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Autoreninterview mit Nava Ebrahimi

„Die Erinnerungen sind eher eine Art Ferienhäuschen, das man jedes Mal, wenn man dort ankommt, lüften und von der Staubschicht befreien muss, bevor man sich wieder zu Hause fühlt“


Deine Wurzeln liegen im Iran, du bist in Deutschland aufgewachsen und lebst heute in Österreich, wo du unter anderem als Journalistin, vor allem aber als Autorin arbeitest. Wer dich kennenlernt und erlebt, lernt eine Deutsche kennen, die heute in Österreich lebt. Wie würdest du dich selbst beschreiben?
Österreich hat mich tatsächlich endgültig zur Deutschen gemacht. Denn es ist so: Sobald ich etwas sage, werde ich als Deutsche qualifiziert – und fertig! Da folgt kein „Ja, aber“, wie ich es in Deutschland oft erlebe, wenn ich mich etwa als Kölnerin bezeichne. In Österreich ist das Markante an mir, dass ich Hochdeutsch spreche. Nicht mein dunkles Haar. Das ist eigentlich schön. Nun darf ich mich allerdings mit den Vorurteilen gegenüber Piefkes, Pardon: Deutschen auseinandersetzen. Eine ganz neue Rolle.

Und wieviel Iran steckt in einer, die an das Leben im Land selbst keine Erinnerungen mehr hat, wohl aber in einer Familie aufgewachsen ist, in der die Erwachsenen viele lebendige Erinnerungen an ein Leben im Iran haben und davon geprägt sind?
Der Iran als Land spielt in meinem Leben derzeit kaum eine Rolle, sehr wohl aber die Gefühle, Gerüche, Geschmäcker, Klänge, die ich mit dem Iran und meiner Kindheit verbinde. All das hüte und pflege ich, allerdings nicht in meinem Alltag. Die Erinnerungen sind eher eine Art Ferienhäuschen, das man jedes Mal, wenn man dort ankommt, lüften und von der Staubschicht befreien muss, bevor man sich wieder zu Hause fühlt.

Deine Hauptfigur Mona reist zur Beerdigung ihrer Großmutter in den Iran, das Rückflugticket nach Deutschland schon in der Tasche. Trotz dieser eigentlich sehr kurzen Reise in die Vergangenheit der eigenen Familie wird die Begegnung mit der eigenen Kultur heftig und intensiv. Mona muss ertragen, dass die Kultur ihres Herkunftslandes Iran und ihrer Heimat Deutschland in Vielem unvereinbar scheinen. Wie lebt sie diesen Widerspruch? Und was entsteht für dich selbst aus dieser kulturellen Differenz, ist sie auch eine Wurzel deines Schreibens?
Mona kann mit diesem Widerspruch nicht umgehen, sie hat von Kindheit an versucht, alles Persische an sich loszuwerden. Aber das hat nicht funktioniert. Ich glaube aus dem Film Magnolia stammt der Satz: Wir haben mit der Geschichte abgeschlossen, aber die Geschichte nicht mit uns. Das gilt auch für Mona. Sie wird immer wieder von diesen Wörtern heimgesucht. Für mich bedeutet dieser Widerspruch: Friktion und Energie, die ich im besten Fall in Literatur umwandle.

Sechzehn Wörter aus dem Persischen sind es, die Monas Erinnerungen und Assoziationen prägen, wenn sie an ihre Heimat denkt. Was hat es mit diesen Begriffen auf sich? Warum kann man dem eigenen kulturellen Erbe oft einem einzigen Begriff gegenüberstehen wie in einem Spiegel?
Die Wörter ziehen sich durch das Leben der Erzählerin und tauchen in unterschiedlichen Kontexten immer wieder auf. Aus den einzelnen Wörtern entfalten sich Geschichten. Narmkonande, also Haarspülung, erzählt etwa von den Schwierigkeiten, als Kind in einer deutsch-iranischen Patchwork-Familie aufzuwachsen, und so nicht nur zwischen den Kulturen, sondern auch zwischen den Eltern verloren zu gehen. Oder Ezafebar, Übergepäck: Wer seine Heimat verlässt, will stets mehr mitnehmen, als zulässig. Alle sechzehn Wörter zusammengenommen erzählen wiederum eine eigene Geschichte, die Geschichte einer Migration.

Mit deinem Debütroman „Sechzehn Wörter“ hast du an einem der Jahrgänge der renommierten Bayerischen Akademie des Schreibens teilgenommen. Wie hast du die Zusammenarbeit empfunden und wie würdest du die Gretchenfrage beantworten: Lässt sich literarisches Schreiben lernen und lehren?
Während der eineinhalb Jahre, über die sich das Seminar hinzog, ist aus wenigen Episoden und einer vagen Idee der Roman entstanden. Geholfen hat mir dabei, dass wir uns im Seminar sehr gründlich mit den Manuskripten der Mitstipendiaten beschäftigt haben. Das hat mir vieles bewusst gemacht. Und unsere Seminarleiter, Schriftsteller Christoph Peters und Lektorin Christiane Schmidt, haben uns stets vermittelt, dass wir alles machen können – nur wie wir es machen, darauf kommt es an. Das hat meinen Blick geschärft, ohne mich einzuengen. Also: einen Erzähldrang vorausgesetzt, ja!

Interview: Susanne Krones

Sechzehn Wörter Blick ins Buch

Nava Ebrahimi

Sechzehn Wörter

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