Blanvalet

SPECIAL zu Horst Opaschowski »Wohlstand neu denken«

Wohlstand neu denken
 

Mehr Gemeinsinn wagen

Von Holger Sweers

 

„Wohlstand für alle“, versprach einst Ludwig Erhard, der „Vater“ des westdeutschen Wirtschaftswunders. „Reichtum für alle“ forderte Gregor Gysi gut 50 Jahre später während des Bundestagswahlkampfes von den Plakaten herab. Der Begriff „Wohlstand“ bleibt trotz seiner Allgemeinheit ein zentraler Referenzpunkt der deutschen Politik und Gesellschaft. „Wohlstand neu denken“ heißt denn auch das neue Buch von „Zukunftspapst“ Horst W. Opaschowski. Er ist überzeugt, dass die nächste Generation längst tut, was sein Buchtitel fordert: Sie begreift Wohlstand wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich als individuelles und gesellschaftliches Wohlergehen, für das sich zu engagieren lohnt.

Keine Angst vor der Zukunft
Eine rapide alternde Gesellschaft, die zunehmende Belastung durch Sozialabgaben, unsichere Arbeitsverhältnisse, Bildungsmisere, Umweltkatastrophen – die Liste der Katastrophenszenarien, die uns derzeit beschäftigen, ließe sich ohne Probleme fortführen. Opaschowski, wissenschaftlicher Leiter der BAT Stiftung für Zukunftsfragen, zeichnet hingegen ein ganz anderes Bild von der Entwicklung unserer Gesellschaft. Grundlage sind Daten aus einer repräsentativen Befragung, die er 2008 unter dem Titel „Deutschland 2030. Wie wir in Zukunft leben“ vorgelegt hat. Eines der Ergebnisse: Auch wenn mehr als zwei Drittel der heute 14- bis 34-Jährigen überzeugt sind, dass sie es schwieriger haben werden, „ebenso abgesichert und im Wohlstand zu leben wie die heutige Elterngeneration“, bleibt mehr als die Hälfte von ihnen optimistisch und will „das Beste aus dem Leben machen“. Wohlstand sei für sie „gut leben, statt viel haben“, und das heiße in erster Linie Gesundheit, Glück, Sorgenfreiheit und Sicherheit.

Maßvoller Genuss: Qualität statt Quantität
Gutes Leben, so Opaschowskis These, werde künftig (wieder) als Balance aus materiellem und sozialem Wohlstand verstanden. Beide, so der Zukunftsforscher, stünden dabei unter dem Primat der Nachhaltigkeit, das heißt eines sparsamen und effizienten Umgangs mit unseren begrenzten Ressourcen. Die materielle Seite werde im Zeichen der „Luxese“ stehen: Mal gönne man sich Luxus und Genuss auf hohem Niveau, ein anderes Mal laute die Devise „Askese“ oder „Billigprodukte“. Auf der immateriellen Seite komme es zu einem Boom auf den „Sinnmärkten“ Soziales, Bildung, Natur und Kultur sowie, nicht zu vergessen, Gesundheit und Wellness – Opaschowski spricht hier von den Megatrends des 21. Jahrhunderts, gar von einer neuen Religion.

Generation „V“ wie „Vertrauen“
Was aber wird unsere Gesellschaft künftig zusammenhalten? Wie wird sich das Soziale gestalten? Opaschowski interpretiert seine Daten so: Die Zeit der „Gesellschaft der Ichlinge“, die vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht sind, ist abgelaufen. Die junge Generation um die 30 baut stattdessen – aus Notwendigkeit und im eigenen Interesse – eine „Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ auf, in der alle voneinander profitieren. Sie blickt trotz immer wiederkehrender Krisen und trotz sinkenden materiellen Wohlstands mit Vertrauen und Selbstvertrauen in die Zukunft. Vom Staat erwartet sie wenig; sie hilft sich selbst und will bei allem Wunsch nach Lebensgenuss auch anderen helfen, das ist ein Aspekt des guten Lebens. Ihr Leitbild ist der „selbstständige Lebensunternehmer“, der einen ausgeglichenen „Lebensmix“ aus Arbeit, Leben und lebenslanger Bildung findet.

Neues Miteinander
Nicht ein Kampf der Generationen erwarte uns, sondern selbst gewählte soziale Netzwerke über die Generationen hinweg nach dem Modell der Großfamilie: „Eine der nachhaltigsten Ressourcen der Zukunft wird die neue Solidarität zwischen den Generationen sein“, ist Opaschowski überzeugt. Und auch dieses neue Miteinander beruht nicht auf Selbstlosigkeit, sondern auf Einsicht in die Notwendigkeit. Da überall sonst ein Verlust an gesellschaftlicher Bindekraft zu verzeichnen ist – man denke etwa an die stetig sinkenden Mitgliederzahlen von Kirchen, Vereinen oder Gewerkschaften –, wird das Leben im sozialen Nahraum umso wichtiger. Diese „Kultur der Sorge auf Gegenseitigkeit“ ist dabei allerdings geprägt durch hohe Flexibilität, Individualität und Souveränität des Einzelnen bei Selbstverwirklichung und Sinnsuche.

No Future? Nein, danke!
Opaschowskis Zukunftsfibel ist plastisch, einleuchtend und übersichtlich strukturiert. Den einzelnen Kapiteln zu Schlagworten wie Arbeit, Bildung, Gesundheit, Wohnen, Konsum, Familie oder Natur sind jeweils zusammenfassende Thesen vorangestellt. Opaschowskis realistischer Optimismus macht Mut, für sich selbst und auch für andere aktiv zu werden, um ihn tatsächlich zu erreichen: einen neuen Wohlstand für alle.

Holger Sweers
(Literaturtest)
Berlin, Oktober 2009



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