Von einer Frau, die Altes auftrennt, um einen neuen Anfang zu finden.

Tag für Tag sitzt die Schneiderin Jolanda Hansen in ihrem Atelier und ändert Kleider. »Zweimal Langarm mit Manschette« steht im Auftragsbuch, dessen hintere Seiten für Dinge reserviert sind, die Jolie niemals aussprechen würde. Versteckte Wahrheiten über ihre Kunden zum Beispiel. Und Fragen zu Franz, ihrem großen Bruder, der mit siebzehn von einem Badeausflug nicht zurückkam.
Als Jolie zum achtzigsten Geburtstag der Eltern eine große Familienfeier vorbereitet, kann sie das allgemeine Schweigen nicht mehr ertragen. Was, wenn Franz damals gar nicht ertrunken, sondern fortgegangen ist? Nach all den Jahren begibt sie sich auf die Suche, trennt ihr sauber umsäumtes Leben auf und findet viel Verborgenes.

Liebevoll ausgestattete Ausgabe mit Leinenrücken und Lesebändchen.

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Leseprobe

Das Paket macht ihr Angst. Seit ein paar Tagen liegt es auf dem Bücherregal. Sie hat sich noch nicht daran gewöhnt. Wenn sie das Zimmer betritt, schaut sie immer zuerst dorthin, als wäre das Paket ein Wesen, das sich demnächst bewegt. Natürlich weiß sie, dass es sich nicht bewegen wird. Es ist nicht größer als ein Buch, vielleicht eins über die Wüsten der Welt oder die Geschichte der Mode, in braunes Packpapier gewickelt und längs und quer zigfach verschnürt. So verzweifelt verschnürt, als dürfe das Paket niemals geöffnet werden. Sie will sich daran gewöhnen.
Bis zum Fest dauert es noch drei Monate. Inzwischen lächelt Mutter nicht mehr, wenn Jolie kommt.
Jolie kürzt die Hose von Herrn Fischbacher. Es ist eine neue Hose, sie riecht noch nicht nach Herrn Fischbacher, hat noch keine Sitzfalten. Er wird in dieser Hose an seinem Schreibtisch sitzen und Abhandlungen lesen, von denen Jolie nichts verstünde. Herr Fischbacher ist Baufachexperte. Die Simshöhe ihrer Fenster sei fragwürdig, hat er gesagt, als er die Hose brachte, »Ich bin Baufachexperte«. Jolie hat es ein paarmal nachgesagt, als er wieder draußen war. Was der Mensch alles sein kann.
Vor den Fenstern mit der fragwürdigen Simshöhe blüht die Linde. Deshalb lässt Jolie die Fenster zu. Vom Geruch der Blüten wird ihr ein bisschen übel. Sperma rieche so, hat jemand gesagt, aber Jolie kann sich nicht mehr an den Geruch von Adrians Sperma erinnern.
Eigentlich könnte Jolie ihr Atelier schließen. Sie braucht das bisschen Einkommen nicht, jetzt, wo Adrian reich ist. Das viele Geld, denkt sie manchmal. Hätte ich es früher gehabt, wäre ich vielleicht eine andere geworden, aber was solls. Ihr Atelier will sie nicht aufgeben. Hier ist sie mit dem Leben draußen verbunden. Herrn Fischbachers
Hosenaufschläge oder Frau Grünigs aufgetrennte Abnäher sind ihre Verbindungen zur Welt. Sie sitzt an ihrem großen Nähtisch, im grünen Lindensommerlicht, und die Menschen, die sie lieb hat und gern lieb gehabt hätte, sitzen mit ihr in diesem Licht, mal dieser, mal jener. Taggespenster sind es, und Jolie hat nichts gegen ihre Anwesenheit, sie weiß, dass sie artig verschwinden, sobald die Türglocke läutet.

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Angelika Waldis
© Peter von Felbert

Angelika Waldis

Angelika Waldis ist 1940 geboren und denkt immer noch, sie sei nicht alt. Sie ist in Luzern aufgewachsen, hat an der Universität Zürich eine Weile studiert (Anglistik/Germanistik), ist aber bald abgehauen in den Journalismus und in die Ehe mit ihrer ersten Liebe, dem Gestalter Otmar Bucher. Mit ihm hat sie einen Sohn, eine Tochter und eine Jugendzeitschrift gemacht. Heute hat sie drei Enkel sowie Freuden und Ängste beim Bücherschreiben. Ihr Roman »Aufräumen« (2013) war in der Schweiz ein Bestseller. Was sie häufig tut: in Gartenerde wühlen, mit Wörtern spielen, sich über dumme Zeitgenossen ärgern, neugieren und staunen.

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