An einem herrscht in Berichten und Diskussionen über Klimawandel, Hungerkatastrophen, Pandemien oder Rohstoffverbrauch kein Mangel: an Meinungen. Schnell werden Einstellungen formuliert und übernommen, Schuldige benannt und wieder entlastet. Selten werden die maßgeblichen Fakten, die eigentlich jeder Meinungsbildung zu Grunde liegen sollten, im Zusammenhang dargestellt. Daran etwas zu ändern, die Nebel zu zerstreuen, die eine von kurzfristigen Interessen gesteuerte Politik ebenso hervorbringt wie ein schlecht informiertes Gutmenschentum, das ist das Ziel dieses Buches.![]()
Die Weltschicksalsgesellschaft
So nimmt sich der Entwicklungsökonom Jeffrey D. Sachs in „Wohlstand für viele“ einige „Nebelwerfer“ zur Brust. Am schärfsten geht er mit der Regierung Bush und ihrem Unilateralismus ins Gericht. Dieser ignoriere die zentrale Erkenntnis, „dass auf einem dicht besiedelten Planeten die Schicksale aller Menschen untrennbar miteinander verbunden sind.“ ![]()
So weit, so bekannt. Interessant wird diese Kritik aber dadurch, dass sie in Sachs' Argumentation zur Metapher für eine Geisteshaltung gerinnt. Diese definiert die eigenen Interessen entlang der Parameter kurzfristiger Vorteil, Abschottung und Angst und wird so zu einem katastrophal wirkenden Hemmnis jeder zielführenden Politik und Kommunikation. Denn ohne eine echte, auf gegenseitiger Anerkennung und Kompromissbereitschaft beruhende globale Zusammenarbeit lassen sich die Probleme der Gegenwart schlicht nicht mehr bewältigen.![]()
Zukunftsversprechen einlösen – trotz steinzeitlicher Instinkte
Dabei ist, so die feste Überzeugung des Autors, „Wohlstand für alle durchaus möglich.“ Durch eine beeindruckende Sammlung von Zahlen und Fakten untermauert Sachs seine These, dass es keineswegs an Mitteln und Möglichkeiten fehle, sondern am institutionalisierten Willen zum gemeinsamen Handeln. Nur wenn dieser vorhanden sei, können die vier zentralen Ziele erreicht werden: die Entwicklung nachhaltiger Systeme zur Nutzung von Land, Energie und Ressourcen; die Stabilisierung der Weltbevölkerung bei acht Milliarden Menschen bis 2050; das Ende extremer Armut bis 2025; und die Entwicklung und Umsetzung neuer Lösungsansätze durch die Vernetzung aller maßgeblichen Akteure: Wissenschaftler, Regierungen und internationalen Organisationen, NGOs, Unternehmen und Bürger. ![]()
Viel Zeit bleibe allerdings nicht mehr. Werden die so genannten „Milleniumsversprechen“, die Politiker in Bezug auf Klimawandel, Bevölkerungsentwicklung und Armutsbekämpfung ja bereits gegeben haben, nicht zügig eingelöst, dann dürften wir samt des ganzen Planeten unserem evolutionären Schneckentempo zum Opfer fallen; ist der heutige Mensch doch, wie Edward O. Wilson in seinem Vorwort formuliert, eine bizarre Kombination „steinzeitlicher Instinkte, mittelalterlicher Ansichten und gottähnlicher Technologie“.![]()
Der Wille zum Handeln
Sachs ist nicht nur ein renommierter Wissenschaftler, er ist – und das dokumentiert bei allem Faktenreichtum auch sein Buch – vor allem ein leidenschaftlicher Praktiker. Und so sind die stärksten Passagen des Werks diejenigen, in denen er aus seiner Erfahrung als Berater von Regierungen und internationalen Organisationen schöpft. Etwa wenn er vom Erfolg des „Globalen Fonds“ berichtet. ![]()
Basierend auf Forschungsergebnissen engagierter Wissenschaftler und befördert durch den besonderen Einsatz der WHO, entstand 2001 der „Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria“. Unter der Führung von UN-Generalsekretär Kofi Annan wurde ein Aktionsprogramm umgesetzt, das für Sachs als Beispiel gelungener globaler Kooperation und Vorbild für ähnliche Initiativen wie einen „UN-Bevölkerungsfonds“ oder einen „Globalen Bildungsfonds“ gelten kann. Hier ist es endlich einmal gelungen, die Phalanx von Egoismus, Zynismus, Defätismus und der Trägheit veralteter Institutionen zu überwinden. ![]()
Unheilige Einfalt
Bezeichnend ist dabei, mit welchen Argumenten zahlreiche Skeptiker den Sinn des Projekts zunächst in Frage gestellt hatten. So glaubte man nicht, dass die Menschen in Afrika in der Lage seien, Medikamente zu festen Zeiten einzunehmen, oder befürchtete, Moskitonetze würden von Vermittlern verschachert werden, anstatt über den Schlafstellen der Menschen in Malariagebieten zu landen.![]()
Wenn man diese Passagen liest, versteht man den Nachdruck, mit dem Sachs für eine welt- und zukunftsoffene Geisteshaltung wirbt, ohne die der notwendige „Sog der Veränderung“ nicht entstehen könne. Denn letztlich habe jeder die Verpflichtung, aus dieser Haltung heraus zu handeln, ob als Konsument, als Bürger, als Angestellter oder als Politiker. ![]()
„Wir alle sind potenzielle Gestalter einer globalen Gesellschaft, die Werte teilen und gemeinsame Herausforderungen bewältigen kann.“ Und sinnvoll gestalten kann nur, wer etwas weiß und sich permanent darum bemüht, sein Wissen zu prüfen und zu erweitern – im technischen wie im moralischen Sinne. Darin sieht Sachs unsere zentrale Verpflichtung. So fordert er von sich und seinen Lesern nicht mehr und nicht weniger als das „Streben nach Wahrheit.“![]()
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