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David Ebershoff - Das dänische Mädchen

David Ebershoff über Lili Elbe

Als Vanity Fair im Sommer das erste Bild von Caitlyn Jenner veröffentlichte, musste ich an eine andere Transfrau denken, die sich der Welt vor gut 100 Jahren erstmals in einem Porträt zeigte: Lili Elbe. 1930 reiste Lili von Paris, wo sie sich ein Atelier mit ihrer Frau Gerda teilte, nach Deutschland, um sich an der Dresdner Frauenklinik einer Reihe von Operationen zu unterziehen, die ihre Wandlung vervollständigten. Während ihres Aufenthalts saß sie gerne an den sonnigen Ufern der Elbe, um über ihre Vergangenheit nachzudenken, die sie als Mann, Einar Wegener, verbracht hatte – das Geschlecht, das ihre Geburt bestimmt hatte – sowie über ihre Zukunft. (Die Elbe würde sie zu ihrem Nachnamen inspirieren.) Als Lili die Klinik verließ, versuchte sie ihre Privatsphäre zu wahren, doch Informationen von ihrer Operation sickerten zur europäischen Presse durch. So fasste sie den mutigen Entschluss, ihre Geschichte zu erzählen. In einer Reihe von Interviews mit einem dänischen Journalisten outete sich Lili als Transfrau, beschrieb ihren Weg, die Rolle ihrer Frau während ihrer Wandlung und wie Kunst – die Eheleute waren beide Maler – das Bild, das sie von sich selbst hatte, beeinflusst und geformt hatte. Für eine kurze Zeit in den frühen Dreißigerjahren, war Lili Elbe ein internationales Phänomen, bekannt als einer der ersten Menschen, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatten. Ihr Name tauchte in Zeitungen rund um den Globus auf. Jetzt, da Eddie Redmayne sie in dem Film „The Danish Girl“ verkörpert, wird sie von vielen für das anerkannt, was sie schon immer war: ein Transpionier.

Vor beinahe 20 Jahren, als ich ein junger Schriftsteller war, habe ich zum ersten Mal über Lili gelesen. Viele Teile ihrer Geschichte berührten mich: ihr Mut, sie selbst zu sein, dass ihre Wandlung stattfand, als sie noch in einer Ehe lebte, die aufrüttelnde Atmosphäre ihres Umfelds – das Europa zwischen den beiden Weltkriegen – und ihre wichtige Rolle in der LSBTTIQ-Geschichte. Es war besonders ein Detail, das meine Fantasie beflügelte: Lilis Ehefrau Gerda hatte einige Ölportraits von Lili gemalt, die eine wunderschöne Frau mit riesigen schwarzen Augen zeigten. Diese Gemälde, die zu Beginn ihrer Wandlung entstanden, sind die ersten öffentlichen Bilder von Lili. Sie zeigen Lili, die auf einem Diwan liegt, ihre Arme hinter dem Kopf; Lilli, die Karten spielt – ihre Beine auf einem Stuhl abgelegt; Lili, die mit verhangenen Augen einen vieldeutigen Blick über ihre Schulter wirft. Die Lili-Bilder wurden zu einer Sensation in den Kunstszenen Paris‘ und Kopenhagens – Betrachter wurden von den Porträts einer Frau angezogen, deren Ausdruck mindestens so viele Interpretationsmöglichkeiten aufwarf wie der der Mona Lisa. Auf dieselbe Weise kann man auch Lili Elbe selbst auf viele Arten interpretieren. Sie bedeutet viele Dinge für viele Menschen. Genau deshalb ist ihr Vermächtnis auch so reich und inspirierend. Je öfter ich über Lilli nachdachte, desto mehr sah ich ihr Leben als eines voll Kunst, Liebe und Identität.

Ein Künstler sieht das, was noch nicht existiert. Er oder sie sieht eine Zukunft, die andere noch nicht wahrnehmen. Der Künstler interpretiert die Realität, macht sie zu etwas Lebendigem und Ewigem. Die Geschichte von Lili Elbe ist eine Geschichte der Kunst, der Schaffenskraft, der Zukunftsvision. Sie handelt von Künstlern, die die Welt und sich selbst interpretieren – durch ihre Kunst. Interessanterweise bestand Lili darauf, keine Künstlerin zu sein, obwohl sie eine erfolgreiche Karriere als Maler hinter sich hatte, bevor sie zur Frau wurde. Sie sagte immer, dass die Kunst und Malerei zu Einar gehörten (eines seiner Bilder hängt neben mir an der Wand in meinem Büro, während ich diese Worte schreibe – es ist ein französisches Schloss, signiert von Einar Wegener). Doch ich bin mit Lilis Protesten nicht einverstanden. Sie war eine Künstlerin – ihr größtes Werk war sie selbst. Sie sah ein Leben vor sich und tat alles, um es zu erschaffen. Ich habe Stunden damit verbracht, mir die Bilder von Gerda anzusehen, die Lili zeigen. Es sind keine naturgetreuen Porträts (genau wie Monets Heuschober nicht naturgetreu sind); es sind Interpretationen, stilisiert, symbolisch und farbenfroh (viele Pink-, Grün- und Gelbtöne). Doch sie fangen Lilis Wesen kraftvoller ein als jede Fotografie, die ich von ihr gesehen habe. Die Welt hat Lili durch diese Bilder zum ersten Mal kennengelernt, und durch sie begann ich, die Farben, Konturen und Schattierungen ihrer Seele zu verstehen.

Die Geschichte von Lili Elbe ist auch eine Liebesgeschichte. Wir drücken viele unserer Gefühle durch die Beziehungen aus, die wir führen, und ich glaube der Schlüssel, um Lili zu verstehen, ist Gerda. Sie erschufen einen Ort der Geborgenheit in ihrer Ehe, wo Liebe authentisch und verletzlich sein durfte. An diesem intimen Ort konnte Lili hervortreten. Ich war neugierig, wie und warum Gerda Lili Einlass in ihre Ehe gewährte und auch, was genau ihre Rolle bei Lilis Wandlung war. War es Liebe, Hingabe und Fürsorge, oder waren Gerdas Beweggründe komplizierter? Lili würde Gerdas größte Muse werden und ihre berühmtesten Bilder – heute tausende von Dollar wert – sind die von Lili. Durch Lili konnte Gerda ihren Ehrgeiz als Künstlerin stillen.

Und die Geschichte von Lilli ist natürlich eine Geschichte der Identität. Lili ist heute eine Ikone der Transbewegung. Ihr Leben, sowohl das, das sie gelebt hat, als auch das, das sie in „Ein Mensch wechselt sein Geschlecht“ beschrieb, die halbfiktionale Biografie, die sie noch vor ihrem Tod zu schreiben half, erweiterten zu jener Zeit das öffentliche Verständnis für Identität in Zusammenhang mit Geschlecht. Seitdem hat Lili viele von uns inspiriert, wir selbst zu sein – egal ob Transgender oder Cisgender. Lili wusste, dass ein falsches Leben gar kein Leben ist. Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Wie sehen wir uns selbst? Wie wollen wir gesehen werden? – Diese Fragen sind oft der Kern unserer tiefsten Konflikte. Wenn wir sie klären, kommen wir einem freien Leben näher. Vor fast einem Jahrhundert beantwortete Lili diese Fragen für sich selbst. Sie saß in einem kleinen Atelier für ein Porträt Modell und sagte der Welt: Das bin ich.

David Ebershoff, September 2015

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