Goldmann
 
Welttag des Buches
 

SPECIAL zu Andrew Taylor »Der Schlaf der Toten«

Der Schlaf der Toten
 

Ein Meister des Grauen - ein Vivisekteur. Andrew Taylor über die Hintergründe seiner Kriminalromane.

Interview von Bianca Reineke

 

Der Brite Andrew Taylor, Jahrgang 1951, hat sich durch Kriminalromane von außergewöhnlicher psychologischer Tiefe und literarischer Brillanz die Gunst einer stetig wachsenden internationalen Fangemeinde erworben. Von den Lesern geliebt und den Kritikern hoch geachtet werden besonders seine Bücher um Inspektor Richard Thornhill und die außergewöhnliche Roth-Trilogie. Im Dezember 2005 erscheint sein neuestes Meisterwerk "The American Boy" auch in deutscher Sprache: "Der Schlaf der Toten".
Bianca Reineke sprach mit dem Erfolgsautor im Vorfeld zu seiner Lesereise, die ihn im November durch Deutschland führen wird.



Bianca Reineke:Warum haben Sie als Hintergrund für Ihre Kriminalromane um Inspektor Thornhill [die sogenannte "Lydmouth-Serie"] die fünfziger Jahre gewählt? Das ist doch recht ungewöhnlich ...
Taylor: Das ist eine merkwürdige Geschichte, die ich gerne erzähle: Ich bin zusammen mit meiner Familie eines Sonntagnachmittags zum Spazierengehen in den Forest of Dean gefahren [die wunderschöne Waldgegend, in der der Autor wohnt) und der Freund, mit dem wir unterwegs waren, eigentlich ist er also der Erfinder der Reihe ..., also dieser Freund sagte: "Das hier wäre doch eine sehr gute Gegend als Hintergrund für eine Krimireihe". Und ich sagte einfach nur: "Ja, aber es muss in den Fünfzigern spielen." Ich weiß bis heute nicht, wieso ich das gesagt habe. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab das alles. Allein wegen der rechtlichen Geschichten. Wissen sie, man riskiert nichts, wenn man über alte Zeiten schreibt. Denn wenn man in der Gegenwart über eine reale Gegend schreibt, dann denken viele Leute, die da leben: "Hm, er meint mich, der Mord da in dem Buch, das soll wohl meine Geschichte sein. Da verklage ich doch mal den Autor." Nein, überhaupt, die Fünfziger Jahre sind so eine faszinierende Dekade und ich bin einfach fasziniert von Geschichte. Und die Fünfziger sind Teil unserer nahen Vergangenheit. Es ist noch nicht richtig Geschichte. Es ist erst gut 50 Jahre her, und viele Leute, die heute leben, haben damals gelebt. Ich zum Beispiel wurde 1951 geboren und ich kann mich an meine Kindheit in den Fünfziger Jahren noch gut erinnern. Als ich anfing, über eine solche Krimiserie ernsthaft nachzudenken, recherchierte ich die Fünfziger wie eine historische Epoche. Ich habe mir Zeitungsarchive angeschaut, alte Schwarz-Weiß-Filme, ich las die Romane dieser Zeit und vor allen Dingen die Krimis von damals. Und dabei stellte sich heraus, dass diese Zeit völlig anders war, als ich sie mir immer vorgestellt hatte. Für mich war sie immer ein Teil meiner Kindheit, ein Teil meiner eigenen Vergangenheit. Doch je mehr ich las, desto fremder wurde mir diese Zeit. Das ging mir so mit den weltbewegenden großen Ereignissen, wie dem Koreakrieg 1951, als viele Menschen fürchteten, dass der dritte Weltkrieg ausbrechen würde, bis hin zu den Alltäglichkeiten, wie zum Beispiel, dass jeder andauernd und überall rauchte und es normal war, Schuppen zu haben, denn es gab nun mal kein Spezialshampoos. Aber was mich so richtig faszinierte, war die psychologische Attitüde der Menschen. Seitdem hat sich so vieles verändert. Hier in Großbritannien war die Königsfamilie um 1950 noch regelrecht heilig... Vieles davon ist heute verschwunden. In den Fünfzigern gab es hier noch das alte Klassensystem, beinahe so wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Wir hatten das riesige Empire, das die Welt umspannte, waren aber gerade dabei, es langsam aber sicher zu verlieren und einen normalen Wohlfahrtsstaat zu bekommen. Großbritannien hatte die erste Labour-Regierung in den frühen Fünfzigern, eine starke Regierung. Und nicht zu vergessen: Wir waren als Siegermacht aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen, eigentlich eher aus Zufall, und wir begannen dennoch, den Frieden zu verlieren, jedenfalls aus wirtschaftlicher Sicht.

B.R.: Ich dachte es sei vielleicht wegen der altmodischen Moral dieser Zeit, der klassischen Rollenverteilung, denn daraus erwächst ja ungeheures Krimi-Potential. Liege ich da falsch?
Taylor: Nein, genau so ist es. Die Fünfziger Jahre hatten psychologisch eine Menge zu bieten. Ich versuche vieles davon in den Büchern zu verarbeiten: die Rolle der Frau, aber auch die Rolle homosexueller Menschen in dieser Zeit. Ich fand das ungeheuer faszinierend. Denn auf der einen Seite wurden Homosexuelle toleriert, solange sie sich nur offenkundig schwul benommen haben, aber wenn man sie bei homosexuellen Handlungen erwischte - mein Gott! Wenn man mal recherchiert, was da allein medizinisch passiert ist! Und dann lag mir noch die Situation der Menschen mit Behinderung am Herzen: Wie wurden sie in der Gesellschaft der Fünfziger Jahre behandelt? Ich finde das sehr verstörend und gleichzeitig sehr interessant. Ich kann mich daran erinnern, dass ich eine Freundin hatte, als ich klein war, die an Kinderlähmung litt und in einem Rollstuhl saß. Und irgendwann in den späten Fünfzigern waren meine Schwester und ich mit dieser Freundin unterwegs, und eine Gruppe aufsässiger Teenager warfen Steine und Dreck nach ihr, einfach nur weil sie im Rollstuhl saß.

B.R.: In einem der Krimis gibt es doch eine Person, die an Kinderlähmung leidet. Haben Sie da Ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet?
Taylor: Ja, das stimmt, daher hatte ich die Idee. Ich wollte einfach etwas über Kinderlähmung schreiben, denn heute ist es zum Glück anders. Menschen mit Behinderung werden endlich von der Gesellschaft akzeptiert.

B.R.: Besonders in Großbritannien, habe ich das Gefühl ...
Taylor: Ja, das ist eines der Dinge, die sich zum Besseren verändert haben und auch einer der Gründe für meine Wahl der Fünfziger. Die Rolle unverheirateter Mütter, Kindesmissbrauch, Ehen dieser Zeit...ach, ich weiß nicht, es hat mich einfach fasziniert, wie fremdartig diese Zeit war. Die psychologischen Unterschiede zu heute!

B.R.: Alle Bücher spielen in der Kleinstadt "Lydmouth", in einer Gegend, in der Sie leben, an der Grenze zwischen Wales und England. Gibt es diesen Ort tatsächlich?
Taylor: Nein, es ist eine fiktive Stadt. Okay, es ist schon ein bisschen wie hier, im Forest of Dean, wo ich lebe, aber ich habe mich dazu entschlossen, lieber eine Stadt zu erfinden, als eine echte zu beschreiben. Denn so bin ich viel flexibler und kann meine Phantasie spielen lassen und meine eigene Welt entwerfen.

B.R.: Wenn es also kein echtes "Lydmouth" gibt, gibt es denn diese Engstirnigkeit, die Sie in den Büchern beschreiben? Diese Überheblichkeit und das Zusammenhalten unter Männern. Ist so etwas realistisch? War das so in den Fünfzigern?
Taylor: Oh ja! Und es ist ganz sicher auch heute nicht viel anders! Ich denke, dass es repräsentativ ist für viele Gesellschaften. Ein paar sehr mächtige Männer im besten Alter kontrollieren das Gesetz, wenn auch nicht offiziell. So kann es sein, leider...

B.R.: Wie läuft die Recherche für Ihre Bücher ab? Wenn man die Romane der "Lydmouth"-Reihe liest, hat man das Gefühl mitten in die Fünfziger versetzt zu werden. Alles fühlt sich so lebendig an. Wie schaffen Sie es, diese großartige Atmosphäre zu erzeugen?
Taylor: Nett, dass Sie das sagen. Ich habe Romane und Zeitungen aus dieser Zeit gelesen, ich habe mit Menschen geredet, die damals gelebt haben, und das ist das Beste. Das Gespräch mit Zeitzeugen kann einen nicht in die Irre führen, denn persönliche Erinnerungen sind lebendig. Auch meine eigenen Erinnerungen sind nicht statisch, sie wachsen organisch immer weiter. So kann eine Geschichte, die vor 50 Jahren passiert ist, durch die Erinnerung wachsen, sich verändern [lacht]. Je öfter wir sie erzählen, desto mehr verändert sie sich. Mehr als eines der Bücher hat sich aus einem harmlosen Gespräch mit jemanden über seine Erinnerungen an die fünfziger Jahre entwickelt. Das vierte Buch der Reihe "The suffocating night" [dt. "Am dunklen Ende der Nacht"] handelt von der Rolle des Kommunismus in England. Wir hatten hier unsere eigene "McCarthy Ära" während des Koreakrieges. Die war nicht so schlimm wie in den USA, aber es gab sie. Und ich bekam die Idee dazu von einer alten Dame. Ich war im St. Hilda´s College in Oxford und sprach mit einer netten Lady, die in den frühen Fünfzigern dort studiert hatte. Wir redeten über die "Lydmouth"-Serie und da fing sie an zu erzählen. Eines Tages in den Fünfzigern wurde die frisch renovierte College-Bibliothek wieder eröffnet und ein Mitglied der königlichen Familie kam zur feierlichen Einweihung. Und jeder, der bei der Renovierung geholfen hatte, wurde eingeladen, jeder, nur sie nicht. Und der Grund dafür war, dass ihr Vater Kommunist war. Man hatte Angst, dass sie eine rote Fahne hissen und das College blamieren würde. Die Dame erzählte das nach über 50 Jahren und noch immer hatte sie dabei Tränen in den Augen. Tja, daher kam das, ich konnte dann aus diesem unwürdigen Moment etwas Positives machen und es in meinem Buch verarbeiten. Die Krimis über die Fünfziger und besonders über das Problem mit dem Kommunismus beschreiben die psychologische Last, die viele Menschen damals mit sich herumgetragen haben. Es ist so einfach, über diesen Teil unserer Vergangenheit hinwegzuschauen. Viele Menschen haben eine rosige, nostalgische Erinnerung an die Fünfziger, aber es war nicht nur so. Es ist okay, sich an die guten Dinge zu erinnern, aber man muss auch die Erinnerung an das, was schlecht war, bewahren.

B.R.: Ihr Held, Inspektor Richard Thornhill ist ein ehrlicher und obrigkeitsgläubiger Polizist. Er ist beinahe besessen von Gerechtigkeit. So könnte er so manches Mal Täter vor der Bestrafung schützen, Menschen, einmal sogar ein verzweifeltes Kind, die nur aus Not und Angst getötet haben. Warum ist er so? Warum kann er nicht manchmal über seinen Schatten springen und kurz wegschauen?
Taylor: Ich möchte Richard Thornhill als einen Puritaner im englischen Sinne sehen. Er ist ein Mann, der sich sehr streng an bestimmten Grundsätzen orientiert.

B.R.: Es ist manchmal wirklich hart für den Leser, jemanden zu sehen, der so ehrlich und beinahe schmerzhaft gesetzestreu ist. Ist Ihnen das bewusst?
Taylor [lachend]: Ja, das mir klar. Aber, es gibt Menschen, die so sind. Menschen, die gut sind, oder strenge moralische Prinzipien aus den allerbesten Gründen haben, solche Menschen können absolut Furcht einflößend sein. Mein Patenonkel ist ein älterer Kirchenmann, den ich sehr gerne mag, aber auch er kann erschreckend sein. Er ist einer der wenigen absolut guten Menschen, so weit ich das beurteilen kann, aber wenn er sich eine Meinung gebildet hat, dann ist die unumstößlich.

B.R.: In ihrer anderen Buchreihe, der berühmten "Roth-Trilogie" gibt es genau so einen Helden, den anglikanischen Pfarrer David Byfield. Ist das wieder die Verarbeitung einer persönlichen Erfahrung?
Taylor: Ja, genau, die Figur ist daraus entstanden.

B.R.: Es gibt ja nun zahlreiche Krimiserien-Helden, doch die meisten sind entweder überzeugte Singles, wie Martha Grimes´ Inspector Jury, oder glücklich verheiratet wie Elizabeth Georges Thomas Linley. Richard Thornhill ist meines Wissen einer der wenigen Ermittler, der eine Ehefrau und eine Geliebte hat ...Woher kam diese Idee?
Taylor: Das war mal wieder ein Teil des Charmes der Fünfziger! Liebesbeziehungen außerhalb der Ehe waren damals einfach eine außergewöhnlich aufregende Sache. Und es war ziemlich schwierig, als verheirateter Mann eine Affäre geheim zu halten, besonders in einer Kleinstadt, wo jeder jeden kennt… Und so passte das alles sehr gut in die Serie, ich kann mir die Bücher ohne diese geheime Liebesgeschichte gar nicht vorstellen. Kennen Sie den Film "A close encounter"? Ein Film aus den Vierzigern, der in einem Bahnhof spielt. Ich habe mir die Affäre zwischen Inspektor Thornhill und der Journalistin Jill Francis immer als eine Art Fortsetzung dieses Filmes vorgestellt.

B.R.: Komischerweise mag man als Leser alle drei Charaktere: Die betrogene Ehefrau ist sympathisch, Thornhill, der Fremdgeher, ist unwahrscheinlich liebenswert, und auch die Geliebte ist sehr sympathisch und einfach eine tolle Frau ...
Taylor: Nun, das hoffe ich doch auch. Alle drei sind einfach nur Menschen, Menschen wie du und ich. Ich bin nicht sehr gut darin, Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben, weder in meinem eigenen Leben noch in bei meinen fiktiven Protagonisten. Ich denke, es gibt eine ganze Menge Schattierungen von Grau. Ich bin übrigens meinen beiden Schriftstellerkolleginnen Anne Perry und Val McDermid sehr dankbar, denn als ich mit den Damen über die "Lydmouth"-Serie gesprochen habe, meinten beide, dass es an der Zeit sei, doch endlich mal die Lebensgeschichte von Thornhills Ehefrau Edith zu erzählen. Und die beiden hatten ja so Recht: Edith Thornhill war in den ersten Romanen doch etwas blass, und deshalb habe ich in "Death´s own door" [dt. "Die Pforten des Todes"] über Edith geschrieben. Und auch im neuen Buch "Call the dying" [dt. "Wenn die Toten rufen"] ist sie wieder eine der Hauptpersonen. Und auf einmal wurde die ganze Geschichte um die Thornhills viel besser und dichter.

B.R.: Wie wird diese Dreiecksbeziehung denn weitergehen? Wird die Ehe der Thornhills überleben oder wie sehen da Ihre Pläne aus?
Taylor: Ich habe keine Ahnung [lacht]. Ich mache einfach weiter und sehe zu, wie sich alles entwickelt. Ich kann Ihnen verraten, dass nach dem sechsten Roman "Death´s own door" [dt. "Die Pforten des Todes"] Jill Lydmouth per Zug verlässt und ich damals dachte, dass dies nun das Ende der Serie sei. Das war irgendwie für mich der Zeitpunkt und der Ort wo "The final encounter" letztlich endet. Aber ich musste dann feststellen, dass die Charaktere noch immer da waren, sie wollten weitermachen und auch mein Verleger wollte das... und so schrieb ich das siebte Buch, das soeben veröffentlicht wurde.

B.R.: In "Die Pforten des Todes" gibt es ein offenes Ende, in dem nicht ganz klar wird, welche Rolle Edith Thornhill spielt. Ist sie eine Mörderin oder nicht?
Taylor [lachend]: Ach, ich mag das Ende dieses Buches furchtbar gerne. Diese letzte Seite zu schreiben, hat mir so viel Spaß gemacht, das hat mich so richtig zufrieden gestellt. Aber das Ende ist eigentlich ganz die Sache des Lesers. Die Fakten sind da, ich habe meine eigene Meinung zu den Ereignissen, aber die behalte ich lieber für mich...

B.R.: Apropos Kapitelende: Wie schaffen Sie es, immer wieder diese großartigen, atemberaubenden Cliffhanger hinzubekommen?
Taylor: Das passiert sehr automatisch. Ich denke, dass das einer der Gründe ist, warum ich Krimiautor geworden bin. Mann kann erzählen und den Leser in die Geschichte mit hinein ziehen. Ich bin gerne eine Art Beobachter und was die Cliffhanger angeht, das ist nun mal ein Weg, um Spannung aufzubauen, Spannung im Erzählen, dann kommt so was einfach wie von selbst.

B.R.: Nun ein paar Fragen zu der umwerfenden Trilogie, die Sie schlagartig berühmt gemacht hat, die "Roth-Trilogie". ["Die vier letzten Dinge", "Das Recht des Fremdlings" und "Eine Messe für die Toten"). Die Handlung des ersten Romans spielt ja in der Gegenwart, der zweite in der Zeit davor und der dritte, alles entscheidende, vor langer Zeit. Haben Sie diese Bücher wirklich auch in der Reihenfolge geschrieben, wie sie erschienen sind? Hatten Sie von Beginn an diese Chronologie im Kopf?
Taylor: Sie wären überrascht, wenn Sie wüssten, wie wenig ich mir am Anfang über diese Geschichte im Klaren war. Es sollte eine Trilogie werden, soviel stand fest. Der Titel kommt übrigens aus der Musik. Es gibt da ein Werk von Richard Strauss, "Die vier letzten Lieder", und das hat mich so an die im theologischen Sinne vier letzten Dinge erinnert: Himmel, Hölle, Tod, Gericht. Mein Vater ist Theologe und das hat mich schon immer interessiert, so dass ich mir eines Tages dachte, das ist doch perfekt für einen Kriminalroman. "Himmel und Hölle", das passt doch einfach großartig in einen Krimi, und so hat das eigentlich angefangen.

Dazu kam noch die schreckliche Geschichte hier in Gloucester. Da gab es vor einigen Jahren die sogenannten "Cromwell Street Morde". Ein Ehepaar hatte Mädchen und junge Frauen entführt, sexuell missbraucht und ermordet. Jahrelang. Als ich das Buch begann, wurden gerade die ersten vergrabenen Leichen entdeckt. Und das hat mich so bewegt, dass ich mit einer Psychologin darüber gesprochen habe. Ich habe sie gefragt, wie so etwas unbemerkt passieren konnte, wieso niemand etwas von diesen Verbrechen gemerkt hat. Und die Antwort, die sie mir gab war: solche Verbrechen geschehen nicht einfach so, im leeren Raum. Dahinter steht eine geheime Geschichte und das geht manchmal Generationen zurück, etwas ist da passiert, dass den normalen Lauf der Dinge durchbrochen hat. Und damit hatte mir die Psychologin etwas in den Kopf gesetzt. Dazu kam, dass die Verbrechen ganz in der Nähe von mir passiert waren. Ich kenne Menschen, die einige der Opfer kannten, andere Bekannte kennen Fred West, den Mörder. Und darum wollte ich über die Hintergründe schreiben, darüber, wie die Menschen werden, wie sie sind.

Zuerst wollte ich darüber nur einen Roman schreiben, aber je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich mehr Zeit damit verbringen wollte. Und ich dachte mir, das schreibe ich so, wie eine archäologische Ausgrabung abläuft. Man fängt an zu graben, gräbt immer tiefer, blickt weiter in die Erde und entdeckt schließlich Dinge, die viel früher passiert sind. Und so sind die Bücher entstanden, indem ich immer weiter zurück in die Vergangenheit ging. Und so weit ich weiß, ist das einmalig in der Literatur, niemand hat das vor mir gemacht, aber da kann ich mich auch irren.

Das andere Element dieser Bücher, das mir so wichtig war, war das religiöse. Wie ich schon erzählte, war mein Vater ein Kirchenmann und in meiner gesamten Familie wimmelt nur so von Kirchenmännern. Ich selber bin kein orthodoxer Kirchgänger mehr, aber das anglikanische Glaubenssystem ist immer noch Teil meines Lebens. Ich bin dem nie entkommen, und ich denke mal, dass ich etwas über den religiösen Anteil in meiner Familie und meiner Erziehung herausfinden wollte. Die Church of England hat sich in den letzten Jahren enorm verändert, es gab so unendlich viele Veränderungen und ich wollte einige davon genauer untersuchen, und die Gründe dieser Veränderungen.

B.R.: Wie haben die Leser auf das Ende des ersten Buches reagiert? Am Schluss von "Die vier letzten Dinge" bleibt ja beinahe alles offen. Wie waren denn da die Reaktionen?
Taylor: Ich habe tatsächlich ein paar verärgerte E-Mails bekommen. Aber es sind auch andere Dinge passiert. Nachdem das dritte Buch erschienen war ["Eine Messe für die Toten"] wussten alle Leser, worum es die ganze Zeit ging. Sie wussten auf einmal die ganze Geschichte. Und dieses dritte Buch hat Preise gewonnen, und die Menschen waren ganz erleichtert und dachten: Ah, das hat er die ganze Zeit gemeint, das wollte er uns also damit sagen. Das fand ich sehr schön. - Ich habe übrigens gerade gehört, dass dieses Buch wieder für einen Preis nominiert wurde ...

B.R.: Glückwunsch! Die alles entscheidende Figur in allen drei Romanen ist doch der alte konservative Pfarrer David Byfield - oder?
Taylor: Er ist die Figur, um die sich alles dreht. Er und Angel, die mysteriöse und wunderschöne Frau. Diese beiden Figuren und ihre Beziehung zueinander, das ist der Dreh- und Angelpunkt der Bücher...

B.R.: Es kommt mir ein bisschen so vor, als hätten Sie die Geschichte an das Alte Testament angelehnt, wo es ja heißt, dass die Schuld bis in die siebte Generation weiter getragen wird. Geht es Ihnen darum? Im ersten Buch verliert schließlich sogar die junge Pfarrerin ihren Glauben …
Taylor: Alles, was ich zu Beginn des Schreibens wusste, war, dass ein Kind entführt werden würde, von jemanden namens Angel, und ich wusste, dass es den Pfarrer David Byfield geben sollte. Dann war mir klar, dass ich über eine Frau als Pfarrerin schreiben wollte. Mein anglo-katholischer Vater findet es sehr schwer, sich mit weiblichen Seelsorgern abzufinden. Und das muss man irgendwie sogar verstehen, es ist schwer für die Pfarrer der alten Schule - und im Übrigen mag ich meinen Vater sehr gerne, wir sind uns auch meistens einig... Aber, ich schweife ab. - Jedenfalls war das alles, was ich anfangs wusste. Mir war noch nicht klar, dass die junge Pfarrerin Sally ihren Glauben in Frage stellen würde...

B.R.: All ihre Predigten, all die schön zurecht gelegten Trostsprüche verlieren plötzlich an Bedeutung, als ihre eigene Tochter entführt wird.
Taylor: Da gibt es eine schöne Geschichte von einem Rabbi in Auschwitz. Alle Rabbiner dort beschließen, Gott vor Gericht zu stellen und entscheiden, dass Gott so schuldig ist wie die Hölle und danach sagt dann der Oberrabbiner: "Jetzt ist es Zeit für unser Gebet" - Man macht einfach weiter, auch wenn man nicht mehr glauben kann. Die Regeln geben uns eine Struktur.

B.R.: Kindesentführung ist ja leider ein Riesenthema ...
Taylor: Ja, und es ist ein so schwieriges Thema für ein Buch und sogar für einen Krimi so knallhart, dass viele Menschen es kaum aushalten. Im Prinzip sind knallharte Stories ja die gemütlichsten: Man wiegt sich in Sicherheit, denn die Brutalität und die grausamen Dinge, die da passieren, sind doch nur Teil einer Art Märchenhandlung, Fiktion. Aber wenn man darüber liest, was unschuldigen Kindern so alles widerfahren kann, dann erhalten diese Geschehnisse einen Hauch von Realität, und das ist dann viel schlimmer, weil wir tagtäglich Kinder um uns haben.

B.R.: Kinder, die personifizierte Unschuld. So wie die mysteriöse Angel ja eigentlich die personifizierte Schönheit ist ...
Taylor: Darüber möchte ich gerne noch mehr schreiben. Denn ist es nicht so, dass wir immer erwarten, dass jemand der schön ist, auch gut ist? Unsere Kultur ist da so simpel gestrickt: Wir nehmen einfach an, dass jemand gut ist, weil er schön ist. Und deshalb habe ich entschieden, dass Angel wunderschön ist, so wunderschön wie ein Engel eben. Ich kenne das ja von mir selber, wenn ich jemanden sehe, der schön ist, dann will ich auch, dass derjenige nett ist...

B.R.: Jetzt zu einem anderen Buch: "Das verriegelte Fenster", ein Roman, der zu keiner Serie gehört. Ich fand es ganz großartig und halte es für Ihr Meisterwerk, es ist so ganz anders ...
Taylor: Es ist eines der ersten Bücher die ich in den Neunzigern geschrieben habe und da habe ich meine Richtung sehr stark geändert. Und ich denke tatsächlich, dieses eine Buch habe ich ganz gut hingekriegt. [lacht] Es ist die ganze Struktur, die mir so gefällt, und es ist wirklich ein sehr dunkles, düsteres Buch...

B.R.: Es gibt keine Moral in diesem Buch. Jeder in diesem Buch ist böse, alles ist verborgen, versteckt und totgeschwiegen.
Taylor: Oh ja. Aber so verborgen dann doch nicht [lacht]. ich bin mir einigermaßen sicher, wer der Mörder ist. Ich denke, ich weiß wer es ist. Und doch ist der Mörder auch nur eines der Opfer. Es gibt viele wie ihn.

B.R.: Mir ist klar, wen Sie meinen, und ich habe tatsächlich Mitleid mit ihm ...
Taylor: Ja, man muss Mitleid haben mit ihm, denn er ist 100-prozentig ein Opfer. Er versucht nur, sich zu verteidigen. Es ist psychologisch einfach sehr faszinierend, durch ihn hindurch zu sehen.

B.R.: Einige Kritiker haben dieses Buch mit der Arbeit der großartigen Ruth Rendell als Barbara Vine verglichen. Was denken Sie darüber?
Taylor: Ich denke, dass das ein sehr guter Vergleich ist. Ich habe die ersten zwei oder drei Barbara-Vine-Bücher gelesen und sie sind sooo gut! Und dann dachte ich, so etwas solltest du auch tun. Das ist ein einmaliger Weg in der Kriminalliteratur. Mich interessiert die knallharte eiskalte Krimiwelt immer weniger. Diese amerikanischen Privatdetektive ...

B.R.: Obwohl das Buch so lang und detailliert geschrieben ist, sind tatsächlich die spannendsten Teile die, über die Sie nicht schreiben. Die Lücken in den Geschichten der Protagonisten ...
Taylor: Ich glaube der wirkungsvollste Trick beim Schreiben ist ein bisschen wie beim Judo: Du wendest die Stärke deines Gegners gegen ihn selbst. Dabei ist die Phantasie des Lesers ein großer Verbündeter für den Schriftsteller. Ich möchte dem Leser etwas geben, das ihm Freude und Spaß bereitet. Ich möchte, dass die Leute die Bücher für sich selbst interpretieren. Meine Bücher sollen spannend sein, unerwartet. Denn Menschen sind so. Sie tun seltsame Dinge, sie tun Unerwartetes. Eine deutsche Kritik hat mich "Den Vivisekteur der Seelen" genannt. Das gefällt mir gut, das habe ich gleich auf meine Webseite gestellt [lacht].

B.R.: Wie werden Sie zum "Vivisekteur"? Woher haben Sie das Wissen über all die psychologischen Beziehungen und ihre Dynamik? Lesen Sie das nach?
Taylor: Ich habe eine gute Freundin, die Psychologin ist und auch sehr viel am Gericht arbeitet. Sie hat mir für die Roth-Trilogie geholfen. Ich konnte sie über eine Menge ausfragen, mich bei ihr versichern, ob es sinnvoll ist, wenn meine Helden dies oder jenes sagen, sich so oder so benehmen. Diese Freundin war also mein "Realitäts-Check". Manchmal erzählt sie mir auch von ihrer Arbeit, natürlich ohne Details zu nennen. Im dritten Lydmouth-Buch "The Lover of the Grave" [dt. "Erste Krokusse"] täuscht ein Großvater seinen Selbstmord vor. Das ist tatsächlich so passiert. Das habe ich von dieser Freundin. Sie ist meine Beraterin, bei der ich mich vergewissere, ob meine Helden im Buch auch lebensecht handeln.

B.R.: Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie aus, wenn Sie an einem Buch sitzen?
Taylor: In der Theorie: von 9 bis 18 Uhr, sechs Tage die Woche. Das ist, wie gesagt, die Theorie... In der Realität ist es tatsächlich ein bisschen komplizierter. Ich bin ja irgendwie selbständig und habe somit eine Menge mit meinem Klempner gemeinsam. Ich verbringe einen Großteil meiner Zeit mit der Beantwortung von E-Mails, rufe Leute an, sehr, sehr nette Leute, oder ich gebe Interviews...

B.R.: Verzeihung ...
Taylor: Ich gebe sehr gerne Interviews. Und ich bin gerne unterwegs für Veranstaltungen wie Lesungen in Buchhandlungen, Autorentalks und Meetings. So etwas liebe ich. Das ist einer der großen Vorteile des Schriftstellerdaseins. Ich bin nun mal ein soziales Wesen. Aber dadurch werde ich natürlich viel beim Schreiben unterbrochen. An einem idealen Tag verbringe ich ungefähr vier bis fünf Stunden mit Schreiben.

B.R.: Wie lange brauchen Sie insgesamt, um einen Roman zu schreiben?
Taylor: Ungefähr ein Jahr, plus-minus. Für "Der Schlaf der Toten" habe ich mehr als zwei Jahre gebraucht. Er spielt ja im frühen 19. Jahrhundert, wofür ich eine Menge recherchiert habe. Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht.

B.R.: Thomas Shield, der Held im Roman "Der Schlaf der Toten", der im eleganten Jahrhundert der Gentlemen und Ladies spielt, ist eine ganz furchtbar traurige und tragische Gestalt. Er hat seinen Job verloren, keine Eltern mehr und leidet unter Depressionen. Wieso haben Sie diese Figur so gestaltet?
Taylor: Ich wollte einfach eine Person schaffen, die realistisch ist, jemand, der mich persönlich interessiert und hoffentlich auch meine Leser. Am Anfang des Buches leidet Thomas an etwas, das wir heute "Posttraumatisches Stresssymptom" nennen. Und außerdem ist auch noch seine Karriere ruiniert. Wie er das alles überlebt, damit klarkommt und am Ende schließlich triumphiert, das ist das Herzstück des Romans. Nicht Tragik im eigentlichen Sinne also.

B.R.: Obwohl er also irgendwie eine ziemlich traurige Gestalt ist, findet er am Ende so etwas wie Liebe und Glück - und nicht nur Selbstsicherheit. Ist das richtig? Sie deuten das im Buch ja nur an, aber ich bin sicher, dass es viele Leser beschäftigt.
Taylor: Soviel sei verraten: Am Ende gibt es eine Menge Hinweise auf ein Happy End für Tom Shield und eine der weiblichen Protagonistinnen, Sophie Frant. Ich glaube, jeder der beiden hat im Verlauf der Geschichte den Wert des anderen zu schätzen gelernt. Keine Sorge, liebe Leser …

B.R.: Der Roman spielt ja in der gleichen Zeit wie die wunderbaren Romane von Jane Austen. In deren Büchern spielen immer starke Frauen die Hauptrolle, Frauen, die ihrer Zeit weit voraus waren. Sind Ihre Heldinnen ebenfalls so emanzipiert, unabhängig und selbstsicher?
Taylor: Oh ja, die Frauen wie Sophie Frant und Flora Carswall sind ziemlich tough! Sie leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, die ihnen genau vorschreibt, wie sie zu leben haben. Es ist tatsächlich erstaunlich, was die Frauen dieser Zeit dennoch erreicht haben. Eine meiner liebsten Figuren im Buch ist die stumme Magd, deren Auftauchen im Roman selbst mich überrascht hat …

B.R.: In den letzten Jahren haben viele sehr erfolgreiche Fernseh- und Kinoproduktionen die Regency Zeit zum Thema gehabt. Hat Sie dieser Boom zu Ihrem Roman inspiriert?
Taylor: Nein. Seit meiner Teenagerzeit bin ich fasziniert von den britischen Romanautoren des 19. Jahrhunderts: Jane Austen, Charles Dickens, Anthony Trollope, Wilkie Collins - um nur einige zu nennen. Eigentlich wollte ich schon immer einen Roman schreiben, der in dieser Epoche spielt. Der Erfolg der TV- und Kinoproduktionen ist Ausdruck einer Sehnsucht nach der "guten alten Zeit" im schönen ländlichen England. Ich wollte etwas beschreiben, das der Realität näher kommt. Das London der Regency Zeit hat mehr mit dem Leben im modernen Los Angeles zu tun, als man glaubt.

B.R.: Die Epoche, in der der Roman spielt, war in Großbritannien durch das Klassensystem geprägt, das Sie im Buch ja sehr lebendig in Szene setzen. Wo haben Sie Ihre Informationen dazu gefunden? Und dann gibt es da ja noch einen schwarzen Amerikaner, der eine wichtige Rolle spielt. Wo gab es da Material über Schwarze in England in dieser Zeit?
Taylor: Über das Klassensystem dieser Zeit schreiben die zeitgenössischen Autoren eine Menge, und ich habe sehr sorgfältig auf das Unausgesprochene, das zwischen den Zeilen Geschriebene geachtet. Ich glaube, dass das der Schlüssel dazu ist. Ich habe Autobiographien dieser Zeit gelesen, Briefwechsel und vieles mehr von Amerikanern, die damals England besucht haben oder Geschäftsbeziehungen mit Großbritannien unterhielten. Die Erinnerungen von Richard Ruskin, dem damaligen Botschafter der USA, und die Bücher von Washington Irving, einem Amerikaner, der England gut kannte, waren sehr wertvoll und mehr als hilfreich.

B.R.: Die Hauptfigur, um die sich alles dreht, ist der junge Edgar Allan Poe, der als Kind tatsächlich einige Zeit in England gelebt hat. Haben Sie auch in den USA recherchiert?
Taylor: Ich musste nicht in die USA dafür, stattdessen bin ich durch die Literatur dorthin gereist.

B.R.: Das Buch ist nicht nur in den USA ein Riesenerfolg, aber wie erklären Sie sich gerade dort die immense Faszination?
Taylor: Poe ist eine Ikone der internationalen Literatur. Wie Sherlock Holmes, Frankenstein, Dracula und Dickens, ist er nicht nur eine literarische Figur, sondern auch immer eine Inspiration für Musiker, Filmemacher und andere Künstler gewesen. Aber man denkt immer an ihn als Amerikaner. Und deshalb hat das Buch so viel Aufmerksamkeit bekommen, weil es mit der Tatsache spielt, dass Poe einen Teil seiner Kindheit in England verbracht hat, denn das wissen viele Menschen nicht. Und das führt wohl auch dazu, dass dieses Buch in so viele Sprachen übersetzt wird, in mehr, als alle meine anderen Bücher.

B.R.: "Der Schlaf der Toten" heißt im englischen Original "The American boy", in den USA aber "An unpardonable Crime". Warum hat man den Titel in den USA geändert?
Taylor: Der Verlag in den USA dachte, dass der britische Titel bei den Lesen vielleicht falsch ankommt. Man wollte, dass der Titel schon einen Hinweis darauf gibt, dass das Buch von einem Verbrechen im 19. Jahrhundert handelt.

B.R.: Es gibt eine gruselige Episode in "Der Schlaf der Toten", in der Thomas Shield in einem Sarg entführt wird. Das ist doch ganz eindeutig von Poes Geschichten beeinflusst. Gibt es noch mehr, was so deutlich auf Poe zurück geht?
Taylor: Ich wollte, dass der Roman als eine Art Vorgeschichte für Poes kreative Vorstellungskraft erscheint. Es gibt sehr viele Hinweise und Echos auf Poe, einige sehr deutlich, andere eher dezent. Das Motiv der Ähnlichkeit zwischen zwei Jungen ist aus der Kurzgeschichte "William Wilson". Jemand erzählt eine Geschichte, die einer von Poe sehr ähnelt. Der Papagei, der eine wichtige Rolle spielt, war auch bei Poe Teil einer Geschichte… und noch vieles mehr.

B.R.: Sie mischen auf gekonnte Weise Fakten und Fiktion miteinander. Es stimmt, dass Poe als Kind in England war, dass sein Vater eine dubiose Gestalt war, es gab in der Zeit einen großen Finanzskandal ... Das alles taucht im Roman auf. Gleichzeitig weben Sie diese Fakten ganz wunderbar in eine erfundene Geschichte mit fiktiven Personen ein. Wie machen Sie das? Was ist zuerst da? Fangen Sie mit den Fakten an und basteln den Plot herum oder haben Sie eine Idee für eine Geschichte und arbeiten die Fakten dann später ein?
Taylor: Ich habe mit den Daten und Fakten über Poes Kindheit und Tod begonnen. Es gibt überraschenderweise nur sehr wenig darüber. Die Handlung hat sich entwickelt, als ich das Buch geschrieben habe, teilweise inspiriert durch Elemente in Poes Werk, teilweise auch durch reale Verbrechen dieser Ära und historische Ereignisse. Und ich wollte Thomas Shields Geschichte "entdecken" und erzählen.

B.R.: Für welches Zielpublikum haben Sie dieses Buch geschrieben haben? Alle Fans, die Ihre Kriminalromane lieben, oder wollten Sie mit diesem historischen Meisterwerk Ihren Leserkreis erweitern?
Taylor: Das war überhaupt nicht bewusst, ich wollte einfach dieses Buch so gut schreiben, wie ich es konnte.

B.R.: "Der Schlaf der Toten" wurde in Großbritannien für den sehr beliebten Buchclub einer Fernsehsendung nominiert ["The Richard and Judy Bookclub"]. Welche Auswirkungen hatte das für Sie?
Taylor: Es hat meine Leserschaft enorm vergrößert, gerade in Großbritannien. Das ist großartig und ich habe mich sehr darüber gefreut, aber es war nicht so sehr lebensverändernd, eher bestätigend. Ich habe keine Ahnung, was das langfristig bedeutet, aber ich meine: einfach Daumen drücken, und weiter mit dem nächsten Buch.

B.R.: Wird es ein neues Buch ähnlich "Der Schlaf der Toten" geben? Ein historischer Kriminalroman, basierend auf einer realen und berühmten Person wie Poe?
Taylor: Ich habe für ein weiteres Buch in diesem Stil zugesagt, aber es spielt im späten 19. Jahrhundert, und das ist noch ganz schön weit weg. Ich habe eine erste Skizze davon verfasst und freue mich schon sehr auf die Arbeit.

B.R.: Einer Ihrer Kommentare zu "Der Schlaf der Toten" war "…nach acht Jahren kann ich den amerikanischen Jungen Poe, endlich vergessen…" Solange hat er sich in Ihrem Kopf breit gemacht, erst als Idee, dann für die Recherche und schließlich für das Schreiben. Ist er jetzt tatsächlich fort oder geistert er noch immer in Ihrem Träumen umher?
Taylor: Er ist noch immer da, aber er verfolgt mich nicht mehr so wie früher. Zur Zeit befinde ich mich wieder in Lydmouth, dem Schauplatz der Reihe um Inspektor Thornhill, und schreibe am achten Roman dieser Serie. Der Titel des neuen Romans: "Naked to the Hangman". Auch da gibt es viele Geister…

B.R.: Im November unternehmen Sie eine Presse- und Lesereise durch Deutschland, um "Der Schlaf der Toten" vorzustellen. Was erwarten Sie von Ihren deutschen Lesern?
Taylor: Aus Erfahrung weiß ich, dass die deutschen Leser sehr scharfsinnig und kritisch, aber auch sehr begeisterungsfähig und gastfreundlich sind. Ich freue mich sehr auf diese Reise!

B.R.: Vielen herzlichen Dank für dieses Interview.

Oktober 2005
Bianca Reineke

 
 

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