SPECIAL zu Joshua Cooper Ramo »Das Zeitalter des Undenkbaren«

Das Zeitalter des Undenkbaren
 

Vom Gespür für nahende Tsunamis

Buchempfehlung von Roland Große Holtforth

 

Warum droht den USA trotz ihres schnellen Anfangserfolgs im Irak eine Katastrophe à la Vietnam? Washington antwortet mit Durchhalteparolen. Wie konnte es zum Auseinanderfallen des großen sowjetischen Reiches kommen? Michail Gorbatschow ist bis heute ratlos. Wieso ist eine vergleichsweise kleine Organisation wie die Hisbollah so schwer zu besiegen? Hochrangige israelische Militärs geraten ins Stottern. Es sieht so aus, als habe Joshua Cooper Ramo Recht, wenn er feststellt: »Wir haben große Teile unserer Zukunft in die Hände von Leuten gelegt, die bereits der Gegenwart völlig hilflos gegenüberstehen«.

Hisbollah und Nintendo
Aber was ist das für eine Gegenwart, die all die Großen und Mächtigen wie Dilettanten erscheinen lässt? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage hat Joshua Cooper Ramo, ehemaliger Auslandsredakteur des Time Magazine, alle möglichen Leute befragt – und ist vor allem bei den »Unmöglichen« fündig geworden.
Er traf Fuad, den Hisbollah-Kämpfer, und sprach mit ihm über die enorme Anpassungsfähigkeit seiner Organisation, über die »Management-Geheimnisse der Hisbollah«. Er besuchte Farkasch, den ehemaligen Leiter des Nachrichtendienstes der israelischen Streitkräfte, dessen unglaublich feine Wahrnehmung ihn zum »Zen-Meister unter den Spionen« machte. Von Miyamoto, dem großen Erfindergeist hinter dem Erfolg der Videospiele von Nintendo, erfuhr er, wie man Neues schafft, indem man aufmerksam beobachtet, auf alle Technologie-Trends pfeift – aber seiner Ehefrau sehr genau zuhört.
All diese visionären Sonderlinge erweisen sich als Genies der Unsicherheit: Sie sind in der Lage, auf extrem komplexe Situationen durch vorurteilsfreie, ganzheitliche, einfühlende Beobachtung und den Mut zur »undenkbaren« Lösung angemessen zu reagieren. Sie sind für Ramo die Prototypen eines revolutionären Zeitalters, in dem es dauerhafte Sicherheit ebenso wenig gibt wie die Möglichkeit auszusteigen. Diese Revolution wird nicht gemacht – sie geschieht.

Der Sandhaufen
Die zentrale Metapher des Buches für diesen Befund ist ein Sandhaufen oder genauer: der Effekt, dass dieser, wenn man immer neue Sandkörner aufschüttet, zu irgendeinem, nicht präzise vorhersagbaren Zeitpunkt ins Rutschen gerät. Das ist unsere Situation: Wir sind Teil ungeheuer komplexer, durch vielfältige Abhängigkeiten definierter Systeme, deren Reaktion auf Eingriffe und Veränderungen nicht genau prognostizierbar ist. Ob Finanzkrise oder Grippeepidemie: Die Krisen unserer Systeme lassen sich nicht berechnen. Doch, und dies ist der hoffnungsvolle Aspekt der Analyse Ramos: Sie lassen sich von Menschen mit einer entsprechend geschulten Wahrnehmung erahnen. Und: Es gibt eine Haltung für den konstruktiven Umgang mit kritischen Verläufen, die sich einüben lässt. Denn hier liegt unser Vorteil gegenüber Sandkörnern: Wir können wahrnehmen, und wir können handeln. Es kommt also einerseits darauf an, ein Gespür für nahende »Tsunamis« zu entwickeln, wie Tiere es besitzen, und andererseits ist revolutionäres Handeln gefragt, eine unbedingte Offenheit für neue, verquere – »undenkbare« Lösungen: »In einem revolutionären Zeitalter der Überraschung und Erneuerung muss man lernen, wie ein Revolutionär zu denken und zu handeln (Leute, die das bei Revolutionen nicht tun, haben einen Namen: Opfer)«.

Das Immunsystem
Gelingt dieses Umdenken, dieser Paradigmenwechsel hin zu einer Gesellschaft voller »Virtuosen des Undenkbaren«, dann könnte sich einstellen, was der Autor ein globales »Grundsicherheits-Immunsystem« nennt: ein System vieler dezentral organisierter Netzwerke, in denen Handlungen und Entscheidungen mit der Behutsamkeit eines hochdifferenzierten Organismus und dennoch im Tempo einer extrem beschleunigten Welt erfolgen.
»Macht abgeben, statt sie zu konzentrieren« lautet denn auch eine Botschaft des Buches an die revolutionäre Gegenwart. Wir müssen lernen, dass komplexe Abläufe weder aus einer Zentralperspektive angemessen wahrnehmbar noch durch zentralistisch organisierte Entscheidungsprozesse irgendwie günstig beeinflussbar sind. Ramo zeigt dies anhand eines der eindrücklichsten Beispiele seines diesbezüglich wahrlich reichen Buches: Er beschreibt den Erfolg einer dezentral organisierten Kampagne zur Aids-Bekämpfung in Südafrika – und stellt sie dem grauenhaften Misserfolg einer paternalistisch durchgeführten Tuberkulose-Therapie gegenüber. Dieser Erfolg belegt: In einer solch komplexen Welt kommt es auf den Einzelnen an; ohne die Bereitschaft jedes Menschen, seinen Beitrag zu leisten, lässt sich im Großen nichts mehr erreichen. Und in diesem Sinne hat der Autor Recht, wenn er konstatiert: »Noch nie zuvor war die Macht des Einzelnen so groß.«

Auf dünnem Eis
Das Beispiel aus Südafrika, bei dem es auch um die Entstehung eines multiresistenten und damit praktisch nicht beherrschbaren Tuberkulose-Erregers geht, zeigt freilich auch, was der Begriff der »Grundsicherheit« nicht bedeutet; denn » echte« Sicherheit, zumindest in einem statischen Sinne, gibt es auch und gerade für Revolutionäre nicht. Das Immunsystem, wie Ramo es in seinem ebenso beeindruckenden wie beunruhigenden Werk beschreibt, lebt von seiner Dynamik, von seiner unausgesetzten Bereitschaft zum Lernen, zur Anpassung, ja zur völligen Neudefinition seiner selbst – und hat doch immer Grenzen. Auch wenn es uns gelingen sollte, das Undenkbare zu verinnerlichen: Den ganzen Sandhaufen werden wir nie in den Griff bekommen. Und dies erst gar nicht zu versuchen, gehörten zu den wichtigsten Lehren dieses Buches.

Roland Große Holtforth
(Literaturtest)
Berlin, August 2009



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