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Amy Tan »Der Geist der Madame Chen«

SPECIAL zu Amy Tan »Der Geist der Madame Chen«

"Ich schreibe, um mich selbst zu provozieren"

Amy Tan über ihren Roman "Der Geist der Madame Chen"


Was hat Sie zu "Der Geist der Madame Chen" inspiriert?

Amy Tan: Eines der Hauptmotive des Romans ist die Frage, wie wir mit dem Leid anderer Menschen umgehen sollen. Durch meinen familiären Hintergrund bin ich geneigt, mir darüber Gedanken zu machen, ob wir Menschen eine Art "Bestimmung" haben: Trage ich gegenüber Menschen, die ich nicht persönlich kenne, eine Verantwortung? Meine tiefere Motivation, den "Geist des Madame Chen" zu schreiben, liegt in meiner Kindheit begraben. Sie wurde stärker, als ich älter wurde und die Welt als Ganzes mit ihren Komplexitäten wahrnahm. Diese Komplexität bereitete mir Unbehagen und Unbehagen ist für mich der beste Ausgangspunkt zum Schreiben eines Romans. Das Buch wird somit zur Suche nach einer Antwort, wo es keine richtige Antwort geben kann.

Die Erinnerungen und Erfahrungen Ihrer Familie gehören zu Ihren Lieblingsthemen. Ist das Schreiben für Sie eine Möglichkeit, sich von Ihrem Schmerz zu befreien?

Meine Phantasie wird in der Tat von den Erinnerungen und Erfahrungen meiner Familie beflügelt. Ich fange aber nicht an zu schreiben, um Schmerzen zu lindern. Das Schreiben kann vielmehr Schmerzen zum Vorschein bringen, die zuvor vergraben waren. Und wenn etwas niedergeschrieben ist, dann bedeutet das nicht, dass man von diesem Schmerz erlöst ist. Der Schmerz wurde eher verwandelt. Wenn ich Erinnerungen in Geschichten einbaue, befähigt mich das, Teile meines Lebens zu begreifen, die mir vorher verwirrend und chaotisch erschienen. Ich kann so etwas wie eine Bedeutung finden, eine Bedeutung, die sehr persönlich ist und die ich auch nicht an den Leser weitergebe.

Anders als in ihren bisherigen Büchern geht es diesmal nicht um eine Mutter-Tochter-Beziehung. War es eine bewusste Entscheidung, ein anderes Grundthema zu wählen?

Mein letztes Buch habe ich rund sechs Monate nach dem Tod meiner Mutter beendet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich vorwiegend über Mütter und Töchter geschrieben, weil meine eigene schwierige Beziehung zu meiner Mutter einen Großteil meiner Gedanken und meines Lebens bestimmte. Doch zum Ende ihres Lebens wurde die Beziehung zu meiner Mutter immer besser und ich hatte nicht mehr das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Autoren schreiben ja eh lieber über schwierige als über einfache Themen.

Ihr fünftes Buch ist eine Geistergeschichte. Geister kommen in Ihren Büchern häufig vor. Welchen Einfluss haben Geister auf Sie als Schriftstellerin?

In meiner Kindheit gab es zwei Arten von Geistern. Bei meinem Vater war es der Heilige Geist, denn neben seinem Beruf als Elektroingenieur war er auch Baptistenpriester. Anders als mein Vater war meine Mutter Pragmatikerin: In Augenblicken der Not oder Angst bediente sie sich einfach jenes Glaubens, von dem sie sich in diesem Moment am meisten versprach. Daher glaubte sie auch an andere Geister als den Heiligen Geist - etwa an die Geister ihrer Vorfahren, ihrer Mutter und auch an die Geister meines Vaters und meines Bruders nach deren Tod. Ich wuchs also mit dem Gefühl auf, dass es unter uns Wesen gibt, die auf unser Leben Einfluss ausüben. Heute sehe ich Geister mehr als spirituelle Vorstellung davon, dass wir als Menschen Teil eines größeren, gemeinsamen Bewusstseins sind.

Sie sind Amerikanerin, aber sie haben chinesische Wurzeln. Möchten Sie durch ihre Tätigkeit als Autorin diese Doppelkultur ins Gleichgewicht bringen?

Von meiner Herkunft her bin ich Chinesin, meine Wahrnehmungen als Schriftstellerin sind hingegen amerikanisch. Ich wurde mit westlicher Literatur groß. Ich bin auch insofern amerikanisch, als dass ich nicht so sehr vom Glauben ans Schicksal regiert werde, sondern von dem an freie Wahl und Selbstbestimmung. Die Geschichten, die ich schreibe, wollen kein Gleichgewicht zwischen den beiden Kulturen herstellen. Sie wollen lediglich das Verständnis dafür wecken, dass Unterschiede existieren und dass manche Konflikte auf unterschiedlichen Intentionen, Erwartungen, Bedürfnissen und Hoffnungen beruhen.

Asien spielt in Ihren Romanen eine sehr wichtige Rolle. Warum sind Ihrer Meinung nach Leser und Leserinnen in aller Welt so interessiert an asiatischer Literatur?

China hält mit seiner alten und kontinuierlichen Geschichte eine Unmenge an Fabeln, Mythen, Verlockungen und Geheimnissen bereit. Gleichzeitig haben sich die Geschichten und Bücher chinesischer Autoren verändert. Früher wurden sie von westlichen Lesern als steif und gekünstelt wahrgenommen. Heute sind es eher persönliche Erzählungen emotionale Geschichten. Die Hauptursache des Interesses an asiatischer Literatur ist meiner Meinung nach, dass einfach viel mehr asiatische Schriftsteller in andere Sprachen übersetzt werden. Die Leser sind froh darüber, dass ihnen diese Stimmen Geschichten erzählen. Und abgesehen von den kulturellen Unterschieden entdecken sie dabei, dass diese Geschichten auch die ihren sind.

In der Kritik heißt es, "Der Geist der Madame Chen" sei ein provokantes Buch. Finden Sie das auch?

Ich freue mich, dass die Kritik das Buch für provokant hält. Ich schreibe, um mich selbst zu provozieren. Mein erstes Buch begann damit, dass die Mutter der Erzählerin tot ist. Wirklich niederzuschreiben, "Meine Mutter ist tot", provoziert. Besonders dann, wenn die echte Mutter noch gar nicht tot ist. "Der Geist der Madame Chen" provoziert, indem das Buch untersucht, wie wir anderen Gutes tun können, wenn wir nicht wissen, wozu dieses "Gute" führt.

"Der Geist der Madame Chen" ist ein lustiges Buch, auch wenn es gleichzeitig um eine ernste Angelegenheit geht. Ist das Leben für Sie auch so: Spaß und Ernst zugleich?

Wenn ich die Geschichte düster und grausam geschildert hätte, dann wäre ich didaktisch gewesen. Ich glaube, ich würde mich und meine Leser langweilen, wenn ich ernsthafte und didaktische Texte schreiben würde. Wir alle wissen, was "der richtige Weg" ist, über etwas zu denken oder etwas zu tun. Humor dagegen ist gleichzeitig verführerisch und subversiv. Er kann die Launen der menschlichen Natur herausarbeiten, ohne zu sehr zu werten oder herablassend zu wirken.

Ihre Werke sind in sechsunddreißig Sprachen übersetzt worden. Ist es schwierig, eine Bestsellerautorin zu sein?

Es überrascht mich und macht mir gleichzeitig Angst, dass es meine Bücher in so vielen Sprachen gibt. Es kommt mir vor, als wären die Figuren meiner Bücher in all diese Länder gereist und sprächen jetzt diese Sprachen und hätten ein Leben jenseits dessen, was ich mir für sie ausgedacht habe. Das Schwierigste für mich ist, authentisch und ehrlich zu schreiben. Ich versuche, eine Wahrheit zu finden und nicht der Versuchung zu erliegen, das zu schreiben, was ich für die Wünsche der Leser halte. Letztendlich ist das nämlich gar nicht das, was die Leser wollen.

Danke, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch genommen haben.

Die Fragen stellte Janne Wissmann.

Mehr über die Autorin Amy Tan erfahren Sie unter www.amytan.net (engl.).