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Autorin und Regisseurin Hayfa Al Mansour von "Ein Mädchen namens Wadjda"

Sie sind die erste Frau, die in Saudi-Arabien Filme macht, und gelten als eine der wichtigsten Filmschaffenden des Landes. Ihr international gefeierter Film „Das Mädchen Wadjda“ (2012) war der erste Spielfilm, der komplett in Saudi-Arabien realisiert wurde.

Al Mansour: Ich bin sehr stolz darauf, dass ich den ersten Spielfilm realisiert habe, der vollständig im Königreich gedreht wurde. Ich bin stolz, Teil des positiven Wandels zu sein, der in Saudi Arabien stattfindet.

Durch Zensur und gesellschaftliche Zwänge sind kreative Menschen beider Geschlechter in Saudi Arabien einer Vielzahl von Zwängen ausgesetzt.

Viele Künstler praktizieren Selbstzensur und versuchen, auf Nummer sich zu gehen. Sie sind sich nicht bewusst, dass Kunst bedeutet, eine Meinung, eine Idee zu erschaffen. Selbst die alltäglichsten Formen der Kunst sprechen über die Welt und die Suche eines Menschen nach einem Platz in ihr. Auch wenn das einzige Ziel die Unterhaltung ist, so besitzt ein Werk doch immer noch eine Perspektive, voll mit Kommentaren und Meinungen.

Nicht nur in Saudi-Arabien, sondern in der ganzen Golfregion gibt es Menschen, die sich nur widerwillig eine eigene Meinung bilden. Es sind Stammesgesellschaften, in denen Individualität geschmäht wird und Gruppendenken als ein positiver Teil der Kultur angesehen wird. Daraus auszubrechen kann ein schmerzhafter, angsteinflößender Prozess sein, aber letztlich überaus bereichernd und förderlich für die gesellschaftliche Entwicklung.

Wie geht es Ihnen drei Jahre nach Erscheinen des Films? Wie hat sich Ihre Situation als Filmschaffende geändert?


Al Mansour: Ich habe das Gefühl, in den letzten Jahren als Künstlerin und Filmschaffende gewachsen zu sein. Die Erfahrung, die mich am meisten bereichert hat, war die Zusammenarbeit mit Menschen unterschiedlicher Kultur und Herkunft aus aller Welt. Ich denke, es ist sehr wichtig, offen gegenüber Kritik, Rat und Anleitung zu sein, wenn man seine Arbeit einem Publikum näher bringen will, das aus einem anderen Kulturkreis stammt als man selbst.

Filmeschaffen ist eine Gemeinschaftsarbeit und ich habe versucht, einige dieser Ansätze beim Schreiben des Buches „Das Mädchen Wadjda“ einzubringen, auch wenn Schreiben ein viel einsameres Abenteuer sein kann. Trotzdem muss man seine Ideen mit anderen austauschen und Dinge ausprobieren, um so viel Feedback zu bekommen, wie möglich. Meine Regel ist: Wenn man denselben Rat oder dieselbe Kritik immer wieder zu hören bekommt, sollte man den Fakt akzeptieren, dass da etwas dran ist. Ich habe viele Ratschläge und Empfehlungen von vielen verschiedenen Menschen bekommen und ich denke, das hat mein Schreiben letztlich stärker gemacht.

„Das Mädchen Wadjda“ wird dieses Jahr zeitgleich in mehreren Ländern als Buch erscheinen. Ihr Film richtet sich vornehmlich an ein erwachsenes Publikum. Warum haben Sie sich als Autorin nicht für das Erwachsenenbuch-Genre entschieden?

Al Mansour: Ich habe ziemlich viele junge Menschen aus der ganzen Welt getroffen, die der Film angesprochen hat. Auch wenn Teile des Subtexts zu schwer für sie zu fassen sein mögen, scheinen alle jungen Menschen auf der Welt das Bestreben zu haben, einen Platz für sich selbst innerhalb der Grenzen ihrer Welt und ihrer Lebensumstände zu finden. Ich denke, jeder – junge Leute, Männer und Frauen – kann nachvollziehen, wie sozialer Druck und traditionelle Praktiken unseren Träumen Grenzen setzen. „Das Mädchen Wadjda“ ist eine Coming-of-Age-Geschichte. Es erschien mir daher logisch, dass das empfänglichste Publikum solche Menschen sind, die ähnlich Erfahrungen in ihrem eigenen Leben gemacht haben.

Wen möchten Sie mit Ihrem Buch vor allem erreichen und was wollen sie erreichen? Planen Sie Aktivitäten, z.B. Lesungen, mit dem Buch?

Al Mansour: Als ich für meinen Film unterwegs war, hat es mich überrascht, wie offen das internationale Publikum gegenüber fremden Geschichten, vor allem solchen aus dem Mittleren Osten, ist. Ich denke, es ist ein Irrtum hier in der Gegend, dass unsere Geschichten und Filme nicht „reisen“ und dass es keinen Markt für unsere Arbeiten gibt. Ich glaube, es gibt definitiv ein Publikum, das gespannt darauf ist, von den Menschen aus dem Mittleren Osten zu hören. Und ich hoffe, ich kann „Das Mädchen Wadjda“ so vielen Menschen wie möglich nahebringen.

Ich denke, das Geschichtenerzählen ist ein wertvolles Instrument, um gegen falsche Vorstellungen anzukämpfen und Einblicke aus erster Hand zu geben. Ich wollte den Problemen, über die wir so oft nur in der Theorie sprechen, ein menschliches Gesicht geben. Und man muss nicht erklären, warum ein kleines Mädchen glaubt, Fahrrad zu fahren mache Spaß. Als sich die Geschichte entwickelt hat, habe ich laufend versucht, sie von außerhalb zu betrachten und mir ihre universellen Themen zu vergegenwärtigen. Ich wollte einem fremden Publikum nicht den falschen Eindruck geben, dass Fahrradfahren in Riad eine einfache oder akzeptierte Sache für ein Mädchen ist. Daher war es schwer, der Geschichte keinen düsteren Abschluss zu geben. Aber ich denke, die positiven Aspekte des Buches werden den Lesern helfen, sich auf die Geschichte einzulassen und schließlich das Lesen zu genießen.

Das westliche Publikum hat Vorstellungen und Begriffe von Frauen in Saudi-Arabien, aber weiß nicht viel über ihr alltägliches Leben. Es ist hart, eine Frau in Saudi-Arabien zu sein, und ich möchte die Welt wissen lassen, wie stark die Frauen in meinem Land sind. Ich glaube, die Menschen realisieren gar nicht, wie stark die saudischen Frauen sind. Sie sind tough, frech und die neue Generation hat eine ganz neue Aussicht auf die Welt. Die Frauen sind motiviert und haben die Kraft, ihren Status in der Gesellschaft zu verbessern in einer Art, die meine Generation sich niemals hätte vorstellen können. Sie sind Überlebenskünstler.

Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft? Können wir uns auf weitere Filme und Bücher freuen?

Al Mansour: Ich würde sehr gern ein neues Buch schreiben und Wadjdas Abenteuer, ihre Zeit als Teenager, fortführen. Ich fühle mich meinen Charakteren sehr eng verbunden. Ich habe einige Ideen für neue Charaktere und sehe viel Potential, diese in zukünftigen Romanen zu entwickeln. Außerdem arbeite ich momentan an mehreren Filmprojekten: Zusammen mit „Gidden Media“ drehe ich „A Storm in The Stars“, das auf dem Leben von Mary Shelly basiert. Und ich arbeite daran, Cara Hoffmans Roman „Be Safe I Love You” als Spielfilm zu adaptieren. Ich hoffe außerdem sehr, in Saudi Arabien weiterhin so viele Filme drehen zu können, wie möglich. Es ist eine Welt reichhaltig an Dramen und es gibt so viele Geschichten, die noch erzählt werden wollen. Das Wechselspiel zwischen Tradition und Moderne kreiert genau die richtige Menge an Spannung für großartige Geschichten.

München, im August 2015