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SPECIAL zu Adam Zamoyski »Chopin«

»Hut ab, Ihr Herren, ein Genie«

Von Carsten Hansen

Als Robert Schumann in einer Leipziger Musikalienhandlung 1831 die Noten zu Chopins Variationen über »Là ci darem la mano« kaufte, hatte er den Namen des 21 Jahre alten polnischen Komponisten noch nie gehört. Nachdem er anschließend über zwei Monate lang versucht hatte, das Stück in den Griff zu kriegen, war er sicher, dass es sich um etwas ganz und gar Außergewöhnliches handeln musste, und fällte schließlich sein berühmt gewordenes Urteil: »Hut ab, Ihr Herren, ein Genie!«
Zum 200. Geburtstag hat der Historiker Adam Zamoyski nun eine umfangreiche Biografie verfasst, die nicht nur um dieses – heute unumstrittene – Genie kreist, sondern auch den Menschen Chopin und seine charakterliche Entwicklung beleuchtet.


Wider die Legendenbildung
Der Autor weiß um die Schwierigkeiten, mit denen ein Biograf Chopins zu tun hat, und weist bereits auf den ersten Seiten darauf hin, wie verschlossen und zurückhaltend der weltberühmte Komponist Zeit seines Lebens war. Chopin führte kein Tagebuch, schrieb keine Memoiren und hinterließ weder Witwe noch Nachkommen, die sein Bild hätten prägen können. Das hätten stattdessen »weitläufige Bekannte« übernommen, die Tatsachen verfälscht oder Beschreibungen in ihrem Sinne vorgenommen hätten. Zamoyski bemüht sich um ein von solchen Verfälschungen bereinigtes Porträt und stützt sich dabei auf die umfangreiche Sekundärliteratur, auf Briefe und die neuesten Forschungsergebnisse nicht zuletzt aus der Geschichtswissenschaft.

Ganz eigene Spielweise
Zu Beginn seines eindrucksvollen Buches beschreibt Zamoyski den jungen Frédéric Chopin als ein »Talent in Fesseln«. Wenn er auch mit dem Mythos des todkranken Kindes aufräumt, so streicht er doch heraus, wie schwach Chopins Konstitution und wie groß die Anfälligkeit für körperliche Leiden waren. Chopin, geboren 1810 in der Nähe von Warschau, war wie die meisten großen Komponisten ein Wunderkind. Im Alter von vier Jahren wurde er von seiner Mutter ans Klavier herangeführt, mit sechs improvisierte er bereits, komponierte einfache Melodien und erhielt zum ersten Mal ordentlichen Klavierunterricht.
Zamoyski beschreibt es als Segen, dass sein erster Lehrer Adalbert Zywny, ein Freund des Vaters, nicht in Chopins Technik eingriff, sondern ihn vielmehr mit großer Musik vertraut machte und ihm die Theorie hinter den verschiedenen Kompositionen erklärte. Durch diesen eher unorthodoxen Unterrichtsstil hatte Chopin seine ganz eigene Spielweise entwickeln können.

Souverän in der Öffentlichkeit – unsicher im Innersten
Bereits als Achtjähriger wurde Chopin mehrmals zum Vorspielen in das Schloss Belvedere geladen, die Residenz von Großfürst Konstantin, des Bruders des Zaren Alexander. 1825 spielte er gar für Alexander selbst und wurde dafür mit einem Diamantring beschenkt. Zamoyski beschreibt Chopins Anfänge recht ausführlich, dienen sie ihm doch als Beleg dafür, wie früh der Musiker zwischen der behüteten Atmosphäre des bürgerlichen Elternhauses und den eleganten Kreisen der hohen Gesellschaft »pendelte«. Dank perfekter Umgangsformen sollte es Chopin Zeit seines Lebens leicht fallen, sich ungezwungen in jedem beliebigen Salon zu bewegen. In seinem Inneren sah es jedoch anders aus: Chopin war unsicher und hielt seine Kompositionen zunächst nicht selten für »blödsinniges Zeug« und » schwerfällige langweilige Dinger«, wie er einem engen Freund schreibt.

Weggefährten und Vorbilder
Seinen großen Durchbruch erlebt Chopin nach Stationen in Berlin und Wien schließlich in Paris. Hier fühlt er sich zum ersten Mal wirklich wohl, hier feiert er seine großen Erfolge, hier kann er sich vor Schülern kaum retten und ist auch finanziell erfolgreich. Zudem verkehrt er mit vielen berühmten Künstlern und Persönlichkeiten, so Franz von Liszt, Hector Louis Berlioz, Honoré de Balzac oder Heinrich Heine. Er schätzte wie nur wenige seiner Zeitgenossen Johann Sebastian Bach und wurde von ihm, Mozart, Haydn und dem Belcanto der italienischen Oper ebenso beeinflusst wie von den frühen Romantikern um Johann Nepomuk Hummel, John Field und Carl Maria von Weber.

Zartes Genie
So groß Chopins Erfolge waren, so geheimnisvoll blieb doch seine Persönlichkeit, was natürlich die spätere Legendenbildung beförderte. Zamoyski zitiert viele Zeitgenossen, die von Chopin gleichermaßen begeistert wie irritiert waren. »Allen fiel seine extreme Zurückhaltung auf, manche fühlten sich sogar von ihr abgestoßen, und Liszt fasste den allgemeinen Eindruck in Worte, als er schrieb: 'Bereit, alles zu geben, gab er sich selbst jedoch nicht.'« Der unkonventionellen Schriftstellerin George Sand, mit der Chopin ein fast zehn Jahre währendes Verhältnis hatte, hat er sich sicherlich auf seine Art geöffnet. Zamoyskis hält sich jedoch hier wie auch sonst in seiner klugen Biografie mit Urteilen weitgehend zurück. Er schildert Chopin als Menschen und Musiker, der lebenslang zwischen Gesundheit und Krankheit existierte, der scheu und empfindsam war, so revolutionär er auch die Musik veränderte. Ihm gelingt nicht weniger, als ein dichtes Porträt dieses Genies, das Chopinkenner ebenso wie mit seiner Musik unvertraute Leser begeistern dürfte.

Carsten Hansen
(Literaturtest)
Berlin, Februar 2010