„Eine unbequeme Wahrheit“ verkündet Al Gore, Vizepräsident der Vereinigten Staaten unter Bill Clinton, mit beeindruckender Ausdauer und Leidenschaft. 2006 kam ein aufrüttelnder Dokumentarfilm unter diesem Titel in die Kinos, für den Gore mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Es folgten das gleichnamige Buch und eine Vortragsreise, auf der Gore unermüdlich für ein Umdenken in der Klimapolitik warb. Für dieses Engagement wurde er 2007 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Sein neues Buch „Wir haben die Wahl“ macht einmal mehr die Dringlichkeit eines globalen Kurswechsels deutlich und zeigt Auswege aus der bereits beginnenden Klimakatastrophe auf. ![]()
Time for a change
Al Gore beschreibt den Klimaschutz als Schicksalsfrage für die Menschheit. Und so hat er nach den vielen Auszeichnungen nicht aufgehört, für ein konsequentes Umdenken zu werben – und viel dazuzulernen. 30 „Solution Summits“, Expertengespräche zum Klimawandel, hat er organisiert, moderiert und dabei aufmerksam zugehört. Berichte von diesen Begegnungen machen einen großen Teil des Buches aus, das einen „Plan zur Lösung der Klimakrise“, wie der Untertitel heißt, vorlegt. Erkenntnisse der Neuro- oder Wirtschaftswissenschaften flossen ebenso in den Band ein wie neue Entwicklungen in Informationstechnologie oder Landwirtschaft. Die Synthese dieser globalen Innovationen führt Gore zu einem neuen, überzeugenden und richtungsweisenden Lösungskonzept. ![]()
Wegweiser in eine saubere Zukunft
„Wir haben die Wahl“ – das ist die zentrale Aussage von Gores Zukunftsprojekt. Anders formuliert bedeutet es: Noch ist es nicht zu spät! Doch wir müssen uns jetzt entscheiden, konkrete Schritte zu machen. Und so beginnt der Band mit einer Einführung, wie wir derzeit das Klima schädigen. Es folgen einzelne Kapitel zu regenerativen Energien, Erdwärme, CO2-Abscheidungen und -speicherung oder auch zur „nuklearen Option“. Gore gelingt es hier, allgemein verständlich, aber nicht verkürzt zu erklären, wie die Energieträger funktionieren und welche Klimaeffekte sie haben. Es ist beeindruckend zu sehen, wie mithilfe prägnanter Texte und gelungener Illustrationen selbst hochkomplexe Zusammenhänge verständlich werden: etwa das Funktionieren eines Sonnenwärmekraftwerks. Das Buch ist dabei alles andere als eine nüchterne Analyse: Großformatige Fotos und herausgestellte Zitate illustrieren geschickt komponiert die Botschaften Al Gores.
Im zweiten Teil werden die „lebenden Systeme“ Wälder, Boden, Bevölkerung vorgestellt, die jeweils für eine globale Herausforderung stehen. Auch diese Beschreibung samt Zukunftsprognose prägen sich dem Leser bleibend ein. Nicht weniger alarmierend liest sich der Teil zu unserer jetzigen Energienutzung. So entstehen z. B. durch das veraltete US-Stromnetz jedes Jahr Folgekosten in Höhe von rund 206 Milliarden Dollar.
Konzertierte Aktion im Weltmaßstab
Neben der Sorge, ob die Menschheit, diese „historische Aufgabe“ wird schultern können, birgt die Klimakrise auch eine einmalige Chance: Denn der Umbau der globalen Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit wird laut Gore gleichzeitig extreme Armut und Hunger, gefährliche Krankheiten und Umweltzerstörung eindämmen.
Leser werden in dem Band nicht nur aufgerufen, im eigenen Umfeld aktiv zu werden, beispielsweise, weniger Flugreisen zu machen oder einen klimafreundlichen Kühlschrank anzuschaffen. Vielmehr sollen sie auch Einfluss nehmen auf den politischen Entscheidungsprozess. Dass dies dringend nötig ist, zeigt nichts deutlicher als die zögerliche Haltung der meisten Staatslenker auf den Klimagipfeln. ![]()
Erzähler Al Gore
Es ist das besondere Talent von Al Gore, die globalen Mechanismen zu vermitteln, die über unsere Zukunft entscheiden. So lautet eine Kurzanalyse, die den Wahnsinn einer erdölabhängigen Wirtschaft offenlegt: „Die Vereinigten Staaten borgen sich nach wie vor Geld von China, um Öl vom Persischen Golf zu kaufen und es auf eine Weise zu verbrennen, die den Planeten zerstört. Das muss sich ändern, und zwar komplett.“
Für manch europäischen Leser mag das Pathos, das sich an manchen Stellen Bahn bricht, ungewohnt sein. Doch angesichts der kaum fassbaren Dimension des beginnenden Desasters kann man Gore kaum einen Hang zur Übertreibung unterstellen.![]()
Das Buch ist eine beeindruckende Bestandsaufnahme, das darüber hinaus zeigt, welches Instrumentarium uns zur Verfügung steht, um der Klimakrise zu begegnen. Der Titel formuliert die zentrale Botschaft „Wir haben die Wahl“. Nachfolgende Generationen werden uns entweder die Frage stellen: „Was habt ihr euch dabei gedacht? Habt ihr nicht gesehen, wie die gesamte Eisdecke des Nordpolarmeers geschmolzen ist?“ Oder sie werden fragen: „Wie habt ihr die moralische Kraft aufgebracht ... eine Krise zu bewältigen, die viele Menschen für unlösbar gehalten haben?“ Schon nach den ersten Kapiteln des Buches weiß der Leser: Wir haben keine Wahl! Wir müssen handeln!![]()
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