Interview mit Heike Duken

Heike Dukens Roman »Denn Familie sind wir trotzdem«

Ein Roman über Mütter und Töchter, Schuld und Vergebung und die Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind.

Bitte stellen Sie sich uns mit einer kurzen Vita vor:
Ich bin 1966 in München geboren und wuchs mit meinen Eltern und zwei Geschwistern in Solln auf, im alten Bauernhaus meiner Großmutter. Mein Vater starb als ich fünf Jahre alt war an Krebs. Wir waren arm, meine Mutter ging dann arbeiten, um uns zu ernähren, das galt damals noch als »asozial«. Als ich sieben war, kam mein Stiefvater in die Familie, er ist bis heute mein geliebter Ersatzvater. Mit ihm kamen noch zwei weitere Geschwister. Wir zogen nach Nürnberg um, ich besuchte das Gymnasium und machte Abitur. Ich wollte eigentlich Journalistin oder Schauspielerin werden, wurde nicht angenommen und studierte dann Psychologie. Noch während des Studiums bekam ich zwei Kinder und heiratete deren Vater, der auch noch in Ausbildung war. Wir waren wieder arm. Wegen einer Stelle in einer Klinik zogen wir nach Bad Mergentheim. Endlich war etwas Geld im Haus, aber ich war fürs Landleben und den Landfrauenverein und das gemeinsame Basteln von jahreszeitlicher Dekoration nun einmal nicht gemacht. Ich wurde depressiv und machte eine Therapie. Letztlich trennte ich mich von meinem Mann, ging nach Nürnberg zurück und machte mich an die Weiterbildung zur Psychotherapeutin. Das bin ich mit ganzer Seele bis heute und liebe diesen Beruf. Zu der Zeit, wie soll es anders sein, schneite ein neuer Mann in mein Leben, ebenfalls Psychotherapeut, wir führen heute gemeinsam unsere Praxis. Mit ihm begann ich auch zu reisen und die Welt zu entdecken. Und an meinem 40. Geburtstag bekam ich einen Anruf der Zeitschrift Federwelt, meine erste Veröffentlichung, eine Kurzgeschichte, der Titel war Fake. Bis zum ersten Buch dauerte es dann noch so lange, dass ich immer wieder überlegte, das Schreiben endlich sein zu lassen, wieder Geige zu spielen, zu reiten oder mit Ikebana zu beginnen. Aber immer kam im richtigen Moment eine Bestätigung, ein Preis, ein Stipendium, eine Veröffentlichung. Zum Glück habe ich nicht aufgegeben!

Was ist Ihr gelernter Beruf bzw.üben Sie aktuell neben dem Schreiben noch eine weitere berufliche Tätigkeit aus?
Ich bin Psychotherapeutin mit Kassenzulassung in meiner eigenen Praxis (»tiefenpsychologisch fundiert«, das heißt, dass die theoretische Grundlage die Psychoanalyse ist, ich bin ein Psychoanalyse-Fan). Und seit neuestem bin ich auch Gruppentherapeutin und behandle Menschen in Gruppen, sehr spannend! Ich habe schon im Gefängnis gearbeitet, mit Süchtigen, mit Schwer- und Todkranken und mit Dialysepatient*innen. Ich habe eine Psychodrama-Ausbildung und eine Weiterbildung in psychodynamischer Organisationsberatung, war Teamcoach und Seminarleiterin, vor allem für Pflegekräfte, zum Beispiel zum Thema Burnoutprophylaxe. Einige Jahre habe ich viel Geld verdient mit der Leitung von Marktforschungsworkshops, u.a. zu Selbstbräunungscremes, Toilettenpapier und mit Ärzt*innen im Auftrag der Pharmaindustrie. Das alles außer meiner Praxis habe ich aufgehört, um intensiver zu schreiben.

Würden Sie uns ein wenig von sich persönlich erzählen – von Ihren Hobbys, Ihrer aktuellen Lebenssituation, Ihrem Traum vom Glück…?
Ich lebe mit meinem Partner zusammen, der auch mein Praxiskollege ist. Meine zwei Söhne sind schon erwachsen. Ich koche gerne, liebe vegetarische Küche, Fisch und Wein und gehe am liebsten zum Griechen um die Ecke und ins Stammcafé in der Hallerwiese, historischer Treffpunkt der Meistersinger von Nürnberg. Mit Wagner kann ich allerdings wenig anfangen, aber ich liebe Mozart, Puccini und moderne klassische Musik, vor allem Philip Glass. Ich schreibe oft zu seiner Musik. Einmal im Jahr gibt es bei mir ein privates Fest mit psychoanalytischem Vortrag (von meinem Partner) zu einer Oper, gemeinsamem Opernbesuch im Nürnberger Staatstheater und großer Aftershow-Party bei mir zuhause. Aber ich muss gestehen, es gibt nicht nur die Hochkultur in meinem Leben. Ich LIEBE Trash-TV, ja leider!
Mein Traum vom Glück ist ein kleines Haus auf der Peloponnes, wo es das beste Essen und liebenswerte Menschen gibt und wo der Sommer fast bis in den November reicht. Überhaupt bin ich zwei bis drei Monate im Jahr auf Reisen.

Womit kann man Sie wütend machen und richtig auf die Palme bringen?
Zur Zeit machen mich Verschwörungstheorien richtig wütend und wenn Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert werden (bin Team Christan Drosten und habe jeden Podcast gehört und mein Hygienekonzept in der Praxis danach ausgerichtet). Ansonsten bringen mich Verharmlosung und Leugnung der Verbrechen des Nationalsozialismus aus dem Stand auf die Palme. Antisemitismus und Rassismus machen mich wütend, aber auch unglaublich ratlos und traurig. Ich glaube, es würde uns eher linken, liberalen, aufgeklärten Menschen gut tun, über eigene Vorurteile, destruktive Mechanismen und unseren versteckten Rassismus nachzudenken. Wenn menschenverachtenden Ideologien Aufwartung und Aufmerksamkeit zuteil wird, vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien, fange ich an, böse zu schimpfen.
Ich hasse es wirklich, wenn Menschen in Armut, die wenig Chancen im Leben hatten, vorgeführt und verachtet werden.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss (so schön unwahr).

Wofür engagieren Sie sich? Welche Organisation oder welches Projekt würden Sie gerne unterstützen – oder tun dies bereits?
Ich engagiere mich ein bisschen mit Spenden für Pro Asyl und Ärzte ohne Grenzen. Ich würde irgendwann gerne mit Jugendlichen, die nicht so viel Chancen und Förderung von zu Hause mitbekommen, Schreibprojekte machen und sie an das wunderbare Gefühl, sich beim Schreiben mit Worten ausdrücken und in andere Welten flüchten zu können, heranführen.

Verraten Sie uns bitte fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen:
Ich freue mich sehr, wenn mein kleines Urban Gardening zwei reife, wunderbar tomatige Tomaten oder drei einzelne köstliche Erdbeeren abwirft, zu mehr reicht mein grüner Daumen leider nicht.
Ich hätte gerne einen Esel.
Ich sehe wahnsinnig gerne fern, viel lieber als Netflix und Co.

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Ich habe schon immer geschrieben, ich erinnere mich an die ersten Versuche in einem Schulheft, das noch riesige Zeilen zum Schreibenlernen hatte. In der dritten Klasse war es dann schon eine Piratengeschichte, am Ende wusste ich nicht weiter und ließ alle Helden einfach sterben. Mein Stiefvater hat mich sehr gefördert und »Dichterlesungen« mit mir veranstaltet, er zündete eine Kerze an und lauschte meinen Geschichten. Das war toll, weil einem bei fünf Kindern im Haus nur sehr selten so eine exklusive Aufmerksamkeit zuteil wird.

Was inspiriert Sie und wie finden Sie Ihre Themen?
Meine Familie ist weit verzweigt und ein unerschöpflicher Schatz an Geschichten und Legenden, ob wahr oder unwahr, das weiß niemand so genau.
Ich glaube, dass Kreativität auch im Unbewussten entsteht. Ich stoße immer wieder auf erstaunliche Zusammenhänge, die mir beim Schreiben nicht bewusst waren, die aber die Geschichte mit determinieren. Zum Beispiel Floh, das Mädchen in meinem Roman, das Briefe an den unbekannten Vater schreibt, die nie ankommen werden. Die Figur war ganz plötzlich da, wurde lebendig und bekam eine Stimme. Erst viel später wurde mir klar, dass ich ja selbst ein Mädchen ohne Vater gewesen war, er starb, als ich fünf war, und war in vielen Fantasien präsent. Ich stellte mir oft vor, er würde mir beim Leben zusehen und stolz auf mich sein. Das hat mich auch zum Schreiben motiviert: Ich wusste, dass er sich über eine schreibende Tochter gefreut hätte, weil er selbst Gedichte verfasst hat.

Bitte fassen Sie in wenigen Sätzen Ihr aktuelles Buch zusammen:
Die Geschichte beginnt lange vor dem zweiten Weltkrieg, als zwei Brüder bei ihrem Onkel aufwachsen, der sie grausam zu Soldaten erziehen will. Die Saat geht auf, einer der beiden fällt im Krieg, der andere, Paul, macht sich als Soldat der Waffen-SS schuldig. Pauls Tochter Ina geht als Freiwillige nach Israel und kehrt schwanger nach Hause zurück. Sie zieht die kleine Floh allein groß. Und Floh beginnt bald, Briefe an den unbekannten Vater in ihr Tagebuch zu schreiben. Als Jugendliche wird sie allerdings immer wütender auf den abwesenden Vater und klagt auch die Mutter an, ihn und Israel ewig zu verklären. Ina bringt nun ihrer Tochter die Familiengeschichte des Vaters nahe und rebelliert auf ihre Weise. Der Roman befasst sich mit der Frage, wie weit das Erbe der Gewalt in die nächsten Generationen reicht und ob es Möglichkeiten gibt, die Schatten der Vergangenheit zu überwinden.

Was bzw. welche Szene darin war am schwierigsten zu schreiben?
Eindeutig am schwersten war die Szene zu schreiben, als Paul, alt und sehr krank, seiner Enkelin von seiner Schuld im Krieg berichtet (oder auch nicht, er behält einen guten Teil schließlich für sich). Wie versetzt man sich hinein? Wie wird man dem Grauen gerecht, wie diesem Mann, dieser Figur?

Haben Sie eine Lieblingsszene?
Ich mag besonders die Szene, als Paul mit Floh das Grab des gefallenen Bruders besucht. Sehr traurig, aber auch hoffnungsvoll, weil Paul endlich zu sprechen beginnt über das Unglück seiner Kindheit und was das aus ihm machte.
Und Flohs kindliche Tagebucheinträge haben unwahrscheinlich Spaß gemacht, ich konnte der Fantasie freien Lauf lassen.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Absolut: Floh alias Floriane. So aufsässig, so witzig, so klug, so traurig und liebenswert.

Gibt es bestimmte geografische Orte, zu denen Sie und Ihr Buch einen besonderen Bezug haben?
Obwohl ich noch nie dort war: Israel. (Ich werde so bald wie möglich hinfahren)
Und ganz wichtig: Bagan. Ein magischer Ort in Myanmar, den ich schon besucht habe. Er spielt im Roman eine Rolle, weil die Mutter der Brüder, eine Abenteurerin, dort die Nachricht erhält, dass einer ihrer Söhne gefallen ist. Und Bagan ist Sehnsuchtsort für Floh, die von ihrem Opa und ihrer Uroma darüber erzählt bekommen hat. Sie wird sich mit ihrem Baby und dessen Vater auf die Reise nach Bagan machen, um der Tristesse der Kleinfamilie im Reihenhaus zu entkommen.
Ich glaube, der süddeutsche Raum ist im Roman gut zu erkennen. Es gibt zum Beispiel eine Wanderung im bayerischen Voralpenland. Und wem Nürnberg vertraut ist, der wird vielleicht manches wiedererkennen. Aber Örtlichkeiten waren mir tatsächlich nicht so wichtig, diese Geschichte könnte überall in Deutschland spielen.

Hat Ihr aktuelles Buch autobiografische Züge bzw. lassen Sie persönliche Erfahrungen in die Geschichte einfließen? Beruht Ihr Buch auf wahren Begebenheiten?
Dieser Familienroman ist in Teilen auch ein Roman über meine Familie. Obwohl vieles fiktiv ist, gibt es wahre Hintergründe. Mein Vater wuchs tatsächlich mit seinem Bruder einige Jahre bei einem Onkel auf, der die beiden Jungen quälte und nationalsozialistisch indoktrinierte. Später war er bei der Waffen-SS und hat das später sehr bereut und sich noch am Sterbebett schuldig bekannt.
Ich kannte noch die Mutter meines Vaters, eine Engländerin, die mit ihrem Mann um die Weltmeere fuhr. Ich stamme aus einer Familie von Seefahrern, und damals war es nun einmal üblich, die Kinder bei Verwandten abzugeben. Dieser Verwandte, der Onkel, war Dr. Johann Duken, Kinderarzt an der Uniklinik Heidelberg. Er war an der Ermordung ihm anvertrauter kranker Kinder verantwortlich. Er intervenierte auch , dass der sensiblere, weichere Bruder meines Vaters, Gerd Duken, an die Front kam, er fiel wenig später im Krieg.
Nach Auskunft eines Israelis gibt es etliche Kinder wie Floh, die zwischen Kibbuzniks und freiwilligen Helfern entstanden sind. Gut vorstellbar: wo sich junge Leute begegnen, kommt es zu Liebesgeschichten.

Wie haben Sie für ihr aktuelles Buch recherchiert?
Ich habe umfangreich recherchiert. Zunächst die Geschichte meines Vaters als Soldat in der Waffen-SS. Nach Jahren erfolgloser Versuche erhielt ich beim Bundesarchiv in Berlin Lichtenfelde Akteneinsicht. Ich fand den handgeschriebenen Lebenslauf meines Vaters für die Bewerbung bei der SS, Unterlagen zu seiner schweren Verwundung und vor allem die Einheit, in der er Soldat war. So konnte ich dann den Weg dieser Einheit durch Europa nachvollziehen und nach Ereignissen und auch nach Kriegsverbrechen recherchieren. Zum Glück hat meine Mutter immer ein offenes Ohr für meine Fragen. Sie erzählte mir, was mein Vater ihr vom Krieg berichtet hatte, und tatsächlich stimmten seine Geschichten gut überein mit dem, was ich herausfand. Er hatte also nicht gelogen, vielleicht aber so manches verheimlicht. Ich habe viele Bücher gelesen, am wichtigsten war »Soldaten« von Sönke Neitzel und Harald Welzer, sie haben Abhörprotokolle in britischen Lagern von deutschen Kriegsgefangenen gesammelt und geordnet, dort konnte ich mich dem Originalton der deutschen Soldaten annähern.
Als ich den Namen Duken immer wieder googelte, stieß ich auf Dr. Johann Duken, Kinderarzt an der Uni Heidelberg, Verbrecher an sogenannten »erbkranken« Kindern, die ihm anvertraut waren. Bald fand ich heraus, dass es sich um eben jenen Onkel handelte, bei dem mein Vater mit seinem Bruder aufgewachsen war und von dem er meiner Mutter so Grausames erzählt hatte. Ich besuchte eine Ausstellung in Erlangen Im Gedenken der Kinder. Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit., und eines der ersten Fotos war das meines Großonkels. Es existieren Briefe, in denen er z.B. einem Vater erklärt, dass es besser so sei, das Notwendige sei geschehen. Möchte der Kummer sich bald verziehen und dann Raum für neues Werden frei werden!. Dieses Zitat kommt so ähnlich in meinem Roman vor.
Schließlich war ich auf der Konferenz Voices after Auschwitz, dort treffen alle zwei Jahre Nachkommen von Überlebenden der Shoa mit Nachkommen von Tätern zusammen, sie hören gemeinsam Vorträge, sehen Filme an und sprechen in gruppenanalytischem Setting miteinander über das Erbe einer unerträglichen Vergangenheit (»to contain the uncontainable«).
Ich habe meine Schwester zu Israel interviewt und meinen Sohn zur Antifa.

Haben Sie weitere Texte veröffentlicht (z.B. auch Sachbücher, Short Storys, Essays, Theaterstücke etc.)? Falls ja, nennen Sie uns bitte Titel, Verlag, Erscheinungsjahr.
Triebspiel, 2013 im Verlag Schwarzkopf, ein erotischer Roman.
Burnout für alle! Mit Volldampf in die Krise, 2015 bei Mira Taschenbuch, eine schwarzhumorige Anleitung zum Burnout.
Mehrere Abdrucke von Kurzgeschichten, insbes. in der Grazer Literaturzeitschrift
Lichtungen, im Herbst 2020 erscheint dort mein Text Besuch.
Wenn das Leben dir eine Schildkröte schenkt, ein Roman bei Limes

Sind Sie für Ihr Werk bereits mit Preisen ausgezeichnet worden? Falls ja, mit welcher Auszeichnung und wann?
2014 Haidhauser Werkstattpreis des Münchner Literaturbüros
2016 Stipendium des Deutschen Literaturfonds
2017 Longlist Blogbusterpreis, dem Preis der Literaturblogger

Möchten Sie Ihren Lesern mit Ihrem aktuellen Buch eine bestimmte Botschaft mitgeben?
Die Vergangenheit mag schrecklich sein und wie ein Schatten auf uns lasten - in diesem Land, in diesem Europa, in den Familien mit einem gewalttätigen Erbe. Aber jede Generation hat die Chance, Licht ins Dunkel zu bringen und es anders und besser zu machen: Kinder mit Liebe und ohne Gewalt zu erziehen, Vernunft und Mitgefühl walten zu lassen, Hass und Gewalt entschlossen zu begegnen, wo immer das möglich ist, ganz besonders wenn Kinder die Opfer sind. Corona ist die beste Zeit dafür!

Denn Familie sind wir trotzdem

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