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Anne-Sophie Brasme - Dich schlafen sehen

SPECIAL zu Anne-Sophie Brasme

Anne-Sophie Brasme, Frankreichs große literarische Hoffnung seit dem Bücherherbst 2001, schrieb mit nur 16 Jahren ihren ersten Roman über eine bedingungslose Freundschaft, die ihre Erzählfigur schließlich ins Gefängnis führt.

Autobiographie und Phantasie vermischen sich gekonnt in dieser eingängigen Erzählung, in der der Tod als einzige plausible Lösung scheint, um sich aus den Qualen einer leidenschaftlichen, aber einseitigen Beziehung zu befreien.



Interview mit Anne-Sophie Brasme


Die französische Originalausgabe trägt den Titel "Atme". Warum haben Sie Ihren Roman so genannt?
Weil es in diesem Buch ums Atmen geht. In Wahrheit wird Charlène von Sarah erstickt. Außerdem gebe ich damit dem Leser einen Hinweis, den Rat, weiterzuatmen und sich die Geschichte nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen. Dieser Titel fiel mir auch nicht auf Anhieb ein, vielmehr kam er mir nach und nach in den Sinn, als die Geschichte während des Schreibens immer bedrückender wurde. Darüber hinaus leide ich wie die Erzählerin unter Asthma, und somit spielt das Atmen-Können auch in meinem Leben eine große Rolle. Ich habe allerdings nie versucht, mir während einer Sportstunde durch Ersticken das Leben zu nehmen.

Seit wann schreiben Sie?
Ungefähr seit meinem achten Lebensjahr. Seltsamerweise habe ich mit elf aufgehört und erst circa drei Jahre später wieder angefangen. Ich brauche das, ich muss meine Geschichten auf dem Papier festhalten und Personen erfinden.

Auf welche Weise ist "Dich schlafen sehen" entstanden?
Das Schreiben ging ziemlich schnell, ungefähr zwei Monate. Ich bin in die Schule gegangen, fühlte mich aber wie in einer Luftblase abgekapselt. Außer meinen Romanfiguren existierte nichts mehr. Ich schrieb abends, am Wochenende, manchmal nachts. Und natürlich bin ich in dieser Zeit nicht ausgegangen.
Ich habe allerdings keine'Schreibdisziplin': Ich arbeite nicht zwei Stunden am Tag, genau von 5 Uhr bis 7 Uhr morgens, so wie viele Autoren das machen. Ich schreibe, wann immer ich mich dazu inspiriert fühle, wann immer ich gerade kann.

Ihr Roman scheint sehr ausgereift. Hat Ihr französischer Verleger stark eingegriffen?
Nein, nur sehr wenig. Das Manuskript wurde leicht gekürzt und gestrafft, einige Nebensächlichkeiten herausgenommen, das war alles. Es ist immer noch der Roman, den ich geschrieben habe.

Wie wirkt sich die Veröffentlichung des Romans auf Ihr Leben aus, wie haben die Leute reagiert?
Zuerst einmal war ich selbst sehr verblüfft, dass das Manuskript überhaupt von einem Verlag angenommen wurde. Da aber zwischen Abgabe und Veröffentlichung mehr als ein Jahr verging, hatte ich Zeit genug, mich an die Vorstellung zu gewöhnen. Meinen Eltern und engsten Freunden ging es genauso, die große Überraschung war vorbei. In der Schule ist der Roman bei den Lehrern und Mitschülern manchmal Gesprächsstoff, wir reden darüber ganz normal in den Pausen. Einige haben das Buch gelesen, andere nicht. Niemand findet, dass das Ganze etwas Besonderes ist. Da ich das Glück habe, starken Rückhalt in meiner Familie zu finden, wird mir das alles keinesfalls zu Kopf steigen! Ich habe noch viele andere Interessen, und es gibt vieles, was mir sonst noch wichtig ist.

Gibt es autobiographische Momente in "Dich schlafen sehen"?
Glücklicherweise habe ich nie eine so bedingungslose Freundschaft durchlebt. Ich hatte einmal eine intensive Beziehung zu jemandem, in der ich einen Teil von mir aufgegeben habe. Man kann das aber keinesfalls mit der Situation der Romanfigur und ihren gewaltigen, gewalttätigen Gefühlen vergleichen. Zuerst hatte ich gar nicht vor, die Geschichte dieser Freundschaft aufzuschreiben. Ich fing an, über das Leben einer Frau zu berichten, die im Gefängnis sitzt, eine Serienkillerin. Erst nach und nach spielten meine eigenen verdrängten Erfahrungen eine Rolle, die ich dann bis zum Äußersten überspitzt habe.

Müssen Sie nicht selbst eine düstere Ader in sich tragen, um so ein tragisches Buch zu schreiben?
Ja und nein. Ich bin kein unglücklicher Mensch, und dennoch habe ich alle meine dunklen Seiten Charlène auf den Leib geschrieben. Vielleicht wäre auch ich gewalttätig geworden, wenn ich nicht zu schreiben begonnen hätte. Schreiben ist ein Ausweg.

Zum Schluss noch - nennen Sie uns Ihren besten und Ihren schlechtesten Charakterzug?
Meine Großzügigkeit ist meine beste Eigenschaft, meine Naivität meine schlechteste.

Ein Interview von EV ecrits-vains (© Birgit Bontour)
Aus dem Französischen von Frauke Brodd

Zitate aus dem Buch

No.1: »Einmal hat mich jemand gefragt, ob ich bereue. Ich bin die Antwort schuldig geblieben. Vielleicht habe ich mich geschämt, nicht für das, was ich vollbracht hatte, sondern für das, was ich empfand. Ich hätte mir wie ein Unmensch vorkommen müssen, gewiss. Und das war ich unbestreitbar auch, aber weniger, weil ich ein Verbrechen begangen hatte, sondern weil ich meine Tat nicht bereute.«

No. 2: »Und wenn die Menschen um mich herum mich noch so sehr verachten und mir hasserfüllte Blicke zuwerfen, ich bereue nichts, damit wir uns richtig verstehen, nichts von all dem, was mein Leben zerstört hat. Dem Wahnsinn verfallen ist nicht nur ein unausweichliches Schicksal, sondern möglicherweise auch ein Entschluss.«

No. 3: »Jede Kindheit hat ihre Gerüche, ihre berauschenden Augenblicke, ihren Schmerz. An meine erinnere ich mich wie an eine Angst.«

No. 4: »Schon am ersten Tag ahnte ich, dass dieses ungewöhnliche Mädchen alle meine Pläne zunichte machen würde. Ich sollte Recht behalten. Aber in diesem Moment konnte ich nicht wissen, dass sie noch viel mehr tun würde.«

No. 5: »In diesem Augenblick beschloss ich, Sarah alles zu geben. Noch mehr für unsere Beziehung zu tun. Ich liebte sie mehr als meine Familie, mehr als mich selbst, mehr als das Leben. Ich weiß nicht, wie es so weit kommen konnte. Es war keine Liebe, die gut tat, im Gegenteil. Wer zu sehr liebt, bis zum Hass liebt, verliert seine Würde ...«

No. 6: »Ich führte ein Schattendasein. Nur die Hoffnung auf Sarahs Liebe erhielt mich am Leben. Ich hasste mein Leben. Aber ich war zu besessen, um mir dessen wirklich bewusst zu werden.«

No. 7: »Ich kann Besessenheit nicht definieren. Ich glaube, dass man sie immer in sich trägt. Häufig genügt schon eine Kleinigkeit, um sie auszulösen. Still und heimlich mischt sie sich in unser Leben ein, befällt nach und nach jeden Teil von uns.«

No. 8: »Ich erkannte, dass mein Leben nicht immer so armselig gewesen war. Ich war geliebt worden, und vielleicht wurde ich noch immer geliebt. Für meine Eltern, meinen Bruder, Vanessa und einige andere war ich ein vollwertiger Mensch, ich war ein Teil ihres und sie ein Teil meines Lebens. Ein heftiger Schwindel befiel mich. Die Wahrheit verursachte mir Übelkeit.«

No. 9: »Fünf Monate lang habe ich an das Glück geglaubt. Ich habe daran fest geglaubt, voller Zuversicht, ohne jeden Vorbehalt. Ich hatte Geschmack daran gefunden und wollte nicht wahrhaben, dass ich dieses Glück früher oder später verlieren würde.«

No. 10: »Man entrinnt seinem Wahnsinn nicht, indem man versucht, wie ein normaler Mensch zu handeln. Der Wahnsinn ist stärker: Früher oder später bricht er sich wieder Bahn. Ich habe nachgegeben. Ich habe begriffen, dass die einzige Möglichkeit, ihn zum Schweigen zu bringen, darin bestand, ihm ins Auge zu sehen und alles zu tun, was er befahl. Die Folgen spielten keine Rolle, Hauptsache, ich war von seinen Fesseln befreit.«