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»Leben ist ein Geschenk. Man kann´s nur einmal auspacken«

Waldis, Angelika
© Peter von Felbert

Angelika Waldis im Interview über ihren Roman

Ich komme mit erzählt von einer außergewöhnlichen Freundschaft und einer großen Reise. Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrer Geschichte gekommen?

Ich habe eine Reportage gelesen über einen Jungen mit Hirntumor, der große Angst vor dem Sterben hatte, und ich habe mich gefragt, ob ich als dessen Großmutter den Mut zum Liebesdienst hätte aufbringen können, mit ihm in den Tod mitzugehen.

In Ihrem Buch finden sich Vita, 72 Jahre alt, seit fünf Jahren verwitwet, und Lazy, ein zwanzigjähriger Student, der keine Angehörigen mehr besitzt, aber eine Wohnung und ein Vermögen auf einer Schweizer Bank. Worin liegt für Sie der Reiz eines derart ungleichen Paares?


Im Allgemeinen sind Freundschaften eher üblich zwischen ähnlich Alten oder ähnlich Gebildeten oder ähnlich Begüterten oder ähnlich Gebeutelten … Dass hier zwei zueinander finden, denen kaum mehr gemeinsam ist als die Tatsache, dass sie ein Leben haben, das finde ich aufregend.

Sie erzählen Ihre Geschichte wechselweise aus der Sicht von Lazy und Vita. Welche Möglichkeiten bietet Ihnen dieser Perspektivwechsel?


Ich mag Geschichten, die aus der Perspektive der einzelnen Protagonisten erzählt werden und nicht sozusagen von oben, nämlich aus der „allwissenden“ Rundumsicht eines auktorialen Erzählers. Das Sichhineinversetzen mal in die eine, mal in den anderen ist reizvoll.

Welche Rolle spielt es, dass Vita und Lazy sich in früheren Jahren schon einmal begegnet sind?

Die kurze Begegnung ganz zu Anfang des Buchs – Lazy war noch ein Kind – hat nur den Zweck aufzuzeigen, dass die beiden mal weit voneinander entfernt waren und sich überhaupt nicht mochten. Ein Kniff der Autorin, mehr nicht.

Lazy ist todkrank und Vita lebensmüde. In dieser Situation beginnen sie ein Spiel, bei dem sie sich immer wieder Sätze zuwerfen, die ausdrücken, was Leben gerade für sie ist. „Leben ist Wärme im Hundeohr“, sagt Lazy beispielsweise und Vita darauf: „Leben ist Melodie erkennen im Summen des Kühlschranks“. Gibt es unter diesen Leben-ist-Sätzen einen, der Ihnen besonders gut gefällt?

Vielleicht der: „Leben ist ein Geschenk. Man kann’s nur einmal auspacken.“

In Ihrer Geschichte gibt es viele schräge, komische Momente. Welcher besondere Humor schwingt zwischen Vita und Lazy und ihrer Art, das Leben zu sehen?

Das wird wohl der Galgenhumor sein. Der kann sich aber, so glaub ich mal, nur entfalten bei Menschen, die für Witz empfänglich sind, und das sind die beiden. Sie mögen Sprachspiele, und sie sperren sich nicht gegen Situationskomik.

Sie sind 1940 geboren, haben im Alter von 63 Jahren Ihr literarisches Debüt, Tu nicht so, herausgebracht, und seither neun Bücher für Erwachsene und zwei für Kinder veröffentlicht. Hatten Sie schon lange vorher den Wunsch, Schriftstellerin zu werden?

Geschrieben habe ich immer. Als ich neun war, habe ich ein Weihnachtsspiel in Versform verfasst und mich dann sehr geschämt, als es die Lehrerin aufführen liess – ich war ein schüchternes Kind. Später bin ich manchmal als Redaktorin einer Jugendzeitschrift eingesprungen, wenn der Kurzgeschichtenautor den versprochenen Text nicht rechtzeitig lieferte. Aus einer Fortsetzungsgeschichte von damals ist dann mein erstes Buch entstanden: Tita und Leo, das 2000 mit dem Schweizerischen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde.

Als Autorin haben Sie zu einer ganz eigenen Sprache gefunden mit neuen, überraschenden Vergleichen und Bildern. Wenn jemand beispielsweise versucht, sich an etwas zu erinnern, „zupft“ er „an seinen Synapsen“. Notieren Sie stets spontane Einfälle, oder wie gelangen Sie zu Ihren Formulierungen?

Ja, wie mach ich das eigentlich beim Schreiben… Ich hab es auf meiner Website so zu formulieren versucht:
Ich bemühe mich, mir bei Geschwätzigkeit ins Wort zu fallen. Abgenutzte Redewendungen zu entsorgen. Begriffe nicht unbesehen zu verwenden. Bricht das Herz? Ist doch gar kein Knochen. Dastehen wie vom Blitz getroffen? Daliegen wär logischer. Der Koffer wartet aufs Abgeholtwerden? Nein, Koffer können nicht warten. Schreiben ist ein permanentes Quiz mit sich selbst: Wie überwintert ein Schmetterling? Googeln! Schreibt man Lilliput so? Dudeln! Ist Fingerbeere ein Helvetismus? Karlheinz fragen! Wie hört es sich an, wenn Wasser auf Wasser fällt? Ausprobieren! Eine gute Gelegenheit, kurz vom Computer abzuhauen, um dann mutig wiederzukommen in der Hoffnung, das bislang Geschriebene sei gut. Aber schon ist die Verunsicherung wieder da: Kann ich stehen lassen, dass der Himmel blaufingrig in die Hügel greift? Ja, warum nicht. Kann ich „geistige Verwirrung“ mit „Kabelsalat“ vergleichen? Nein, weg damit.

Lazy begibt sich im Roman auf mehrere Reisen, nach Marokko, ins Engadin und nach Mexiko. Vita hingegen träumt davon, nach Afrika zu fahren. Wieso führt die gemeinsame Reise, die Lazy und Vita 2015 unternehmen, sie schließlich an ein Ziel, das in der türkischen Grenzregion zu Syrien liegt?

Weil Lazy fasziniert ist vom Bild eines eingravierten Fuchses auf einer Stele,
zwölftausendjährig, in einer mesopotamischen Kultstätte. Das war ich auch mal und bin darum dahin gereist. Ich war aber auch in den anderen erwähnten Ländern und habe in diesem Buch einige eigene Eindrücke verwertet.

Lazy bezeichnet sich selbst als „unvergessbar“. Worin besteht als Autorin Ihre Vorliebe für diese schon zu Lebzeiten „Vergessenen“ der Gesellschaft?

Im Lauf der Geschichte muss Lazy sich sagen: „Neunundneunzig Prozent der Toten hat man vergessen. Nach meinem Tod wird mich niemand vergessen, weil jetzt schon niemand an mich denkt. Darum bin ich unvergesslich. Genauer: unvergessbar. Das ist doch auch was.“
Im Gegensatz zu gesunden jungen Menschen kann Lazy nicht mehr davon träumen, Leistungen zu erbringen, die ihn unvergesslich machen. Das ist traurig.
Ich habe jedoch als Autorin nicht unbedingt eine Vorliebe für die „Vergessenen“ der Gesellschaft. Ich kann mir auch vorstellen, über „Unvergessene“ zu schreiben: Über Menschen, die anderen Menschen unendlich viel bedeutet haben und sich nicht vergessen lassen. Oder über Menschen, die nach ihrem Verschwinden noch unangenehm spuken und die man gern vergessen würde.

Die zwei „Unvergessbaren“ gründen eine Art Wohngemeinschaft. Könnte diese Form des Zusammenlebens für Sie auch Modellcharakter haben?

Nein! Ich lebe seit 55 Jahren mit dem gleichen geliebten Mann zusammen. Entweder so – oder allein.

In Ich komme mit wird klar ausgedrückt, was das Leben für Lazy ist. Entspricht das der Quintessenz Ihrer eigenen Erkenntnisse?

Lazy sagt mal:
„Da war es so gut zu spüren, dieses Unnennbare, das vor dreikommafünf Milliarden Jahren entstanden sein soll, vermutlich in der Tiefsee, dieses Sonderbare, das man nicht fabrizieren kann, dieses Unbegreifliche, das Milliarden Formen hat und einen einzigen Inhalt : das Leben.“
Das große Staunen über das Phänomen „Leben“ habe ich mit Lazy gemeinsam. Aber sonst bin ich weder Lazy noch Vita, ich bin keine meiner Figuren und möchte es auch nicht sein. Ich habe mein eigenes Leben, und meine Erkenntnisse sind noch immer nicht definitiv.


© WUNDERRAUM Verlag
Interview: Elke Kreil

Ich komme mit Blick ins Buch

Angelika Waldis

Ich komme mit

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