Header zu Alexander von Humboldt, Buch der Begegnungen

SPECIAL zu Alexander von Humboldt - Naturforscher und Universalgelehrter

Horst Lauinger im Gespräch mit dem Herausgeber Ottmar Ette

Lieber Herr Professor Ette, kaum jemand kennt Alexander von Humboldt besser als Sie. Was fasziniert Sie nach Jahrzehnten intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung am meisten an dieser überragenden Persönlichkeit?

«Seine ungeheure Integrität. Seine Unvoreingenommenheit. Sein rastloses Denken. Vor allem aber, dass er die Courage aufbringt, sich durch Anschauung und Überlegung von gängigen Vorurteilen zu emanzipieren.»

Was ist nun für Leser das Besondere und Überraschende am «Buch der Begegnungen»?

«Wir lernen Humboldt von einer ganz neuen, von einer sehr menschlichen und persönlichen Seite kennen: in seiner durch und durch humanen Gesinnung, seinem tiefen Respekt vor allem Fremden. Im ‹Buch der Begegnungen› erleben wir nicht einen kühlen Naturforscher, sondern einen warmherzigen, mitfühlenden Menschen, durchdrungen von einem universellen Ethos.»

Und welchen Menschen begegnet er auf seinen Expeditionen in die «Palmenwelt»?

«Allen möglichen! Alexander von Humboldt war ein kommunikatives Multitalent. Wie ein Held im spanischen Schelmenroman gelingt es ihm, mit Vizekönigen wie mit Sklaven, mit Haçenderos wie mit Kreolen, mit Hofdamen wie mit Indianerinnen, mit katalanischen Missionaren wie mit der indigenen Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Mit allen fand er eine gemeinsame Sprache.»

Das heißt, er kam nicht als allwissender Übermensch daher, sondern als Suchender mit einem echten, vitalen Interesse an fremden Individuen, Völkern und Kulturen?

«Wir können miterleben, wie Humboldt seine ursprünglich noch von europäischem Überlegenheitsdenken geprägten Ideen revidiert und im Verlauf der Reise immer größeren Respekt vor den indigenen Kulturen empfindet. Liest man ‹Das Buch der Begegnungen›, so sieht man, wie sich Humboldts Sicht von der ‹Neuen Welt› Stück für Stück veränderte, ja revolutionierte.»

Worin genau bestand schließlich das Revolutionäre an Humboldts neuer Weltanschauung?

«Humboldt wird immer mehr zum Anwalt der amerikanischen Ureinwohner und zum scharfen Kritiker Europas, dessen ‹Herrenkultur› als die eigentliche Barbarei erscheint. Ganz unverhohlen spricht er von der ‹Tyrannei der weißen Kaste›, von der ‹europäischen Canaille›, vom ‹despotischen Mönchsregiment›, ja von der ‹Unmoral jeder Kolonialregierung›. Auch der Kampf gegen die Sklaverei war für ihn eine Herzensangelegenheit.»

Aber hat Alexander von Humboldt uns auch im 21. Jahrhundert noch irgendetwas zu sagen?

«Humboldts amerikanisch-europäische Blickwechsel erlauben auch eine Fülle von Begegnungen mit uns selbst. Mit seinen Vorstellungen ist er noch heute all jenen voraus, die von einem ‹Dialog der Kulturen› sprechen, der nach dem Muster ‹Wir und die anderen› oder ‹The West and the rest› abläuft. Es gibt vieles, was wir heute von ihm lernen können, ja endlich lernen müssen.»

Er sei der «strahlendste und mutigste und sanfteste Held, den Deutschland je hervorgebracht hat», stand vor einiger Zeit im SPIEGEL zu lesen. Sehen auch Sie in Humboldt «einen Mutmacher-Deutschen» in düsteren Zeiten?

«Mit unermüdlicher Energie wendet sich Alexander von Humboldt gegen alle Formen von Ungerechtigkeit. Ja, sein couragiertes Eintreten gegen landläufige Denkfaulheiten, Ressentiments und Vorurteile macht tatsächlich eine Menge Mut.»

Ottmar Ette (*1956), Romanistik- und Komparatistik-Professor an der Universität Potsdam, hat sich als Herausgeber diverser Humboldt-Editionen einen Namen gemacht. Seit 2014 leitet er das Forschungsprojekt «Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher».

Das Buch der Begegnungen

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