Gerard Donovans Romane »Winter in Maine« und »Ein bitterkalter Nachmittag«

Winter in Maine
 

ERSTER TEIL

30. Oktober – 2. November

 

1
Ich glaube, ich habe den Schuss gehört.
   Es war ein kalter Nachmittag Ende Oktober, und ich saß in meiner Hütte auf dem Stuhl neben dem Holzofen und las. Durch diese Wälder streifen viele mit Gewehren bewaffnete Männer, meist in abgelegenen Gegenden, wo niemand wohnt, und besonders am ersten Tag der Jagdsaison, wenn die Leute aus Fort Kent oder noch kleineren Städten mit ihren langen Gewehren in Pick-ups heraufkommen, um Hirsche oder Bären zu jagen, durchsieben ihre Schüsse die Luft.
   Doch der metallische Knall, der durch den Wald hallte, schien ganz aus der Nähe zu kommen, nicht mehr als einen Kilometer entfernt, falls das tatsächlich die Kugel war, die ihn tötete. Ehrlich gesagt, habe ich mir seither so oft vorgestellt, ihn zu hören, habe ich das Tonband dieses Augenblicks so oft zurückgespult, dass ich den realen Klang des Gewehrs nicht mehr vom eingebildeten unterscheiden kann.    Das war nah, sagte ich, legte ein weiteres Scheit aufs Feuer und schloss die Ofentür, bevor der Rauch hervorquellen und sich im Zimmer ausbreiten konnte.
   Die meisten Jäger, auch die Anfänger, blieben im offenen Wald, weiter westlich in den North Maine Woods und bis zur kanadischen Grenze hinauf, aber ein gutes Gewehr ist weithin zu hören, und ohne Mauern und Straßen lässt sich die Entfernung nur schwer schätzen.
   Dennoch kam es mir zu nah vor. Die erfahrenen Jäger wussten, wo ich wohnte, wo sich all die Hütten im Wald befanden, manche deutlich zu sehen, manche versteckt. Sie wussten, wo man keine Waffe abfeuern durfte und dass Kugeln so lange fliegen, bis sie irgendwo einschlagen.
   Im Ofen brannte ein schönes Feuer, das meine Beine wärmte, und ich las die Kurzgeschichte von Tschechow zu Ende, in der ein Mädchen nicht schlafen kann und das Baby die ganze Zeit schreit, und weil ich mich völlig darin vertieft hatte, fiel mir gar nicht auf, dass mein Hund weg war. Vor ein paar Minuten hatte ich ihn hinausgelassen, und es war nicht ungewöhnlich, dass er sich von der Hütte entfernte, obwohl er meistens in einem Umkreis von hundert Metern blieb, seinem Territorium, seinem Besitz.
   Ich ging zur Tür, rief nach ihm und dachte wieder, dass der Knall ein bisschen zu nah am Haus gewesen war, sah dann zehn Minuten später noch einmal nach, konnte meinen Hund aber nirgends entdecken, er kam nicht, als ich – jedes Mal lauter – nach ihm rief, und auch als ich zum Waldrand ging und pfiff, die Hände um den Mund legte und brüllte, war nichts von der braunen Gestalt zu sehen, die sonst immer aus dem Unterholz hervorbrach.
   Der Wind war kalt, und ich schloss die Tür und schob das Handtuch davor, damit es nicht zog. Dann blickte ich auf die Uhr, was in den Wintermonaten nur selten vorkommt.
   Es war vier Minuten nach drei.

2
In den Norden von Maine kommt der November mit einem kalten Wind aus Kanada, der ungebremst durch den gelichteten Wald fegt und Schnee über die Flussufer und die Hänge der Hügel breitet. Es ist einsam hier oben, nicht nur im Herbst und im Winter, sondern immer. Das Wetter ist trüb und rau, die Landschaft ist weit und rau, und dieser Nordwind weht unbarmherzig durch jeden Spalt und bläst einem manchmal die Silben aus den Sätzen.
   Ich bin in diesen Wäldern aufgewachsen, dem Waldland am westlichen Rand des St. John Valley, das an die kanadische Provinz New Brunswick grenzt und sich mit seinen sanften Hügeln und den kleinen, abgelegenen Siedlungen an den Ufern und südlich des St. John River entlangzieht. Mein Großvater war Akadier, wie meine Mutter, und baute die Hütte aus mir unbekannten Gründen meilenweit entfernt von den anderen Franzosen, auf baumbestandenem Land in der Nähe des großen Waldgebiets im westlichen Teil des Tals. Damals lag die Hütte sogar noch abgeschiedener als heute, was seltsam war, denn eigentlich hielten diese Leute zusammen: Die meisten, die in den Siedlungen hier wohnten, stammten von Akadiern ab und waren 1755 von den Briten aus Nova Scotia vertrieben worden. Einige gingen in den Süden nach Louisiana, die Übrigen landeten im Norden von Maine – ein Volk der Extreme, wie mein Vater sagte, Bewohner des tiefsten Südens und des höchsten Nordens.
   Auch wegen der Winter war es seltsam. Mein Großvater errichtete die Hütte auf zwei Morgen gerodetem Land, ringsum von Wald umgeben, und mein Vater baute eine große Scheune an, noch größer als die Hütte, wo er sein ganzes Werkzeug, den Pick-up und all das aufbewahrte, was zerbrechlich war oder leicht verlorenging und die sechs Wintermonate im Freien nicht überstehen würde. Der Wald setzte sich aus Nadel- und Laubbäumen zusammen – Kiefern, Eichen, Fichten, Tannen und Ahorn –, und wenn sich die Blätter im September gelb und rostrot färbten und wie vertrocknete Haut abfielen, wenn sie sich im Oktober bräunlich auf dem Waldboden kräuselten und in den November davongeweht wurden, war es, als würden die Bäume rings um die Hütte zurückweichen, sich schrittweise entfernen.
   Die Hütte stammt vom französischen Familienzweig meiner Mutter, denn mein Vater war Engländer, doch von ihm erbte ich sie. Er sagte, es sei kaum zu glauben, dass dieses Tal der sanft gewellten Landschaft Mittelenglands gleiche, aber statt der englischen die französische Sprache in diesen Hügeln erschalle. Auch das war eine seltsame Entscheidung – eine Akadierin, die einen Engländer heiratete –, doch es heißt, meine Mutter ging stets ihren eigenen Weg, und Akadier lassen sich ohnehin keine Vorschriften machen.
   Die Hütte verschmilzt mit dem Wald oder der Wald mit der Hütte. Man steigt im Wald über einen Zweig, und plötzlich steht man auf einer Veranda und muss ganz vorsichtig sein. In diesen Wäldern wohnen viele Männer, die sonst nirgends leben können. Sie leben allein und sind noch für die geringste Beleidigung empfänglich, darum sollte man sich lieber gut benehmen oder erst gar nichts sagen. Sie kommen in den Norden, um ihr Lebensende abzuwarten, oder sie waren ohnehin hier und bleiben aus demselben Grund. Solche Männer leben am Ende aller langen Wege, die es auf der Welt gibt, und wenn sie an einen Ort wie diesen gelangen, sind ihnen die Länder, in denen sie nicht leben können, ausgegangen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu bauen, und auch hier, im tiefen Schatten der Bäume, gehen sie den anderen so weit wie möglich aus dem Weg. Ich wohnte weit entfernt von meinen engsten Nachbarn, die nächsten Hütten lagen fünf Kilometer westlich und östlich von hier.
   Im Sommer legte ich am Rand der Lichtung ein Blumenbeet an, ungefähr zehnmal einen Meter groß, mit Kapuzinerkresse, Ringelblumen, Lilien und Fingerhut, und jedes Jahr vergrößerte ich die kleine Rasenfläche, die sich im Sommer in einen warmen grünen Teppich verwandelte, auf dem ich liegen, den Duft der Blumen einatmen und den blauen Himmel genießen konnte. Diesmal war der Winter erst spät gekommen. Im Oktober hatte größtenteils ein seltsamer, ziemlich warmer Südwind geweht, und ein paar Blumen verströmten noch ihren Duft, obwohl ihre Zeit längst vorbei war. Ich hatte sie mit schwarzen, zu kleinen Zelten gebauschten Plastiktüten abgedeckt, damit sie den ersten Nachtfrost überstanden, in der Hoffnung, dass sie noch eine Woche die Farbe behielten und die bevorstehenden trüben Monate verkürzten. Im Sommer hatten sie Freude in mein Leben gebracht, und ich wollte ihnen helfen. Aber in den letzten Tagen war die Temperatur gesunken, und bald würden sich auch diese Überlebenden ins sichere Erdreich zurückziehen und im Klammergriff des tiefen Winters in ihren Samen schlafen.

Abgesehen von meinem Hund lebte ich allein, denn ich hatte, bis auf ein einziges Mal vielleicht, nie daran gedacht zu heiraten, und darum gehörte mir hier auch die Stille. Das Haus war rings um die Stille errichtet: Mein Vater war ein eifriger Leser gewesen, und vom Holzofen im Wohnzimmer bis hinter zur Küche und nach rechts und links in die beiden Schlafzimmer erstreckten sich an den Wänden lange, mit vier Brettern ausgestattete Bücherregale, in denen alle Bücher standen, die er je besessen oder gelesen hatte, was ein und dasselbe war, denn mein Vater hatte tatsächlich alles gelesen. So war ich von 3282 Büchern umgeben, in Leder gebundene Erstausgaben, Taschenbücher, alle in gutem Zustand, alphabetisch geordnet und mit Füller katalogisiert. Und da die Regale die gesamte Hütte säumten – und es in manchen Zimmern dunkler und kälter war, weil sie weiter vom Holzofen entfernt lagen –, gab es warme und kalte Romane. Viele der kalten Romane waren von Autoren verfasst worden, deren Nachname mit einem Buchstaben zwischen »J« und »M« begann, denn Schriftsteller wie Johnson und Joyce, Malory und Owen standen hinten bei den Schlafzimmern. Mein Vater hatte es die »Zweigstelle Alexandrias in Maine« genannt, nach der griechischen Bibliothek, und wenn er nach der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte er am liebsten die Socken zum Feuer gestreckt, bis sie dampften, sich dann eine Pfeife angezündet, immer noch im dicken Pullover, sich zu mir umgedreht und um ein spezielles Buch gebeten, und ich konnte mich noch an die kalten Seiten in meinen Händen erinnern, wenn ich meinem Vater den Band brachte, den er haben wollte, und beobachtete, wie sich das Buch unter seinem Blick am Feuer erwärmte, und sobald er fertig war, hatte ich das warme Buch wieder ins Regal geschoben, wo es nicht mehr so gut hineinpasste, weil es in der Wärme ein bisschen größer geworden war.
   Obwohl er schon zwanzig Jahre tot war, behielt ich die Romane und Reiseberichte, die Theaterstücke und Shortstorys bei mir, so wie er sie hinterlassen hatte, alles, was er war und wusste. An jenem Montagnachmittag nahm ich eins dieser Bücher und las darin, russische Kurzgeschichten, und als ich mit der ersten fertig war, spähte ich aus dem Fenster. Noch immer kein Hund.
   Wieder ein Blick auf die Uhr: zwanzig nach drei.

3
Ich trat auf die Lichtung hinaus und rief.
   Hobbes!
   Ich hoffte, er würde hinter mir angerannt kommen oder aus dem Pick-up springen, wo er tagsüber oft auf dem Sitz schlief, wenn die Sonne auf die Windschutzscheibe brannte und alles in ein Treibhaus verwandelte, aber auch nach drei weiteren Rufen tauchte er nicht auf. Um auf andere Gedanken zu kommen, nahm ich noch ein paar Scheite vom Holzstoß und stapelte sie neben der Tür. Mein Magen krampfte sich zusammen, und obwohl ich es ignorierte, mir noch ein Buch holte und mich damit ans Fenster setzte, wollte sich die Anspannung nicht lösen. Die Erstausgabe eines Essays von Alexander Pope, erschienen 1757 in London, einer von zehn Bänden in Originalledereinband, die Katalogkarte im Umschlag. Zwecklos. Ich konnte mich nicht darauf einlassen, und was mir sonst Freude bereitet hätte, war jetzt nur ein ödes Gewirr von Wörtern in meinem Kopf, jedes wie ein Stein: »Werke Alexander Popes Esq. In 10 Bdn. London: Gedruckt für A. Millar, Jan R. Tonson, H. Lintot und C. Bathurst, 1757. Mit Frontispiz und dreiundzwanzig Stichen, eigenem Titelblatt für jeden Band in Rot und Schwarz, in zeitgenössischem gemasertem Ledereinband, mit rotem Saffianetikett in vergoldeten Lettern.«
   Schließlich schlug ich das Buch seufzend zu, da meine Anspannung mit jedem Augenblick wuchs.
   Der Schuss war viel zu nah an der Hütte gefallen und auch lauter gewesen als ein Gewehr. Ich spielte alles noch mal durch und schätzte die Entfernung auf nicht einmal fünfhundert Meter.
   Um zwanzig vor vier ging ich wieder zum Waldrand, legte die Hände um den Mund und rief den Namen meines Hundes. Das Echo klang wie ein übers Wasser hüpfender flacher Stein. Dann folgte ich einem Pfad in den Wald, hundert, zweihundert Meter, und rief wieder. Es würde bald dunkel werden. Um diese Zeit kamen die Hirsche hervor. Vielleicht hatte er einen entdeckt und war ihm nachgerannt, eine Verfolgungsjagd, die ihn drei, vier Kilometer weit wegführen konnte. Wenn ich mit Hobbes unterwegs war, hatte ich oft erlebt, wie er losstürzte und einem großen Bock hinterherjagte, den er unmöglich fangen konnte, und ich weiß auch gar nicht, was er getan hätte, wenn er ihn wirklich eingeholt hätte, jedenfalls war er immer vor mir zu Hause und wartete schon mit wedelndem Schwanz und ausgedörrter Kehle.
   Am Beginn der Jagdsaison hatte ich ihm ein orangefarbenes Tuch um den Hals gebunden, damit die Jäger nicht auf ihn anlegten, doch es war irgendwann abgerissen, und ich hatte es nicht ersetzt, was ich jetzt auf dem Rückweg zum Haus bereute. Sinnlos, weiterzugehen und im Dunkeln herumzutappen.
   Um fünf vor vier kam ich auf die Lichtung und sah ihn im Blumenbeet liegen, blutüberströmt, kaum noch atmend. Er hatte die Augen geöffnet und hob den Kopf, als er mich hörte. Ich lief zu ihm und sah die Wunde: eine Schrotflinte.
Er atmete noch, als ich ihn nach Fort Kent zum Tierarzt brachte, eine Strecke von fünfundzwanzig Kilometern, die ersten fünf Kilometer auf einer unbefestigten Straße mit überhängenden Bäumen. Ich wich den Schlaglöchern aus, hielt ihn fest und übte Druck auf die Wunde aus, sagte seinen Namen, damit er ein vertrautes Wort zu hören bekam, spürte die Feuchtigkeit an meiner Hand. Sobald ich die Asphaltstraße zur Stadt erreichte, gab ich Gas. Als ich beim Arzt klopfte, saß er im weißen Kittel in der Küche und aß zu Abend. Seine Frau öffnete die Tür und beschirmte die Augen unterm Verandalicht, während sie mich von Kopf bis Fuß musterte.
   Mein Hund ist angeschossen worden, sagte ich.
   Sie blickte zum Pick-up hinüber, der mit laufendem Motor und offener Tür in der Einfahrt stand, und sah Hobbes im Licht auf der Sitzbank liegen. Sie fasste sich an den Kragen, nickte und rief ihrem Mann zu: Ein Hund ist angeschossen worden.
   Ich wusste zu schätzen, dass sie sich so kurzfasste. Sie war jemand, der wusste, wie kostbar Sekunden sein können. Der Arzt kam herausgestürzt, und wir trugen den Hund in seine Praxis direkt neben dem Haus, wo wir ihn auf eine Metallbank legten.
   Er ist aus der Nähe angeschossen worden, sagte er.
   Das hätte ich auch schon festgestellt, entgegnete ich.
   Nein, aus allernächster Nähe, sagte der Tierarzt, aus einer Entfernung von ein paar Zentimetern. Die Schrotkugeln sitzen tief im Rücken.
   Sie meinen, die Flinte hat ihn fast berührt, sagte ich.
   Der Schütze kannte den Hund, vielleicht hat er ihn vorher getätschelt, damit er so dicht herankommt, erklärte er.
   Dann forderte er mich auf, mit seiner Frau den Raum zu verlassen, denn er könne allein besser arbeiten. Ich bat, bleiben zu dürfen, damit der Hund einen vertrauten Menschen sah, doch der Arzt schüttelte den Kopf und bat mich noch einmal zu gehen.
   Seine Frau führte mich in die Küche, goss mir eine Tasse Tee ein und sagte, ich solle mir keine Sorgen machen. Sie war eine gute Frau, und ich mochte sie. Ich erinnerte mich, wie nett sie meinen Vater behandelt hatte, als er vor über zwanzig Jahren, kurz vor seinem eigenen Tod, mit einem anderen Hund den langen Weg hergekommen war. Ich sah, dass sie mich wiedererkannte.
   Sie sind Julius Winsome, sagte sie.
   Ich nickte.
   Er muss einem Hirsch nachgerannt sein, weil er so weit vom Haus entfernt war, sagte ich.
   So was kommt manchmal vor, erwiderte sie. Armer Kerl.
   Oder er ist spazieren gegangen, die Nase in der Luft, mutmaßte ich.
   Darauf sagte sie: Hunde gehen gern spazieren, genau wie Menschen.
   Eine Glocke ertönte, und sie sagte, wir sollten wieder nach nebenan gehen. Als wir eintraten, sah ich nur blutrote Bandagen. Hobbes hatte Unmengen von Blut verloren.
   Man muss ungeheuer grausam sein, um so auf einen Hund abzudrücken, sagte der Arzt und legte mir die Hand auf die Schulter, und da wusste ich, was er sagen wollte. Die beiden gingen, und ich hörte seine Frau fragen, was los sei und warum er den Hund nicht retten könne. Seine Antwort war nicht mehr zu hören, weil sie die Tür schlossen, und ich stand da mit meinem Hund, der unter der einzigen Lampe lag.
   Der kleine Kerl sah mich an, und ich hielt seinen Kopf, dann legte er ihn auf meinen Arm und hörte auf zu atmen, als könnte er jetzt, wo ich da war, einfach loslassen.

Textauszug aus: Gerard Donovan »Winter in Maine«



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