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Seit einer Woche hält sie durch. Eine Woche schon ist Adèle standhaft geblieben. Vernünftig. In vier Tagen ist sie zweiunddreißig Kilometer gerannt. Von Pigalle bis zu den Champs-Élysées, vom Musée d’Orsay bis nach Bercy. Morgens an den verlassenen Seineufern. Abends auf dem Boulevard Rochechouart und der Place de Clichy. Sie hat keinen Alkohol getrunken und ist früh ins Bett gegangen.
Aber heute Nacht hat sie davon geträumt und konnte nicht mehr einschlafen. Ein lustvoller, endlos langer Traum, der wie ein heißer Lufthauch in sie eingedrungen ist. Seitdem kann Adèle an nichts anderes mehr denken. Sie steht auf und trinkt einen starken Kaffee. In der Wohnung ist es still. Allein in der Küche tritt sie von einem Fuß auf den anderen und raucht eine Zigarette. Unter der Dusche würde sie sich am liebsten die Fingernägel in die Haut bohren, sich entzweireißen. Sie schlägt die Stirn gegen die Wand. Sie will, dass man sie packt, dass ihr Kopf gegen die Scheibe prallt. Sobald sie die Augen schließt, hört sie die Geräusche: das Stöhnen, die Schreie, das Klatschen der Körper. Ein nackter, keuchender Mann, eine Frau, die kommt. Sie will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein. Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haar verschlungen werden. Sie will in die Brust gekniffen, in den Bauch gebissen werden. Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.
Sie weckt niemanden auf. Im Dunkeln zieht sie sich an und sagt nicht Auf Wiedersehen. Sie ist zu nervös, um wem auch immer zuzulächeln und ein morgendliches Gespräch zu beginnen. Adèle verlässt die Wohnung und läuft durch die leeren Straßen. Mit gesenktem Kopf geht sie die Stufen zur Métrostation Jules Joffrin hinunter. Ihr ist übel. Auf dem Bahnsteig rennt eine Maus über ihre Stiefelspitze und lässt sie zusammenfahren. Im Waggon der Métro sieht Adèle sich um. Ein Mann in einem billigen Anzug beobachtet sie. Seine Schuhe sind ungeputzt, seine Hände behaart. Er ist hässlich. Er könnte der Richtige sein. Genauso wie der Student, der seine Freundin umschlungen hält und ihr Küsse auf den Hals drückt. Genauso wie der Fünfzigjährige, der an die Scheibe gelehnt dasteht und liest, ohne zu ihr aufzusehen.
Auf dem Platz ihr gegenüber liegt eine Zeitung vom Vortag. Sie nimmt sie und blättert darin. Die Überschriften verschwimmen vor ihren Augen, sie kann sich nicht konzentrieren. Entnervt legt sie die Zeitung weg. Sie muss hier raus. Ihr Herz rast, sie bekommt keine Luft mehr. Adèle bindet ihren Schal auf, lässt ihn über ihren schweißnassen Hals gleiten und legt ihn auf den leeren Sitz neben sich. Sie steht auf, öffnet ihren Mantel. Mit zitternden Beinen verharrt sie an der Tür, die Hand am Griff, bereit zu springen.
Sie hat das Telefon vergessen. Sie setzt sich wieder, wühlt in ihrer Handtasche, lässt eine Puderdose fallen, einen BH-Träger heraus, in dem sich ihre Kopfhörer verheddert haben. Wie unvorsichtig, denkt sie. Sie kann das Handy auf gar keinen Fall vergessen haben. Wenn, dann muss sie wieder nach Hause fahren, eine Ausrede erfinden, sich irgendwas überlegen. Aber nein, da ist es. Es war die ganze Zeit da, sie hat es nur nicht gesehen. Sie räumt die Sachen wieder ein. Sie hat das Gefühl, dass alle sie anschauen. Dass der ganze Wagen sich über ihre Panik lustig macht, ihre glühend roten Wangen. Sie öffnet das kleine Klapphandy und lacht, als sie den ersten Namen sieht.
Adam.
Jetzt ist ohnehin nichts mehr zu retten. Ihr Verlangen lässt sie rückfällig werden. Der Damm ist gebrochen. Was nützt es da noch, sich weiter zusammenzureißen. Davon wird das Leben nicht besser. Ihre Logik ist jetzt die einer Opiumsüchtigen, einer Spielerin. Sie ist so zufrieden, der Versuchung ein paar Tage widerstanden zu haben, dass sie deren Gefahren längst vergessen hat. Sie erhebt sich, zieht an dem klebrigen Hebel, die Tür geht auf. Métrostation Madeleine.
Sie kämpft sich durch die Menge am Bahnsteig, die wie eine Woge auf sie zurollt, um sich in die Waggons zu ergießen. Adèle sucht den Ausgang. Boulevard des Capucines. Sie beginnt zu rennen. Mach, dass er da ist, mach, dass er da ist. Vor den Schaufenstern der Kaufhäuser überlegt sie, es sein zu lassen. Sie könnte hier wieder in die Métro steigen, die Linie 9 würde sie direkt ins Büro bringen, pünktlich zur Redaktionssitzung. Sie umkreist den Eingang zur Métro, zündet sich eine Zigarette an. Sie hält die Handtasche fest an sich gedrückt. Eine rumänische Diebesbande hat sie erspäht. Die Frauen kommen auf sie zu, jede ein großes Tuch um den Kopf geschlungen, einen Bettelzettel in der Hand. Adèle beschleunigt ihren Schritt. Wie in Trance biegt sie in die Rue La Fayette ein, geht in die falsche Richtung, kehrt wieder um. Rue Bleue. Sie gibt den Türcode ein und betritt das Gebäude, stürmt die Treppe in den zweiten Stock hoch und klopft an die schwere Tür.
»Adèle …« Adam lächelt, die Augen vom Schlaf verquollen. Er ist nackt.
»Sag nichts.« Adèle zieht ihren Mantel aus und stürzt sich auf ihn. »Bitte.«
»Du hättest anrufen können … Es ist noch nicht mal acht …«
Adèle ist bereits nackt. Sie zerkratzt seinen Hals, zieht ihn an den Haaren. Er schert sich nicht darum und wird geil. Er stößt sie von sich weg, ohrfeigt sie. Sie ergreift seinen Penis. An die Wand gestützt, spürt sie, wie er in sie eindringt. Die Beklemmung verfliegt. Sie empfindet wieder etwas. Ihr Herz wird leichter, ihr Geist leer. Sie umklammert Adams Pobacken, drängt den Körper des Mannes zu heftigen, brutalen, immer schnelleren Bewegungen. Sie versucht, irgendwohin zu kommen, ein wütendes Verlangen packt sie. »Fester, fester«, schreit sie.
Sie kennt diesen Körper, und das stört sie. Es ist zu einfach, zu mechanisch. Ihr überraschendes Auftauchen genügt nicht, um dem Sex mit Adam noch einen Kick zu geben. Ihre Bewegungen sind weder sonderlich obszön noch sonderlich zärtlich. Sie legt Adams Hände auf ihre Brüste, versucht zu vergessen, dass er es ist. Sie schließt die Augen und stellt sich vor, dass er sie zwingt.
Er ist schon ganz woanders. Sein Kiefer verkrampft sich.
Er dreht sie um. Wie jedes Mal legt er seine rechte Hand auf Adèles Kopf, drückt ihn nach unten, packt mit der linken Hand ihre Hüfte. Er stößt heftig zu, stöhnt, kommt.
Adam lässt sich gerne von seiner Lust übermannen.
Adèle zieht sich wieder an und dreht ihm dabei den Rücken zu. Sie schämt sich, wenn er sie nackt sieht.
»Ich komme zu spät zur Arbeit. Ich ruf dich an.«
»Wie du willst«, antwortet Adam.
Er lehnt an der Küchentür und raucht eine Zigarette. Mit einer Hand berührt er das Präservativ, das von der Spitze seines Penis baumelt. Adèle vermeidet es, ihn anzusehen. »Ich kann meinen Schal nicht finden. Hast du ihn irgendwo gesehen? Ein grauer Kaschmirschal, ich hänge sehr daran.«
»Ich suche ihn. Ich gebe ihn dir nächstes Mal.«

Leïla Slimani
© © Patrice Normand/Opale/Leemage

Leïla Slimani

Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs. Slimani, 1981 in Rabat geboren, wuchs in Marokko auf und studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po. Ihre Bücher sind internationale Bestseller. Für den Roman »Dann schlaf auch du« wurde ihr der renommierte Prix Goncourt zuerkannt. »All das zu verlieren«, ebenfalls preisgekrönt, erscheint in 25 Ländern. In den Essaybänden »Sex und Lügen« und »Warum so viel Hass?« widmet Leïla Slimani sich dem Islam und dem Feminismus sowie dem zunehmenden Fanatismus. Seit 2017 ist Leïla Slimani offiziell Botschafterin für Frankophonie. Sie lebt mit ihrer Familie in Paris.

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