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Simone Egger im Interview zu »HEIMAT« - Riemann Verlag

Simone Egger über HEIMAT


Simone Egger, geboren 1979, ist Kulturwissenschaftlerin am Institut für Volkskunde und Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihr erstes Buch war "Phänomen Wiesntracht" (2008). Seitdem ist sie immer dann gefragt, wenn es um Erklärungen für den sich in ganz Deutschland ausbreitenden Lederhosen- und Dirndltrend geht.
Ihre neueste Publikation ist "München wird moderner. Stadt und Atmosphäre in den langen 1960er Jahren" (2013).





Sie haben das Buch „Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden" geschrieben. Heimat ist in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes auf einen konkreten Ort bezogen – gewöhnlich ist damit der Ort der Kindheit gemeint, an dem ein Mensch die ersten prägenden Erlebnisse erfährt. Wo sind Sie geboren und was bedeutet Ihnen dieser Ort heute?

Ich bin in Donauwörth geboren, einer kleinen Stadt in Bayerisch Schwaben. Das ist meine „erste Heimat“, der Ort, an dem ich auch aufgewachsen bin. Inzwischen lebe ich aber schon lange in München und bin dort ebenfalls heimisch geworden. Trotzdem ist mir auch meine „erste Heimat“ noch wichtig. Mit Donauwörth verbinde ich viele Erinnerungen, die Gegend
ist mir vertraut. Und gleichzeitig kenne ich viele Menschen, die beide Heimaten miteinander verbinden.


In Ihrem Buch zeigen Sie, dass sich das, was Menschen unter Heimat verstehen, gewandelt und erweitert hat. Wie würden Sie umreißen, was gegenwärtig unter „Heimat" zu fassen ist?

Das ist gar nicht so einfach. Heimat kann heute vieles sein. Jeder Mensch weiß für sich wohl am besten, was Heimat für ihn bedeutet. Allzu starre Klammern wie etwa die Zugehörigkeit zu einer Nation greifen aber längst nicht mehr. Heimat muss keinen konkreten Ort meinen. Heimat können die Mitglieder einer Familie oder Freundinnen und Freunde sein, die an vielen verschiedenen Orten leben.


Die meisten Menschen wollen, können und müssen heutzutage flexibel sein und bereit, mehrmals im Leben ihren Wohnort zu wechseln. Was entscheidet darüber, ob es ihnen gelingt, eine neue Heimat zu finden?

Ein wichtiger Punkt ist natürlich die Art und Weise, mit der man aufgenommen wird. Wie reagieren die Menschen in einem anderen Ort, einer anderen Stadt auf meine Ankunft? Lässt es der Job zu, ein soziales Umfeld finden, in dem man angenommen wird? Heimat muss nicht schön sein. Aber wer von vornherein ausgrenzt wird, kann sich nicht zu Hause fühlen. Heimat hat immer auch mit einem Bedürfnis nach Sicherheit zu tun. Wird ein Mensch irgendwo willkommen geheißen, fällt es ihm leichter, heimisch zu werden.


Warum kommen einem, wenn das Wort „Heimat" fällt, sofort stereotype ländliche Postkartenidyllen in den Sinn, obgleich mittlerweile mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land?

Die rauschenden Bäche und Alpenpanoramen, die quasi exemplarisch für das Thema Heimat stehen, haben mit der Romantik und der Industrialisierung zu tun. Im 19. Jahrhundert wurden viele Bilder beschworen, die wir noch heute auf Heimat beziehen. In dieser Zeit haben besonders viele Menschen ihre Heimat auf dem Land verlassen, um in die Stadt zu ziehen. Gerade in unübersichtlichen Situationen, in Krisenzeiten, gewinnen idyllische Sehnsuchtsorte an Bedeutung, die den Alltag auch einmal vergessen lassen. Viele Menschen sind in der Stadt zu Hause, doch die romantischen Heimatvorstellungen haben sich durchgesetzt.


Sie beschäftigen sich als Kulturwissenschaftlerin intensiv mit Stadtforschung und untersuchen in Ihrem Buch „Phänomen Wiesntracht", erschienen 2008, eine interessante Zeiterscheinung: die Renaissance von Dirndl und Lederhose. Was ist davon zu halten, wenn in einer globalisierten, zunehmend urbanen Welt plötzlich Dirndl en vogue sind, Zeitschriften über das Landleben Auflagenrekorde erzielen und Hirschgeweihe aus Metall Stadtwohnungen zieren?

Die verstärkte Beschäftigung mit regionalen Erscheinungsformen hängt mit der Globalisierung zusammen und ist nicht nur in Bayern oder München zu beobachten. In der heutigen Zeit sind Menschen weltweit über Medien miteinander verbunden, und gleichzeitig gewinnen Bilder zusehends an Wert. Alles steht immer im Vergleich zu etwas anderem und Besonderheiten werden sichtbar hervorgehoben. Jede Stadt und jeder Landstrich auf der Erde zeichnet sich durch Eigenheiten aus. Das hat einmal wirtschaftliche Gründe, die Beschäftigung mit dem Wissen um eine Region hat aber auch viel mit der Identität von Menschen zu tun. Wer in München Dirndl oder Lederhose trägt, ist oft aufgrund der Ausbildung oder des Jobs in die Stadt gekommen. Was bayerisch ist, mag auf den ersten Blick immer gleich aussehen und ist doch überaus modern, weil das Bayerische immer wieder neu ausgehandelt wird. Nicht nur die Stadtgesellschaft zeichnet sich heute durch eine ungeheure Vielfalt aus! Gerade auch mit Blick auf Rassismus ist das ein wichtiges Thema.


Eines geht klar aus Ihrem Buch hervor: Durch die Mobilität und die Vernetzung der Menschen wird der Heimatbegriff heute offener und vielfältiger ausgelegt. Wie wichtig bleiben vor diesem Hintergrund Traditionen und Verbindlichkeit?

Die Vorstellung, dass man sich selbst in einem sozialen, räumlichen oder zeitlichen Zusammenhang verorten kann, ist für viele Menschen sehr wichtig. Ob es diese oder jene Tradition tatsächlich so gegeben hat, spielt dann gar keine so große Rolle. Wir erfinden uns auch immer wieder neue Traditionen. Die Idee, dass gerade das Statische „authentisch“ bleibt, stammt ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert, also aus der Epoche, in der alles in Bewegung geriet. Verbindlich ist vor allem die Regelmäßigkeit, mit der sich Dinge verändern.


Millionen Menschen, die ihre Heimat wider Willen verlassen müssen, haben keine Perspektive auf Rückkehr. Doch es sind nicht nur Kriege, Naturkatastrophen und Hungersnöte, die Menschen vertreiben. In Großstädten sind Menschen immer häufiger gezwungen, ihr vertrautes Umfeld zu verlassen, weil sie sich dort den Wohnraum nicht mehr leisten können. Gibt es Ihrer Meinung nach ein Recht auf Heimat?

Juristisch gesehen gibt es dieses Recht vielleicht nicht. Aber ich finde, dass ist auf jeden Fall ein Punkt, über den man nachdenken sollte. Wohnraum ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr zum Objekt von Spekulationen geworden, dabei sind gerade die eigenen vier Wände für viele Menschen Heimat. Wer nicht zahlen kann, verliert automatisch den Anspruch auf sein vertrautes Umfeld. Eine Gesellschaft kann aber nur funktionieren, wenn Menschen aus allen Milieus daran teilhaben können.


Was ist Ihnen wichtig, um sich irgendwo „heimisch" zu fühlen?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Es ist so ein Gefühl, das sich einstellt, wenn ich nach Hause komme.

© Riemann Verlag, Elke Kreil