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SPECIAL zu Günther Freitag »Brendels Fantasie«

Brendels Fantasie
 

Höller hört die Fantasie

Buchempfehlung von Carsten Hansen

 

Der nahe Tod treibt Menschen oft zu den merkwürdigsten Dingen. Martin Walser hat dieses letzte Aufbegehren in seinem Roman „Angstblüte“ beschrieben. Da wird noch einmal exzessiv gelebt, alles über den Haufen geworfen, geliebt, gespielt, gefeiert. Der Unternehmer Höller in „Brendels Fantasie“ ist schon zu krank, um sich durch fremde Betten zu schlafen, sich zu betrinken und zu amüsieren. Zu sehr setzt ihm der Tumor im Schädel zu. Doch er hat einen letzten verwegenen Plan: Er will Alfred Brendel, den österreichischen Ausnahmepianisten, einen der ganz großen Schubert-Interpreten des 20. Jahrhunderts, engagieren, um die „Wandererfantasie“ ein letztes Mal zu spielen – im kleinen Castelnuovo bei Siena.

Der ideale Ort
Höller ist überzeugt: „Zu jedem Kunstwerk existiert der ideale Ort, in dem es präsentiert werden kann“. „Und die Wandererfantasie muss ihre endgültige Interpretation in Castelnuovo erfahren. Eine Aufführung, nach der sie nirgendwo mehr gespielt werden könnte.“ Castelnuovo ist dieser ideale Ort. Über zwei Hügel liegt es hingestreckt, an den Hängen wachsen seit Generationen Rebstöcke. Einzig ein geeigneter Saal fehlt …
Das Projekt wird für Höller zum mentalen Befreiungsschlag. All die kleinen Ideen und Wünsche sind ausgeblendet, nur noch das eine große Ziel bleibt. Seine Firma will er an „die Russen“ verkaufen und mit dem Geld den Gemeindesaal zur Konzertarena umbauen. Doch die Bewohner des Ortes beäugen Höller argwöhnisch. Er gilt als Sonderling – nicht zuletzt, weil er wegen der pochenden Kopfschmerzen mit nassen Kompressen um sein Haupt durch den Ort zieht. Seine Idee versteht niemand so recht, und man vermutet, dass hier bloß ein weiterer Investor einen Reibach machen möchte. Dabei bilden die eigenwilligen Bewohner des Ortes selbst ein skurriles Panoptikum: die resolute Wirtin, die keine Unterhaltungen über Politik duldet; der zwergenhafte, mäßig begabte Anwalt, der Höller ein Haus vermietet; das Bauernpaar, das auf ihrem „demokratischen Hof“ Parlamentssitzungen mit Menschen und Tieren veranstaltet. Allein in dem zynischen Professor für Römisches Recht, den Höller täglich im Café trifft, findet er einen streitbaren Unterstützer.

Die alte Welt hinter sich lassen
Sophie, Höllers Frau und Staranwältin in Frankfurt, begleitet ihn zunächst und macht sich doch vor allem Sorgen, dass er tatsächlich sein Unternehmen verkaufen könnte, wodurch sie und ihre Kinder um ihr Erbe „betrogen“ würden. Lange schon leben Höller und Sophie in getrennten Welten, sind sich fremd geworden. Ohne dass sie einander näher gekommen wären, reist sie schließlich wieder ab, um in einem spektakulären Prozess eine Riege korrupter Politiker zu verteidigen. Und auch die Kinder Clemens und Nathalie taugen nicht als Lichtblicke. Clemens ist ein „berechnender Streber“, ein Karrierist, Nathalie eine weltfremde Träumerin, eine „Realitätsverweigerin“, die jede Menge Geld in dubiosen Kunstprojekten vernichtet. Beide lassen sich luxuriös von den Eltern alimentieren und zeigen kaum eine Gefühlsregung ihnen gegenüber.

Der Tod als Begleiter
Es ist ein mal dumpfer, mal stechender Schmerz im Kopf, der Höller fast niederringt. Nur mit einer hohen Dosis von Schmerz- und Schlafmitteln kann er noch weitermachen. Höller ist ein durch und durch männlicher Patient, der kaum etwas von seiner Krankheit preisgibt und seinen Kampf alleine führt. Der Tod wird zum ständigen Begleiter von Höllers skurriler Passion: bei den Begegnungen mit den Alten, die er als Platzanweiser für das große Konzert gewinnen will, in den Erinnerungsfetzen an Krankenhausbesuche und in seinen Reminiszenzen an Glenn Goulds frühen Tod. Es scheint fast, als spiegele sich seine (Krankheits-)Geschichte in der des Pianisten; auch in dessen Kopf herrschte geradezu ein „Klangüberdruck“, der ein Ventil suchte.

Von der Musik beseelt
Bis zum Ende wartet Höller auf eine Nachricht Brendels, ob er denn das Konzert geben werde, und arbeitet besessen an seinem Plan für das große Konzert – bis eine Zeitungsnotiz seine Welt anhält ...
Günther Freitag legt hier eine ganz und gar ungewöhnliche Geschichte vor. Sie erzählt von Entfremdung und überraschender Nähe, Tod und Aufbegehren, Vergänglichkeit und Neubeginn und von einer großen Liebe zur Musik.
Elke Heidenreich, in deren Edition der Band erscheint, zeigt sich beeindruckt vom Helden dieses Romans: „Fast beneide ich diesen Höller! Ja, er ist krank, ja, er ist verrückt, aber welche Leidenschaft treibt ihn! Nur wer brennt, lebt.“

Carsten Hansen
(Literaturtest)
Berlin, August 2009



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20.10.2010
20.00 Uhr

Günther Freitag
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Graz

 

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