„Müde ist er wie eine Landschaft nach dem Regen.“ Von niemand Geringerem als dem großen italienischen Komponisten Giuseppe Verdi ist hier die Rede. Franz Werfel hat ihm mit „Verdi. Roman der Oper“ ein literarisches Denkmal gesetzt.![]()
Roman des Künstlers
Eigentlich ist Werfels Buch weniger ein "Roman der Oper" als vielmehr ein Roman ihrer Schöpfer, vielleicht der Künstler überhaupt. Franz Werfel zeigt Verdi in einer Phase, in der dem Musiker keine Komposition mehr gelingen will. Die Müdigkeit, die ihn erfasst hat, die unfreiwillige künstlerische Pause, wächst sich für Verdi zu einer existenziellen Krise aus. Mit enormer Intensität beschreibt Werfel, wie sich sein Held dagegen auflehnt, wie er versucht, trotz allem Brauchbares aufs Notenblatt zu bringen.![]()
Flucht in die Anonymität
Werfel schickt Verdi nach Venedig, eine Stadt, die dem Komponisten eher fremd ist. Hier, in der Anonymität, die ihm, schon zu Lebzeiten ein „Star“, etwa in Mailand nicht beschieden wäre, versucht er zurückzufinden in die Musik. Hier kommt es aber auch zur schicksalhaften (fiktiven) Begegnung mit Richard Wagner. Der deutsche Komponist ist Anfang der 1880er-Jahre der Komponist der Stunde, auch in Italien; ihm hängen die Musikbegeisterten an; seine Werke werden im berühmten „Teatro La Fenice“ aufgeführt; er ist Stadtgespräch. Alles an Wagner scheint anders, er hat die Musik erneuert. Ist da noch Platz für den „Veteranen“ Verdi, den vermeintlichen Revolutionskomponisten, den Schöpfer erhabener Musik, der aus einfachen Verhältnissen stammt, den erfolgreichen Tonsetzer, der sich auf seinem Landgut zu einer Art Tolstoi der Musik entwickelt hat?![]()
Kampf mit der „Moderne“
Verdi weiß es selbst nicht. Gern würde er mit Wagner sprechen, bringt es aber doch nicht über sich, sich an ihn zu wenden. Immer wieder wird der Maestro mit der ihm fremden Wagnerschen Moderne konfrontiert. „Er will im Theater die Pausen abschaffen. Bedenkt nur, Signor Maestro! Man soll hintereinander drei oder fünf Akte hören, stillesitzen, nicht aufstehen, nicht reden, nicht einmal schneuzen darf man sich eine ganz opera ballo lang.“ So berichtet ein aufgebrachter Theaterdiener des „La Fenice“ Verdi. Und dann noch dies: Der Sohn eines Freundes, der Verdis Hotelzimmer in Venedig mit Büchern ausgestattet hat, schleust ein Libretto Wagners ins Regal. Verdi glaubt sich verfolgt.
So webt Werfel immer auch Nebengeschichten ein – die des Sohnes, der ein unglückliches Verhältnis mit einer älteren Frau unterhält, oder Verdis Begegnung mit einem jungen deutschen Komponisten, der ihm zunächst gestriger erscheint als er selbst.![]()
Die Müdigkeit weicht
Die Flucht auf die Stadt-Insel in der Adria wird für Verdi zu einer Falle. Inspiration will sich nicht einstellen. Schließlich macht er sich auf, Wagner im Palazzo Vendramin zu besuchen. Doch Wagner ist kurz zuvor gestorben. „Dem Maestro scheint es, als hätte ein jahrzehntelanges Duell, ein täglicher und nächtlicher Zweikampf stattgefunden, und jetzt sei er doch Sieger geblieben … Er denkt das Gleichnis der Quellen wieder: ‚Will die eine fließen, muss die andere versiegen.’“ Und so verlässt Verdi Venedig, nimmt seine Kompositionen wieder auf, lange schöpferische Jahre folgen. Die Müdigkeit ist von ihm gewichen.![]()
In wunderbarer Sprache
Die Feinheit von Werfels Roman liegt in seiner unglaublich schönen Sprache, in der geschickten Verflechtung der Haupt- und Nebenstränge und der behutsamen Zeichnung Verdis, den Werfel auf Schritt und Tritt durch Venedig begleitet, in Zerrissenheit und dunklen Gedanken zeigt, in Hinwendung zu und Abgestoßensein von diesem unfassbaren Neuen, das von seinem „Gegenspieler“ Wagner ausgeht; aber auch in einer charakterlichen Größe, die Verdi stumpfen Neid und Missgunst verbietet. Franz Werfels erstmals 1924 erschienener Roman sorgte für die Renaissance von Verdis Musik in Deutschland. Sie hält bis auf den heutigen Tag an, Giuseppe Verdi gehört noch immer zu den meistgespielten Opernkomponisten. Und auch Wagners Musik ist immer noch präsent. Insofern hat sich das Quellengleichnis also nicht erfüllt.![]()
|
|
|
|
|
LESEN & SUCHEN MIT DEM FLASH-READER |
| Um unseren Flash-Reader nutzen zu können, benötigen Sie eine aktuelle Flash-Version. Jetzt herunterladen von www.adobe.com | |
© Verlagsgruppe Random House GmbH
Kontakt Presse Buchhandel Download Literatur Blog Newsletter Bertelsmann Partnerseiten