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100. Todestag von Alois Alzheimer

Michael Jürgs zum 100. Todestag Alois Alzheimers am 19. Dezember 1915



Am Haus, in dem Alois Alzheimer vor hundert Jahren am 19. Dezember 1915 gestorben ist. Auenstraße 42 in Wroclaw, hundert Meter neben dem rotgeziegelten Krankenhaus, schräg gegenüber der Kirche zu Ehren des heiligen Laurentius, ist eine Tafel zum Gedenken an den »großen Wissenschaftler, Pathologen, Psychiater« angebracht. Auf der anderen Straßenseite stehen dick vermummte Frauen, die für ein paar Zloty Blumen verkaufen.
Falls er in München geblieben wäre, statt den Ruf an die Universität Breslau anzunehmen, hätte er wohl länger gelebt. Denn beim Umzug hierher brach die Krankheit aus, an deren Folgen er, erst feinundfünfzig Jahre alt, sterben würde. Es fing an mit einer eitrigen Halsentzündung, aber da die nicht sofort und richtig bekämpft wurde – und womit auch? –, schlug ihm der Abszess aufs Herz. Manche meinten, daß er sich diese Tonsillitis schon vorher in München geholt haben könnte, andererseits wäre da eine Behandlung in vertrauter Umgebung und von entsprechenden Fachkollegen erfolgreich gewesen. Er kommt auf jeden Fall krank an in der fremden Stadt. Vom Bahnhof in Breslau aus ist er zu einer Untersuchung ins Südsanatorium gefahren oder ins Prinz-Heinrich-Sanatorium in der Viktoriastraße 107. Das ist nicht mehr zu recherchieren, als ich auf Alzheimers Spuren Wroclaw erreiche. Haben sie ihn gleich dabehalten? Hat er wegen seiner akuten Erkrankung statt wie geplant am 15. August 1912 deshalb erst später mit der Arbeit beginnen können? Oder hat er nur korrekterweise warten wollen, bis seine »ganz ergebenste Bitte« um Entlassung aus dem Dienst in München von Prinzregent Luitpold auch offiziell genehmigt war? Am 22. August trifft die Benachrichtigung in Breslau ein.

Wahrscheinlich hat Alzheimer als Folge der ursprünglichen Infektion an einer dann chronischen Entzündung der Herz-Innenhaut gelitten, einer Endokarditis lenta, ausgelöst durch Bakterien. Die verläuft schubweise, manchmal behindert sie den Patienten lange nicht, dann wieder gibt es Anfälle von Fieber und Mattigkeit. Mit Penicillin hätte er geheilt werden können, aber es war noch nicht erfunden.
Ein Kuraufenthalt zu Beginn der Semesterferien nach anstrengenden Sitzungen der psychiatrisch-neurologischen Vereinigung von Breslau scheint kaum Besserung gebracht zu haben. Der unangreifbare große starke Mann wirkt schwach, müde, zerschlagen. Das gehört zum Krankheitsbild, das könnte aus dem Lehrbuch stammen. Er empfindet seinen Zustand als lästig und klagt Vertrauten, dass er ausgerechnet jetzt, da er endlich eine Klinik leiten darf, selbst zum Patienten wird. Obwohl er fühlte, daß »seine Körperkraft gebrochen« war, hatte er sich keine Pause erlaubt und unermüdlich weitergearbeitet bis zum Beginn der Kur. Die dauert mehrere Wochen, und so lange war Alzheimer seit Jahren nicht fern eines Labors, zuletzt wohl bei der Hochzeitsreise mit seiner so geliebten Frau Cäcilia einst nach Italien. Sein Freund Franz Nissl besuchte ihn in Wiesbaden, wo sich Alzheimer wegen seiner Herzbeschwerden behandeln ließ. Tranken sie sich, gaudeamus igitur, die alten Zeiten jung? Es war ihre letzte Begegnung.
Er weiß um die Art seiner Krankheit, die nur scheinbar für eine Zeitlang verschwindet, um dann im nächsten Schub um so stärker auszubrechen. Der unbestechliche Diagnostiker ist auch in der Selbstanalyse unbestechlich, ahnt wahrscheinlich, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben wird. Er kam nicht mehr dazu, sich um die Krankheiten von anderen zu kümmern, die eigenen hatten ihn immer fester im Griff, umklammerten ihn buchstäblich so – denn Atemnot gehört zu den Symptomen –, daß ihm langsam die Luft wegblieb.

An eine normale Lehrtätigkeit, an den normalen Alltag in der Klinik ist nicht mehr zu denken. Alzheimer läßt sich beurlauben, er liegt zu Hause in der Auenstraße. Sein Sohn Hans, der an der Front in Flandern kämpft, bekommt Mitte Dezember 1915 vierzehn Tage Urlaub, um noch einmal seinen Vater zu sehen. Hans ist neunzehn und bei der Kavallerie. Einen letzten Rat habe ihm der Todkranke erteilt, erzählt er Jahrzehnte später seiner Tochter Ilse, Landwirtschaft solle er studieren und sich einen Hof kaufen. Geld dafür sei genug da. Schwiegersohn Georg Stertz, ebenfalls an der Front, bekommt wie der Sohn die Erlaubnis, noch einmal nach Breslau zu fahren, um Alzheimer zu sehen. Nach dessen Tod muß er nicht mehr zurück in den Krieg, er wird kommissarisch die Klinik leiten, bis der Nachfolger sein Amt antritt.

Auch Stertz ahnt, dass es für den Schwerkranken keine Chance auf Gesundung mehr gibt. Er kann dem leidenden Chef nur ein wenig Erleichterung verschaffen, wie er in einem Brief schreibt. Heisst diese Erleichterung Morphium, dessen Wirkung Alzheimer natürlich bekannt ist? In der letzten Woche seines Lebens bekommt Alzheimer jedenfalls nur noch wenig mit von dem, was um ihn herum passiert, auch das weiss man durch entsprechende Erzählungen von Stertz. Er befindet sich am Schluss in einem urämischen Koma, was bedeutet: Nierenversagen, Harnvergiftung, Atemnot, Herzinsuffizienz. Am 19. Dezember 1915, kurz nach ein Uhr morgens am gerade beginnenden 4. Adventssonntag, hört sein Herz auf zu schlagen, und Alois Alzheimer, 51 Jahre alt, stirbt. An seinem Totenbett wachen seine beiden Töchter Maria und Gertrud, sein Sohn Hans, seine Schwester Elisabeth, sein Schwiegersohn Georg Stertz.
Einen Tag später, am 20. Dezember 1915, berichtet der Kurator der Breslauer Universität dem Herrn Minister in Berlin, dass der ordentliche Professor Dr. Alois Alzheimer am 19.d.Mts früh 1 Uhr 20 verstorben sei und verfällt dann ins übliche Amtsdeutsch, denn alles muß zunächst seine Ordnung haben: »Das unter 15.d.Mts. vollzogene Patent über Verleihung des Charakters als Geheimer Medizinalrat an ihn, das mir Eure Exzellenz unterm 17.d.Mts. U.! 12007 – hier eingegangen am 19.d.Mts. – übersandt hat, habe ich dem Genannten nicht mehr aushändigen können. Dem Runderlaß vom 5. August 1905 – B No 1493 – entsprechend habe ich das Patent den Hinterbliebenen als Andenken zugestellt.« Diese Ernennung zum Geheimen Medizinalrat ist nur noch für die Höhe der seinen Kindern zustehenden Waisenrente von Bedeutung.

Alois Alzheimer wird am Tag vor Heiligabend in Frankfurt auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Er hatte rechtzeitig und noch klaren Kopfes verfügt, per Eisenbahn solle der Sarg unmittelbar nach seinem Tod zu seiner Frau Cäcilia gebracht und neben ihr, der Liebe seines Lebens, bestattet werden. »Dem Wunsche des Verstorbenen entsprechend ist von jeder Trauerfeierlichkeit und Begleitung zum Bahnhof abgesehen worden«, vermeldet der Breslauer Generalanzeiger, als er vom Ableben Alzheimers berichtet. Die Traueranzeige der Familie in derselben Ausgabe: »Heute nacht entschlief sanft nach langem, schweren Leiden unser lieber Vater, Schwiegervater und Bruder Alois Alzheimer. Die tieftrauernden Hinterbliebenen. Beisetzung Frankfurt. Blumen dankend abgelehnt.«
Die Kollegen von der Fakultät preisen die »gewinnende Art seiner ungewöhnlich sympathischen Persönlichkeit«, der Senat der Universität beklagt, das »unglückliche Heer der durch Irrsinn und Nervenkrankheiten zerrütteten Menschen« verliere einen »väterlich besorgten und geschickten Pfleger«, das Klinikpersonal betrauert seinen »hochverehrten Chef«. Der Generaloberst vom Festungslazarett läßt Alzheimer im Stil der Zeit abtreten: »Schon zu Beginn des Krieges hat sich der Verstorbene mit seiner ganzen Kraft dem Vaterland zur Verfügung gestellt.«

Das wissenschaftliche Lebenswerk ist ein »Ruhmesblatt für die deutsche Wissenschaft, verkündet sein ehemaliger Chef, der Münchner Psychiater Emil Kraepelin, dem kein anderes Volk «ähnliches an die Seite« zu stellen hat.« Was Alzheimer unter den gegebenen Umständen in einem »vorzeitig abgeschlossenen Leben geschaffen hat, verdient höchste Bewunderung, es sind die sicheren Grundlagen einer pathologischen Anatomie der Geistesstörungen, die zukünftige Geschlechter nur auszubauen haben werden«.
Walther Spielmeyer, Nachfolger Alzheimers im Neuropathologischen Labor in München, ist erschüttert, ein Wort des Trostes beim Tode Alzheimers kann er nicht finden. Mit vergeblich geöffneten Händen stünden er und seine Kollegen da, die noch viel von Alzheimer hätten erfahren können. »Das Hauptverdienst, das Alzheimer sich um die Förderung der Psychiatrie erworben hat, ist das, dass er uns die Anatomie bestimmter Krankheiten lehrte und damit die Grundlagen schuf zur schärferen Begriffsbestimmung dieser Prozesse.« Er benutzt Goethe für geradezu anrührende Abschiedssätze: »Wir bitten Gott, heißt es in Wilhelm Meister, um einen reinen Sinn und ein großes Herz. Diese Gnade gab ihm das Schicksal, das doch so hart war, ihn allzufrüh von uns zu reißen.«
Max Lewandowsky, gemeinsam mit Alzheimer Herausgeber der wichtigen Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie behauptet gar, einen »besseren Mann« als Alois Alzheimer habe die Wissenschaft nie verloren, und begründet dies so: »Nissl und Alzheimer haben die Histologie der Geisteskrankheiten erst geschaffen, haben ihr neue Grundlagen gelegt an Stelle der alten, die dürftig und morsch waren. Wie ein immer stärker und höher wachsender Baum hatte sich Alzheimer immer tiefer und weiter in das Erdreich seiner Wissenschaft eingebohrt, Schaffenstrieb und Erträgnis hatten die Höhe noch nicht überschritten, als die Krankheit begann, sein Leben zu zerstören.«

Auszug aus Michael Jürgs' "Alzheimer"

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Michael Jürgs

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