Die opulente Erfolgssaga geht weiter!

Neues aus der Tuchvilla: "Rückkehr in die Tuchvilla"!

Augsburg 1930. Marie und Paul Melzer sind glücklich, und ihre Liebe ist stärker denn je – gekrönt von ihrem dritten Kind, dem mittlerweile vierjährigen Kurti. Doch aufgrund der weltweiten Wirtschaftskrise und den schweren Zeiten muss Paul um das Überleben seiner Tuchfabrik kämpfen. Als er an einer Herzmuskelentzündung erkrankt, springt Marie ein, um das Unternehmen vor dem Ruin zu retten, denn es steht nichts anderes als das Schicksal der ganzen Familie auf dem Spiel. Wichtige Entscheidungen sind zu treffen, denn auf den Schultern der Familie Melzer lasten hohe Kreditschulden. Nur, wenn jetzt alle zusammenhalten, ist ihre geliebte Tuchvilla noch zu retten. Doch auf eines können sich alle verlassen: Wenn die Not am größten ist, ist die Hilfe am nächsten.

Willkommen zurück in der Tuchvilla!

Band 4 der Reihe um Marie, Paul und die Tuchvilla. Jetzt kaufen!

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1

Ein Herrenhaus. Eine mächtige Familie. Ein dunkles Geheimnis …

Augsburg, 1913. Die junge Marie tritt eine Anstellung als Küchenmagd in der imposanten Tuchvilla an, dem Wohnsitz der Industriellenfamilie Melzer. Während das Mädchen aus dem Waisenhaus seinen Platz unter den Dienstboten sucht, sehnt die Herrschaft die winterliche Ballsaison herbei, in der Katharina, die hübsche, jüngste Tochter der Melzers, in die Gesellschaft eingeführt wird. Nur Paul, der Erbe der Familie, hält sich dem Trubel fern und zieht sein Münchner Studentenleben vor – bis er Marie begegnet …

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2

Eine mächtige Familie. Dramatische Verwicklungen. Ein Haus, das mehr als ein Geheimnis birgt.

Augsburg, 1916. Die Tuchvilla, der Wohnsitz der Industriellenfamilie Melzer, ist in ein Lazarett verwandelt worden. Die Töchter des Hauses pflegen gemeinsam mit dem Personal die Verwundeten, während Marie, Paul Melzers junge Frau, die Leitung der Tuchfabrik übernommen hat. Da erreichen sie traurige Nachrichten: Ihr Schwager ist an der Front gefallen, ihr Ehemann in Kriegsgefangenschaft geraten. Während Marie darum kämpft, das Erbe der Familie zu erhalten und die Hoffnung an ein Wiedersehen mit Paul nicht aufzugeben, kommt der elegante Ernst von Klippstein in die Tuchvilla. Und wirft ein Auge auf Marie …

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3

Das Schicksal einer Familie in einer bewegten Zeit. Und eine Liebe, die alles überwindet.

Augsburg, 1920. In der Tuchvilla blickt man voller Optimismus in die Zukunft. Paul Melzer ist aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und übernimmt die Leitung der Tuchfabrik, um der Firma wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Seine Schwester Elisabeth zieht mit einer neuen Liebe wieder im Herrenhaus der Familie ein. Und Pauls junge Frau Marie will sich einen lang gehegten Traum erfüllen: ihr eigenes Modeatelier. Ihre Modelle haben großen Erfolg, doch es kommt immer wieder zu Streitigkeiten mit Paul – bis Marie schließlich die Tuchvilla mit den Kindern verlässt …

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Leseprobe zu "Rückkehr in die Tuchvilla"

TEIL I

1

März 1930

Fanny Brunnenmayer hörte auf, in der Schüssel zu rühren, und horchte auf das durchdringende Hämmern, das vom Anbau herüber in die Küche der Tuchvilla drang.
»Geht’s wieder los«, knurrte sie unwillig. »Fast hab ich schon geglaubt, das Geklopfe sei zu einem Ende gekommen.«
»Noch lang nicht«, meinte Gerti, die bei einem Milchkaffee am langen Tisch saß. »Zwei Fenster sind undicht, und das Badezimmer ist immer noch nicht so, wie die gnädige Frau Elisabeth es haben will.«
Vor gut zwei Jahren hatte man begonnen, am rückwärtigen Teil der Tuchvilla einen zweistöckigen Flügel anzubauen, in dem Elisabeth, die ältere Tochter der Melzers, und ihr Mann Sebastian Winkler mit ihren drei Kindern samt Personal Platz haben sollten. Wohn- und Schlafräume waren dort entstanden und im Dachgeschoss mehrere Zimmer für die Angestellten. Die Küche hingegen verblieb im Hauptteil der Villa, ebenso das Speisezimmer. Dort nahm die Familie die Mahlzeiten gemeinsam ein, das war Alicia Melzers Bedingung gewesen, bevor sie dem Umbau zugestimmt hatte. Aber wie das so war mit den Handwerkern – selbst nach dem Einzug musste immer wieder gewerkelt werden, neulich erst hatte die gnädige Frau Elisabeth geseufzt, dieses Haus würde wohl eine ewige Baustelle bleiben.
Fanny Brunnenmayer schüttelte den Kopf und machte sich wieder am Spätzleteig zu schaffen. Für vier erwachsene Esser und fünf Kinder brauchte es eine gute Menge, dazu kamen die Angestellten, die ebenfalls einen kräftigen Appetit hatten. Für die Herrschaft gab es als Hauptgericht ein Rindsgulasch, die Dienerschaft musste sich mit einer Specksoße als Beilage zu den Spätzle begnügen. Sparen war angesagt in der Tuchvilla, die Zeiten waren alles andere als rosig, das arme Deutschland war nach dem verlorenen Krieg nicht wirklich wieder auf die Füße gekommen. Woran natürlich die hohen Reparationen schuld waren, die das Deutsche Reich an die Sieger des Weltkriegs zu zahlen hatte.
»Was für ein Badezimmer wünscht sich denn die gnädige Frau Elisabeth?«, wollte Else wissen, die bei diesem Gespräch ausnahmsweise aus ihrem Schlummer erwacht war. Seit ein paar Jahren hatte das alte Mädchen die Angewohnheit angenommen, nach getaner Arbeit am Küchentisch mit aufgestütztem Arm einzuschlafen.
»Was die gnädige Frau sich wünscht?«, rief Gerti und lachte. »Eine Verrücktheit ist das. Der Robert hat ihr den Floh ins Ohr gesetzt. Sie will ein Tröpferlbad.«
Fanny Brunnenmayer hielt mit dem Rühren des Teigs inne, weil ihr der Arm wehtat. Siebenundsechzig Lenze zählte die Köchin inzwischen, aber an einen Ruhestand mochte sie nicht denken. Ohne ihre Arbeit, hatte sie einmal gesagt, würde sie vor die Hunde gehen, deshalb sei sie entschlossen, so lange ihren Dienst zu tun, bis sie – so Gott wollte – eines Tages tot umfiel. Am schönsten wäre es, wenn sie zuvor noch eines ihrer meisterhaften Fünfgängemenüs zubereitet hätte und die Herrschaft wegen ihrer Kochkünste voll des Lobes sei. Dann wäre sie zufrieden und würde ohne Murren dem Gevatter Tod folgen. Allerdings wollte sie sich bis dahin noch Zeit lassen.
»Was ist denn das, ein Tröpferlbad?«, wollte Else wissen.
Gerti war hastig aufgesprungen, um sich einen Milchkaffeeflecken aus dem dunklen Rock zu waschen. Seitdem sie bei der gnädigen Frau Elisabeth in der Funktion einer Kammerzofe arbeitete, achtete sie sehr auf ihre Kleidung. Meist trug sie gediegenes Schwarz, hin und wieder auch Dunkelblau mit weißem Spitzenkragen. Dazu steckte sie sich das blonde Haar auf und trug Schuhe mit Absätzen, um ein wenig größer zu wir-ken.
»Ein Tröpferlbad«, sagte sie und lachte. »Da wirst du von oben mit Wasser beträufelt. In Amerika haben sie so was. Sie sagen Dusche dazu.«
»Von oben?«, wunderte sich Else. »Als ob einer im Regen steht?«
»Freilich«, kicherte Gerti. »Du stellst dich nackig in den Park, Else. Dann hast auch ein Tröpferlbad.«
Else, die außer im Krankenhaus noch niemals bei Tage ihr Korsett abgelegt hatte, wurde puterrot bei dieser Vorstellung.
»Ach, Gerti«, sagte sie und machte eine abwehrende Handbewegung. »Allweil deine dummen Witze!«
Fanny Brunnenmayer hatte sich inzwischen auf einen Küchenstuhl gesetzt und schlug kräftig den Teig mit dem Löffel, was sie ordentlich zum Schwitzen brachte.
»Komm her, Liesl!«, rief sie zum Herd hinüber, wo Liesl Bliefert gerade zwei Briketts nachlegte, damit das Wasser für die Spätzle ordentlich zum Kochen kam.
»Ich komm schon, Frau Brunnenmayer!«
Seit zwei Jahren war Augustes Tochter Liesl nun schon Küchenmädel in der Tuchvilla. Flink war sie, begriff alles blitzschnell und sah selbst, was zu tun war, sodass man ihr nur selten Anweisungen geben musste. Dabei war sie keineswegs ehrgeizig, wie Gerti es früher gewesen war, sondern willig, immer freundlich, stellte niemals neugierige Fragen. Das brauchte sie nicht, denn sie hatte ein gutes Gedächtnis und merkte sich, wie die Gerichte zubereitet wurden. Tatsächlich war sie das anstelligste Küchenmädel, das Fanny Brunnenmayer in ihrer langen Laufbahn als Köchin je erlebt hatte. Ausgenommen natürlich die junge Marie Hofgartner, die seit Langem die Frau von Paul Melzer war. Sie war von Anfang an eine andere Sorte gewesen, hatte das Zeug zur Herrin gehabt, selbst wenn sie seinerzeit als armes Waisenkind in die Tuchvilla gekommen war.
»Geh, schlag den Teig weiter, Liesl«, sagte die Köchin und stellte die schwere Schüssel vor dem Mädchen auf den Tisch. »Kräftig schlagen, damit er schön locker wird. Und probier mal, ob genug Salz drin ist.«
Liesl nahm einen Teelöffel aus dem Tischkasten und tat ein wenig Teig darauf. Sie hatte gleich an ihrem ersten Tag in der Tuchvilla gelernt, dass man nicht mit dem Finger in die Speisen fuhr, sondern einen Löffel zum Abschmecken benutzte.
»Ist gut so«, sagte sie, und die Köchin nickte zufrieden. Natürlich war es gut, Fanny Brunnenmayer vertat sich nämlich niemals beim Würzen, sondern wollte, dass Liesl es lernte. Sie hatte Freude daran, dem Mädel allerlei Dinge beizubringen, weil sie insgeheim die Hoffnung hatte, dass die Liesl einmal ihre Nachfolge-rin in der Küche werden könnte.
Gerti hatte das längst gemerkt, und obgleich sie mittlerweile zur Kammerzofe aufgestiegen war, ärgerte sie sich darüber.
»Wenn du so auf den Teig eindrischst, Liesl«, meinte sie bissig, »da könnte man denken, du hättest einen Zorn auf jemanden. Doch net etwa auf den Christian?«
»Wieso grad auf den?«, fragte Liesl verlegen und steckte sich eine herausgerutschte Haarsträhne unter die Haube.
Gerti lachte spöttisch auf und freute sich, dass die Liesl ganz rot geworden war. »Das weiß schließlich ein jeder, dass da zwischen euch beiden was ist«, behauptete sie. »Dem Christian, dem seh ich das auf zwei Meilen gegen den Wind an. Ganz verliebt schaut er immer drein, wenn er dich sieht.«
»Hast nix Besseres zu tun, als hier Maulaffen feilzuhalten, Gerti?«, fuhr die Köchin dazwischen. »Ich dacht immer, du wärst so unentbehrlich drüben bei der gnädigen Frau Elisabeth.«
Beleidigt schob Gerti den leeren Becher zurück und stand auf. »Freilich bin ich unentbehrlich«, sagte sie. »Grad gestern hat die Gnädige noch gemeint, sie wisse gar nicht, wie sie ohne mich zurechtkommen sollte. Und überhaupt bin ich bloß hier, weil ich nachher noch zu bügeln hab und Sie das Feuer im Herd nicht etwa ausgeh’n lassen.«
»Das hättest dir sparen können«, brummte die Köchin. »In meiner Küche geht das Herdfeuer gewiss net aus.«
Gerti bewegte sich betont langsam zur Dienstbotentreppe hinüber. Den benutzten Becher ließ sie stehen, den sollte ruhig die Liesl in den Abwasch räumen.
»Wo ist eigentlich die Hanna?«, fragte sie beiläufig. »Hab sie den ganzen Tag noch nicht gesehen.«
Fanny Brunnenmayer stand von ihrem Stuhl auf, um nach dem Gulasch zu sehen, das seitlich auf dem Herd stand und lediglich noch warm gehalten werden musste. Sie hatte ein wenig Mühe bei den ersten Schritten, die Beine machten ihr Kummer; wenn sie lange stehen musste, wurden sie dick.
»Wo soll sie schon sein? Droben im Speisezimmer hilft sie Humbert beim Tischdecken«, sagte sie und griff sich einen Kochlöffel.
»Ja, die Liebesleut hier in der Tuchvilla«, lästerte Gerti. »Der Humbert und die Hanna und nun auch noch die Liesl mit dem Gärtner Christian. Da muss unsereins ja aufpassen, dass man nicht angesteckt wird. Was, Else?«
Ein dumpfer Schlag war zu hören, Else war der Kopf vom aufgestützten Arm auf die Tischplatte gerutscht.
»Nun aber raus hier!«, schimpfte die Köchin, und Gerti lief eilig die Treppe hinauf.
»Dass sie einfach ihr Schandmaul nicht halten kann«, knurrte Fanny Brunnenmayer verärgert. »War früher mal ein nettes Mädel, die Gerti. Doch seitdem sie Kammerzofe ist, erinnert sie mich jeden Tag mehr an die Maria Jordan. Gott hab sie selig, das arme Mensch. Aber eine Plage ist sie schon gewesen.«
Liesl hatte die Kammerzofe nur schwach in Erinnerung, weil sie damals, als die Jordan auf so schreckliche Weise ums Leben kam, noch ein kleines Mädel gewesen war. Ihr Ehemann, ein heruntergekommener Geselle, hatte sie umgebracht. Soweit man hörte, saß er immer noch im Zuchthaus und büßte seine grässliche Tat.
»Ach, ich glaube, die Gerti ist hier nicht glücklich«, meinte Liesl zu Fanny Brunnenmayer. »Sie geht am Abend zu einem Kurs, wo sie lernt, auf einer Schreibmaschine zu tippen.«
Das war sogar für die Köchin, die sonst alles über die Dienerschaft wusste, eine Neuigkeit. Da schau her, die Gerti wollte ins Büro. Und dabei hatte sie sich bereits zur Kammerzofe hochgearbeitet. Vermutlich war sie eine von denen, die niemals zufrieden sein konnten.
»Eine Schande ist das«, knurrte Fanny Brunnenmayer, die mit dem Holzbrett und dem Küchenmesser am Herd stand, weil das Wasser gleich kochen würde und sie die Spätzle schaben wollte. Was ihr noch auf der Zunge lag, schluckte sie hinunter, denn es waren eilige Fußtritte vor der Küchentür zu vernehmen.
»Jessus Maria – das ist die Rosa mit den Kindern«, rief sie Liesl zu. »Sieh zu, dass keines dem heißen Herd zu nahe kommt, wenn ich die Spätzle schabe.«
»Ich pass auf, Frau Brunnenmayer!«
Das Mädchen hatte gerade noch Zeit, der Köchin den Teig hinzustellen, da flog die Küchentür auf, und die Rasselbande strömte herein.
Es hatte Zeiten in der Tuchvilla gegeben, da war es den herrschaftlichen Kindern streng verboten gewesen, sich in der Küche bei den Angestellten aufzuhalten. Die gnädige Frau Alicia Melzer erzählte gelegentlich davon. Auch später, als die Gouvernante Serafina von Dobern ihr Unwesen in der Tuchvilla trieb, hatten Kinder nichts in der Küche zu suchen. Erst seit Elisabeth Winkler, die älteste Melzer-Tochter, wieder in die Tuchvilla eingezogen war und das dritte Kind, dieses Mal ein Mädel, in die Welt gesetzt hatte, waren andere Sitten eingezogen. Und Marie Melzer, ihre Schwägerin, hatte schon gar nichts dagegen, dass der vier-jährige Kurt, ihr heiß geliebter Nachkömmling, sich mit seinen beiden Cousins Johann und Hanno in der Küche breitmachte.
»Duuurst!«, brüllte der fünfjährige Johann, der als Erster bei dem langen Küchentisch ankam. »Apfelmost, Brunni. Bitte!«
Johann hatte sich als Rotschopf entpuppt, was seine Mutter Elisabeth zunächst mit Schrecken erfüllt hatte, inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt. Vor allem, weil ihr Ältester sich durch einen kräftigen Knabenkörper und energischen Charakter auszeichnete. Der vierjährige zierliche Kurt folgte dem Cousin wie ein Schatten, die beiden waren unzertrennliche Freunde, sodass Kurt häufig bei seiner Tante Lisa im Anbau auf der Nordseite der Tuchvilla übernachtete, weil er viel lieber bei Johann als bei seinen beiden großen Geschwistern Dodo und Leo schla-fen wollte.
Hinter Johann und Kurt kam Rosa Knickbein, die mollige, stets freundliche Kinderfrau in die Küche, den dreijährigen Hanno an der Hand. Sie hatte mit den Kindern einen Maispaziergang im Park unternommen, und natürlich hatten die drei unbedingt noch mal in der Küche vorbeischauen wollen, bevor es nach oben zum Umziehen und Händewaschen ging.
»Einen Apfelmost könnt ihr kriegen«, bestimmte die Köchin. »Aber nur ein halbes Glas, sonst könnt ihr nach-her keine Spätzle essen, weil eure Mägen zu voll sind.«
Diese Begründung hatte noch nie ein Kind davon abgehalten, sich vor dem Essen satt zu trinken, doch Fanny Brunnenmayer wollte es sich nicht mit der Herrschaft verderben, deshalb bekam jeder Bub ein halbes Wasserglas mit Apfelmost hingestellt. Nicht mehr und nicht weniger.
»Mein Magen ist soooo groß«, murrte Johann und warf beim Aufzeigen seines gewaltigen Bauches Gertis leeren Kaffeebecher um.
»Meiner ist noch viel größer«, rief Kurt und riss die Arme auseinander. Else, die durch den Lärm erwacht war, konnte gerade noch den Krug mit dem Most wegziehen.
»Sind das Spätzle, Brunni?« Johann reckte den Kopf, weil die Köchin den Teig blitzschnell mit dem Messer vom Holzbrett ins kochende Wasser schabte.
»Das sind Spatzen«, sagte Fanny Brunnenmayer. »Die hüpfen euch nachher auf den Teller.«
Kurti wollte wissen, ob Spatzen auf dem Teller singen könnten.
»Bist du dumm«, meinte Johann. »Spatzen singen nicht, die piepsen nur.«
»Piep, piep!«, jubelte Hanno, der auf Rosas Schoß saß und sein Glas von der Kinderfrau hingehalten bekam, damit er sich nicht bekleckerte.
»Du bist auch so ein Spatz«, sagte Johann zu seinem kleinen Bruder mit gutmütigem Grinsen. »Ein Dreckspatz bist du.«
»Neiiiin!«, wehrte sich Hanno zornig. »Bin kein Deckspatz.«
Das Wort Nein hatte der kleine Hanno früh gelernt, weil er begriffen hatte, dass man sich gegen den älteren Bruder und den etwas älteren Cousin zur Wehr setzen musste. Inzwischen schleuderte er Johann sein Neiiiin bei jeder Gelegenheit entgegen, wenngleich er gar nicht verstanden hatte, um was es eigentlich ging. Sicher war eben sicher.
Am Herd war mittlerweile Hochbetrieb. Liesl fischte die fertigen »Spatzen« aus dem Topf und tat sie in eine der guten Porzellanschüsseln für die Herrschaft, während die Köchin unverdrossen weiterschabte. Der Hausdiener Humbert erschien im Küchenflur, um sich das dunkelblaue Sakko mit den Goldknöpfen überzuziehen, das er trug, wenn er oben die Mahlzeiten servierte. Humbert war nach seinem Ausflug in die Berliner Kabarettszene reumütig in die Tuchvilla zurückgekehrt, und man hatte ihm die gerade frei gewordene Stelle als Hausdiener mit Freuden anvertraut. Mit Hanna, die Marie Melzer einst nach einem schlimmen Unfall in der Fabrik in die Tuchvilla aufgenommen hatte, verband ihn seit Jahren eine innige Freundschaft. Die beiden hingen aneinander wie Bruder und Schwester, wobei einige Lästermäuler gern anderes behaupteten.

Anne Jacobs
© Fotostudio Marlies

Die Autorin Anne Jacobs

Anne Jacobs veröffentlichte unter anderem Namen bereits historische Romane und exotische Sagas. Mit »Die Tuchvilla« gestaltete sie ein Familienschicksal vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte und stürmte damit die Bestsellerliste. Nach ihrer ebenfalls sehr erfolgreichen Trilogie um »Das Gutshaus«, die von einem alten herrschaftlichen Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern und vom Schicksal seiner Bewohner in bewegten Zeiten erzählt, legt Anne Jacobs nun den von den Leserinnen langersehnten vierten Band der »Tuchvilla«-Saga vor.

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