von Giulia Sala![]()
Ich war von dem Kriminalroman „Am Grund des Sees“ begeistert. So sehr, dass ich den Autor des Buchs, Andrea Fazioli, kennenlernen wollte. Herausgekommen ist ein interessantes Gespräch über kauzige Detektive, schreibende Vorbilder und warum der richtige Ort für einen Krimi so wichtig ist.

© Loreta Daulte
1. Sie sind ein junger Autor. Wie fühlt es sich an, sein eigenes Buch im Schaufenster zu sehen?
Naja ... Danke, aber das ist vielleicht doch ein bisschen übertrieben. Ich bin gerade dreißig geworden, da neigt sich meine Jugend langsam dem Ende zu! Aber ganz im Ernst, ich hatte wirklich Glück, dass ich zwei Romane veröffentlichen konnte. Wenn ich sie im Buchladen sehe, kommen sie mir wie Flaschenpost vor, die ich von meiner Insel aus ins Meer geworfen habe, wie zwei Produkte meiner Fantasie, die zu konkreten Gegenständen werden und sich in die Welt hinauswagen ...![]()
2. Erzählen Sie etwas über die Art wie Sie arbeiten? Schreiben Sie am Computer oder per Hand? Zu einer bestimmten Tageszeit? Einfach spontan oder nach einem bestimmten Plan?
Ich überarbeite die Texte ständig. Beim ersten Entwurf kommt es auch vor, dass ich einfach drauflos schreibe. Die Eckdaten und letzten Korrekturen mache ich per Hand, den Rest am Computer. Wenn möglich, verfasse ich über einen langen Zeitraum hinweg jeden Tag eine bestimmte Wortzahl, und zwar am späten Nachmittag. Ich versuche schon, täglich ein gewisses Pensum zu erfüllen. ![]()
3. Welche Krimis haben Sie inspiriert und Sie als Krimiautor geprägt?
Sehr viele – ich habe alles dankbar aufgesaugt, was ich gelesen habe, selbst die schlechter geschriebenen Krimis. Alle aufzuzählen würde zu lange dauern, aber hier eine Auswahl. Bei den ausländischen Krimiautoren: Simenon, Chandler, Mankell, Nesser, Westlake, Mc Bain, Montalban, Glauser, Stout, Connely und viele andere. Bei den Italienern: Fruttero & Lucentini, Veraldi, Olivieri, Biondillo, Camilleri, Carofiglio ... und viele andere. Dann sind da noch Bücher, die keine Krimis sind – oder zumindest nicht als solche deklariert – und zwar wild durcheinander: Tolstoi, Stendhal, Dostojewski, Tschechow, Manzoni, Guareschi, Goldini, Asimov, Hemingway, Stevenson, Verne, Pagnol, Greene, Austen, Balzac, Dumas, Dickens, Collins, Pavese, Salgari, Wodehouse, Luzi, Montale, Bertolucci, Jaccottet… und schließlich noch Dante und Homer. Insgesamt lese ich einfach sehr gern! Wo auch immer sich eine Geschichte entspinnt, lese und höre ich zu – und lasse meine Fantasie spielen ...![]()
4. Wie wichtig ist Ihnen die geografische Verortung einer Geschichte? Vor allem in diesem Genre, in dem Regionalkrimis immer populärer werden (siehe auch Camilleri und Sizilien, Izzo und Marseille, Mankell und Schweden)? Ist zuerst die Romanfigur des Elia Contini geboren oder waren zuerst die Orte da, die Sie beschreiben?
Es ist sehr wichtig, wo die Geschichte spielt, weil die Atmosphäre wesentlich ist. Eine Geschichte kann auf bestimmte Grundkomponenten nicht verzichten. Aber da die Figuren lebendig sind, muss auch der Hintergrund lebendig sein. Meine Krimis spielen nicht nur aus dem Grund in der italienischen Schweiz, weil ich dort lebe (das wäre doch ein bisschen zu einfach …), sondern vor allem, weil ich dort den idealen Raum für mysteriöse Geschichten gefunden habe. Anhand der Figur Contini, die gleichzeitig mit der Idee entstanden ist, die Krimis in der Schweiz anzusiedeln, lässt sich das gut zeigen: Tagsüber arbeitet er am Ufer des Luganer Sees und ist umgeben von eleganten Geschäftsleuten, die alle möglichen internationalen Deals abschließen. Abends kehrt er in die Berge heim, zum Bodenständigen, zur Stille und zur Natur. Das ist für mich die spannende Schweiz: zu gleichen Teilen städtisch zivilisiert und ungezähmt; weltmännisch und eigenbrötlerisch.![]()
5. Gibt es Corvesco und den Stausee von Malviglia wirklich? Haben Sie sich bei ihrer Geschichte des vom Stausee überfluteten Dorfes von einer wahren Begebenheit inspirieren lassen?
Der Malvaglia-Stausee existiert genauso, wie ich ihn im Roman beschrieben habe. Und auf dem Grund des Sees scheint sich wirklich irgend etwas zu verbergen ... Corvesco dagegen ist der einzige Ort, den ich erfunden habe. In diesem Dorf wohnt Detektiv Elia Contini. Es ist einfach eines dieser vielen kleinen Dörfer im Tessiner Vorgebirge. Sagen wir, es repräsentiert einen emblematischen Ort. Dadurch, dass ich ihn erfunden habe, kann ich ihn beschreiben, wie es mir passt! Das aus dem Ruder gelaufene Stausee-Projekt habe ich natürlich dramatisiert. Aber es stimmt, dass die Sache mit den Wasserkraftwerken sehr umstritten war und auch immer noch ist.![]()
6. Woher kommt Continis Hobby, Füchse in den Wäldern der Schweiz zu fotografieren?
Füchse haben etwas Geheimnisvolles. Die rätselhafte Seite der Existenz, der Schatten der Geschichten, der in den Wäldern umherhuscht, im Dickicht des Sommers oder in der Stille des Schnees. Füchse sind ein vitales Element.![]()
7. Contini hat ein Faible für französische Chansons. Ist das auch eine Ihrer Leidenschaften?
Ja, ich hab ihm diese Leidenschaft geliehen. Natürlich lebt er sie noch extremer, weil er an sich ein bisschen manisch ist. Ich höre auch andere Genres, Contini aber erlaubt sich da wenige Abweichungen. Er liebt die Klassiker, Brel, Bécaud, Aznavour, Brassens, Piaf, Montand, Gréco, Moustaki und so weiter. Aber ab und zu erlaubt er sich doch, zum Jazz abzuschweifen oder hört sich auch jüngere Liedermacher an.![]()
10. Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch? Welches Buch können Sie empfehlen?
Dieser Tage lese ich den letzten auf Italienisch erschienenen Roman von Alexander McCall Smith, Blaue Schuhe für eine Kobra. Eine Flucht in die Landschaften Botswanas, in diesen verregneten Tagen. Was die Empfehlung betrifft, wäre ich gern zur Abwechslung einmal patriotisch ... Die italienische Schweiz hat nicht viele Schriftsteller, aber meiner Meinung nach lohnt es sich, den bekanntesten unter ihnen wieder hervorzuholen: Plinio Martini. Seine Romane Nicht Anfang und nicht Ende und Requiem für Tante Domenica sind noch immer aktuell und überraschend. Zudem gewinnt man durch sie einen unverstellteren Blick auf die Vergangenheit und versteht so das heutige Tessin besser.![]()
11. Gibt es ein Wiedersehen mit Contini?
Das letzte Abenteuer hat Contini ein wenig zugesetzt, also dachte ich mir, ich lasse ihn erstmal in Ruhe. Dann aber, während ich über die nächste Geschichte nachdachte, ließ sich auch Elia Contini wieder blicken. Ganz zurückhaltend, wie immer, ohne zu viel zu reden und ohne sich aufzudrängen ... Es schien, als frage er mich, ob ich noch einmal bereit sei. Das ist doch schon mal etwas! Ich mag es, mich denselben Figuren auf neue Weise zu nähern. In Das Collier ist Contini der klassische Detektiv, der von Außen in einer Sache ermittelt, mit der er nichts zu tun hat. In Am Grund des Sees dagegen geht es um sein Leben, um seine Vergangenheit. Contini muss kämpfen, um zu retten, was ihm teuer ist. Im nächsten Roman wird Contini wieder anders in Erscheinung treten und wieder eine andere Rolle spielen ...
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