Als die Welt stehen blieb von Maja Lunde

Sie sind eine fünfköpfige Familie. Von nun an werden sie zu Hause sein. Alle zusammen. Jeden Tag.

SPIEGEL-Bestsellerautorin Maja Lunde führt uns zurück in jene Märztage, als die ganze Welt stehen blieb. Tage, die uns erschüttert haben und noch immer erschüttern. Die tiefe Risse hinterlassen haben in dem Glauben an unsere Unverletzbarkeit. Maja Lunde zeigt uns, was im Leben wirklich wichtig ist: die kleinen Dinge im menschlichen Miteinander.

Sie sind eine fünfköpfige Familie. Die Erwachsenen haben sich gerade gestritten, als die Nachricht vom Lockdown eintrifft: Von nun an werden sie zu Hause sein. Alle zusammen. Jeden Tag. Die Autorin Maja Lunde ist daran gewöhnt. Sie ist das Home Office gewöhnt. Aber nicht das Home Schooling. Sie hat große dystopische Romane geschrieben, aber sie hat nie in einer Dystopie gelebt. Doch jetzt ist die Pandemie da und die Familie muss eine neue Lebensweise finden. Wie geht so etwas?

Schließt die Schulen, bevor es zu spät ist...

Mittwoch, 11. März

Der Alarm schrillt. Eine Lautsprecherdurchsage fordert uns auf, das Gebäude zu verlassen, während die Bibliothekarin hektisch hin- und herläuft. Hören Sie nicht darauf, sagt sie, das ist ein Fehler, die Mitarbeiter haben jetzt Feierabend, aber Sie dürfen noch bleiben, heute gelten ja die verlängerten Öffnungszeiten. Doch die Stimme tönt weiter aus dem Lautsprecher. Die Bibliothek schließt in Kürze, bitte verlassen Sie das Gebäude. Nein, nein, wiederholt die Bibliothekarin und lächelt entschuldigend, ich weiß nicht, was los ist, die Anlage wird zentral gesteuert, Sie können einfach sitzen bleiben.

Ich sollte aber gehen. Der Jüngste kommt bald von der Nachmittagsbetreuung zurück, der Mittlere hat bestimmt wieder beim Spielen alles um sich herum vergessen und noch kein Mittagessen gehabt. Außerdem habe ich den ganzen Tag kein einziges Wort geschrieben. Ich springe von einem Dokument zum nächsten, von dem Theaterstück, das ich gerade schreibe, zu dem Roman, mit dem ich endlich anfangen will. Doch die Onlinemedien lenken mich ab, und selbst wenn ich am Laptop das Internet ausschalte, greife ich ständig nach meinem Handy. Ich kann es einfach nicht lassen, es ist zu einem Teil von mir geworden, wie eine Prothese. Nein, eine Nabelschnur … die mich mit Nährstoffen
versorgt, mit den Empfehlungen und Auflagen der Gesundheitsbehörde. Aber auch mit Angst.

Schließt die Schulen, schreiben Menschen in meinem Umfeld, schließt die Schulen, bevor es zu spät ist.

Ich chatte mit Freundinnen. Versuche ein bisschen zu scherzen. Will wissen, wie es den Menschen geht, die mir am Herzen liegen, und schicke Mitteilungen in die Familiengruppe, die aus meinem Vater, meiner Bonusmutter und meinen beiden Brüdern besteht, und unseren Partnerinnen und Partnern. Ich habe ein solches Bedürfnis, von ihnen zu hören. Vor allem von meinem jüngsten Bruder. Er hat vier Kinder. Die beiden Jüngsten sind Zwillinge. Um den kleineren der beiden machen wir uns Sorgen, seit er geboren ist. Er wird viel zu leicht krank. Er kann immer noch nicht laufen. Wir ängstigen uns um ihn, auch wenn wir es nicht laut aussprechen.

Während ich chatte, trudeln die Absagen ein. Abgesagt, abgesagt, abgesagt. Alle Veranstaltungen, die ich besuchen wollte, werden abgesagt, alles verschwindet. Und dann ertönt die Lautsprecherdurchsage ein weiteres Mal. Die Bibliothek leert sich. Das Handy ist schon ganz warm in meiner Hand. Mein Daumen schmerzt. Endlich klappe ich den Laptop zu, der längst in den Standby-Modus gesunken ist, und packe meine Tasche. Bitte verlassen Sie das Gebäude. Die Bücher werfen mich raus, denke ich, während die Schiebetüren hinter mir zugleiten.

Draußen weht ein kalter Wind, ich stapfe hastig bergauf nach Hause. Unterwegs rufe ich meinen Vater an. Er gehört zur Risikogruppe, ist 71 Jahre alt und hat Asthma. Er möchte in sein griechisches Ferienhaus, die Flugtickets sind schon gebucht, er will noch im März fliegen. Dorthin sehnt er sich in den langen, dunklen Wintermonaten, wenn er seine zehn Enkelkinder in Kindergärten und Horte bringt, wenn er laufende Nasen abwischt und dreckige Gummihosen reinigt. Mein Vater fährt nicht mal Ski, er denkt an nichts anderes als an das Haus dort unten, an die Insel, den Frühling, der so früh kommt. Und er freut sich. Du kannst nicht dorthin, sage ich. Lieber Papa, du kannst nicht dorthin,
allein der Gedanke macht mir schon Angst. Stell dir vor, du wirst dort krank. Ich sehe es schon vor mir, wie du da liegst, auf der Insel, krank und allein. Mal abwarten, erwidert Papa, mal abwarten.

Wir legen auf, und mein Finger sucht in den Kontakten nach meiner Mutter. Sie wird am Freitag siebzig. Auch sie gehört zur Risikogruppe, aufgrund ihres Alters und einer Vorerkrankung. Wir sprechen darüber, wie wir jetzt feiern sollen. Vielleicht können wir nicht ins Restaurant gehen, wie wir es eigentlich vorhatten. Wir müssen das Beste draus machen, sage ich, du wirst immerhin siebzig. Ja, erwidert sie, stell dir vor, ich werde siebzig, das ist so unwirklich, Maja.

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Maja Lunde
© Oda Berby

Maja Lundes bisher persönlichstes Buch

Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Ihr Roman "Die Geschichte der Bienen" wurde mit dem norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet und sorgte auch international für Furore. Das Buch wurde in 30 Länder verkauft, stand monatelang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und war der meistverkaufte Roman 2017. Zuletzt erschien der dritte Teil ihres literarischen Klimaquartetts, "Die Letzten ihrer Art".

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