aus dem Krematorium hinaus.“


Roland Große Holtforth
(Literaturtest)
Berlin, Mai 2008

 
 

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