VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü

Antje Szillat im Interview

Liebe Frau Szilllat

„NIEMALS! Nur über meine Leiche werde ich mich auf ein Pferd setzen lassen.“

So steht es auf der Seite Null, noch bevor ihr neues Buch losgeht. Für Sie als Pferdenärrin eigentlich undenkbar, oder?

Oh ja, undenkbar! Ich reite seit meinem sechsten Lebensjahr und meine Töchter haben diesen Pferdevirus zu hundert Prozent von mir geerbt. Aber natürlich haben sie auch Freunde, die recht wenig mit Pferden zu tun haben, eine hat sogar schreckliche Angst. Meine Tochter hat immer wieder versucht, ihr das Reiten schmackhaft zu machen, bis sie eines Tages lauthals verkündet hat: NIEMALS! Verstehe es endlich, ich werde mich niemals auf ein Pferd setzen! Das ist inzwischen schon einige Jahre her – die beiden sind immer noch ganz enge Freundinnen. Mir fiel die Szene wieder ein, als ich mir Gedanken über die Freundschaft zwischen Lila und Helene machte und fand sie sehr passend.

Überhaupt: Die Geschichte ist ein bisschen verrückt – oder doch einfach nur der normale Wahnsinn?

Ich denke, eher dass ganz normale Leben, das eben manchmal verrückte Dinge geschehen lässt und somit immer wieder Veränderungen mit sich bringt. In Lilas Fall ist es zunächst der Umzug, der sie eigentlich nur aus einem Berliner Stadtteil in einen anderen führt, ihr jedoch so schwer fällt, dass sie sich zunächst mit Händen und Füßen dagegen wehrt – und ja, dann wird es wirklich ziemlich verrückt.

Gibt es eine reale Vorlage für Ihre manchmal kesse, manchmal kluge Ich-Erzählerin? Für Lilas Familie?

Nein! Ja! Beides! Jede meiner Figuren ist für mich irgendwie real, auch wenn es kein wahrhaftig existierendes Vorbild dafür gibt. Die Figuren entstehen in meiner Fantasie, nehmen immer mehr Konturen an, entwickeln einen Charakter, eine eigene Meinung und dann kommt es mir oftmals tatsächlich so vor, als ob ich sie persönlich kennen würde – und ja, als ob sie ein Teil von mir wären. Ich finde das, ganz besonders bei dieser Erzählperspektive, sehr wichtig, denn nur wenn ich mich in eine Figur hineindenken kann, sie wirklich kenne, dann kann ich auch erzählen, was gerade in ihr vorgeht, was sie denkt, fühlt, wie sie das Leben und die Menschen, die darin vorkommen, sieht und was sie für sie empfindet.

Und was hat es mit Fili auf sich?

Niki ist ja Griechin und Fili bedeutet Freundinnen – in Lila und Nikis Fall sogar beste Freundinnen. Beide wünschen sich das so sehr und beide sind nicht wirklich in der Lage, es offen auszusprechen. Sie vertrauen nicht auf ihre Gefühle, denken viel zu viel um die Ecke und riskieren dabei fast etwas ganz, ganz wertvolles: ihre Freundschaft. Aber dann kommt Philipp – ausgerechnet Philipp. Ja, das ist ebenfalls wieder ganz schön verrückt.

Was dürfen Sie uns schon zusätzlich über das Thema „Freundschaft“ verraten?

Freunde sind sehr, sehr wichtig. Gerade für ein junges Mädchen wie Lila, die sich manchmal nicht so richtig in ihrer Welt zurecht findet – unentschlossen und unsicher ist. Aber ab und zu ändern sich Menschen eben und auch die Freundschaft zueinander. Lila durchlebt gerade so eine Veränderung und ist deshalb oft ziemlich hin und hergerissen.

Neben der Romanerzählung finden Ihre Leserinnen „Lilas Listen“. Verraten Sie uns, was es damit auf sich hat…

Tja, diese Liste soll Lilas inneres Hin und Her verdeutlichen. Sie dienen ihr sozusagen als Entscheidungshilfe. Gleichzeitig bieten sie dem Leser einen sehr tiefen und persönlichen Einblick in Lilas Gedanken und Empfindungen. Ich finde das große Klasse, denn so ist man wirklich ganz nah an der Figur dran. Lila ist ja bei all ihren „Problemen“ ein sehr humorvolles Mädchen und das wird in „ihrer Liste“ noch mal verdeutlicht.
Davon mal ganz abgesehen, bin ich selbst jemand, der gern mal „die Liste“ befragt.
Allerdings beneide ich Lila um ihre Konsequenz. Ich fange gern mal an, und lasse es dann schnell auch wieder bleiben.

„Lila Zeiten“ ist urkomisch und ruckzuck gelesen. Und doch gelingt es Ihnen, der Geschichte einen festen Boden zu verpassen. Wie machen Sie das?

Ich liebe komische Geschichten, ich liebe es zu lachen, fröhlich zu sein, Spaß zu haben, sich glücklich, unbeschwert und leicht zu fühlen – oh ja, so könnte es immer sein, finde ich.
Ist es aber nun mal nicht. Es gibt immer Höhen und Tiefen, Dinge die gut laufen und Spaß machen, Momente, in denen man sich schlecht, traurig, einsam fühlt. Und dann – schwups – scheint plötzlich wieder die Sonne und man kann wieder herzhaft lachen. Manchmal ist es ganz einfach – man muss sich nur trauen. Andere Dinge fallen einem vielleicht schwerer, weil sie traurig sind und dann muss man sie auch zulassen, denn sie gehören zum Leben dazu. So wie der Mond eine helle und eine dunkele Seite hat.
Es ist mir enorm wichtig, dass meine Geschichten genauso sind, denn ich schreibe am liebsten über ganz normale „Menschen“ und bei denen geht es halt nicht immer nur lustig zu. Wäre auch langweilig, finde ich.

Berlin, Hauptstadtduft durchweht Ihre „Lila Zeiten“. Was verbindet Sie mit dem Grunewald und was mit Kreuzberg?

Ich mag das spannende Großstadtleben, die vielen unterschiedlichen Menschen, die Lebensweisen, das ganze Multi-Kult-Miteinander und das Gegensätzliche. Aber dann ist Berlin auch wieder unfassbar grün und ruhig. Als ich mir über Lilas Umfeld Gedanken gemacht habe, sah ich sie und ihre Familie sofort in Berlin. Aufgrund des leicht versnobten Professors dann auch sofort in Grunewald, der aber eben sein Leben umkrempeln möchte und da konnte es ihn und seine beiden Töchter samt der wunderbaren Wanda halt nur nach Kreuzberg verschlagen.
Außerdem wollte ich unbedingt einen Grund haben, regelmäßig nach Berlin fahren zu müssen ;-)

Wohin wird uns Ihre neue Reihe noch führen? Geografisch und inhaltlich?

Zunächst werden die Sommerlaths auf jeden Fall in Berlin wohnen bleiben. Das kann ich Lila auch wirklich nicht antun, nachdem ihr der Umzug echt schwer gefallen ist. Aber Lila wird im nächsten Band die Schule wechseln und dann, das kann ich versprechen, wir es so richtig turbulent zugehen. Auf Reisen geht Lila jedoch auch – es verschlägt sie zum Beispiel an die Ostsee und später – so habe ich es gedanklich schon geplant – zu einer echten griechischen Hochzeit nach Skopelos.
Ich wünsche mir sehr, dass sich die jungen Leser(innen) in Lila Zeiten wiedererkennen können, dass sie viel Spaß haben und sich gut unterhalten fühlen.

cbj Presse, im Oktober 2014