Heyne

SPECIAL zu Rolf Bauerdick »Wie die Madonna auf den Mond kam«

 

Von einem der auszieht, das Leben zu sehen

Ein kurzes Autorenporträt

 

Rolf Bauerdick und Jonina in einer
Roma-Siedlung in Rumänien

Rolf Bauerdick ist ein Mensch, der mittendrin sein möchte, nicht zusehen, sondern dabei sein. Über hundert Reisen hat er unternommen, immer zu Orten, die unzugänglich erscheinen, immer zu Menschen, die man lieber übersieht. Er war bei den Holzköhlern in Brasilien, verbrachte Wochen bei philippinischen Müllsammlern auf den Abfallhalden in Manila, besuchte Steinbrucharbeiter in Indien und Prostituierte in Mombasa. Seit Jahren arbeitet er über die Opfer der Blutrache in Albanien. Rolf Bauerdick ist einer, der verstehen will und sich deshalb ganz nah heranwagt an das Leben von Menschen in Armut und Not, von Menschen in körperlicher und seelischer Gefahr. Er wohnt bei ihnen in einfachen Behausungen, lacht mit ihnen, wenn es Feste zu feiern gilt, isst mit ihnen das, was sie auf den Tisch bringen – und er hört zu. Sehr genau hört er zu, was sie über den Sinn des Lebens und die Kunst des Überlebens zu erzählen haben.
Jede Geschichte ist eine Erschütterung, und das Wagnis, ungeschönte Wahrheiten zu formulieren, ist es, was Rolf Bauerdicks Bild- und Textreportagen so einzigartig macht. Seit fünfundzwanzig Jahren arbeitet der 1957 geborene Sauerländer als Journalist und Fotograf. Seine Arbeiten erscheinen in europäischen Magazinen und sind vielfach ausgezeichnet worden, zum Beispiel beim renommierten Hansel-Mieth-Preis. 2008 wurde er mit einem Bild aus der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator im Auftrag des Hilfswerks Die Sternsinger für das deutsche PR-Foto des Jahres prämiert. Es zeigt eine obdachlose Mutter mit ihrer Tochter bei minus dreißig Grad in einem Kanalschacht.
Dass er einmal zu Deutschlands besten Reportagefotografen gezählt werden würde, war zu Anfang von Rolf Bauerdicks Karriere nicht abzusehen. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Theologie in Münster begann er bei der Münsterschen Zeitung als freier Mitarbeiter im Kulturteil zu arbeiten. An einem seiner ersten Arbeitstage drückte ihm sein Mentor eine Kamera in die Hand mit dem Satz: »Kannst dir zwanzig Mark dazuverdienen, wenn du das Bild zu deiner Geschichte selber knipst.« Das war die Initialzündung für Rolf Bauerdick, der die Kraft des Bildes für sich entdeckte – weil ihm das direkte Abbild ehrlicher erschien, unmittelbarer, um das Leben in allen Facetten begreiflich zu machen. Und das zeigen besonders die Fotos, die er von den Roma in den postsozialistischen Ländern in Mittel- und Osteuropa gemacht hat.
1989, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, tat sich für Rolf Bauerdick eine faszinierende und bis dato unbekannte Welt auf. Dutzende Reisen führten ihn in Länder der ehemaligen Sowjetunion, nach Ungarn, Albanien und Bulgarien. Und immer wieder in das einstige Schattenreich des Diktators Ceausescu. In Rumänien fand Bauerdick das Thema seiner Leidenschaft: die Zigeuner. Es sind kraftvolle, lebenspralle Bilder, die von großer Sympathie und menschlicher Anteilnahme für deren Schicksal zeugen. Ungeschminkt führt er nicht nur die katastrophalen Lebensbedingungen der Roma vor Augen, er erzählt auch von Sehnsüchten und Träumen und dem geheimnisvollen Zauber, der dieses Volk von alters her umgibt. Sein Artikel Von wie wenig kann man leben? über die Roma auf der Müllhalde in Oradea, abgedruckt in der Brigitte, wurde 2003 beim Natali Award des Weltverbandes der Journalisten unter die drei besten in Europa erschienenen Reportagen gewählt.
Seine persönlichen Erfahrungen in Rumänien fließen als Folie in seinen ersten Roman ein. Doch es ist nicht der Journalist Rolf Bauerdick, der in Wie die Madonna auf den Mond kam ein halbesJahrhundert osteuropäischer Geschichte bis zum Untergangdes sozialistischen »Goldenen Zeitalters« abbildet. Rolf Bauerdick arbeitet mit der Überzeichnung. Das unterscheidet für ihn das literarische Schreiben vom journalistischen. Der Journalist deckt Sachverhalte auf, der Schriftsteller lässt die Welt Kraft der Fantasie wahr werden.



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